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18.
Acre
Mitte Mai 1099
»Und du bist sicher, dass du das wirklich tun willst?«
Baldrics Frage geisterte Conn noch immer durch den Kopf – wohl deshalb, weil er auch jetzt noch keine Antwort darauf hatte. Gewiss, er hatte erwidert, dass seine Entscheidung unverrückbar feststehe und er aus tiefster Überzeugung handle. Doch als die Türme von Acre vor ihm auftauchten, wurde ihm klar, dass das eine Lüge gewesen war.
Er war sich nicht sicher.
Wie sollte er auch?
Weder wusste er, was ihn jenseits der grauen Mauern erwartete, die sich in einem weiten Halbkreis an die tiefblaue See schmiegten, noch ob er jemals zurückkehren würde.
»Bei allen Mächten des Himmels, Conwulf! Weißt du das alles mit Bestimmtheit?«
Conn hatte das Schweigen nicht länger ertragen. Die Enthüllung, dass sich der verräterische Berengar mit den de Reins verbündet hatte, hatte sein Wissen von einem Augenblick zum anderen zur Last werden lassen, und er hatte das dringende Bedürfnis verspürt, es mit jemandem zu teilen. Folglich hatte er Baldric und Bertrand die Wahrheit über das Buch von Ascalon berichtet, freilich ohne zu ahnen, wie sie darauf reagieren würden.
Mit wachsendem Unglauben hatten die beiden Normannen seinem Bericht gelauscht, bis hin zu jener bestürzenden Enthüllung, die das Geheimnis der Schriftrolle betraf. Das eine Auge vor Staunen weit aufgerissen, hatte sich Baldric bekreuzigt.
»Wundersame Dinge geschehen in diesen Tagen«, hatte er gesagt.
»Du schenkst meinen Worten Glauben?«, hatte Conn gefragt. »Zweifelst du denn gar nicht?«
»Warum sollte ich, Conwulf? Von dem Augenblick an, da ich dich zum ersten Mal erblickte, verletzt und reglos im Schlamm liegend, da war mir klar, dass mir der Herr etwas sagen wollte, indem er dich sandte. Und in der Zeit, die seither verstrichen ist, ist mir eines offenbar geworden, mein Junge – dass du eine wichtige Rolle in der Vorsehung des Allmächtigen spielst, sonst wärst du dem Tode nicht so oft entronnen. Wie häufig schon hätte der Herr dich in seiner Weisheit zu sich rufen können, aber er hat es nicht getan. Warum wohl? Hast du dir diese Frage jemals gestellt?«
Conn hatte sich diese Frage gestellt, und nicht nur einmal. Aber bis auf die wenigen Male, in denen er das Gefühl gehabt hatte, Teil eines großen Ganzen zu sein, war es ihm stets so vorgekommen, als ob sich Gott einen Scherz mit ihm erlaube und das Schicksal Freude daran fände, ihm all das zu nehmen, was ihm lieb und teuer war.
Dass all dies einem höheren Ziel dienen könnte, hatte er nicht zu hoffen gewagt – aber was, wenn Baldric recht hatte? Wenn sich Gottes Walten tatsächlich in jenem Gegenstand widerspiegelte, der aus dem Dunkel der Zeit wieder aufgetaucht war? Und wenn es Conns Schicksal war, danach zu suchen und ihn zu finden?
»Die Dinge, von denen du sprichst, sind vor langer Zeit geschehen. Weder bin ich ein Gelehrter noch ein Mann der Kirche, aber auch ich weiß, dass die Lade des Bundes von unermesslichem Wert ist und dass es kein Zufall sein kann, wenn sie in diesen Tagen auftaucht, da wir unseren Fuß auf heiligen Boden setzen. Es muss etwas zu bedeuten haben, Conwulf. Der Herr wollte, dass du von der Lade weißt. Und Er will auch, dass du dich dieser Verantwortung stellst.«
Baldrics Worte hatten Conn genau dort getroffen, wo seine Zweifel saßen. Er hatte geglaubt, dass sich mit dem Tode Bischof Adhémars die Sache für ihn erledigt hätte und er sich der Aufgabe nicht zu stellen bräuchte. Sein Gewissen jedoch hatte ihn über all die Monate nicht zur Ruhe kommen lassen. Sein Körper war geheilt, und durch die endlosen Waffenübungen zu Fuß und zu Pferde, die Baldric ihm den Winter über hatte angedeihen lassen, war Conn gestählt aus jenen Tagen hervorgegangen, in denen sein Leben am seidenen Faden gehangen hatte. Sein Gewissen jedoch hatte tiefe Narben davongetragen – und in dem Augenblick, da er von Berengars Nähe zu den de Reins erfuhr, waren sie aufgebrochen wie eine alte schwärende Wunde.
