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Am Tag vor der Testamentsverlesung saßen Woody und Kendall in Steves Büro.
«Ich weiß nicht, warum wir hier sind«, sagte Woody,»das Testament wird doch erst morgen bekanntgegeben.«
«Ich möchte Sie gern mit jemandem bekannt machen«, erklärte Steve.
«Mit wem denn?«
«Mit Ihrer Schwester.«
Die beiden starrten ihn verblüfft an.»Die haben wir aber doch schon kennengelernt«, meinte Kendall.
Steve drückte einen Knopf auf der Sprechanlage.»Würden Sie sie bitte hereinschicken?«
Kendall und Woody wechselten ratlose Blicke.
Die Tür ging auf, und Julia Stanford kam herein.
Steve erhob sich.»Ihre Schwester Julia Stanford.«
«Was reden Sie da für Zeug!«schimpfte Woody.»Wollen Sie uns für dumm verkaufen?«
«Gestatten Sie mir eine Erläuterung«, sagte Steve leise, erklärte dann eine Viertelstunde die Sachlage und schloß mit den Worten:»Perry Winger bestätigte, daß ihre DNS mit der Ihres Vaters übereinstimmt. «Als Steve geendet hatte, rief Woody:»Tyler! Das kann ich nicht glauben.«
«Glauben Sie's lieber.«
«Aber es will mir nicht in den Sinn. Die Fingerabdrücke der anderen Frau sind doch der Beweis dafür, daß sie Julia ist«, wandte Woody ein.»Ich habe die Karte mit ihren Fingerabdrücken noch.«
Steve spürte, wie sein Herz schneller schlug.»Wirklich?«»Ja, ich habe sie aufbewahrt — nur aus Jux.«
«Ich würde Sie gern um einen Gefallen bitten«, sagte Steve.
Im Konferenzraum der Kanzlei Renquist, Renquist & Fitzgerald war am darauffolgenden Tag um zehn Uhr morgens eine größere Personengruppe versammelt. Simon Fitzgerald saß an der Kopfseite des Tisches, und außer ihm waren Kendall, Tyler, Woody, Steve und Julia anwesend sowie einige unbekannte Herren.
Zwei von ihnen stellte Fitzgerald gleich zu Beginn vor.»Ich möchte Sie bekannt machen mit William Parker und Patrick Evans von den Anwaltskanzleien, die die Firma Stanford Enterprises repräsentieren. Sie haben die Finanzunterlagen des Konzerns mitgebracht. Ich werde zuerst das Testament besprechen, anschließend werde ich das Wort diesen beiden Herren erteilen.«
«Wir sollten aber keine Zeit verlieren«, sagte Tyler voller Ungeduld. Ich werde nicht nur das Geld bekommen, ich werde euch Mistkerle auch zugrunde richten.
Simon Fitzgerald nickte.»Also gut.«
Vor Fitzgerald lag eine dicke Akte mit der Aufschrift HARRY STANFORD — letzter WILLE und TESTAMENT.»Ich überreiche jetzt jedem von Ihnen eine Abschrift des Testaments, damit sich ein Verlesen der Formalitäten erübrigt. Wie ich Ihnen ja bereits mitgeteilt habe, werden Harry Stanfords Nachkommen die Hinterlassenschaft zu gleichen Teilen erben.«
Julia warf einen Blick hinüber zu Steve, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Belustigung.
Ich freue mich für sie, dachte Steve. Selbst wenn sie dann für mich unerreichbar ist.
Simon Fitzgerald fuhr fort:»Es gibt ein rundes Dutzend spezifischer Vermächtnisse, die jedoch allesamt von geringer Größenordnung sind.«
Tyler dachte an Lee: Er wird am Nachmittag in Boston eintreffen, und ich werde ihn am Flughafen abholen.
«Die Sachwerte der Stanford Enterprises machen, wie ich Ihnen ebenfalls mitgeteilt habe, annähernd sechs Milliarden Dollar aus. «Fitzgerald machte eine Kopfbewegung in Richtung von William Parker.»Und damit gebe ich weiter an Mr. Parker.«
William Parker öffnete seine Aktentasche und breitete mehrere Dokumente vor sich auf dem Konferenztisch aus.»Wie Mr. Fitzgerald ganz richtig bemerkte, belaufen die Aktiva des Konzerns sich auf sechs Milliarden Dollar. Andererseits…«Es folgte eine bedeutungsschwere Pause, in der er seinen Blick durch den Raum wandern ließ.»… sind die Stanford Enterprises mit Schulden von über sechzehn Milliarden Dollar belastet.«
Woody war aufgesprungen.»Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten?«
Tyler war aschfahl geworden.»Soll das etwa ein Scherz sein?«
«Etwas anderes kann es ja wohl nicht sein«, sagte Kendall mit heiserer Stimme.
