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17.
Lager der Kreuzfahrer, Akkar
Ende April 1099
»De Rein ist tot? Weißt du das mit Gewissheit?«
Baldric, der zusammen mit Conn von seiner Wachschicht im vordersten Belagerungsring zurückkehrte, schaute Bertrand prüfend ins Gesicht. Die Frage war berechtigt, denn in den Zügen des gedrungenen Normannen spiegelte sich noch immer der Wein, den er am Vorabend mit anderen Kämpen von Herzog Roberts Haufen getrunken hatte.
»Ich kann nur sagen, was ich gehört habe«, berichtete Bertrand, der sich mit einer Hand den noch schmerzenden Schädel hielt. »Ein Soldat aus Renald de Reins Gefolge erzählte mir, dass der Baron vor einigen Tagen dahingeschieden sei.«
»Woran ist er gestorben?«, wollte Conn wissen.
»Es heißt, er wäre vom Pferd gestürzt. Aber wer den alten Mistkerl kannte, der weiß, dass er nicht so leicht aus dem Sattel kippte.«
»Bertrand«, ermahnte Baldric ihn. »Sprich nicht respektlos von einem Toten.«
»Und das sagst ausgerechnet du? Nach allem, was er dir angetan hat?« Bertrand schüttelte das gelockte Haupt. »Tut mir leid, Baldric, aber Renald de Rein wird dadurch, dass er gestorben ist, um keinen Deut besser. Ganz im Gegenteil – die Sonne scheint ein wenig heller, und die Vögel singen ein wenig lauter, seit er nicht mehr unter uns weilt.«
»Versündige dich nicht«, riet Baldric dem Freund und nahm selbst seinen Helm ab, um sich zu bekreuzigen. »De Rein stand bereits vor seinem Richter. Wollen wir hoffen, dass er ihm gnädig war.«
Conn hörte zu und wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte nicht nur de Reins Herrschsucht und Grausamkeit kennengelernt, sondern eine Zeitlang auch in dessen Gunst gestanden. Dennoch hatte er nicht das Gefühl, dem Baron etwas schuldig zu sein, und aus seiner Sicht wäre es Heuchelei gewesen, den Herrn um sein Seelenheil zu bitten. Im Lauf seines Lebens hatte Renald de Rein unzählige Sünden auf sich geladen, nun hatte ihn die Last dieser Sünden ereilt. Für Conn war viel bedeutsamer, welche Folgen sich aus de Reins Tod ergaben.
»Dann wird Guillaume der neue Baron. Das heißt, dass er noch mehr Macht und Einfluss gewinnt«, sagte Conn.
»So ist es«, stimmte Bertrand zu, »deshalb gibt es Gerüchte, die besagen, dass der Baron nicht ganz zufällig aus dem Leben geschieden ist. Einige seiner Leute haben Guillaume im Verdacht, dabei ein wenig nachgeholfen zu haben. Andere verdächtigen Renalds Ehefrau Eleanor … Vielleicht sollten wir unseren Freund Berengar fragen.«
»Was meinst du damit?«, erkundigte sich Conn.
»Berengar hat die Totenmesse gelesen, als man den Baron gestern beisetzte. Wie es heißt, steht er der Baronin nahe.«
Diese Nachricht erregte Conn ungleich mehr als die Nachricht von de Reins plötzlichem Ableben. Was, in aller Welt, hatte Berengar mit den de Reins zu schaffen? Conn ahnte, dass es auf diese Frage nur eine Antwort gab.
Er erinnerte sich deutlich an die Worte Bischof Adhémars, der sich vor den Sektierern um Guillaume de Rein gefürchtet hatte. Was, wenn Berengar deren Nähe gesucht hatte, um doch noch die Möglichkeit zu bekommen, nach der verschollenen Lade zu suchen? Und was, wenn sich Renald de Rein dabei schlicht als Hindernis erwiesen hatte? Conn war sicher, dass Guillaume auch nicht vor Vatermord zurückschreckte, um in den Besitz eines solch kostbaren Schatzes zu gelangen.
