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22.

Garnison von Acre

Tags darauf

»Danke, dass Ihr mich empfangt, Herr.«

Chaya neigte das Haupt, als sie das Wachlokal betrat. Der schlichte steinerne Bau lehnte sich unmittelbar an die Stadtmauer an. Stroh lag auf dem Boden verstreut, das den Wachsoldaten als Schlafstatt diente. Ein einfacher Hocker und ein kleiner Tisch bildeten die karge Einrichtung. Der Mann, der an dem Tisch gesessen und in einem Buch gelesen hatte, erhob sich, als sie eintrat. Dabei musste er sich abstützen, das linke Bein schien ihm Schmerzen zu bereiten, wohl die Folge einer Verletzung.

Durch Caleb hatte Chaya schon viel von Bahram al-Armeni gehört, dem Hauptmann, der aus dem fernen Tal Bashir stammte und seinem christlichen Glauben zum Trotz einen Offiziersrang in der Armee des Kalifats bekleidete, und sie war der Ansicht gewesen, dass Calebs überaus wohlwollende Beschreibung des Armeniers der naiven Schwärmerei zuzuschreiben war, die ihr Cousin für das Soldatentum hegte. In diesem Augenblick jedoch stand sie Bahram zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie kam nicht umhin, beeindruckt zu sein: Die feingeschnittenen Gesichtszüge, die intelligenten Augen und die Tatsache, dass sie ihn beim Lesen eines Buches angetroffen hatte, ließen sie hoffen, dass der armenische Hauptmann kein brutaler Schlächter war.

»Ihr braucht mir nicht zu danken«, antwortete Bahram mit einer Sanftheit, die Chayas Eindrücke zu bestätigen schien. Er bediente sich des Aramäischen, das dem Gemeinhebräisch zumindest so verwandt war, dass eine Verständigung ohne Übersetzer möglich war. »Euer Ehemann, mein Unterführer Caleb Ben Ezra, sagte mir, dass Ihr mich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht. Einer Angelegenheit, die den gefangenen Engländer betrifft.«

Chaya nickte. »Ja, Herr.«

»Caleb sagte mir, dass Ihr den Engländer kennt?«

»Auch das ist wahr.«

»Nun?«, fragte er und schaute sie abermals prüfend an. »Worum also geht es dabei?«

»Um die Schriftrolle, Herr«, erwiderte Chaya leise. »Die Schriftrolle, die der Engländer Conwulf bei sich trug.«

Die dunklen, aufmerksam blickenden Augen des Hauptmanns verengten sich. »Woher wisst Ihr davon?«

»Ich weiß es, weil er auf dem Weg zu mir war. Er hatte vor, diese Schriftrolle an mich zu übergeben.«

»An Euch? Weshalb?«

»Weil sie sich zuvor in meinem Besitz befand, Herr. Die Schriftrolle wurde mir gestohlen, und Conwulf wollte sie mir zurückbringen.«

»Das ist alles?«

»So ist es. Conwulf ist kein Spion. Er ist aus anderen Gründen nach Acre gekommen. Er hat sich aus freien Stücken in Gefahr begeben, um ein begangenes Unrecht wiedergutzumachen.«

»Wenn es so war, wie Ihr sagt, weshalb habt Ihr dann die Wache gerufen?«

»Nicht ich rief nach der Wache, Herr, sondern mein Ehemann«, verbesserte Chaya und senkte schuldbewusst den Blick. »Er hat die Situation missverstanden.«

»Das kann ich ihm nicht verdenken«, brummte der Armenier. »Was würde ich wohl denken, wenn ich einen fremden Mann im Gemach meiner Ehefrau vorfinden würde?«

»Wie ich schon sagte, Herr – es war ein Missverständnis. Conwulf musste fliehen und wurde verhaftet, noch ehe wir es aufklären konnten. Und da ich bislang nicht wusste, dass er sich in Eurem Gewahrsam befindet, komme ich erst jetzt zu Euch, um Euch um Nachsicht und um Conwulfs Freilassung zu bitten.«