»Was soll ich tun, Vater?«, hatte er Baldric gefragt.
»Was der Herr dir aufgetragen hat. Gehe nach Jerusalem und suche, was seit langer Zeit verschollen ist. Es ist dir bestimmt.«
»Aber ich weiß nicht, wo ich suchen soll. Weder befindet sich das Buch von Ascalon in meinem Besitz, noch wäre ich in der Lage, seine Hinweise zu deuten. Nur Berengar kann es, und er hat sich mit meinen Todfeind verbündet. Wenn Guillaume de Rein in den Besitz der heiligen Lade gelangt, wird er sie zu seinen Zwecken missbrauchen.«
»Da dies nicht geschehen darf, bleibt dir nur eine Wahl. Aber das hast du ja vermutlich schon die ganze Zeit über gewusst, nicht wahr?«
Conn hatte es gewusst.
Es war der Grund dafür, dass sein Ritt ihn nicht unmittelbar nach Jerusalem, sondern als Pilger getarnt an der Meeresküste entlang über Sidon und Tyros nach Acre geführt hatte. Chaya war hier, und ohne ihre Hilfe konnte er seine Mission nicht erfüllen.
Es war seine Chance.
Und seine Buße.
Als er sein Pferd die Straße hinunter- und auf das große Stadttor zulenkte, spürte er, wie sich das Kribbeln in seinem Bauch verstärkte. Er war nun fast da. Anders als Antiochia war Acre nicht von Land umgeben, sondern lag unmittelbar am Meer, zu dem es sich in einem weiten, von Felsen gesäumten Hafen öffnete. Wind zerrte beständig an den Mauern und Türmen und hatte das graue Gestein verwittern lassen, die Luft roch nach Salz und Seetang.
Da die Stadt – wie die meisten Küstensiedlungen Palästinas – nicht dem Herrschaftsbereich des seldschukischen Sultans angehörte, sondern dem des in Ägypten residierenden Kalifen, lag sie mit den Kreuzfahrern nicht im Krieg; Conn durfte das Stadttor ungehindert passieren, allerdings entgingen ihm nicht die misstrauischen Blicke, mit denen die Wachen ihn beäugten. Händler aus dem Norden waren selten geworden in diesen Tagen, Pilger noch viel seltener.
Obwohl die Fatimiden noch nicht recht daran glaubten, dass die Kreuzfahrer bis in ihren Einflussbereich vordringen könnten, entging Conn nicht, dass Vorbereitungen zur Verteidigung getroffen wurden. Überall in den Straßen, die sich zwischen den terrassenförmig angelegten und von hohen Kuppeln bedachten Häusern erstreckten, waren Bewaffnete anzutreffen, nicht nur Soldaten der örtlichen Garnison in ihren orangefarbenen Mänteln, sondern auch Angehörige der Bürgerwehr. Und auf den Mauerzinnen sah Conn, wie Steinschleudern errichtet wurden und andere, eigenartig anmutende Gebilde, deren Bestimmung er jedoch nicht erkennen konnte. Womöglich, sagte er sich schaudernd, dienten sie dazu, vernichtendes naft auf etwaige Angreifer zu schleudern – das gefürchtete Griechische Feuer.
»Ich werde gehen, Vater«, hatte Conn Baldric seinen Entschluss mitgeteilt. »Ich werde gehen und mich dem Schicksal stellen.«
»Aus welchem Grund, Conwulf? Dem Allmächtigen zu Ehren? Um dich an Guillaume de Rein zu rächen? Oder weil du dir erhoffst, in Chayas Augen Verzeihung zu finden?«
Die Antwort auf diese Frage hatte Conn noch immer nicht gefunden, denn in seinen Augen hing all dies untrennbar zusammen. Er hatte gelobt, Nias Tod zu rächen, aber im Angesicht Gottes würde er nur dann Vergebung finden, wenn auch Chaya ihm verzieh – und es konnte kein Zufall sein, dass all dies zusammenfiel.
Die Lade war der Schlüssel.
