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10.

Antiochia

18. Juli 1098

»Conwulf, Sohn des Normannen Baldric!«

Conn fuhr herum, als jemand seinen Namen nannte. Auf einer hölzernen Bahre hatte er den Leichnam des jungen lothringischen Knappen hinausgeschleppt, der am frühen Morgen der Schwere seiner Verletzungen erlegen war.

Die Verschwendung unschuldiger junger Menschenleben, die er täglich erleben musste, hatte Conn wütend werden lassen. Wütend auf jene, die den Feldzug noch immer als von Gott gewollt bezeichneten, wütend auf sich selbst, weil er daran teilgenommen hatte, wütend auf eine Welt, die einen Christen und eine Jüdin nicht zueinanderfinden ließ.

»Was wollt Ihr?«, fragte er entsprechend barsch und wandte sich um – vor ihm stand eine in einen Kapuzenmantel gehüllte Gestalt, die er nicht einzuordnen wusste. Als sie jedoch die Kapuze zurückschlug und ein samtblauer Überwurf mit einem goldenen Kreuz darauf zum Vorschein kam, fuhr Conn erschrocken zusammen.

Obwohl sie einander noch nie persönlich gegenübergetreten waren, erkannte er den Mann augenblicklich, der zu Weihnachten die Christmesse gelesen und der in der Entscheidungsschlacht um Antiochia die Heilige Lanze getragen hatte – es war Adhémar von Monteil, der Bischof von Le Puy und persönliche Legat des Papstes.

Trotz seines Zorns wusste Conn, was er der Obrigkeit schuldig war, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Er sank auf die Knie und senkte das Haupt, worauf Adhémar ihm gestattete, dem Siegelring zu huldigen. Dabei fragte Conn sich fieberhaft, was der Bischof wohl von ihm wollte. Woher kannte er überhaupt seinen Namen? War etwas vorgefallen? Hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen?

»Erhebe dich, Sohn«, forderte der päpstliche Gesandte. Conn stand auf und hob den Blick. Zum ersten Mal kam er dazu, den Bischof, den er stets nur von weitem gesehen hatte, genauer zu betrachten.

Der Vertreter von Papst Clemens bot einen beeindruckenden Anblick. Seine Gestalt war hochgewachsen, blondes Haar wallte auf die Schultern herab. Unter der energisch gefalteten Stirn blickte ein aufmerksames Augenpaar hervor, dem so leicht nichts zu entgehen schien. Entbehrung und Strapazen hatten allerdings auch in den Zügen des Bischofs Spuren hinterlassen und seine Wangen gehöhlt. Adhémars Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes – der Bischof war bekannt dafür, das Schlachtfeld nicht zu scheuen und in vorderster Reihe zu fechten. Sein Alter schätzte Conn auf Mitte vierzig.

»Was kann ich für Euch tun, Herr?«, fragte Conn vorsichtig. Seine Vernunft sagte ihm, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte, wenn sich der päpstliche Legat nach ihm erkundigte. Hatte es womöglich mit den de Reins zu tun? Mit der Verschwörung, von der er Kenntnis erlangt hatte?

Der Bischof schnupperte und warf einen missbilligenden Blick in Richtung der Leichen, die sich am Boden aneinanderreihten und darauf warteten, aus der Stadt gebracht und begraben zu werden. »Lass uns einen anderen Ort aufsuchen, Sohn, denn dieser ist weder meiner noch deiner würdig.«

Damit schlug er die Kapuze wieder hoch und schloss den Mantel vor der Brust, so als wünschte er, nicht erkannt zu werden. Dann wandte er sich um und verließ die Kammer. Conn blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Zu seiner Überraschung wartete Berengar vor dem Eingang, den Conn schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Benediktinermönch verbeugte sich tief, als der Bischof sich näherte, und schloss sich ihnen dann wortlos an. Der Blick, den er Conn dabei sandte, war unmöglich zu deuten.

Sie verließen das Badehaus und überquerten den Vorhof, suchten einen der Lagerräume auf, die die Innenseite der Ummauerung säumten. Kaum hatten sie die Kammer betreten, schloss Berengar die Tür und stellte sich einem Wächter gleich davor. Bischof Adhémar wies Conn an, sich auf eine leere Kiste zu setzen, während er selbst auf und ab schritt.

