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20.
Nördlich von Sidon
Abend des 19. Mai 1099
Der Marsch war fortgesetzt worden.
Von Akkar aus, dessen erfolglose Belagerung man Mitte des Monats endgültig aufgegeben hatte, waren die Kreuzfahrer weiter nach Süden marschiert. Der Emir von Tripolis hatte ihnen, wohl unter dem Eindruck dessen, was in Antiochia geschehen war, nicht nur freies Geleit durch sein Gebiet zugesichert, sondern sie darüber hinaus auch mit Gold, Proviant und Geschenken überhäuft, die die Kämpfer des Herrn davon abhalten sollten, plündernd über die Ländereien des Emirs herzufallen.
Auf diese Weise war man rasch weiter vorgestoßen und hatte am Mittag jenen Wasserlauf überquert, den man »Hundefluss« nannte und der das Herrschaftsgebiet der seldschukischen Emire gegen das des Kalifen von Kairo abgrenzte. Ob von den fatimidischen Soldaten mehr Widerstand zu erwarten war als von den Türken, wusste Guillaume de Rein nicht zu sagen – sein Entschluss, nach Jerusalem zu gehen und die Macht dort an sich zu bringen, stand unverrückbar fest. Wer auch immer sich ihm in den Weg stellte, würde dafür mit dem Leben bezahlen.
Ungerührt hatte Guillaume zugesehen, wie sich das glühende Eisen in lebendes Fleisch gebohrt hatte, gleichgültig hatte er den Schreien gelauscht, die von der Decke der Höhle widerhallten, die sich ein Stück nordwestlich der Heerlagers befand. Als Anführer der Bruderschaft war er beides gewohnt, doch diesmal waren es keine neuen Waffenbrüder, die der Gemeinschaft beitreten wollten und die man dem schmerzhaften Eingangsritual unterzog.
»Wie also steht es nun?«, fragte er den Mann, der vor ihm auf dem Boden lag, Arme und Beine weit von sich gestreckt und an hölzerne Pfähle gefesselt, die man in den sandigen Boden geschlagen hatte. »Wirst du dein Schweigen nun beenden? Oder muss ich damit anfangen, dir wirklichen Schmerz zuzufügen?«
Der Atem des Gefangenen ging hechelnd. Sein nackter, von Schweiß glänzender Oberkörper war an Brust und Rippen von üblen Brandwunden entstellt, die ihm einer der Folterknechte beigebracht hatte, die die Kapuzen der Bruderschaft trugen. Guillaume selbst hatte auf die Maskerade verzichtet. Er rechnete ohnehin nicht damit, dass der Gefangene die Höhle noch einmal lebend verlassen würde. Und wenn, was vermochte ein alter, ehrloser Ritter dem Baron de Rein schon anzuhaben?
Der Gefangene schaute zu ihm auf. Sein linkes Auge fehlte, statt seiner klaffte nur ein dunkles Loch in seinem Schädel. Das andere starrte Guillaume in unverhohlener Abneigung an.
»Sieh mich nicht so an«, meinte dieser unbeeindruckt. »Du selbst trägst Schuld an deinem Schicksal, Baldric. Verrate mir, wo Conwulf steckt, und du bist frei.« Der alte Kämpe fletschte die Zähne wie ein Raubtier. Das Sprechen fiel ihm schwer angesichts der Qualen, die er durchlitten hatte, ein kehliges Krächzen brachte er aber dennoch zustande.
»Geh zum Teufel, Guillaume de Rein.«
»Wie du willst.« Guillaume nickte und gab seinem Folterknecht abermals ein Zeichen. Der Vermummte, ein junger Ritter aus dem Vexin, der für die Sache der Bruderschaft brannte und es nicht abwarten konnte, sich zu bewähren, befolgte den Befehl ohne Zögern – und Baldric schrie abermals, als die Spitze des glühenden Eisens sich in seine linke Schulter bohrte. Zischender Dampf stieg auf, der nach verbranntem Fleisch und Blut stank, und der Ritter schmetterte seinen Hinterkopf mehrmals auf den Boden, um mit der Qual irgendwie fertig zu werden. Sein Schweigen jedoch brach er auch diesmal nicht.