»Ich werde nicht versuchen, dich aufzuhalten, Sohn. Niemand soll sagen, dass der alte Baldric nicht aus seinen Fehlern lernt, deshalb werde ich dich diesmal nach Kräften unterstützen. Ich werde dir helfen, zurückzubekommen, was dein ist. Und ich werde dich nach Acre begleiten. Ich bin schon einmal dort gewesen und kenne den Weg.«
»Nein, Vater!«
»Willst du meine Hilfe abweisen? Nachdem sie dir in der Vergangenheit stets so gelegen kam?«
Natürlich hatte Baldric recht gehabt. Oft genug hatte Conn in der Vergangenheit nur deshalb überlebt, weil sein Adoptivvater ihm im entscheidenden Augenblick zur Seite stand, einem Schutzengel gleich, den der Herr ihm gesandt hatte. Dieses Mal jedoch wollte Conn allein gehen – nicht aus falsch verstandenem Stolz, sondern weil er nicht wollte, dass Baldric sich seinetwegen in Gefahr brachte. Es war Conn gewesen, der Chayas Nähe gesucht und Berengar damit auf die Spur des Buchs von Ascalon gebracht hatte – also hatte allein er auch die Folgen zu verantworten.
»Und du bist sicher, dass du das wirklich tun willst?«, hallte die Frage erneut durch sein Bewusstsein.
Nein, Conn war sich nicht sicher, noch nicht einmal jetzt, da er vom Rücken seines Pferdes gestiegen war und es am Zügel durch immer schmaler werdende Gassen führte, dem jüdischen Viertel entgegen. Dennoch war er aufgebrochen, des Nachts und ohne Baldric darüber in Kenntnis zu setzen – genau wie Chaya es getan hatte, damals vor Antiochia. Nun endlich konnte er sie verstehen und hoffte, dass auch Baldric ihn recht verstehen würde.
Acre schien geradewegs aus den Felsen geschlagen worden zu sein, die sich entlang der Küste erhoben – ein Meer aus steinernen Häusern, zwischen denen sich steinerne Brücken spannten. Die Gassen selbst wurden von ausladenden Vordächern beschattet, sodass auch am hellen Tag schummriges Halbdunkel herrschte. Ladenhöhlen säumten die Gassen, in denen Menschen mit von Sonne und Wind gegerbten Gesichtern und Turbanen auf den Köpfen kauerten, und viele der Waren, die von ihnen feilgeboten wurden, hatte Conn noch nie gesehen.
Er fand die Synagoge, einen unscheinbaren, im alten Teil der Stadt gelegenen Bau. Das Haus des Tuchhändlers befand sich in unmittelbarer Nähe. Als Conn es erreichte, vernahm er das Geschrei eines Säuglings, das aus einem der halbrunden Fenster drang. Sein Herz klopfte unwillkürlich schneller.
Was dann geschah, bekam er nur am Rande mit.
Nun, da er ihre Nähe bereits fühlen konnte, fieberte er dem Wiedersehen mit Chaya so gespannt entgegen, dass alles andere darüber an Bedeutung verlor. Wie würde sie reagieren? Würde sie sich über seinen Besuch freuen? Und was würde sie sagen, wenn er ihr die Wahrheit gestand? Weder nahm Conn bewusst wahr, wie man ihm die Tür öffnete, noch wie er über eine schmale steinerne Treppe nach oben stieg. Seine Zeit ging erst weiter, als er in einer unscheinbaren kleinen Kammer stand und Chaya in die Augen blickte.
Weder um der Gerechtigkeit noch um seines Schicksals willen hatte er den weiten Weg auf sich genommen, das wurde ihm in diesem Moment klar. Er war einzig und allein ihretwegen hier.
»Conn!«
Sie kam auf ihn zu und fasste seine Hände. Als er allen früheren Beteuerungen zum Trotz Wiedersehensfreude in ihren Augen aufflackern sah, zog er sie an sich und küsste sie. Von der Macht des Augenblicks überwältigt, erwiderte sie seine Zärtlichkeit, bis ihr zu dämmern schien, was sie tat – und sie sich abrupt von ihm löste.
»Woher …?«, fragte sie, mit bebenden Händen nach ihren Lippen tastend, so als hätten sie eine verbotene Frucht gekostet.
»Aus Akkar«, gab Conn zur Antwort. Er konnte ihr ansehen, wie bestürzt und verwirrt sie war, und es tat ihm leid. Anders als er hatte sie keine Zeit gehabt, sich auf dieses Treffen vorzubereiten.