»Ich verstehe. Bedauerlicherweise habe ich darüber nicht zu entscheiden. Der qa’id ist unverrückbar der Ansicht, dass der Engländer ein Spion des Feindes ist, der unsere Verteidigung auskundschaften soll. Und da Conwulf beharrlich schweigt, was die Gründe seines Hierseins angeht, kann ich das Gegenteil nicht beweisen.«

»Conwulf schweigt meinetwegen, Herr. Um mich und mein Kind zu schützen.«

»Das wäre allerdings sehr edelmütig von ihm. Denn es bedarf eines starken Willens, den Qualen der Folter zu widerstehen.«

»Was habt Ihr ihm angetan?«, fragte Chaya. Der Gedanke war ihr unerträglich.

»Seid unbesorgt, der Engländer wird keine dauerhaften Schäden davontragen. Sorgen sollte sich nach allem, was ich in Euren Augen sehe, wohl eher Euer Ehemann.«

Chaya senkte beschämt den Blick. Fast wünschte sie sich, lieber doch einen tumben Schlächter vor sich zu haben anstelle des scharfsinnigen Beobachters, der Bahram war. Seinen wachen Augen schien so leicht nichts zu entgehen, mehr noch, sie konnten offenbar ins Innere eines Menschen blicken.

»Was ich getan habe und was nicht, muss ich vor Gott rechtfertigen«, sagte sie leise und mit noch immer gesenktem Antlitz. »Ich bitte Euch, mich nicht danach zu beurteilen, sondern nach der Wahrheit, die ich Euch bringe.«

»Und was für eine Wahrheit ist das, Chaya?«, verlangte Bahram zu wissen. »Ihr wollt den Engländer entlasten, aber bislang habt Ihr keinen Beweis für seine Unschuld vorgelegt. Im Gegenteil scheint Ihr sehr viel mehr zu wissen, als Ihr mir offenbaren wollt.«

»Nein«, sagte Chaya schnell und schaute auf. Ihr Blick nahm einen flehenden Ausdruck an. »Bitte denkt das nicht von mir, Herr. Ich bin hier um Conwulfs willen. Er hat sein Leben für mich eingesetzt, und ich würde alles tun, um das seine zu retten.«

»Alles?«, hakte Bahram nach.

Chaya war bewusst, dass sie sich auf gefährlichen Boden begab. Dennoch tat sie den nächsten Schritt. »Ja, Herr.«

»Dann sagt mir, was es mit jener Schriftrolle auf sich hat.«

»Das kann ich nicht.«

Der Hauptmann nickte. »Ich habe keine andere Antwort erwartet – aber glaubt Ihr im Ernst, Ihr könntet Conwulfs Freilassung erwirken, wenn Ihr noch nicht einmal die Wahrheit sagen wollt?«

»Ich sage die Wahrheit, Herr.«

»Aber nicht die ganze«, schnaubte der Armenier, und erstmals klang er unwirsch dabei. »Obwohl der Engländer Conwulf jene Schrift bei sich trug und sie sich also in seinem Besitz befand, wollte er selbst unter Anwendung der Folter kein Wort darüber verlieren. Und obschon es um das Leben eines Mannes geht, an dem Euch mehr gelegen scheint, als es sich für eine verheiratete Frau schickt, wollt auch Ihr Euer Schweigen nicht brechen. Was also, frage ich mich, hat es mit jenem Pergament auf sich?«

»Nichts, was Euch bedrohen würde, Herr«, versicherte Chaya.

»Das nehme ich auch nicht an, andernfalls hätte ich nicht angeordnet, die Folter auszusetzen. Aber wenn ich mich für die Freilassung des Engländers einsetzen soll, dann verlange ich Klarheit.«

»Das verstehe ich, Herr«, antwortete Chaya, während in ihrer Brust zwei Löwen miteinander rangen. Der eine Löwe war die Zuneigung zu ihrem Vater und das Pflichtgefühl ihrem Volk gegenüber – der andere war ihre Liebe zu Conn, derer sie sich in diesem Augenblick in vollem Umfang bewusst wurde.

