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15.
Antiochia
30. Dezember 1098
Die schmerzvollen Schreie waren in dem unterirdischen, von Säulen getragenen Gewölbe verhallt, der Geruch von verbranntem Fleisch hatte sich verflüchtigt.
Unbewegt und ohne eine Spur von Mitleid hatte Guillaume de Rein zugesehen, wie fünf neue Mitglieder in die Bruderschaft aufgenommen worden waren. Junge Ritter, denen man wie einst ihm selbst den feierlichen Eid abgenommen hatte, ihr Leben in den Dienst der Suche zu stellen, und denen man anschließend jenes Zeichen in den Unterarm eingebrannt hatte, an dem die Mitglieder der Bruderschaft zu erkennen waren – das Kreuz mit den sich verbreiternden Armen.
Es war nur der Auftakt der großen Zusammenkunft gewesen, zu der sich die führenden Mitglieder der Bruderschaft getroffen hatten, jener nicht unähnlich, die einst in Caen stattgefunden hatte, damals, als Guillaume selbst Zugang zum Kreis der Suchenden erlangt hatte.
Mehr als zwei Jahre lag dies zurück, viel war seither geschehen, manches hatte sich verändert. Zahlreiche Ritter, die damals dabei gewesen waren, so wie Adelard d’Espalion und Huidemar de Mende, waren im Kampf gefallen; andere waren von Seuchen oder erbarmungsloser Hitze dahingerafft worden, wieder andere hatten es vorgezogen, ihre Waffenbrüder im Stich zu lassen und nach Hause zurückzukehren, weil sie der Mut verlassen hatte. An ihre Stelle waren neue Mitglieder getreten, junge Adelige aus Franken, der Normandie und den italischen Gebieten, die infolge der harten Entbehrungen des Feldzugs mittellos geworden waren oder ihren Lehnsherren verloren hatten; die Bruderschaft nahm sie auf und gab ihnen nicht nur Rüstung und Nahrung, sondern auch ein neues Ziel, für das zu streiten sich lohnte.
Und noch etwas hatte sich geändert, seit die führenden Mitglieder der Bruderschaft damals in Caen zusammengekommen waren: Zum ersten Mal nahm eine Frau an der Versammlung der Waffenbrüder teil!
Anders als die männlichen Mitglieder des Führungskreises, die ihre Gesichtszüge erst enthüllt hatten, nachdem die fünf neuen Mitglieder in die Bruderschaft aufgenommen worden waren, hatte Eleanor de Rein sich nicht erst die Mühe gemacht, ihr Antlitz zu verbergen. Ohnehin wussten alle, wer die Frau war, die sich Zugang zu dieser Zusammenkunft verschafft hatte – auch wenn es Guillaume noch immer ein Rätsel war, wie ihr dies gelungen sein mochte.
Anders als noch vor zwei Jahren hatte er damit aufgehört, sich dafür zu schämen, dass seine Mutter für ihn Partei ergriff; sie hatte ihm versprochen, die Machtstreitigkeiten innerhalb der Bruderschaft zu seinen Gunsten beizulegen, und genau das war geschehen. Rascher und reibungsloser, als er es je für möglich gehalten hätte.
Mit den Blicken eines Falken spähte Eleanor auf die Versammelten, die in zwei einander gegenüberstehenden Reihen Aufstellung genommen hatten. Am Ende des Spaliers stand Eustace de Privas, flankiert von Guillaume und seiner Mutter, die sich wiederum so postiert hatte, dass ihr Schatten genau auf den Anführer der Bruderschaft fiel.
In jeder erdenklichen Hinsicht.
»Meine Brüder«, richtete Eustace das Wort an seine Waffenbrüder, »am Ende dieses Jahres richten wir unseren Blick der heidnischen Gottheit Ianus gleich sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns den Schmerz, den wir durchleben mussten, die Entbehrungen, die wir ertragen haben, und die Gesichter jener, die nicht mehr an unserer Seite sind, weil sie im Kampf für unsere Sache ihr Leben gegeben haben. Aber auch auf ein Jahr großer Erfolge, in dem es uns gelungen ist, tief in das Land des Feindes vorzudringen und ihm diese Stadt nicht nur zu entreißen, sondern sie mit der Hilfe des Allmächtigen auch zu behaupten!«
Zustimmende Rufe wurden laut, einige Waffenbrüder schlugen mit der geballten Faust auf den Schild, um ihren Beifall zu bekunden.