Mr. Parker wandte sich einem der fremden Männer im Raum zu.»Mr. Leonard Redding von der Securities and Exchange Commission wird Ihnen die Sachlage erläutern.«
Redding nickte.»Harry Stanford war seit zwei Jahren fest davon überzeugt, daß die Zinsen fallen würden, und entsprechend investierte er, da er in der Vergangenheit schon mehrmals auf diese Entwicklung gesetzt und damit Millionen gewonnen hatte. Als die Zinsen stiegen, hielt er immer noch an seiner Überzeugung fest, daß sie fallen würden, und hat seine Spekulationen noch mit zusätzlichen Summen gestützt. Er hatte zum Erwerb langfristiger Anlagen erhebliche Summen als Darlehen aufgenommen, doch wegen des anhaltenden Zinsanstiegs schossen seine Darlehenskosten in die Höhe, während gleichzeitig der Wert seiner Anlagen fiel. Aufgrund seines Ansehens und seines Vermögens waren die Banken lange Zeit zu neuen Geschäften mit ihm bereit; als er dann jedoch versuchte, seine Verluste durch Investitionen in hochriskante Securities wettzumachen, begannen sie sich zu sorgen. Er hatte eine Reihe von katastrophalen Investitionen getätigt und seine Darlehen zum Teil durch Securities gedeckt, die er mit geborgtem Geld als Ausfallbürgschaft für weitere Darlehen gekauft hatte.«
«Mit anderen Worten«, warf Patrick Evans ein,»er hat mit illegalen Geschäften Schulden aufgetürmt.«
«Das ist korrekt. Zu seinem Unglück erlebte das Zinsniveau einen der steilsten Anstiege in der Geschichte. Harry Stanford mußte immer wieder neue Summen leihen, um die Beträge zu decken, die er sich bereits geliehen hatte. Das Ganze war ein Teufelskreis.«
Alle im Raum hingen gebannt an seinen Lippen.
«Ihr Vater hat persönlich für die Pensionskasse des Konzerns garantiert und diese Rücklagen auf illegale Weise dazu verwandt, weitere Aktien zu kaufen. Als die Banken seine Aktivitäten zu hinterfragen begannen, gründete er Scheinfirmen und legte falsche Liquiditätspläne und Scheinverkäufe seiner Besitztümer vor, um den Wert seiner Aktien in die Höhe zu treiben. Er hat damit betrügerisch gehandelt. Zum Schluß hat er sich darauf verlassen, daß ihn ein Bankenkonsortium aus seinen Schwierigkeiten erlösen würde, aber das Konsortium lehnte dies ab. Und als das Konsortium die Securities and Exchange Commission über diese Entwicklung informierte, wurde Interpol eingeschaltet und mit den notwendigen Nachforschungen beauftragt.«
Redding deutete auf den Mann an seiner Seite.»Hier neben mir sitzt Inspector Patou von der französischen Sürete. Würden Sie bitte alles Weitere erläutern?«
Inspector Patou sprach Englisch mit einem leicht französischen Akzent.»Auf Verlangen von Interpol haben wir Harry Stanford in St-Paul-de-Vence aufgespürt, und ich habe dort drei Detektive auf ihn angesetzt, aber es gelang ihm zu entwischen. Interpol hat einen grünen Kode an alle Polizeiabteilungen ausgegeben, daß Harry Stanford unter Verdacht stand und beobachtet werden sollte. Wenn Interpol vom Ausmaß seiner kriminellen Handlungen gewußt hätte, wäre ein roter Kode in Umlauf gebracht worden, und wir hätten ihn festgenommen.«
Woody befand sich in einem Schockzustand. »Deshalb hat er uns als Erben eingesetzt, weil er überhaupt nichts zu vermachen hatte.«
«Damit haben Sie völlig recht«, kommentierte William Parker.»Er hat Sie alle in seinem Testament bedacht, weil die Banken ihm jede Kooperation verweigerten und er wußte, daß er Ihnen nichts zu hinterlassen hatte. Er hat dann aber ein Telefongespräch mit Rene Gauthier beim Credit Lyonnais geführt, der ihm Hilfe zusagte. In dem Augenblick, als Harry Stanford sich wieder liquide glaubte, faßte er den Entschluß, Sie aus seinem Testament zu streichen.«
«Aber was ist mit seiner Jacht und seinem Flugzeug und den Häusern?«fragte Kendall.