»Der Text ist in hebräischer Sprache verfasst«, fasste Bahram zu Chayas Verblüffung das zusammen, was er über die Schriftrolle herausgefunden hatte, »und soweit ich es beurteilen kann, hat er verschiedene Verfasser.«

»Das habt Ihr erkannt?«

Bahram nickte. »Aber meine Kenntnisse reichen nicht aus, um das Buch in voller Länge zu übersetzen, geschweige denn, um seinen Inhalt zu verstehen. Dennoch ist mir offenbar geworden, dass es sich nicht um eine beliebige Abfassung handelt, sondern um einen Text von höherer Bedeutung. Und die Tatsache, dass der Kreuzfahrer den weiten und gefahrvollen Weg auf sich genommen hat, um ihn Euch zurückzubringen, bestärkt mich in dieser Ansicht.«

Chaya hatte sich nicht in Bahram geirrt. Der Hauptmann war tatsächlich jener scharfsinnige Geist, den sie vom ersten Augenblick an in ihm vermutet hatte. Und er war bei Weitem nicht so ahnungslos, wie sie gehofft hatte.

»Habt Ihr dem qa’ib von Euren Vermutungen berichtet?«, fragte sie vorsichtig.

»Nein, schon weil ich mir nicht sicher war. Aber Ihr könnt meine Zweifel ausräumen. Worum geht es in diesem Text, der Euch so viel zu bedeuten scheint?«

»Wenn ich Euch das sagte, würde ich das Erbe meines Vaters verraten, der mir dies Schriftstück übergab.«

»Und tut Ihr es nicht, verratet Ihr den Mann, der Euch so sehr liebt, dass er sein Leben wagt, um Euer Geheimnis zu wahren.«

Chaya schwieg. Ihre Gedanken gingen zurück nach Köln, von wo aus ihr Vater und sie aufgebrochen waren, und sie folgten der langen Reise, die sie auf sich genommen hatten, mit all ihren Verzögerungen und Gefahren. Ihr Ziel war es gewesen, das Buch von Ascalon sicher an die Stätte seines Ursprungs zu bringen, doch die Mission war gescheitert. Durch Chayas Unachtsamkeit war das Buch verloren gegangen, Conns Edelmut und sein Sinn für Gerechtigkeit hatten es zurückgebracht. Beider Schicksale schienen untrennbar miteinander verbunden zu sein, wie also sollte sie entscheiden, wem ihre Treue galt? Machte es letztlich überhaupt einen Unterschied? Musste Chaya Bahram das Geheimnis nicht offenbaren, wenn sie hoffen wollte, jemals wieder in den Besitz des Buches zu gelangen?

Im Blick seiner dunklen Augen glaubte Chaya jedoch etwas Verbindliches zu finden, eine Zusicherung, die sie beruhigte.

»Caleb berichtete mir, dass Ihr ein Christ seid?«, erkundigte sie sich vorsichtig.

»Das ist wahr.«

»Wisst Ihr, was Aron habrit bedeutet?«

Bahram nickte. »Es ist die Lade des Bundes. Der heilige Schrein, in dem Eure Vorfahren die Zehn Gebote Mose aufbewahrten.«

»So ist es. Und davon handelt das geheime Buch. Denn die Lade des Bundes hat die Zeit überdauert.«

Sie konnte sehen, welche Reaktionen diese Enthüllung im Gesicht des Hauptmanns auslöste. Staunen und Zweifel, Freude und Bestürzung, von allem war etwas dabei.

Und Chaya begann zu berichten.

Von den Anfängen des Buches von Ascalon, die bis in die Tage König Salomons reichten; von seiner wechselvollen Geschichte, die untrennbar mit der des Volkes Israel verbunden war und sie in mancher Weise widerspiegelte; und schließlich von dem Geheimnis, das die Schriftrolle über die Jahrtausende bewahrt hatte, bis hin zu diesen Tagen, in denen Krieg und Unheil über dem Gelobten Land heraufzogen.