»Unsere Gemeinschaft hat viel erreicht. Die Heilige Lanze, eine der wertvollsten Reliquien der Christenheit, wurde gefunden, und niemand von uns kann ermessen, welche Bedeutung dieser Fund für unser aller Zukunft haben wird, wenn wir erst Jerusalem erreichen, das ferne Ziel dieser Pilgerfahrt. Doch trotz aller Erfolge«, fuhr Eustace fort und ließ seinen seltsam leeren Blick über die Reihen der Versammelten schweifen, ehe er das Haupt in einer demütigen Geste senkte, »sollten wir auch auf uns selbst blicken und uns fragen, wo wir vor dem Herrn und den Gesetzen bestanden und wo wir gefehlt haben.«
Die Mitglieder der Bruderschaft leisteten der Aufforderung Folge und senkten ebenfalls die Köpfe. Um den Schein zu wahren, ließ sich auch Eleanor auf das Possenspiel ein, das sie sich selbst ausgedacht hatte, während Guillaume nicht anders konnte, als verstohlen von unten heraufzuspähen und sich einmal mehr darüber zu wundern, mit welcher Vollkommenheit sie andere Menschen zu manipulieren verstand.
Er wusste nicht, was sie Eustace angetan hatte, als sie ihn an jenem Abend zu sich bestellte. Aber von jenem Zeitpunkt an war der Herr von Privas Wachs in Eleanors dürren Händen gewesen.
»Auch ich habe gefehlt, meine treuen Waffenbrüder«, offenbarte Eustace nach einem Augenblick der Stille, in dem nur das Knistern der Fackeln zu hören gewesen war, die das Gewölbe erhellten. »Ich gestehe es Euch freimütig ein.«
»Ihr, Eustace?«, sagte Guillaume den Text auf, den seine Mutter ihm eingeschärft hatte, und kam sich dabei vor wie ein antiker Sänger im Theater. »Inwiefern?«
»Ich habe Entscheidungen getroffen, die nicht zum Besten unserer Vereinigung waren. Ich habe gezaudert, wo ich hätte mutig vorwärtsschreiten sollen. Und ich habe mich Veränderungen widersetzt, obschon sie unumgänglich waren. Doch all dies soll sich in Zukunft ändern, meine Brüder – mit einem neuen Anführer, der dieses Amtes und Eures Vertrauens würdiger ist, als ich es je gewesen bin.«
»Ein neuer Anführer?«
Ein Raunen ging durch die beiden Reihen. Verblüffte Blicke wurden gewechselt und Köpfe geschüttelt. Mit einer solchen Entwicklung hatte keiner gerechnet. Sie traf sie unvorbereitet – und genau das hatte Eleanor beabsichtigt.
Nur Guillaume kannte seine Mutter gut genug, um zu sehen, dass die leichte Verzerrung um ihren schmalen Mund ein Lächeln der Genugtuung war. Schweigend wohnte sie dem Hergang des Schauspiels bei. Die wenigsten der anwesenden Ritter hätten es geduldet, wenn eine Frau von sich aus das Wort ergriffen hätte, und doch war sie es, die das Geschehen bestimmte.
»Nein, Eustace!«, wandte Brian de Villefort, eines der wenigen noch verbliebenen Gründungsmitglieder der Bruderschaft, in aller Entschiedenheit ein. »Das kann nicht Euer Ernst sein! So viele Schlachten haben wir gemeinsam geschlagen, so vieles gemeinsam erduldet …«
»Eustace ist Euch keine Rechenschaft schuldig, Brian«, wandte Guillaume rasch ein. »Ein jeder von uns hat selbst sein Gewissen zu erforschen. Wenn es sein freier Wille ist, zurückzutreten und die Führung der Bruderschaft jemand anderem zu übertragen, so dürfen wir ihm nicht im Weg stehen.«
»Und wer soll unser neuer Anführer sein, Eustace?«, fragte de Villefort unwirsch. »Habt Ihr auch darüber schon nachgedacht?«
»Es muss jemand sein, der in der Lage ist, die Bruderschaft in die Zukunft zu führen. Jemand, der die Verantwortung großer Entscheidungen nicht scheut, so wie ich es getan habe«, entgegnete Eustace ohne Zögern und, wie Guillaume fand, mit allzu großer Beiläufigkeit. Nicht einmal als Possenspieler war er recht zu gebrauchen. »Meine Wahl, geliebte Waffenbrüder, ist auf Guillaume de Rein gefallen!«
»Nein!«, widersprach Brian entschieden.
»Warum nicht?«, ließ sich zum ersten Mal Eleanor de Rein vernehmen.