»Ich bedaure«, erklärte er mit Blick auf die schäbigen Wände und das Stroh am Boden, »dass diese Unterredung nicht unter weniger ärmlichen Bedingungen stattfinden kann, jedoch muss ich fürchten, dass die Wände meines Hauses in diesen Tagen Ohren haben. Aber lehrt uns unser Glaube nicht, dass sich die größten Ereignisse der Geschichte stets an schlichten Orten zu ereignen pflegen?«

Conns verblüffte Blicke pendelten zwischen dem Bischof und Berengar hin und her. Weder verstand er die Anspielung noch hatte er eine Ahnung, worauf der päpstliche Gesandte hinauswollte. Hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen? Und was hatte der Mönch damit zu tun?

»Herr«, sagte er deshalb, »bitte verzeiht, aber ich bin nur ein einfacher Mann und …«

»Conwulf«, fiel Adhémar ihm ins Wort, »ich mache dich darauf aufmerksam, dass nichts von dem, was hier gesprochen wird, diesen Ort verlassen darf. Willst du das feierlich bezeugen, in Christi Namen und bei deinem Leben?«

»Ja«, erwiderte Conn, der ohnehin nicht wusste, was er sonst hätte antworten sollen. Was sollte die Geheimniskrämerei? Was mochte einen Gesandten des Papstes dazu bewegen, seine Gesellschaft zu suchen, noch dazu zur Unkenntlichkeit vermummt?

»Was weißt du über das Buch von Ascalon?«, fragte der Bischof so unvermittelt, dass es Conn für einen Moment die Sprache verschlug. Ein wenig hilflos schaute er in Berengars Richtung, worauf der Mönch ihm ermunternd zunickte.

»Es ist gut, Conwulf. Du kannst dem Bischof vertrauen.«

Conn zögerte dennoch. Chaya und ihr Vater hatten das Buch mit ihrem Leben gehütet, folglich kam es ihm falsch vor, in aller Offenheit darüber zu sprechen. Andererseits schien der Bischof bereits davon zu wissen, aus welcher Quelle auch immer.

»Es ist eine Schriftrolle«, brach Conn schließlich sein Schweigen, »die ein jüdischer Kaufmann bei sich trug. Aber soweit ich weiß, ist sie spurlos verschwunden.«

»Nicht ganz«, widersprach Adhémar mit einem bedeutsamen Blick in Berengars Richtung.

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, Conwulf, dass sich das Buch in meinem Besitz befindet und dass ich die letzten Wochen und Monate damit zugebracht habe, es zu übersetzen.« Berengars Miene war unbewegt.

»Es zu übersetzen?« Conns Überraschung war so groß, dass er ganz vergaß, sich zu fragen, wie Berengar in den Besitz der Schrift gelangt sein mochte. »Und was steht darin geschrieben?«

Bischof Adhémar übernahm es, zu antworten. »Im Wesentlichen und für das Auge desjenigen Lesers, der nur das Offenkundige zu sehen vermag, handelt es sich um eine Sammlung von Berichten, die bis in die Tage des weisen König Salomon zurückgehen. Unserer Vermutung nach hat eine Hofdame Salomons sie verfasst und berichtet darin vom Besuch der Herrscherin von Saba am königlichen Hof in Jerusalem – und von einem Geschenk, das sie Königin Salomon machte. Die Rede ist von zwei Figuren aus purem Gold, Cherubim mit nach vorn gestreckten Flügeln.«

»Cherubim?«, fragte Conn, der nur jedes zweite Wort verstand.

»Engelsgleiche Wesen«, übersetzte Berengar in eine verständlichere Sprache. »Von Belang jedoch ist nicht so sehr die Herkunft der Figuren als vielmehr ihre Bestimmung: die Heilige Lade zu bewachen, die tief im Inneren von Salomons Tempel ruhte.«

»Die Lade«, echote Conn verständnislos.

»Hast du noch nie von der Lade des Bundes gehört, Sohn?«, erkundigte sich Bischof Adhémar verwundert. »Von der Truhe, in die die Hebräer die Steintafeln mit den Gesetzen des Mose legten, um sie auf ihrer langen Wanderschaft durch die Wüste zu bewahren?«

»Ihr meint die Zehn Gebote«, folgerte Conn aus dem Wenigen, das er gelegentlich aus den Reden der Straßenprediger aufgeschnappt hatte.

»In der Tat. Als Mose vom Berg Horeb stieg und dem Volk Israel die Gesetzestafeln brachte, ließ er einen Mann namens Bezalel eine Truhe aus Akazienholz anfertigen, das mit Gold überzogen wurde. Dort hinein legte er die Tafeln, die Gottes Bund mit dem Volk Israel besiegelten, und dort verblieben sie während der vierzigjährigen Wanderschaft durch die Wüste, bis sie schließlich im Gelobten Land eine neue Heimat fanden. Unter der Herrschaft König Davids wurde die Lade nach Jerusalem gebracht, unter Salomon wurde ihr ein neuer Tempel errichtet, in dem sie fortan ruhte.«

Conn spürte, wie seine innere Unruhe wuchs. Er ahnte, dass er kurz davor war, das Geheimnis des Buches von Ascalon zu erfahren, aber er war sich nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte.