»Akkar«, wiederholte sie verständnislos.
»Die Kreuzfahrer haben Antiochia verlassen und sind weiter nach Süden gezogen. Ihr Ziel ist Jerusalem.«
»Ich weiß. Ich habe davon gehört, aber ich …«
Sie unterbrach sich, als plötzlich helles Geschrei erklang. Erst jetzt sah Conn die kleine Wiege, die ganz hinten in der Kammer stand. Mit aufgeregt pochendem Herzen trat er vor, um einen Blick auf das Kind zu erhaschen, das darin lag.
Sein Kind …
Conn wusste nicht, ob der strampelnde Knabe, der seine Hände zu kleinen Fäusten geformt hatte, ihm in irgendeiner Weise ähnlich sah. Aber eine Woge der Zuneigung erfasste ihn, als er das kleine Geschöpf erblickte.
»Willst du ihn halten?«, fragte Chaya leise.
Conn nickte zögernd, worauf sie sich hinabbeugte und das Kind aus der Wiege nahm. Im nächsten Moment hielt Conn den Kleinen selbst im Arm.
»Mein Kind«, flüsterte er und merkte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten, überwältigt von dem kleinen zerbrechlichen Wesen, das zu ihm heraufschaute.
Chaya beobachtete Conn, der Anblick schien sie glücklich und traurig zugleich zu machen.
»Geht es dir gut?«, fragte sie.
»Ja, was ich nur dir verdanke.«
»Du bist gekommen, um dich zu bedanken?«
Er küsste das Kind sanft auf die Stirn, dann gab er es ihr zurück. »Ja und nein. Ich bin hier, weil ich dir etwas gestehen muss, Chaya. Es wäre einfacher, es dir zu verschweigen, denn vermutlich würdest du die Wahrheit niemals erfahren. Aber das will ich nicht.« Er schaute sie direkt an. »Ich will ehrlich zu dir sein. Das bin ich dir schuldig nach allem, was du für mich getan hast.«
»Du machst mir Angst, Conn«, gestand sie, während sie den Knaben sanft zurück in die Wiege bettete. »Wovon sprichst du?«
»Das Buch von Ascalon. Ich weiß, wo es ist.«
»Du weißt es?«
Conn nickte. Ihr Blick war so voller Unverständnis, dass ihm das Weitersprechen schwerfiel. »Dies zu erfahren wird nicht einfach für dich sein, aber ich bitte dich, mich zu Ende berichten zu lassen.«
Nun war es Chaya, die wortlos nickte. Die Zuneigung jedoch, die Conn eben noch in ihren Zügen zu erblicken glaubte, war blanker Verunsicherung gewichen.
»In jener Nacht, der Nacht vor dem Abschied, als wir am Strand zusammen waren, hat jemand unser Vertrauen und unsere Freundschaft auf schändliche Weise missbraucht. Heimlich hat er uns beobachtet, sich dann im Schutz der Nacht angeschlichen und das Buch an sich genommen.«
»Wer?«, fragte Chaya, ihrer Zusicherung zum Trotz.
»Berengar. Er hatte dich beobachtet und wusste von dem Buch. Und als der Augenblick günstig war, hat er es gestohlen.«
»Also doch«, sagte Chaya voller Bitterkeit.
»Ich wusste nichts davon. Als ich Berengar deswegen zur Rede stellte, hat er mich dreist belogen …«
»… und du hast ihm geglaubt?«
»Warum auch nicht? Ich glaubte, Berengar wäre mein Freund. Außerdem ist er ein Mann der Kirche.«
»Hättest du ihm auch geglaubt, wenn er ein Jude wäre?«, fragte Chaya spitz und machte damit klar, dass es im Grunde um sehr viel mehr ging als um den Streit zweier Menschen.
Conn biss sich auf die Lippen. Es stimmte, er war nur zu bereit gewesen, Berengars Worten Glauben zu schenken. Aber dafür gab es Gründe, und sie hatten nichts mit Religion zu tun. »Ich wusste nicht, was ich denken sollte«, verteidigte er sich. »Immerhin warst du über Nacht verschwunden, ohne ein Wort des Abschieds oder …«
»Das ist nicht wahr!«, widersprach sie heftig. »Als ich das Lager verließ, traf ich Berengar, und ich bat ihn, dir auszurichten …« Die Worte erstarben ihr auf den Lippen, als ihr aufging, wie töricht und naiv sie gewesen war. »Er hat nichts gesagt, oder?«
»Nein«, gestand Conn ein, während ihn ohnmächtiger Zorn auf den Benediktinermönch packte. Nicht nur, dass Berengar ihn dreist bestohlen und hintergangen hatte – er hatte ihn auch in seinem Sinne beeinflusst und ihn in gewisser Weise gezwungen, zwischen Chaya und ihm zu wählen. Und ob bewusst oder unbewusst, Conn war darauf eingegangen.
