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9.
Steppe südwestlich von Antiochia
20. Juni 1098
Es war ein Traum.
Einem Vogel gleich breitete Bahram al-Armeni die Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. Allen Gesetzen der Natur zum Trotz fiel er nicht zurück zum Boden, sondern schwebte in luftiger Höhe.
Die Mauern, die sein Sichtfeld eben noch begrenzt hatten, fielen unter ihm zurück, und er stieg senkrecht empor. Der Logik des Traumes folgend, wunderte er sich nicht darüber; es war ihm auf seltsame Weise selbstverständlich, wie ein Geschöpf des Himmels auf den Schwingen des Windes zu reisen und auf die Welt hinabzublicken, auf die hohen Mauern und engen Windungen, denen er nur mit knapper Not entronnen war.
Schon nach wenigen Augenblicken wusste Bahram nicht mehr zu sagen, von wo aus er zu seinem Flug aufgebrochen war. Die Mauern, die in einem rechtwinklig angeordneten System gebaut waren, ähnelten einander, sodass eine Orientierung unmöglich war. Die Wege, die sich zwischen ihnen erstreckten, endeten bald in kurzen Sackgassen, bald schienen sie ans Ziel zu führen, nur um jäh von einer weiteren Wand begrenzt zu werden, die unvermittelt auftauchte. Je höher Bahram stieg, desto mehr Mauern wurden sichtbar. Von einem Horizont zum anderen erstreckten sie sich, und ein Menschenleben hätte wohl nicht ausgereicht, um alle Wege zu begehen.
Ein endloses Labyrinth.
Der Augenblick der Erkenntnis war auch der, in dem Bahram die Augen aufschlug. Er fand sich auf kargem Boden liegend, im Schutz eines großen Felsens. Vor ihm, in einer Grube, damit es aus der Ferne nicht sofort gesehen werden konnte, flackerte ein Feuer, das er entfacht hatte, um Schlangen und Skorpione fernzuhalten. Über ihm funkelten die Sterne einer klaren Nacht, friedvoll und unergründlich, der Ereignisse ungeachtet, die sich auf Erden abgespielt hatten.
Weshalb Bahram von einem Labyrinth geträumt hatte, wusste er nicht. Vielleicht, weil es seinen eigenen Zustand in gewisser Weise spiegelte; weil er selbst nach einem Ausweg suchte und ihn nicht fand.
Die Wunde schmerzte.
Bahram hatte die Speerspitze nicht kommen sehen, die unterhalb seiner linken Hüfte das Rüstzeug durchstoßen hatte und ein Stück in den Oberschenkel gedrungen war. Er hatte nur ein heißes Brennen gefühlt und alle Hände voll damit zu tun gehabt, im Sattel zu bleiben, denn das Pferd hatte sich in wilder Panik aufgebäumt und ihn um ein Haar abgeworfen.
An den Rest erinnerte sich Bahram nur dunkel – daran, wie er die Zügel fest gefasst und mit dem Schwert wahllos um sich geschlagen hatte, in der festen Überzeugung, seinen letzten Kampf zu fechten. Er vermochte nicht zu sagen, bei wie vielen Gegnern die Klinge durch Fleisch und Knochen gedrungen war, aber es war sein Glück gewesen, dass seine ghulam, die sich auf Kur-Baghas Weisung hin zunächst zurückgehalten und erst vergleichsweise spät in die Schlacht eingegriffen hatten, auf eine Horde Leichtbewaffneter getroffen waren – hätte es sich um eine Schlachtreihe gepanzerter Reiter gehandelt, wäre Bahram vermutlich nicht entkommen. Er entsann sich, zusammen mit einem Unterführer namens Yussuf den Kordon der Angreifer durchbrochen zu haben. Trotz seiner Wunde und der quälenden Schmerzen hatte er versucht, die askar neu zu ordnen. Doch die Schlacht war bereits entschieden gewesen, die Auflösungserscheinungen in Kur-Baghas Heer zu weit vorangeschritten, als dass die Tapferkeit Einzelner die Niederlage noch hätte abwenden können.