»Was weiter geschah, ist nicht bekannt. Als die Babylonier unter ihrem König Nebukadnezar Jerusalem eroberten, plünderten sie den Tempel Salomons, und die Lade ging verloren. Über viele Jahrhunderte war ihr Schicksal ungewiss – unser getreuer Bruder Berengar jedoch«, wandte sich Adhémar mit vor Begeisterung bebender Stimme an den Mönch, »glaubt, neue Antworten gefunden zu haben.«

»Was für Antworten?« Conn schaute Berengar fragend an.

»Als ich das Buch von Ascalon übersetzte, fielen mir die vielen Rätsel auf, die in den Text eingestreut sind – kabbalistische Zahlenspiele, die allesamt auf das Alte Testament verwiesen, auf das Buch Exodus und das Buch Samuel, aber auch auf das Buch der Könige. Oberflächlich betrachtet, erzählt das Buch die Geschichte der Bundeslade, und zwar weit über die babylonische Gefangenschaft hinaus. Von genauen Orten und Begebenheiten ist die Rede, Namen und Jahreszahlen werden genannt, und ich erkannte, dass die Verfasser des Buches die Lade gesehen haben und dass sie den Sturm der Babylonier überdauert haben musste. All das erklärte allerdings noch nicht, weshalb es all diese Rätsel gab und warum Chaya und ihr Vater so versessen darauf gewesen waren, die Schriftrolle unter Einsatz ihres Lebens zu hüten – doch schließlich wurde es mir klar.«

»Was wurde Euch klar?«, hakte Conn argwöhnisch nach.

»Dass die Heilige Bundeslade noch immer existiert und dass das Buch von Ascalon erklärt, wo und wie sie zu finden ist«, eröffnete der Mönch feierlich und zu Adhémars sicht­lichem Entzücken.

»Und wir«, fügte der Bischof entschlossen hinzu, »müssen diese kostbare Reliquie in unseren Besitz bringen.«

»Warum?«, fragte Conn.

»Diese Frage würdest du nicht stellen, wenn du wüsstest, was im Buch von Ascalon geschrieben steht«, antwortete Be­rengar an des Bischofs Stelle. »Dort heißt es, dass in Zeiten der Not die Lade gefunden werden und wie in alter Zeit der Sanhedrin, der Große Rat der Juden, zusammentreten soll. Dann wird der Tempel Salomons neu errichtet und Jerusalem stark werden wie einst – und wenn das geschieht, ist unsere heilige Unternehmung, die doch zum Ziel hat, die Geburtsstätte unseres Glaubens von Heiden zu reinigen, unwiderruflich gescheitert.«

Conn nickte. Jäh verstand er, weshalb das Buch Chayas Vater so wichtig gewesen war, dass er sein Leben dafür geopfert hatte – es ging dabei um die Zukunft seines Volkes.

»Ob auch Chaya davon gewusst hat?«, überlegte er.

»Natürlich«, war Berengar überzeugt. »Weißt du noch, als ich dich fragte, ob du dir bezüglich der Jüdin ganz sicher seist? Mir war schon damals klar, dass sie dich hinterging.«

Conn fühlte einen Stich im Herzen, als er sich an das Gespräch erinnerte und an die unbeschwerten Tage, die sie auf dem Weg nach Antiochia genossen hatten – bis zu jenem Morgen, an dem Chaya …

»Ihr wart es«, rief Conn. »Ihr und niemand sonst habt das Buch gestohlen!«

»Ich musste es tun«, erwiderte Berengar, der noch nicht einmal den Versuch unternahm, die Tat abzustreiten. »Ich ahnte, dass das Buch eine große Gefahr für uns birgt.«

»Also habt Ihr Euch des Nachts angeschlichen wie ein gemeiner Dieb, während wir …« Conn unterbrach sich, Wut kochte in ihm hoch. Er sprang auf und trat auf den Ordensmann zu, der mit dem Rücken zur Tür stand. »Ich kann nicht glauben, dass Ihr das wirklich getan habt. Die ganze Zeit über habt Ihr die Wahrheit gekannt und mir frech ins Gesicht gelogen. Und Ihr habt zugelassen, dass Chaya mich zu Unrecht verdächtigt.«

»Es war notwendig«, erklärte der Benediktiner schlicht.