»Was geschehen ist, ist geschehen«, sagte er leise, »ich kann es nicht mehr verhindern. Aber ich kann versuchen, das entstandene Unrecht wiedergutzumachen.«
»Wie?«, fragte sie. »Du hast doch überhaupt keine Ahnung, worum es in dem Buch eigentlich …«
»Um ein Geheimnis aus alter Zeit«, fiel Conn ihr ins Wort. »Um einen Schrein, gebaut, um den Bund zwischen Gott und den Menschen zu besiegeln. Die Lade des Bundes.«
»Du … du weißt es?«
Chayas Unverständnis, ihre Wut und ihre Enttäuschung schlugen in Entsetzen um.
»Berengar ist eurer Sprache mächtig, wie du weißt. Er hat das Buch übersetzt und kennt das Geheimnis. Und er weiß auch, dass die darin versteckten Rätsel Hinweise auf den Verbleib der Lade geben – und er hat vor, in Guillaume de Reins Auftrag danach zu suchen.«
»Guillaume de Rein.« Sie schien sich an den Namen zu erinnern. »Das ist der Ritter, der deine Geliebte getötet hat.«
»Ja, Chaya, ein Mann ohne Gewissen. Wenn er in den Besitz der Lade gelangt …«
»… ist das Schicksal des Volkes Israel besiegelt«, flüsterte sie mit leerem Blick, der den Untergang des Hauses Jakob bereits heraufdämmern zu sehen schien. »Und ich bin schuld daran.«
»Nein«, sagte Conn entschieden. »Berengar ist es gewesen, ihn trifft alle Schuld. Aber wir können verhindern, dass er triumphiert.«
»Was willst du tun?«
»Mit deiner Hilfe selbst nach der Lade suchen und sie vor ihm finden.«
»Und dann? Willst du sie meinem Volk geben?«
»Das kann ich nicht, und wenn du das Buch gelesen hast, dann weißt du auch warum. Von einem neuen Jerusalem ist darin die Rede, von einem neuen Tempel – wenn das geschieht, so bedeutet dies, dass die Pilgerfahrt der Kreuzfahrer scheitern wird und unzählige meiner Freunde und Kameraden den Tod finden werden.«
»Also steht das Überleben meines Volkes gegen das Überleben deiner Leute«, fasste Chaya mit erschreckender Sachlichkeit zusammen.
»Nicht unbedingt. Es gibt einen dritten Weg.«
»Tatsächlich?«
»Wir könnten die Lade der Obhut der Kirche übergeben«, sagte Conn, wobei er sich darüber im Klaren war, wie irrsinnig sich dieser Vorschlag in ihren Ohren anhören musste.
Prompt lachte Chaya bitter auf. »Wo ist der Unterschied?«, fragte sie. »Die Lade des Bundes ist ein Schatz von unermesslichem Wert und eine Quelle noch größerer Macht, Conwulf! Glaubst du, eure Kirchenmänner könnten der Versuchung widerstehen, sie zu benutzen?«
»Das denke ich allerdings«, versicherte Conn in Erinnerung an Adhémars Versprechen, »denn der Kirche kann nicht daran gelegen sein, dass weltliche Fürsten von der Lade Kenntnis erlangen. Zu groß ist ihre Furcht, dadurch selbst entmachtet zu werden. Die Lade soll nach Rom gebracht und an einem geheimen Ort verborgen werden, das hat mir der Bischof von Le Puy persönlich versichert.«
»Und seinem Wort soll ich vertrauen?« Ein bitteres Lächeln spielte um Chayas Züge. »Wo ich herkomme, haben Juden den Fehler begangen, Bischöfen und anderen kirchlichen Würdenträgern zu vertrauen – und dafür mit dem Leben bezahlt. Was, denkst du, habe ich daraus gelernt?«
»Ich weiß, dass ich viel verlange. Aber bedenke, dass auch Berengar und Guillaume de Rein auf der Suche nach der Lade sind – und sie haben das feste Ziel, sie zu ihren Zwecken zu missbrauchen. Die Zeit drängt, Chaya.«
»Was versuchst du mir zu sagen? Dass ich keine Wahl habe, als mich deinem Vorschlag zu beugen? Nachdem deine Leute es uns gestohlen haben, sollen wir Juden auf etwas verzichten, das von alters her uns gehört?«
»So habe ich es nicht gemeint«, erwiderte Conn kopfschüttelnd. Er suchte nach Worten, mit denen er seine Gedankengänge erklären, ihr seine Befürchtungen mitteilen konnte, aber er merkte, dass ihr Scharfsinn dem seinen weit überlegen war. Obschon er gewusst hatte, dass es schwer werden würde, Chaya die Wahrheit zu sagen, hatte er es sich um vieles einfacher vorgestellt.