»Das will ich Euch sagen, Madame – weil Euer Sohn keiner der Unseren ist! Weder ist er Provenzale noch stammt er aus der Normandie, sondern ist aus dem barbarischen Norden zu uns gestoßen, von der Insel der Viehhirten!« Zustimmung war hier und dort zu vernehmen, Hände klopften anerkennend auf Brians breite Schulter.
»Und das macht Guillaume in Euren Augen nicht zu einem würdigen Nachfolger?«, erkundigte sich Eleanor. Ihr schwankender Tonfall verriet, dass sie mit derlei Einwänden nicht gerechnet hatte. »Obwohl er in all den vergangenen Schlachten gemeinsam mit Euch gekämpft hat? Obgleich es sein Ratschlag war, der Euch reiche Beute eingetragen hat? Der Euch am Leben gehalten hat, als andere darbten? Obwohl er es gewesen ist, der Peter Bartholomaios ins Spiel gebracht und dafür gesorgt hat, dass die Fürsten ihre monatelange Trägheit aufgegeben haben und nun wieder das eigentliche Ziel dieses Feldzugs verfolgen?«
De Villefort machte kein Hehl aus seinen Zweifeln. »Ist das wahr, Eustace? Hat Guillaume de Rein all dies für unsere Bruderschaft geleistet?«
Eustace de Privas antwortete nicht.
Schweigend stand er da, unbewegt und stieren Blickes wie ein Knecht, der darauf wartete, dass man ihm eine Anweisung erteilte. Guillaume vermittelte er den Eindruck von einem leeren Gefäß. Was sich nicht darin befand, konnte man auch nicht daraus schöpfen.
»Was ist mit Euch, Eustace?«, fragte jemand. »Habt Ihr Eure Zunge verschluckt? Wo ist Eure Entschlossenheit geblieben?«
Eustace antwortete wieder nicht, worauf unruhiges Gemurmel einsetzte. Unmut begann sich unter den Sektierern zu regen, als die Tür des Gewölbes plötzlich aufgerissen wurde. Einer der Soldaten stand auf der Schwelle, denen man befohlen hatte, den Zugang zu dem Kellergewölbe mit ihrem Leben zu bewachen.
»Was gibt es?«, fragte de Villefort, verärgert über die Störung.
»Neuigkeiten, Herr«, verkündete der Mann aufgebracht. »Die Sonne …«
»Was ist mit ihr?«
»Sie – ist verschwunden!«
»Was?«
»So wahr ich vor Euch stehe, Herr!«, bekräftigte der Wächter. »Draußen auf den Straßen herrscht finstere Nacht! Selbst die Vögel sind verstummt.«
Die Unruhe der Sektierer steigerte sich in blankes Entsetzen. Da es erst die sechste Stunde war und die Sonne somit noch weit davon entfernt, am Horizont zu versinken, war jedem klar, dass es sich nicht um ein natürliches Vorkommnis handeln konnte. Abergläubische Furcht erfasste die Ritter. Einige von ihnen rannten panisch aus dem Saal, andere begannen zu beten – und zumindest Brian de Villefort hatte keine Mühe festzustellen, wer die Verantwortung für das Verlöschen des Tageslichts trug.
»Sie ist es gewesen!«, rief er laut und deutete mit dem Finger auf Eleanor. »Diese Frau dort ist von böser Kraft erfüllt! Die verschwundene Sonne ist der Beweis dafür!«
Betroffenheit zeigte sich auf den Gesichtern. Einige Mitglieder der Bruderschaft wichen furchtsam zurück, andere bekreuzigten sich.
»Verzaubert?« wiederholte Eleanor lachend. »Macht Euch nicht lächerlich, de Villefort! Glaubt Ihr wirklich, jemand könnte die Sonne verlöschen lassen?«
»Lasst euch von ihren Beteuerungen nicht täuschen. Sie hat sich ihrer dunklen Kräfte bedient, um Eustaces Sinne zu vernebeln. Sie hat einen Zauberbann über ihn verhängt, um ihren Sohn an die Spitze unserer Bruderschaft zu bringen!«
Von Furcht und Panik angestachelt, wurden die Unmutsbekundungen immer lauter. Die Stimmung drohte gefährlich zu kippen – und Guillaume wusste, dass er handeln musste.
Die Intrigen und Ränke seiner Mutter hatten ihn weit gebracht, hatten ihm Türen geöffnet, die ohne ihr Zutun verschlossen geblieben wären, und ihm Möglichkeiten an die Hand gegeben, die er allein nie gehabt hätte. Aber nun konnte sie ihm nicht mehr helfen.
