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31.
Tief unter den Felsen des Tempelberges war von dem Wahnsinn, der an der Oberfläche tobte, nichts zu bemerken. Es war, als gelte inmitten der dunklen, vom Odem einer großen Vergangenheit durchwehten Stollen eine andere Zeit und Wirklichkeit. Immer weiter waren Conn und seine Gefährten in den Berg vorgedrungen, dessen unzählige Stollen und Höhlen einen undurchschaubaren, über Jahrtausende hinweg entstandenen Irrgarten formten – ein Labyrinth, wie Bahram vielsagend feststellte.
Um sich in der verwirrenden Vielfalt von Kreuzungen und Abzweigungen zurechtzufinden, markierten die Gefährten jene Stollen, die sie beschritten, indem sie den Eingang mit ihren Fackeln schwärzten. Auf diese Weise gelangten sie immer tiefer hinein, auf Wegen, die staubbedeckt und seit Generationen nicht mehr beschritten worden waren, während sie Berengars Hinweisen folgten. Ohne die Vorarbeit des Mönchs, der die Rätsel entschlüsselt hatte, wäre es unmöglich gewesen, den Weg durch das Labyrinth zu finden.
Bisweilen ganze Bibelstellen, manchmal auch nur einzelne Worte bildeten verschlüsselte Hinweise, die den Weg wiesen. Wenn es im Buch Kohelet hieß, dass »der Verstand des Weisen zu seiner Rechten und der Verstand des Toren zu seiner Linken« sei, so war dies ein Hinweis darauf, welcher Gang zu wählen war, und wenn es beim Propheten Jesaja hieß, dass »die stolzen Augen des Menschen erniedrigt und des Mannes Hochmut gebeugt« werden, so leitete dies dazu an, einen Stollen zu nehmen, der so niedrig war, dass er nur in gebückter Haltung passiert werden konnte.
Die Textstellen des Buches und die Wirklichkeit des Labyrinths bildeten dabei eine so vollkommene Einheit, dass es unmöglich war zu sagen, was von beidem zuerst existiert hatte. Der in der Sterndeutung bewanderte Bahram nahm jene Zusammenhänge mit Gleichmut zur Kenntnis, spiegelten sie doch für ihn nur die vom Schöpfer gewollte Ordnung des Kosmos wider. Conn jedoch, der sich nie mit derlei Belangen befasst hatte, kam es wie ein Wunder vor. Selbst die kleinsten Dinge bekamen dadurch Sinn, und je weiter sie in das Labyrinth vordrangen, desto überzeugter wurde er, dass es nicht Zufall war, der sie alle hier zusammengeführt hatte, sondern Gottes Wille.
Ein Angelsachse und ein Normanne.
Ein Christ und eine Jüdin.
Ein Kreuzfahrer und ein Orientale.
Sie wollten ihren Weg fortsetzen, als Baldric sich plötzlich umwandte. Das Gesicht des Normannen hatte einen harten Ausdruck angenommen, das einzelne Auge verengte sich.
»Ich höre etwas«, sagte er.
Conn und die anderen lauschten.
Rasche Schritte auf steinernem Boden.
Das Geklirr von Rüstungen und Waffen.
»Wir sind nicht allein«, stellte Baldric wortkarg fest und zog sein Schwert, obschon es ihm in der Enge des Stollens nur bedingt von Nutzen sein würde. »Jemand ist uns auf den Fersen.«
»Los, weiter!«, drängte Conn, und sie nahmen den beschriebenen Felsengang und folgten ihm zu einer Höhle mit zwei Ausgängen. Beide waren mit in Stein gemeißelten hebräischen Schriftzeichen überschrieben.
»Was auch immer ihr tut, tut es rasch«, drängte Baldric grimmig, denn die Schritte wurden lauter. Auch waren jetzt aufgeregte Rufe zu vernehmen, die durch die Felsengänge hallten.
Rufe in französischer Sprache.
»Berengar verweist auf eine Stelle aus dem vierten Buch Mose, die von den Opfergaben der Stammesfürsten an das Heiligtum berichtet …«
»… je zwölf an der Zahl«, fügte Chaya hinzu, die die Stelle kannte, und deutete auf die Zeichen, die über dem linken Stollen angebracht waren. »Die Zwölf ist hier.«
»Dann geht«, knurrte Baldric und stellte sich so, dass er den Stollen, aus dem sie gekommen waren, gut im Blick hatte.
»Was hast du vor?«, fragte Conn.
»Sie aufhalten, so lange wie möglich«, verkündete der Normanne entschlossen.