Einer der Ersten, die sich zur Flucht wandten, war Duqaq von Damaskus gewesen, der Tatsache ungeachtet, dass noch hunderte seiner Krieger in den Kampf gegen den Feind verstrickt waren. Die Aussicht einer zweiten vernichtenden Niederlage innerhalb weniger Monate hatte Duqaqs hochfliegenden Plänen ein jähes Ende gesetzt und ihn dazu bewogen, dem Atabeg von Mossul das ohnehin nur brüchige Bündnis aufzukündigen. Und er war keineswegs allein gewesen.
Auch andere Emire, die wohl befürchteten, dass Kur-Baghas ohnehin schon beträchtliche Machtfülle noch zunehmen könnte, wenn er den Kampf um Antiochia für sich entschied, hatten ihren Kriegern im entscheidenden Moment den Rückzug befohlen – dann nämlich, als es darauf angekommen war, den feindlichen Ausfall ins Leere laufen zu lassen und den Gegner zu ermüden. Statt nur einen scheinbaren Rückzug vorzutragen und dann überraschend anzugreifen, hatten sie ihr Heil in der Flucht gesucht. Lediglich Suqman von Diyarbakir und Janah al-Dawla von Homs hatten ihre Stellungen im Norden und Westen der Stadt gehalten und auch dann noch tapfer gefochten, als andere den Kampf längst verlorengegeben hatten, allen voran Duqaq. Nicht die Unerschrockenheit der Kreuzfahrer, die nichts zu verlieren gehabt und mit dem Mut des Verzweifelten gekämpft hatten, hatte am Ende über Sieg und Niederlage entschieden, sondern der Egoismus der muslimischen Fürsten, die ihr eigenes Wohl über das des Reiches gestellt hatten.
Die Erkenntnis war ernüchternd – so sehr, dass Bahram Duqaq die Gefolgschaft verweigerte hatte. Zusammen mit einer Abteilung ghulam hatte er erbittert weitergekämpft, während der Fürst von Damaskus abgezogen war, flankiert von seinen vertrauten Offizieren und den Fußkämpfern der ajnad, die ohnehin nur zögernd bereit gewesen waren, fern ihrer Heimat einen Kampf für fremde Machthaber zu fechten. Dass die Bedrohung durch die Kreuzfahrer nicht nur Einzelne anging und man ihr nur begegnen konnte, indem man fest zusammenstand, hatte Duqaq nicht begriffen, und Bahram wusste nicht zu sagen, welche Wunde ihm größeren Schmerz bereitete – jene, die die Speerspitze hinterlassen hatte, oder die bittere Enttäuschung über die Niederlage und das ehrlose Verhalten seines Fürsten.
Über Jahrzehnte hinweg hatte er den Machthabern von Damaskus treu gedient, zumal er ihnen viel zu verdanken hatte. Duqaqs Verhalten jedoch machte es ihm unmöglich, nach Hause zurückzukehren. Zum einen, weil der Fürst fraglos nach einem Schuldigen für den Fehlschlag suchen und nicht lange brauchen würde, um ihn in seinem armenischen Unterführer auszumachen, dem Christen, dem er vertraut und der ihn verraten hatte; zum anderen, weil Bahram es nicht länger ertragen hätte, unter dem Banner eines Potentaten zu kämpfen, der seine Pflichten so sträflich missachtete.
Bahram wollte kämpfen, wollte den Widerstand gegen die Eindringlinge fortsetzen, aber ihm war bewusst, dass er das nicht in Damaskus tun konnte. Sein Ziel war Acre weit im Süden, wo viele Armenier, auch solche christlichen Glaubens, unter dem Banner des Kalifen von Kairo fochten. Seinem Heer wollte sich Bahram anschließen – Duqaq würde vermutlich glauben, dass er im Kampf gefallen sei, schließlich gab es Zeugen dafür, dass eine Speerspitze ihn ereilt hatte. Bahram war also frei – vorausgesetzt, er kehrte niemals nach Damaskus zurück.
Mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete er die Wunde, die er mit einem Streifen seiner Tunika notdürftig verbunden hatte. Die Blutung hatte aufgehört, aber der pochende Schmerz erinnerte Bahram fortwährend an die Niederlage.
Selten zuvor hatte der Armenier einen Feind mit derartiger Verbissenheit kämpfen sehen. Der Fund der Heiligen Lanze, so schien es, hatte den Kreuzfahrern übermenschliche Kräfte verliehen. Womöglich, sagte sich Bahram, war Gott tatsächlich auf ihrer Seite gewesen, als sie an jenem Morgen in die Schlacht zogen. Die Vorstellung, dass ihr Glaube auch der seine war, hatte etwas Befremdliches und zugleich etwas, das ihn ängstigte. Denn was hatte das Morgenland, das doch an seiner Ichsucht krankte und zersplittert war bis ins Mark, jenen Kriegern entgegenzusetzen, die sich von Gott auserwählt wähnten und es womöglich auch waren?
Bahram blickte zum funkelnden Himmel, einmal mehr auf der Suche nach Antwort – und er erstarrte, als er den Mond gewahrte. Denn es war nicht nur einfach eine helle Scheibe, die dort am Firmament stand, sondern ein riesiges Zeichen, ein Ornament, bestehend aus vier Viertelkreisen in Form von Labyrinthen, die sich zu einem Kreis ergänzten und in der Mitte ein Kreuz bildeten.
Bestürzung erfasste Bahram, dann erst begriff er, dass jener Schlaf, in den er vor Erschöpfung gefallen war, ihn noch immer nicht ganz entlassen hatte.
Er erwachte abermals, allein am Feuer in der Einsamkeit der nächtlichen Steppe.
Das Zeichen am Himmel jedoch war verschwunden.
Antiochia
Mitte Juli 1098
Der Gestank war unerträglich.
Schweiß, Urin, Eiter und geronnenes Blut – all das vermischte sich zu einer Übelkeit erregenden Mixtur, die Conns Magen rebellieren ließ. Von Grauen geschüttelt sah er zu, wie ein in der Heilkunde beschlagener Cluniazensermönch einem lothringischen Knappen die eitrigen Narben öffnete. Der Junge, der nicht mehr als sechzehn Winter zählen mochte, schrie wie von Sinnen, als die Lanzette durch die zum Zerreißen gespannte Haut schnitt und gelbe Wundflüssigkeit hervorschoss. Mit aller Kraft hielt Conn den Knaben fest, der sich verzweifelt wehrte. Plötzlich jedoch erlosch sein Widerstand, und er verstummte – der Junge hatte das Bewusstsein verloren.
Ruhe kehrte dennoch nicht ein.
Allenthalben schrien Verwundete ihre Pein und ihre Todesangst laut hinaus; irgendwo übergab sich jemand, und am benachbarten Lager erteilte ein Pater einem Sterbenden die Letzte Ölung.
An der letzten Schlacht um Antiochia mochte Conwulf nicht teilgenommen haben, ihre Auswirkungen jedoch bekam er deutlich zu spüren. Da sein Adoptivvater und Bertrand die Stadt verlassen hatten, um Chaya und ihr Kind nach Acre zu geleiten, war Conn erneut der Obhut der Mönche übergeben worden, die seine allmählich heilende Wunde mit Balsam versorgten und die Verbände wechselten.