»Notwendig.« Conn schürzte abschätzig die Lippen. »Und ich dachte, Ihr wärt mein Freund.«

»Das bin ich, Conwulf«, versicherte Berengar und versuchte ein Lächeln, »auch wenn du in diesem Augenblick wohl noch nicht ermessen kannst, was ich für dich …«

Er verstummte, und seine kleinen Augen weiteten sich vor Schreck, als sein Gegenüber die Fäuste hob. Blind vor Wut und Enttäuschung hätte Conn wohl zugeschlagen, hätte nicht Bischof Adhémar ihn von hinten ergriffen und energisch festgehalten.

»Lasst mich los«, schrie Conn und versuchte, sich aus dem Griff des Legaten zu befreien. Geschwächt, wie er noch immer war, gelang es ihm jedoch nicht.

»Das werde ich«, zischte Adhémar ihm ins Ohr, »aber erst, wenn du dir alles angehört hast, was der Bruder dir zu sagen hat.«

»Wozu sollte ich?« Conn schüttelte störrisch den Kopf. »Der Kerl lügt, sobald er das Maul aufmacht!«

»Ich habe dir die Wahrheit vorenthalten, und ich bin nicht stolz darauf, Conn, aber nun musst du mir zuhören«, sagte Berengar beschwörend. »Ich sagte dir, dass das Buch von Ascalon Hinweise auf den Ort enthält, wo die Lade des Bundes zu finden ist.«

»Und?«

»Ich glaube, der Lösung des Rätsels auf der Spur zu sein. Die Lade befindet sich unter dem Tempelberg von Jerusalem, wo sie die Zeit überdauert hat.«

»Meinen Glückwünsch«, stieß Conn voller Bitterkeit hervor. »Warum geht Ihr dann nicht und holt sie Euch?«

»Das würden wir gerne«, raunte Bischof Adhémar ihm ins Ohr, »aber alles, was ich tue, wird streng beobachtet. Würde ich einem meiner Ritter befehlen, gen Jerusalem zu reiten, so würde es nicht unbemerkt bleiben, zumal ich nicht mehr weiß, wem von meinen Leuten ich noch trauen kann und wem nicht. Dunkle Dinge gehen in dieser Stadt vor sich, Conwulf.«

»Was für Dinge?«

»Sagt dir der Name Eustace de Privas etwas?«

Conn knurrte zustimmend. Er erinnerte sich gut an den Provenzalen, der ihm am liebsten die Kehle durchgeschnitten hätte.

»Und auch von Guillaume de Rein hast du gehört, wie mir berichtet wurde.«

Conn war so verblüfft, dass sein Widerstand augenblicklich nachließ. Daraufhin gab Adhémar ihn frei und stieß ihn von sich. Conn strauchelte und schlug auf den strohbedeckten Boden, raffte sich jedoch sofort wieder auf die Beine. »Was ist mit de Rein?«

»Er ist gewissermaßen der Grund dafür, dass ich mich wie ein Dieb hierherschleichen muss und mich bei Tag und Nacht beobachtet finde«, erklärte der Bischof verdrießlich. »De Privas und de Rein sind die Anführer einer Gruppe von Rittern, die sich die ›Bruderschaft der Suchenden‹ nennt und sich dem Finden der heiligen Reliquien verschrieben hat – wenn auch nur mit dem Ziel, ihre Macht und ihren Einfluss zu mehren. Der Fund der Lanze war ein erster Erfolg, wenngleich ich ihre Echtheit ernstlich in Zweifel ziehe.«

»Ihr bezweifelt die Echtheit der Waffe?«, hakte Conn verwundert nach. »Aber – habt nicht Ihr selbst sie in die Schlacht getragen?«

»Weil ich ihren Wert darin sah, unseren Kämpfern, die bereits geschlagen am Boden lagen, noch einmal Mut zu machen – offiziell bestätigt habe ich die Echtheit des Fundes nie, und ich werde es auch nicht tun. Kommt es dir nicht auch seltsam vor, dass die Lanze just vor der entscheidenden Schlacht gefunden wurde? Dass jener Bartholomaios, der von sich behauptet, mit Sankt Andreas in Verbindung zu stehen, nicht nur genau wusste, wo die Heilige Lanze zu finden war, sondern zugleich auch meine Führerschaft anzweifelt? Und dass man ihn zuletzt des Öfteren in de Reins Gesellschaft gesehen hat?«

»Das ist eigenartig«, musste Conn zugeben.