Der Gedanke entsetzte ihn so sehr, dass Baldric es ihm ansah.
»Alles in Ordnung, Junge?«
»Natürlich.«
»Was denn?«, feixte Bertrand. »Du wirst dem alten de Rein doch nicht etwa nachweinen, nachdem er dich öffentlich verprügeln ließ und dir um ein Haar das halbe Augenlicht genommen hätte?«
»Das ist es nicht.« Conn schüttelte den Kopf, während sich die Gedanken in seinem Kopf eine wilde Jagd lieferten.
Das Buch von Ascalon.
Das Siegel Salomons.
Die Bundeslade.
Conn spürte plötzlich die Last der Verantwortung auf seinen Schultern und bekam eine Ahnung davon, wie Chaya sich gefühlt haben musste. Sein prüfender Blick glitt von seinem Adoptivvater zu Bertrand – und er beschloss, dass es Zeit war, sein Schweigen zu brechen.
Guillaume de Rein machte kein Hehl aus seinen Empfindungen. Einem Spiegel gleich gaben seine Züge all die Empfindungen wieder, die er in diesen Augenblick in seinem Innersten hegte.
Genugtuung, Habgier, Stolz – und ein Verlangen nach Macht, wie er es noch nie zuvor empfunden hatte, wohl weil er der Verwirklichung all seiner Träume noch nie so nahe gewesen war.
Nicht nur, dass jener grässliche Mensch, der sich sein Vater genannt und ihn sein Leben lang gehemmt hatte, endlich gestorben war; was seine Mutter und der Mönch Berengar ihm soeben eröffnet hatten, übertraf alles, was er sich je erhofft und erträumt hatte!
»Verstehst du jetzt, weshalb die Schriftrolle für uns so wichtig ist, Sohn?«, fragte Eleanor, die in ihrem fließenden Gewand einmal mehr wie ein bleicher Todesengel aussah. Eustace hielt sich hinter ihr, wie immer stumm wie ein Schatten, neben ihr stand der Benediktinermönch, die Kapuze seines Gewandes herabgezogen, so als wollte er Guillaume nicht ins Gesicht sehen.
»Ja«, bestätigte er, »ich verstehe es – auch wenn ich es noch immer kaum glauben kann.«
»Es ist die Wahrheit, Herr«, versicherte Berengar. »Die Lade des Bundes ist in Jerusalem – und demjenigen, der sie findet, winkt reicher Lohn.«
Guillaume nickte. Obwohl er nicht daran glaubte, dass jenem Gegenstand göttliche Kräfte innewohnten, zweifelte er nicht daran, dass die Macht, die von ihm ausging, groß, ja beinahe unermesslich war. Antiochia hatte gezeigt, welche Euphorie der Fund eines einzelnen Speers auszulösen vermochte – um wie vieles mehr würden die Kreuzfahrer da auf eine Reliquie reagieren, die doch um so vieles größer und eindrucksvoller war? Demjenigen, der sie recht für sich einzusetzen wusste, würde die Lade neue Wege öffnen.
Den Weg nach Jerusalem.
Den Weg zur Macht.
Den Weg zum Thron.
Seine Mutter ergiff das Wort. »Du kannst diesen Lohn erlangen, aber der Kampf um die Lade ist noch nicht entschieden.«
»Weshalb erfahre ich erst jetzt davon? Wenn ich es recht verstehe, hat Berengar den Text doch schon vor Monaten übersetzt.«
»Es gab noch einige Rätsel zu klären«, antwortete der Mönch.