»Nein!« Conn schüttelte den Kopf und zückte sein eigenes Schwert. »Dann bleibe ich ebenfalls.«
»Unsinn! Du bist der Einzige, der Berengars Aufzeichnungen lesen kann. Wenn du getötet wirst, ist unsere Suche gescheitert!«
»Aber sie werden dich töten!«
»Vielleicht – aber meine unsterbliche Seele wird endlich Erfüllung finden. Deshalb – und nur deshalb – bin ich nach Jerusalem gekommen.«
Conn schluckte. Es kostete ihn große Überwindung, nicht zu widersprechen, dennoch schwieg er. Zum einen, weil er seinen Adoptivvater nicht von seinem Entschluss würde abbringen können. Zum zweiten, weil eine innere Stimme ihm sagte, dass dies der Weg war, der für Baldric vorgezeichnet war. Seine Erlösung.
Erneut waren laute Rufe zu hören.
Die Verfolger waren nicht mehr weit entfernt.
»Geht«, drängte Baldric. »Möge der Herr euch begleiten.«
»Shalom, Baldric«, sagte Chaya. Dann wandte sie sich um und huschte in den Gang, der mit der Zahl Zwölf überschrieben war.
Conn schaute seinen Adoptivvater zweifelnd an. Baldric nickte ihm zu, und es lag so viel Kraft und Zuversicht in seinem Blick, dass Conn allen Trennungsschmerz überwand und Chaya folgte. Auch Bahram wollte gehen, nicht ohne den Stolleneingang noch mit Ruß zu schwärzen.
»Nein«, sagte Baldric kopfschüttelnd.
»Warum nicht?«
Der Normanne deutete in die Richtung, aus der die Geräusche drangen. »So haben sie uns gefunden«, sagte er düster.
Sie liefen, so schnell sie konnten, während sie hinter sich die Geräusche des Kampfes hörten: das Klirren von Klingen, Geschrei und hin und wieder die laute Stimme Baldrics, der seine Gegner verspottete, obschon sie in der Überzahl waren.
Conns Herzschlag raste.
Ein Teil von ihm wäre am liebsten sofort umgekehrt, um seinem Adoptivvater zur Hilfe zu eilen, während ein anderer Teil ihm sagte, dass er damit alles gefährdet hätte. Mit eisernem Willen zwang er sich, weiterzulaufen, Tränen ohnmächtiger Wut in den Augen.
Dann verstummten die Geräusche.
Der Kampf war zu Ende, und man brauchte kein Hellseher sein, um zu wissen, wie er ausgegangen war.
Im Laufen schloss Conn für einen Moment die Augen und sprach ein kurzes Gebet, empfahl die unsterbliche Seele Baldrics dem Himmel und hoffte, dass der alte Krieger nun endlich Befreiung von jener Schuld erfahren würde, die er den größten Teil seines Lebens herumgeschleppt hatte. Dann konnte er erneut Schritte hören, nicht mehr ganz so viele wie zuvor, aber nicht minder hastig.
»Zwei Gänge«, stieß Bahram hervor, während sie ihre Schritte noch beschleunigten. »Verfolger sich geteilt.«
Conn nickte – was immer also geschehen würde, sie hatten es mit weniger Gegnern zu tun als zuvor. Abzüglich derer, die den Kampf gegen Baldric mit dem Leben bezahlt hatten.
Unvermittelt gelangten sie in eine weitere Höhle, deren Decke vor Urzeiten kunstvoll bemalt gewesen sein mochte – jetzt waren nur noch spärliche Überreste der einstigen Pracht zu erkennen. Gleich drei Stollen zweigten aus der Kaverne ab, doch etwas war diesmal anders.
»Es gibt keine Textstelle, die sich darauf bezieht!«, stellte Conn fest, während er die Schriftrolle bis zum Ende entrollte.
»Dann müssen wir einen falschen Weg gegangen sein«, folgerte Chaya.
»Unmöglich.« Conn schüttelte den Kopf. »Wir haben jeden einzelnen Hinweis genau befolgt.«
»Und wenn Berengar sich geirrt hat?«, hakte die Jüdin nach.
»Nein«, sagte Conn noch einmal, allen Zweifeln zum Trotz, die sich wie ätzendes Gift in seinem Körper ausbreiteten. Hatten sie etwas übersehen und waren deshalb in einer Sackgasse gelandet? War es nötig, den Weg noch einmal zurückzugehen?
Er musste an die Verfolger denken, deren Stimmen und Schritte immer noch lauter wurden. Mit bebenden Händen hielt er die Schriftrolle ins flackernde Licht der Fackel und las, was Berengar geschrieben hatte. Es war die letzte Anmerkung, die er vorgenommen hatte, und in Conns Augen ergab sie keinen Sinn: Signa litteraeque non finis, sed initium fidei bonae in unum deum.
»Was heißt das?«, fragte Chaya drängend.