»Dein Starrsinn wird dir nicht weiterhelfen, alter Mann«, knurrte Guillaume. »Seit Tagen schon hältst du uns zum Narren, aber in dieser Nacht wirst du dein Schweigen brechen, so wahr ich vor dir stehe!«
Baldric bleckte die Zähne zu einem Grinsen. Dass es in seinem schmerzverzerrten, rußgeschwärzten Gesicht ganz und gar nicht wie ein Grinsen aussah, war Guillaume einerlei. Allein die Tatsache, dass sich der Mann, der sich seit nunmehr einer Woche in seiner Gewalt befand, noch immer beharrlich weigerte, ihm den genauen Aufenthalt des Angelsachsen Conwulf zu verraten, jagte unbändigen Zorn durch Guillaumes Adern.
Anfangs hatten sie ihn nur verprügelt, dann zu Peitsche und Stock gegriffen. Schon bald hatte sich jedoch gezeigt, dass auch dies nicht verfing und Baldric sich eher würde totschlagen lassen, als seinen Adoptivsohn zu verraten. Also war Guillaume darauf verfallen, den Gefangenen mit Glut und Feuer zu bearbeiten, aber auch diese Methode hatte bislang nicht den erwünschten Erfolg gezeitigt. Im Gegenteil, Baldric erdreistete sich noch, ihm offen ins Gesicht zu lachen, und das, obwohl ihnen die Zeit unter den Händen zerrann.
Mit jedem Tag, den sich die Kreuzfahrer Jerusalem näherten, wuchs Guillaumes Verlangen nach dem Schatz, der dort seit Jahrtausenden ruhte – aber mit jedem Tag wuchs auch die Gefahr, dass seine Feinde ihm womöglich zuvorkamen. Es musste ihm gelingen, das Buch von Ascalon wieder in seinen Besitz zu bringen, und weder ein angelsächsischer Dieb noch ein einäugiger alter Narr würden ihn daran hindern!
In einem jähen Entschluss riss er seinen Dolch aus dem Gürtel, beugte sich zu Baldric hinab und hielt die Klinge so, dass die Spitze auf sein verbliebenes Auge deutete. »Vielleicht sollte ich dir auch noch das andere Auge ausstechen.«
»Vielleicht«, gab der Gefangene krächzend zurück. »Diese Augen haben ohnehin zu viel Unrecht gesehen.«
»Wie du willst.« Guillaume senkte die Klinge, bis sie fast den Augapfel berührte. »Aber bedenke, alter Mann, dass du ein blinder Krüppel bist, wenn ich das Werk meines Vaters vollende.«
»Der Baron war nicht dein Vater. So wenig wie du sein Sohn bist.«
Guillaume war wie vom Donner gerührt.
Furchtsam spähte er nach vermummten Anhängern, aber der Gefangene hatte so leise gesprochen, dass ihn niemand sonst verstanden hatte.
»Woher weißt du das?«, zischte Guillaume.
Baldric lachte auf. »Jeder weiß es. Deine Mutter, Guillaume de Rein, ist eine Hure – und du bist der verkommene Spross einer Hure.«
Er musste husten, worauf sich sein gepeinigter Körper verkrampfte. Guillaume jedoch fühlte sich in keiner Weise besänftigt.
Jeder weiß es.
Baldrics Worte wirkten wie ein Gift, vergällten ihm vom einen Augenblick zum anderen die Freude an den glänzenden Aussichten, die sich ihm boten. Erneut blickte er zu seinen Leuten, doch unter den Kapuzen herrschte Schwärze, sodass nicht zu erkennen war, was in ihren Mienen vor sich ging. Was, wenn Baldric recht hatte? Wenn alle wussten, dass er nicht Renald de Reins legitimer Erbe war? Wenn sie heimlich mit Fingern auf ihn zeigten und hinter seinem Rücken lachten?