Zwar war Conn noch weit davon entfernt, wieder genesen zu sein – er ermüdete schnell, und oft befiel ihn solcher Schwindel, dass er sich setzen musste, um nicht umzufallen –, jedoch war ihm rasch aufgegangen, dass er sich in ungleich besserer Verfassung befand als die meisten im Hospital der Mönche. Also hatte er aufgehört, sich im Selbstmitleid zu suhlen, und angeboten, den Mönchen zur Hand zu gehen, die gegenüber den vielen Hilfebedürftigen ohnehin in hoffnungsloser Unterzahl waren.
Conns Ziel war es gewesen, sich abzulenken, damit er nicht unablässig an Chaya und das Kind denken musste – freilich ohne zu ahnen, worauf er sich einließ. Dem Kampf auf dem Feld beizuwohnen, war eine Sache. Die blutige Nachgeburt jedoch, die jede Schlacht hervorzubringen pflegte, war noch ungleich schlimmer. Denn hier gab es keine Sieger, sondern nur Geschlagene.
Jene Kämpfer, die die schwersten Verwundungen davongetragen hatten, waren bereits in den ersten Tagen nach der Schlacht von einem gnädigen Tod erlöst worden; die jetzt noch übrig waren, klammerten sich zäh an ihr Leben, obschon abzusehen war, dass sich die wenigsten von ihnen noch einmal von ihrem Lager erheben würden, und wenn, dann nur als Krüppel. Conn sah reihenweise Männer, die Gliedmaßen eingebüßt hatten und von Glück sagen konnten, wenn der Wundbrand ihnen nicht auch noch den Rest vom Körper fraß; andere trugen Verbände um die Köpfe und schrien sich die Seelen aus dem Leib, wieder andere waren in die Brände geraten, die die Sarazenen auf ihrem Rückzug legten, und hatten schwarz verbrannte Haut. Dies, dachte Conn beklommen, war das wahre Gesicht des Krieges, und wohl nicht einer von denen, die hier verwundet und sterbend lagen, dachte an das Seelenheil, das sie sich erworben hatten und das sie direkt ins Himmelreich führen würde. Sie alle wollten am Leben bleiben, schrien nach ihren Müttern und ihren Frauen, während die Mönche versuchten, ihre Leiden so gut als möglich zu lindern.
»Conwulf?« Der Heilkundige, dem Conn als Helfer zugeteilt worden war, wandte sich zu ihm um. »Sieh zu, dass du irgendwo neue Verbände auftreibst. Die hier sind faulig und nicht mehr zu gebrauchen.«
»Ja, Pater.«
Conn wandte sich um und ging den schmalen Gang hinab zur Eingangshalle des einstigen Bades, vorbei an unzähligen Verwundeten, die ihn um Hilfe anflehten, Furcht und Verzweiflung in den Blicken. Nicht nur die Schmerzen und das Wundfieber setzten ihnen zu, gegen das die Mönche kein Mittel hatten, sondern auch die Hungersnot, die noch immer in der Stadt grassierte und gegen die auch der Sieg über Kur-Baghas Heer kaum Abhilfe geschaffen hatte.
Noch immer wurde in den Straßen Antiochias gedarbt. Nur die Wohlhabenden konnten sich regelmäßige Mahlzeiten leisten, verarmte Ritter und gemeine Soldaten bekamen in diesen Tagen kaum etwas zwischen die Zähne, von der Bevölkerung ganz zu schweigen. An die armen Seelen, die in den Hospitälern lagen, dachte niemand mehr – wohl weil man davon ausging, dass sie ohnehin dem Tod geweiht waren.
In der Eingangshalle, wo es einen Brunnen gab und die Besucher des Bades sich einst gereinigt hatten, lagen haufenweise herrenlose Kleider, deren Besitzer bereits den Weg in die Ewigkeit angetreten hatten. Die Mönche benutzten die durch und durch verschmutzten und oft blutbesudelten Fetzen, um Verbände daraus zu machen, da frisches Leinen oder Baumwolle inzwischen fast ebenso rar waren wie Nahrung. Conn wollte zu einem der Haufen treten, um ihn nach brauchbarem Stoff zu durchwühlen, als er unwillentlich Zeuge eines Gesprächs wurde, das zwei Mönche in nur wenigen Schritten Entfernung miteinander führten.