»Nehmt das augenblicklich zurück, Brian de Villefort!«, rief er so laut und respektgebietend, dass es ihn selbst überraschte. »Ich lasse nicht zu, dass Ihr meine Ehre und die meiner Mutter beschmutzt!«
»Schreit, so laut Ihr wollt, Guillaume, ich fürchte mich weder vor Euch noch vor dem Weib, das Euch in die Welt gespien hat, sondern sage es offen und frei heraus: Sie ist eine Zauberin und eine Hexe!«
Eine Hexe!
Wie ein Schatten geisterte das Wort durch die Reihen der anderen Ritter, die mit Wut und Entsetzen reagierten.
»Nehmt das zurück, Mann!«
Guillaume pflanzte sich so dicht vor seinem Gegner auf, dass er dessen schlechten Atem riechen konnte. Die grauen Augen de Villeforts brannten in hellem Zorn, aber Guillaume hielt ihrem Blick stand.
»Nehmt augenblicklich zurück, was Ihr soeben gesagt habt, und entschuldigt Euch bei meiner Mutter, Brian de Villefort«, verlangte er mit vor Aufregung hoher Stimme, »oder ich schwöre hier und jetzt vor unseren Waffenbrüdern, dass Ihr es bitter bereuen werdet!«
Der andere gab sich unbeeindruckt.
»Ich kenne Eustace de Privas von Kindesbeinen an, und dieser dort ist nicht der Mann, der einst die Geschicke dieser Bruderschaft lenkte! Ich weiß nicht, was Ihr mit ihm gemacht habt, Guillaume de Rein, aber die Sonnenfinsternis ist die Strafe dafür, und ich versichere Euch, dass ich nicht eher ruhen werde, als bis …«
Das letzte Wort ging in ein tonloses Zischen über, gefolgt von einem roten Rinnsal, das aus de Villeforts Mundwinkel rann und in seinem Bart versickerte.
»Sprecht weiter, Bruder«, forderte Guillaume ihn auf. »Ich höre.«
De Villefort stierte ihn an. Zorn und Hass, vor allem aber Fassungslosigkeit sprachen aus dem gefrierenden Blick des Ritters.
»Das wird Euch lehren, meine Ehre niemals wieder zu beschmutzen«, sagte Guillaume ungerührt. Mit einem Ruck zog er den Dolch aus der Seite seines Gegners und trat zurück.
Der Stich war so rasch erfolgt, dass de Villefort keine Zeit geblieben war, um darauf zu reagieren. Keine Gesichtsregung, noch nicht einmal ein Zucken im Augenwinkel hatte Guillaumes tödliche Absichten verraten.
Brian de Villefort rang keuchend nach Atem. Wankend wich auch er einen Schritt zurück und griff nach seinem Schwert, doch seine Bewegungen waren kraftlos und langsam, sodass Guillaume keine Mühe hatte, sie vorauszusehen. Schon lag sein eigenes Schwert in seiner Hand, und noch ehe sein Gegner dazu kam, seine Waffe ganz zu ziehen, führte Guillaume einen vernichtenden Streich.
Der Schnitt war glatt und tief und verlief quer über de Villeforts Kehle. Ein Blutschwall brach hervor, der seine Robe tränkte und auch Guillaume noch erreichte, obwohl dieser eine Schwertlänge von ihm entfernt stand. Dann brach der Ritter zusammen.
Guillaume stand über ihm, das Gesicht mit roten Sprenkeln übersät und am ganzen Körper bebend, berauscht vom Blutdurst und dem Gefühl der Allmacht. Doch wenn er geglaubt hatte, dass der Widerstand mit de Villefort verstummen würde, so hatte er sich geirrt.
Die Blicke der übrigen Sektierer wechselten zwischen Guillaume und ihrem Mitbruder, der leblos in seinem Blut lag. Hin und wieder huschten sie auch in Eleanors Richtung. In ihrer dunklen Robe unheimlich anzusehen, stand sie schweigend bei Eustace, der auf die Geschehnisse noch nicht einmal reagiert hatte.
»Sie ist eine Hexe«, raunte es durch die Reihen.
»Sie treibt dunklen Zauber!«
»Sie soll sterben.«
Mit Unbehagen sah Guillaume, wie sich Hände um die Griffe von Dolchen und Schwertern legten, wissend, dass er der Übermacht nicht gewachsen sein würde. Wenn nicht rasch etwas geschah …
»Brüder!«
Einer der Ritter, die aufgeregt nach draußen geeilt waren, kehrte in diesem Augenblick zurück, ein gelöstes Lächeln im Gesicht.