Unbändige Wut packte ihn, die das Messer in seiner Hand erbeben ließ. Kurz entschlossen setzte er die Spitze an Baldrics Kehle, bereit, dessen Lästermaul verstummen zu lassen, doch ein Blick in das verbliebene Auge des alten Kämpen ließ ihn innehalten. Nur Spott war darin zu lesen, aber keine Furcht, und Guillaume begriff, dass er genau das zu tun im Begriff war, was Baldric von ihm wollte. Der alte Fuchs hatte es darauf angelegt, dass er zustieß. Ein Mund, der nicht mehr lästerte, verriet auch keine Geheimnisse.
Es kostete Guillaume unsagbare Überwindung, seiner Wut nicht nachzugeben und den Gefangenen am Leben zu lassen, aber die Vernunft obsiegte schließlich.
»Nein«, stieß er hervor, während er sich wieder aufrichtete und den Dolch zurücksteckte, »so einfach werde ich es dir nicht machen, alter Mann. Früher oder später wirst du mir verraten, wo sich dein Ziehsohn versteckt hält.«
Baldric spuckte das Blut aus, das sich in seinem Mund angesammelt hatte. »Nein, das werde ich nicht.«
Guillaume verzog den Mund zu einem grausamen Lächeln, denn in diesem Augenblick kam ihm ein ganz neuer Gedanke.
»Doch, doch. Du wirst.«
Garnison von Acre
Zur selben Zeit
»Und er hat kein Wort gesagt?«
Hassan al-Kubh, der qa’id von Acre, schaute Bahram prüfend an. Al-Kubh war in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil von Fürst Duqaq: kein Edelmann, dessen Befehlsgewalt allein auf seiner Herkunft gründete, sondern ein altgedienter Soldat, der ähnlich viele Schlachten geschlagen hatte wie Bahram selbst. In den Diensten des Kalifen und des Statthalters hatte er sich emporgedient und es zum Kommandanten der Garnison von Acre gebracht, über die er mit Weisheit und Strenge gebot; und da auch die ahdath genannte Bürgerwehr seinem Befehl unterlag, war er der neue Dienstherr von Bahram.
»Nein, Herr«, erwiderte Bahram kopfschüttelnd.
Al-Kubh, im lilafarbenen Gewand des militärischen Würdenträgers, ging in seinem Amtszimmer auf und ab. »Habt Ihr die Folter angwandt?«, fragte er schließlich.
»Ja, Herr. Aber der Gefangene hat nichts gesagt. Und ich glaube nicht, dass er uns etwas verschweigt.«
»Was wollt Ihr damit sagen, Hauptmann?« Der qa’id blickte ihn herausfordernd an, jedoch ohne Argwohn. Anders als in Damaskus versahen in den fatimidischen Garnisonen viele armenische Christen ihren Dienst, und anders als in Syrien war man den Kreuzfahrern noch nicht im offenen Kampf gegenübergestanden.