»Wenn die Lade wirklich so mächtig ist, wie es geschrieben steht«, unternahm er einen letzten, fast verzweifelten Versuch, »dann darf sie nicht in die Hände von jemandem gelangen, der sie zu Kriegszwecken benutzt, denn nur noch mehr Tod und Sterben wäre die Folge, und das war es sicher nicht, was dein Vater wollte.«
»Sprich nicht von meinem Vater, Conn«, sagte sie ihm mit bebender Stimme. »Du hast ihn nicht gekannt.«
»Gut genug, um zu wissen, dass er ein Mann des Friedens war und dass er Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe verurteilt hat oder ihrer Religion.«
»Das tue ich auch nicht«, versicherte sie.
»Ich weiß.« Conn nickte und sah ihr tief in die Augen. »Deshalb bin ich hier, und ich bitte dich, mir zu vertrauen. Die Kreuzfahrer sind auf dem Weg nach Süden. Sie werden Jerusalem einnehmen, bis dahin muss die Lade gefunden sein. Ist sie das nicht, werden Dinge geschehen, die … alle bisherigen Gräuel noch weit übertreffen werden.«
»Und – was wird aus meinem Volk?«
Conn wollte etwas erwidern, als plötzlich die Tür der Kammer aufgerissen wurde – und kein anderer als Caleb auf der Schwelle stand. Das Lächeln auf seinen Zügen erstarb, als er Conn erblickte.
»Du?«, fragte er nur. Dann griff seine Rechte auch schon nach dem Orientalenschwert in seiner Schärpe. »Was willst du hier? Hast du noch nicht genug Schaden angerichtet?«
Conn wollte sich erklären, doch der andere zückte die Klinge, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als zurückzuweichen. Unter seinem Umhang trug Conn ein kurzes Schwert, mit dem er sich verteidigen konnte, aber er wollte nicht kämpfen. Wenn er es tat, hatte er in jedem Fall verloren …
»Caleb, nicht!«, rief Chaya.
»Du hättest nicht kommen sollen, Christ«, beschied er Conn – und stieß einen lauten Schrei auf Hebräisch aus.
Daraufhin wechselten Chaya und ihr Cousin ein paar Worte in ihrer Sprache – und im nächsten Moment waren draußen auf der Gasse hektische Schritte zu hören. Conn erkannte, dass Caleb Verstärkung gerufen hatte.
»Aber nein, ihr missversteht mich!«
»Was gibt es da zu misszuverstehen, Conn?«, fragte Chaya, und es schien ihr fast das Herz aus der Brust zu reißen. »Du hast deine Entscheidung getroffen. Du weißt, auf wessen Seite du stehst – und ich weiß es auch. Verzeih mir, ich kann nicht anders.«
»Aber ich bin auf eurer Seite«, versicherte Conn, während von unten dumpfes Gerumpel heraufdrang. »Ich habe etwas dabei, das …«
Caleb rief abermals, und es waren Schritte auf den Stufen zu hören. Conn war klar, dass ihm keine Zeit mehr blieb. Entweder er verschwand, oder er würde in wenigen Augenblicken ein Gefangener sein.
Er war bereits bis zum Fenster zurückgewichen. Rasch fuhr er herum und sprang auf die Fensterbank.
»Du irrst dich in mir«, versicherte er Chaya.
»Ich fürchte nein«, erwiderte sie.
Die Tür flog krachend auf, die Wachen der Bürgerwehr stürmten herein – und Conn sprang in die Tiefe.