»Was ist?«, fragte jemand.
»Die Sonne ist zurück! Für kurze Zeit war sie verloschen, aber nun ist sie zurückgekehrt und strahlt so hell wie zuvor. Es ist alles in Ordnung, meine Brüder!«
Die Furcht, die die Männer eben noch in ihren Klauen gehalten hatte, legte sich schlagartig, und ihre Entschlossenheit, mit Waffengewalt gegen Guillaume und seine Mutter vorzugehen, schwand augenblicklich. Ihre Mienen entspannten sich, die Klingen blieben in den Scheiden – und Guillaume wusste, dass seine Stunde gekommen war.
Der Moment, auf den er sein Leben lang gewartet hatte.
»Wie steht es?«, wollte er wissen, indem er sich um seine Achse drehte, das blutige Schwert noch in der Hand. »Ist immer noch jemand der Ansicht, dass meine Mutter verbotene Künste betreibt? Gibt es noch jemanden, der glaubt, dass wir unserem geliebten Bruder Eustace absichtlich geschadet haben? Oder der meine Führerschaft in Frage stellen möchte?«
Niemand meldete sich – und Guillaume konnte nicht anders, als seiner Mutter ein triumphierendes Lächeln zuzuwerfen.
Acre
Zur selben Zeit
Auch Bahram al-Armeni hatte zum Himmel geblickt.
Zusammen mit den Soldaten der jüdischen Miliz, die seinem Befehl unterstellt worden waren, hatte er auf dem Marktplatz des Judenviertels Waffenübungen durchgeführt – als sich unvermittelt ein dunkler Fleck vor die helle Sonnenscheibe schob und sie scheinbar verlöschen ließ.
Von einem Augenblick zum anderen brach die Dämmerung herein, beklemmende Stille legte sich über das Viertel und die ganze Stadt. Die Menschen hielten in ihrer Arbeit inne, Gespräche verstummten, und selbst die Tierwelt schien für einen Moment den Atem anzuhalten.
Einige der jungen Juden, die unter seinem Befehl standen, hatten in Panik ausbrechen wollen, aber Bahram hatte sie beruhigt. Als Mann der Wissenschaft wusste er genug über die Vorgänge am Himmel, um seinen Schützlingen erklären zu können, dass es weder ein gefräßiges Ungeheuer war, das den Sonnenball verschlungen hatte, noch eine unheimliche Macht.
Als Besiegter war Bahram nach Acre gekommen und hatte sich, nachdem seine Wunde gutenteils geheilt war, bei der dortigen fatimidischen Garnison gemeldet. Da er nicht der einzige Kämpfer war, der einst in seldschukischen Diensten stand und sich nun als Soldat des Kalifen zu verdingen suchte, hatte man nicht gezögert, ihm ein eigenes Kommando zu übertragen. Auch die Tatsache, dass er christlichen Glaubens war, hatte keine Rolle gespielt – wohl weil man in Acre die Gefahr, die von den Kreuzfahrern ausging, noch nicht am eigenen Leibe zu spüren bekommen hatte.
Nach der askar, die er im Auftrag Duqaqs befehligt hatte, war es für Bahram freilich einem Abstieg gleichgekommen, anstelle der schwer bewaffneten ghulam nun einem Haufen zwar heißblütiger, jedoch völlig unerfahrener junger Männer vorzustehen, die noch nicht einmal die Grundprinzipien des Schwertkampfs beherrschten. Aber er hatte die Aufgabe angenommen, und mit der Zeit war es ihm gelungen, aus dem versprengten Häuflein einen schlagkräftigen Trupp zusammenzustellen, der im Fall eines Angriffs auf die Stadt seinen Mauerabschnitt zuverlässig verteidigen würde. Einer der jungen Männer, ein gewisser Caleb Ben Ezra, tat sich durch ganz besonderen Einsatzwillen hervor, und nachdem er zuletzt gezweifelt hatte, dass dem Vormarsch der Eroberer jemals Einhalt geboten werden konnte, war Bahram nun wieder ein wenig zuversichtlicher geworden.
Die Erinnerungen an die Niederlage von Antiochia und die dunklen Voraussagen des alten Jamal waren im Lauf der vergangenen Monate zusehends verblasst – die Sonnenfinsternis jedoch hatte sie auf einen Schlag wieder zurückgebracht.
Denn selbst wenn man die Vorgänge am Himmel kannte und um ihre Entstehung wusste, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass es ein unheilvolles Omen war.