Der eine, ein trotz seiner hageren Gestalt und strengen Züge leutselig wirkender Mann, dessen Tonsur längst von der Kahlheit des Alters eingeholt worden war, war Pater Antonius, der Prior der cluniazensischen Ordensbrüder. Den anderen kannte Conn nicht, aber ihren Mienen war zu entnehmen, dass beide sich sorgten.
»… nicht umhin, die Rationen abermals zu verkleinern«, hörte Conn Antonius sagen.
»Pater«, widersprach der andere, »bedenkt, was Ihr sagt! Schon jetzt bekommen die Schwächsten kaum mehr als einen Bissen Brot und mit Glück etwas Honig. Wenn wir noch strenger rationieren …«
»Dessen bin ich mir bewusst, mein guter Anselmo«, entgegnete Antonius und ließ ein resignierendes Seufzen vernehmen. »Die meisten von uns verzichten aus diesem Grund auf ihre eigene Ration und geben das wenige, das ihnen zusteht, den Bedürftigen. Aber leider ist es keinem von uns gegeben, zu tun, was unser Herr Jesus tat. Die Brotkörbe werden sich nicht füllen, nur weil wir es wollen, Bruder. Wir müssen das wenige teilen, das wir haben …«
»… während die Wohlhabenden im Überfluss schwelgen«, wetterte Anselmo. »Es ist eine Schande, wie de Rein und seine Leute …«
Conn verharrte wie versteinert.
Hatte er den Namen de Rein tatsächlich gehört oder hatten ihm seine Ohren einen Streich gespielt?
»Damit habt Ihr leider recht«, räumte Pater Antonius ein. »Dennoch haben nicht Guillaume de Rein und seine Leute, sondern wir uns verpflichtet, Benedikts Regeln gemäß zu leben. Und die Starken nehmen sich nun einmal, was sie zum Überleben brauchen. Das ist schon immer so gewesen.«
Guillaume de Rein.
Conn hatte sich also nicht verhört. Pflichtvergessen wandte er sich von dem Kleiderhaufen ab und den beiden Mönchen zu, die ihr Gespräch unbeirrt fortsetzten.
»Und wenn wir versuchen, außerhalb der Stadt Proviant zu beschaffen? Ich habe gehört, dass es in Rugia noch ausreichend Nahrung gibt.«
»Rugia befindet sich in der Hand des Feindes. Dennoch dürft Ihr mir glauben, dass ich keinen Augenblick zögern würde, mich dorthin zu begeben, wenn ich die nötigen Mittel dazu …« Pater Antonius verstummte, als er Conn bemerkte. »Kann ich Euch helfen, junger Freund?«
»Ich – äh – weiß nicht«, gestand Conn verlegen. »Verzeiht, ich wollte Euch nicht belauschen, aber Ihr erwähntet soeben einen Namen, Guillaume de Rein.«
Hätte Conn einen Fluch ausgestoßen, die Wirkung wäre kaum anders gewesen. Antonius’ asketische Züge verrieten schiere Missbilligung, im Gesicht des anderen Ordensbruders standen Furcht und Zorn zu lesen.
»Warum?«, fragte er vorsichtig. »Gehört Ihr zu seinen Leuten?«
»Nein, nein. Ich hörte Euch nur von ihm sprechen und …«
»Seid Ihr einer seiner Spitzel?«, wurde der Mönch noch deutlicher. Sein Zorn auf Guillaume schien die Furcht zu überwiegen.
»Spitzel?« Conn horchte auf.