»Ich glaube nicht, dass jener Mann ein feindlicher Spion ist«, sagte Bahram. »Wäre er es, so hätte er es bereits gestanden.«
»Was macht Euch so sicher? Vielleicht habt Ihr nur nicht die richtigen Mittel eingesetzt?«
»Die Folter ist ein Schwert mit zwei Schneiden, Herr. Sie vermag Münder zu öffnen, doch nicht die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.«
Al-Kubh lächelte matt. »Ihr denkt, der Franke könnte möglicherweise alles gestehen, nur um von den Qualen erlöst zu werden.«
»Ja, Herr – und er ist ein Engländer. Kein Franke.«
»Ein Engländer.« Der qa’id ging zu dem schmalen Fenster, durch das man auf das von zwei mächtigen Türmen bewachte Hafenbecken blickte. Nur wenige Schiffe lagen vor Anker, die meisten aus Ägypten. Aus dem Norden trafen in diesen Tagen nur noch wenige Segler ein. Der Krieg, der dort tobte, begann sich bemerkbar zu machen. »Ich verstehe nicht, was diese Menschen antreibt, Hauptmann. Wieso haben sie Boote bestiegen, um so fern von ihrer kalten Heimat Krieg
zu führen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Ich hatte gehofft, von diesem … diesem Engländer ein paar Antworten zu erhalten, die ich dem Wesir weitergeben kann. Anfangs hat niemand von uns diese Kreuzfahrer als Bedrohung erachtet. Die Berater des Kalifen waren sogar der Ansicht, dass sie angesichts der Bedrohung durch die Seldschuken eher unsere Verbündeten wären als unsere Feinde. Seit Antiochia jedoch dürfte auch der letzte von des Kalifen kurzsichtigen Beratern erkannt haben, dass diese Christen sehr wohl eine Bedrohung darstellen, nicht nur für die Türken, sondern für das gesamte Morgenland. Und über diese Bedrohung muss ich mehr in Erfahrung bringen, wenn ich diese Stadt wirksam verteidigen soll.«
»Auch ich würde das gerne, Herr, aber ich fürchte, der Engländer kann uns nichts darüber sagen.«
»Warum ist er dann nach Acre gekommen?«
»Das will er nicht verraten. Er sagt, dass ihn ein Versprechen bindet. Ich vermute, dass es mit jener Schriftrolle zusammenhängt, die er unter seinem Gewand verbarg. Ein Pergament, in der alten Sprache der Juden verfasst.«
»Wie ist sein Name? Hat er den wenigstens preisgegeben?«
»Conwulf, Herr. Der Sohn eines Mannes, der sich Baldric nennt.«
»Conwulf. Baldric.« Der qa’id kaute die Namen wie eine getrocknete Feige. »Seltsame Namen für seltsame Menschen.«
»In der Tat. Soll ich den Gefangenen frei lassen? Wir könnten versuchen, ein Lösegeld zu verlangen, aber er scheint mir nicht wohlhabend zu sein, also …«
»Nein«, lehnte al-Kubh ab. Unter muslimischen Gegnern war es von alters her üblich, Gefangene gegen Zahlung einer Gebühr wieder auf freien Fuß zu setzen. »Keine Freilassung. Der Engländer bleibt im Kerker. Sollte seinesgleichen tatsächlich vor unseren Mauern auftauchen und Einlass begehren, kann er uns vielleicht von Nutzen sein, sei es als Übersetzer oder als Geisel.«
»Aber Herr, ich sagte Euch doch schon, dass er weder etwas weiß noch von hoher Herkunft …«
»Weshalb setzt Ihr Euch so für den Engländer ein, al-Armeni?«
Ein scharfer Unterton hatte sich plötzlich in den Tonfall des Garnisonskommandanten gemischt – und Bahram wusste, dass er vorsichtig sein musste. Er konnte selbst nicht sagen, weshalb das Schicksal dieses fremden Kriegers ihn überhaupt berührte.
Vielleicht lag es an dem Medaillon, das der Fremde bei sich trug und das Bahram auf verblüffende Weise an den Traum erinnerte, den er auf dem Weg nach Acre gehabt hatte.
Vielleicht war es aber auch nur deshalb, weil ein Gefühl ihm sagte, dass jener Conwulf kein verschlagener Räuber, sondern ein Mann von Ehre war. Was auch immer ihn nach Acre geführt hatte, der Krieg war es nicht gewesen, da war sich Bahram sicher – doch al-Kubhs verfinsterte Züge sagten ihm, dass es besser war, diesen Gedanken nicht laut zu äußern.
»Wie Ihr befehlt, Herr«, sagte er stattdessen, verbeugte sich und verließ das Amtszimmer seines Vorgesetzten.
An der Tür wartete Caleb Ben Ezra auf ihn, sein Unterführer bei der jüdischen Miliz, der jedes Wort des Gesprächs mitgehört hatte.