»Dass Zeichen und Buchstaben nicht das Ende, sondern der Anfang eines treuen Glaubens an den einen Gott sind«, erwiderte Conn. »Was soll das bedeuten? Ich verstehe es nicht!«
Die Rufe ihrer Verfolger wurden noch lauter. Unsteter Lichtschein war plötzlich im Stollen zu erkennen.
»Dort vorn ist Licht!«, rief jemand.
»Wir haben sie gleich!«
Conn rollte das Pergament hastig zusammen, schob es in seinen Gürtel und zog sein Schwert. Bahram tat nichts dergleichen.
»Worauf wartet Ihr?«, fuhr Conn ihn an, während er sich schützend vor Chaya stellte. »Sie werden gleich hier sein.«
»Ich nachdenke«, verkündete der Armenier ruhig.
»Worüber? Über Berengars Worte?« Conn lachte auf. »Glaubt Ihr, durch Nachdenken allein …?« Er verstummte, als sich die Züge des Orientalen plötzlich aufhellten. »Was habt Ihr?«
»Nicht ich«, widersprach Bahram schlicht. »Ihr selbst gerade die Lösung gefunden. Letztes Rätsel geht nicht um Zeichen oder Worte – sondern um Glauben. Das Berengar sagt.«
»Er hat recht, Conn«, stimmte Chaya zu. »Es könnte eine Glaubensprüfung sein. Man will wissen, ob wir uns unserer Sache wirklich sicher sind.«
Conn schürzte die Lippen, seine Blicke flogen zwischen der Stollenmündung und den drei Ausgängen hin und her. »Selbst wenn ihr recht hättet – welchen Gang sollen wir nehmen?«
»Ein jeder von uns einen Gang«, schlug Bahram vor.
Conn verzog das Gesicht. Der Gedanke, sich von Chaya zu trennen und sie auf diese Weise in noch größere Gefahr zu bringen, gefiel ihm nicht. Aber die Entschlossenheit in ihrem Gesicht signalisierte ihm, dass sie sich ohnehin bereits entschieden hatte.
»Es ist gut.« Sie nickte ihm zu. »Wir müssen glauben, Conn.«
»Da sind sie! Dort vorn!«
Der Lichtschein aus dem Stollen war noch heller geworden, lange Schatten eilten ihm voraus – Schatten, deren dunkle Silhouetten vor Waffen starrten.
Conn sah ein, dass sie keine andere Wahl hatten. Er küsste Chaya zum Abschied flüchtig auf den Mund und nickte Bahram zu – und jeder von ihnen nahm einen anderen Ausgang.
Conn rannte, so schnell er konnte.
Erst nach einigen Schritten wurde ihm klar, dass er das Pergament bei sich trug und die anderen deshalb ohne jeden Hinweis waren, dann wieder fiel ihm ein, dass Berengars Weisheit ohnehin erschöpft gewesen war. Würde sie ausreichen, um ans Ziel der Suche zu führen?
Ihre Verfolger immerhin hatten sich erneut aufteilen müssen. Den Schritten nach zu urteilen, die ihm hinterdreineilten, hatte Conn es nur noch mit zwei Gegnern zu tun, mit denen er im günstigen Falle fertig werden konnte – der Gedanke allerdings, dass ebenso viele hinter Chaya her waren, brachte ihn fast um den Verstand.
So rasch er es vermochte, setzte er einen Fuß vor den anderen, dabei musste er sich immer wieder ducken, weil der Stollen nicht hoch genug war, um aufrecht darin zu gehen. Die Fackel in seiner Hand fauchte, während er immer weiter hastete und leise gemurmelte Stoßgebete zum Himmel schickte.
Plötzlich endete der Gang.
Von einem Augenblick zum anderen fand Conn sich in einer Höhle wieder, deren Decke mit einem funkelnden Sternenhimmel bemalt war. Conn blieb keine Zeit, ihn zu bestaunen, denn schon im nächsten Moment war er nicht mehr allein.
Als er scharfen Atem und rasche Schritte hörte, hob er das Schwert und fuhr herum – nur um sich Bahram gegenüberzusehen, dessen Gang ebenfalls in die Kammer mündete. Und einen Herzschlag später langte auch Chaya bei ihnen an. Erleichtert schloss Conn sie in die Arme, während er Berengar in Gedanken Anerkennung zollte.
Der alte Fuchs hatte recht gehabt.
Um die letzte Hürde zu überwinden, war tatsächlich nichts als bloßer Glaube vonnöten gewesen.
»Conwulf! Chaya!«
Bahram war bereits in die Mitte der Kammer getreten, unter das künstliche Sternenzelt, das im Licht seiner Fackeln schimmerte. Ein steinerner Baldachin war dort errichtet worden, der etwas überdachte, das wie ein in den Boden eingelassener Sarkophag aussah.
Ein Sarkophag, in dessen Deckplatte ein Zeichen gemeißelt war, das sie alle kannten.
Das Siegel Salomons.