»Und nun wurde Euch die Schriftrolle gestohlen, und Ihr erwartet, dass ich sie zurückhole?«
»Es ist nur zu deinem eigenen Nutzen, mein über alles geliebter Sohn«, sagte Eleanor. Ihre Knochenhand berührte ihn sanft an der Schulter. »Bedenke, was geschehen würde, wenn die Lade in falsche Hände fiele.«
Guillaume riss sich von ihr los. Mit hängenden Schultern wie ein Wolf auf der Pirsch ging er auf und ab. »Ihr hättet mich bereits früher über diese Dinge in Kenntnis setzen sollen«, tadelte er. Seine erste Euphorie war bereits verflogen.
»Gewiss, Herr«, erklärte Berengar beflissen. »Aber bitte bedenkt, dass wir nur Euer Bestes im Sinn hatten. Zudem war es mir über all die Zeit hinweg gelungen, das Buch von Ascalon sicher aufzubewahren …«
»… bis dieser verdammte Angelsachse kam und es dir gestohlen hat«, vervollständigte Guillaume schnaubend. Er hob die Hand und betrachtete den Rubinring an seinem Finger. »Dabei wähnte ich diesen nichtswürdigen Crétin bereits unter den Toten.«
»Nein, Herr. Conwulf ist nicht tot, sondern höchst lebendig. Und ich fürchte, dass er sich zu nehmen gedenkt, was Eure Mutter Euch zugedacht hat.«
»Ursprünglich wollten wir bis zur Eroberung von Jerusalem warten und dann nach der Lade suchen«, fügte Eleanor hinzu. »Berengar glaubt herausgefunden zu haben, dass sie sich tief unter dem Tempelberg befindet, in einer unterirdischen Kaverne, deren Zugang eine alte Zisterne bildet.«
»Warum suchen wir diese Kaverne dann nicht einfach auf und holen uns, was uns zusteht?«, fragte Guillaume unwirsch.
»Weil, Herr, der Preis nur von dem errungen werden kann, der das Buch sein Eigen nennt«, antwortete Berengar. »Darin verborgen sind Hinweise, die den Weg zu jener Kammer offenbaren, in der die Lade verborgen ist. Das Buch von Ascalon ist der Schlüssel – ohne ihn kann sie nicht gefunden werden.«
»Dann werde ich das Buch wiederbeschaffen«, knurrte Guillaume entschlossen. »Wohin, sagst du, hat sich der Angelsachse gewandt?«
»Nun, Conwulf brauch jemanden, der das Buch für ihn übersetzt und ihm die Rätsel erschließt, die den Weg zur Lade weisen. Deshalb nehme ich an, dass er die Jüdin aufsuchen wird, in deren Besitz sich das Buch von Ascalon früher befand.«
»Wo ist diese Jüdin?«
»In Acre, Herr. Aber ihren genauen Aufenthalt kenne ich nicht.«
Guillaume blieb stehen. Er hatte das Gefühl gehabt, einen Anflug von Zögern bei dem Benediktiner zu bemerken. »Und? Gibt es jemanden, der ihren Aufenthaltsort kennt?«
»Baldric, Conwulfs Adoptivvater«, antwortete Berengar. »Er war es, der die Jüdin damals nach Acre gebracht hat.«
»Und?«
»Ich habe ihn mehrmals danach gefragt, aber er will es mir nicht sagen«, erwiderte der Mönch mit einer Naivität, die Guillaume beinahe rührte.
»Sei unbesorgt. Ich verfüge über Mittel und Wege, widerspenstige Zungen zu lösen. Ich will diese Jüdin. Und ich will Conwulf. Und ich will diese verdammte Schriftrolle zurück. Die beiden werden es bitter bereuen, sich mit mir angelegt zu haben.«
Der Kapuze wegen konnte er nur die untere Hälfte von Berengars Gesicht sehen, aber auch so war zu erkennen, dass der Benediktiner sich verkrampfte.
»Was ist mit dir? Gefällt dir nicht, was ich sage?«
Der Mönch zögerte nur einen winzigen Augenblick.
»Doch, Herr, natürlich«, versicherte er dann.