Bahram hörte aufmerksam zu. Er unterbrach Chaya nur selten, und wenn, dann nur, weil er etwas nicht verstanden hatte. Jedoch reagierte er weder furchtsam noch ablehnend, sondern schien geradezu gefesselt von ihrem Bericht zu sein. Selbst als sie geendet hatte, schwieg er noch eine ganze Weile.

»Nun?«, fragte sie, als sie es schließlich nicht mehr aushielt. »Was sagt Ihr?«

Bahram schaute sie nicht an, sondern blickte nachdenklich vor sich hin. »Es ist seltsam. In jeder Nacht richte ich meinen Blick zu den Sternen und bete zum Herrn, Er möge mir ein Zeichen senden. Und nun wird mir klar, dass Ihr dieses Zeichen seid.«

»Ich, Herr?« Chaya schüttelte zweifelnd den Kopf. »Wie meint Ihr das?«

»Ihr könnt nicht wissen, was hinter mir liegt, Chaya. Ich habe in meinem Leben nur wenigen Herren gedient. Zuerst Tutush, dem mächtigen Bruder des Sultans, und später seinem Sohn Duqaq, dem Emir von Damaskus, bis ich bei diesem in Ungnade fiel. Aber stets war mein Leben geprägt von Kampf und Tod, obschon ich in Wahrheit ein Mann des Wortes bin und der Wissenschaft. Als solcher habe ich den Himmel beobachtet und die Zeichen gedeutet, die ich dort sah, und sie berichteten mir von drohendem Untergang. Alles, worauf ich hoffen konnte und worum ich den Allmächtigen bat, war etwas Licht in all dieser Dunkelheit – und ich wurde erhört.«

Chaya nickte. »Ihr meint die Lade?«

»Nein.« Bahram schüttelte den Kopf. »Nicht was Ihr gesagt habt, ist für mich von Belang, sondern dass Ihr es gesagt habt. Denn wenn eine Jüdin bereit ist, das größte Geheimnis preiszugeben, das ihr Volk zu bewahren hat, um einen Christen zu retten, so ist unsere Welt noch nicht verloren, und ich kann …«

Er verstummte, als die Tür der Wachstube plötzlich aufgestoßen wurde. Ein Angehöriger der jüdischen Bürgerwehr stand auf der Schwelle, ein junger Mann, den Chaya jedoch nicht namentlich kannte.

»Was gibt es?«, fragte Bahram streng, nun wieder ganz Soldat.

»Verzeiht, Herr! Draußen ist ein Bote, der Euren Gast zu sprechen wünscht.«

»Mich?«, fragte Chaya erstaunt und wandte sich um.

»Ja, Herrin. Offenbar geht es um Euer Kind!«

Chaya spürte, wie sich alles in ihr zusammenkrampfte. Das Blut stockte ihr in den Adern, ihr Herz begann wie wild zu schlagen. Alles in ihr drängte sie dazu, sofort nach Hause zu eilen, um dort nach dem Rechten zu sehen, aber sie verharrte noch einen Moment und sah Bahram fragend an. »Werdet Ihr …?«

»Geht nur«, forderte der Hauptmann sie auf. »Ich werde in Ruhe über alles nachdenken und die Sterne befragen. Dann werde ich wissen, was mit dem Engländer zu geschehen hat.«

Ihr war klar, dass sie ein weitergehendes Zugeständnis nicht bekommen würde, also bedankte sie sich mit einem knappen Nicken, fuhr herum und folgte dem Soldaten nach draußen. »Dort«, sagte der junge Mann, der kaum dem Knabenalter entwachsen war, und deutete zur gegenüberliegenden Straßenseite. »Der Mann mit dem Umhang.«

Chaya nickte und eilte auf den Fremden zu, der in einer Mauernische lehnte, die Kapuze des Umhangs so weit herabgezogen, dass man das Gesicht nicht sehen konnte.

»Ihr habt eine Nachricht für mich?«, erkundigte sich Chaya, als sie sich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatte.

»In der Tat«, entgegnete der andere in schlechtem Aramäisch und hob sein Haupt – und zu ihrem Entsetzen blickte Chaya in die vertrauten Züge Berengars.