»In der Tat.« Adhémar nickte. »Und dies ist nicht das einzige Vergehen, dessen ich die Bruderschaft verdächtige. Ihre Mitglieder ziehen marodierend durch die Lande, rauben und morden um des bloßen Gewinns willen, und das alles im Namen des Herrn. Sollte die Bundeslade in ihren Besitz gelangen, so werden sie sie dazu benutzen, noch mehr Einfluss zu gewinnen und womöglich Rom und Byzanz gegeneinander auszuspielen, was sowohl für seine Heiligkeit den Papst als auch für Kaiser Alexios unabsehbare Folgen hätte.«

»Verzeiht, Herr«, sagte Conn, dem der Kopf schwirrte von all den Namen und Dingen, die ihm nichts oder nur wenig sagten, »ich bin nur ein einfacher Kämpfer und verstehe nichts von …«

»Als diese heilige Unternehmung begann«, erklärte der Bischof seufzend, aber bereitwillig, »wurde ich zum päpstlichen Legaten und damit zum Anführer der Pilgerfahrt bestimmt. Nach allem, was seither geschehen ist, wird selbst dir jedoch aufgegangen sein, dass es inzwischen andere sind, die über die Geschicke des Feldzugs bestimmen. Zwar halten mir einige der Fürsten noch immer die Treue, andere jedoch, wie die Normannen Tankred und Bohemund, trachten nur noch danach, ihre eigene Macht und ihren Besitz zu mehren. Wenn nun auch noch die Lade in die Hände weltlicher Kreuzfahrer gelangt, würde die Kirche vollends entmachtet und das von Gott gewollte Kräfteverhältnis ins Gegenteil verkehrt. Alles, wofür diese heilige Unternehmung steht und weswegen sie einst begonnen wurde«, fügte Adhémar leiser und, so schien es, mit einem düsteren Blick in die Zukunft hinzu, »wäre dadurch gefährdet, alle Opfer vergeblich gewesen.«

»Was wollt Ihr dagegen unternehmen?«, fragte Conn, der sich noch immer nicht denken konnte, was das alles mit ihm zu tun haben sollte.

»Der Feldzug selbst mag unserer Kontrolle entzogen sein – die Lade jedoch muss Rom gehören, weswegen ein Ritter im päpstlichen Auftrag nach ihr suchen und sie im Namen der Kirche in Besitz nehmen soll«, antwortete der Bischof mit fester Stimme. »Du, Conn.«

»Ich?« Erst nach einigen Augenblicken wurde Conn bewusst, dass er den päpstlichen Legaten wie jemanden anschaute, der den Verstand verloren hatte. »Aber ich bin kein Ritter, Herr.«

»Noch nicht, aber du wirst einer sein. Die Prüfungen dafür hast du längst bestanden und die notwendigen Kenntnisse erworben. Wie Bruder Berengar mir mitteilt, bist du sogar in der Schrift bewandert. Das ist mehr, als viele Edelleute von sich behaupten können.«

»Aber – warum gerade ich?«

»Weil wir etwas gemeinsam haben. Genau wie ich hast du eine Rechnung mit Guillaume de Rein zu begleichen, nicht wahr?«

Conn schaute ihn entgeistert an.

Er konnte nicht glauben, dass Berengar ihm davon erzählt hatte. Andererseits hatte der Mönch manches getan, das Conn niemals für möglich gehalten hätte.

»Ihr wisst von meiner Feindschaft mit de Rein?«

»Ich weiß, dass er die Frau getötet hat, die du liebtest, und dafür gehört dir mein Mitgefühl. Doch dir muss klar sein, dass du als Sohn eines entehrten normannischen Kämpfers nicht die geringste Aussicht hast, Guillaume de Rein jemals zum Kampf zu stellen. Als Ritter der Kirche hingegen mag es dir gelingen.«

»Und ich erweise Euch einen Dienst, wenn ich ihm schade«, fügte Conn hinzu.

Ein Lächeln spielte um die dünnen Lippen des päpstlichen Legaten. »Wie der Zufall es will, spielt beides zusammen. Ich gebe dir eine Frist von vier Tagen, um über alles nachzudenken, Conwulf.«

»Was ist, wenn ich mich dagegen entscheide?«

»Das wirst du nicht. Denn du weißt sehr wohl, dass nur ich dir geben kann, wonach es dich am meisten verlangt. Willst du inneren Frieden finden, Sohn, dann solltest du auf mein Angebot eingehen.«

»Und die Lade?«, fragte Conn. »Was wird mit ihr geschehen, wenn ich sie finde?«

»Sie wird nach Rom gebracht, auf dass kein weltlicher Herrscher jemals Kenntnis von ihr erlange«, versicherte Adhémar. »Über Jahrhunderte hinweg ist die Kirche die alleinige Mittlerin zwischen Himmel und Erde gewesen. Und sie soll es auch bleiben.«