»Gewiss doch. Jeder weiß, dass Guillaume de Rein seine Ohren überall hat, er und dieser Bastard von Privas.«
»Anselmo«, rief Antonius seinen Mitbruder zur Ordnung. »Du versündigst dich.«
»Und wenn schon. Jeder weiß, dass de Privas und de Rein unter einer Decke stecken. Der eine sorgt dafür, dass die wenigen Nahrungsmittel, die noch im Umlauf sind, nicht die erreichen, die ihrer am nötigsten bedürfen, der andere verschachert sie an jene, die in klingender Münze dafür bezahlen. Manche behaupten sogar, dass die beiden jener Bande vorstehen, die marodierend durch die Lande zieht und friedliche Karawanen überfällt.«
»Ihr meint – die Tafur?«, fragte Conn. Seine Fäuste ballten sich, sein Blut geriet in Wallung. De Rein, de Rein und immer wieder de Rein. Konnte er keinen Schritt tun, ohne auf diese grässliche Sippe zu stoßen? Aus seiner Sicht war es Guillaume durchaus zuzutrauen, dass er hinter den feigen Überfällen steckte, die die Tafur zu verüben pflegten, was seiner langen Liste von Vergehen noch einen weiteren Mord hinzufügte, nämlich den an Chayas Vater.
»Habt Ihr Beweise für Eure Vermutung?«, wollte er wissen.
»Nein«, antwortete Antonius. »Es gibt auch Stimmen, die behaupten, dass die Tafur Ritter aus Flandern seien, die sich von ihrem Grafen Robert losgesagt haben. Oder fränkische Söldner.«
»Ich verstehe.« Conn war enttäuscht. Guillaume de Rein schien tatsächlich zu jenen Menschen zu gehören, die sich im Mist wälzen konnten, ohne dass ihnen auch nur der geringste Geruch anhaftete. Seine Verbindungen zu den Tafur waren ihm ebensowenig nachzuweisen wie jene zu dem feigen Mordkomplott, das er geschmiedet hatte – und den Worten zweier Mönche würde man kaum mehr Glauben schenken als dem eines angelsächsischen Diebes.
»Normannen oder Flamen, was gilt es mir?«, knurrte Anselmo verdrießlich. »Strauchdiebe sind sie, und sie nehmen es billigend in Kauf, dass uns die armen Teufel hier hungers sterben.«
»Gibt es denn keine andere Möglichkeit, Proviant heranzuschaffen?«, erkundigte sich Conn. »Ihr erwähntet Rugia.«
»Die Stadt liegt südöstlich von hier, mit Mauleseln lässt sie sich in einem Tag erreichen. Allerdings fehlt es uns an den entsprechenden Mitteln«, gestand der Prior ein. »Getreide ist teuer, von Fleisch ganz zu schweigen. Andererseits, wenn es uns nicht gelingt, etwas heranzuschaffen, werden die wenigsten unserer Verwundeten das Ende der Woche erleben.«
Conn nickte.
Er brauchte nicht lange zu überlegen, die Antwort auf das Problem drängte sich förmlich auf. Mit den Fingern tastete er nach dem Saum seiner Tunika und bekam den goldenen Ring von Renald de Rein zu fassen. Seine Rüstung und sein Schwert hatten die Räuber ihm in jener Nacht genommen – den Ring jedoch hatten sie nicht gefunden, und es erschien Conn passend, dass das Geschenk des alten de Rein die Vergehen seines Sohnes wiedergutmachen half. Entschlossen zerriss er den Saum der Tunika, fing den Ring mit dem Rubin auf und hielt ihn den verblüfften Mönchen hin.
»Was ist das?«, fragte Antonius verwundert.
»Werdet Ihr dafür Proviant erhalten?«, fragte Conn nur.
»Natürlich, das ist mehr als genug. Aber …«
»Dann nehmt das Ding, ich habe keine Verwendung dafür.« Damit die beiden sein Geschenk nicht ablehnen konnten, warf Conn es ihnen kurzerhand zu – und hatte zum ersten Mal nach langer Zeit das Gefühl, genau das Richtige zu tun.