«So leid es mir tut«, erwiderte Parker,»aber das alles wird verkauft, um einen Teil seiner Schulden zu begleichen.«
Tyler saß wie betäubt da, das war ein Alptraum, der sein Vorstellungsvermögen überstieg. Er war nicht mehr der Multimilliardär Tyler Stanford, er war wieder ein Richter.
Tyler erhob sich.»Mir fehlen die Worte. Falls hier weiter nichts ansteht…«Er mußte zum Flughafen, um Lee abzuholen und ihm die neue Entwicklung zu erklären.
Steve ergriff das Wort.»Es steht noch etwas an.«
Tyler drehte sich zu ihm um.»Ja?«
Steve gab einem Mann an der Tür ein Zeichen. Die Tür wurde geöffnet, und herein kam Hal Baker.»Hallo, Richter«
Es war Woodys Bemerkung, daß er noch im Besitz der Karte mit den Fingerabdrücken sei, die den Durchbruch bedeutet hatte.
«Die Karte hätte ich mir gern einmal angesehen«, hatte Steve daraufhin gesagt.
Woody begriff nicht.»Aber wieso? Sie enthält doch bloß die beiden Muster der Fingerabdrücke von dieser Frau, und sie waren identisch. Wir haben sie verglichen und alles bezeugt.«
«Und die Fingerabdrücke sind der Frau hier in Boston von dem Mann abgenommen worden, der als Frank Timmons auftrat. Hab ich recht?«
«Ja, sicher.«
«Falls er diese Karte angefaßt hat, befinden sich auch seine Fingerabdrücke drauf.«
Steves Vermutung hatte sich bewahrheitet. Die Karte war geradezu übersät mit Fingerabdrücken von Hal Baker, und es dauerte nicht einmal dreißig Minuten, bis der Computer seine Identität feststellte. Steve hatte daraufhin den Staatsanwalt in Chicago angerufen, der einen Haftbefehl erließ, woraufhin zwei Polizeidetectives bei Hal Baker anklopften.
Er spielte gerade mit Billy auf dem Hof.
«Mr. Baker?«
«Der bin ich.«
Die Detectives zeigten ihm ihre Polizeimarken.»Der Staatsanwalt hätte gern ein Wort mit Ihnen gewechselt.«
«Nein, das ist im Moment nicht möglich. «Hal Baker war empört.
«Darf ich nach dem Grund Ihrer Weigerung fragen?«wollte einer der beiden Detectives wissen.
«Aber das sehen Sie doch selbst, oder? Ich spiele gerade mit meinem Sohn.«
Dem Staatsanwalt lag eine Abschrift von Hal Bakers Prozeßakte vor. Er fixierte den Mann, der vor ihm saß, und sagte:»Wenn ich es recht verstehe, leben Sie voll und ganz für Ihre Familie.«
«Da haben Sie völlig recht«, entgegnete Hal Baker.»Und von einer solchen Einstellung hängt auch das Wohlergehen unseres ganzes Landes ab. Wenn jede Familie in den Vereinigten Staaten…«
«Mr. Baker!«Der Staatsanwalt beugte sich vor.»Sie haben mit Richter Stanford kooperiert.«
«Ich kenne keinen Richter Stanford.«
«Erlauben Sie, daß ich Ihrem Gedächtnis nachhelfe. Richter Stanford hat Sie auf freien Fuß gesetzt — mit Bewährung. Er hat Sie dazu angestiftet, die Rolle eines Privatdetektivs namens Frank Timmons zu übernehmen, und wir haben Grund zu der Annahme, daß er Sie auch mit der Ermordung einer gewissen Julia Stanford beauftragt hatte.«
«Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden.«
«Ich spreche von einem Gerichtsurteil, das Ihnen zehn bis zwanzig Jahre Haftstrafe brachte, und ich werde mich persönlich dafür verwenden, daß Sie die zwanzig Jahre absitzen.«
Hal Baker erbleichte.»Das können Sie mir nicht antun! Mensch, dann würden ja meine Frau und meine Kinder…«
«Genau. Andererseits aber«, erklärte der Staatsanwalt,»wenn Sie willens wären, als Zeuge der Staatsanwaltschaft auszusagen, wäre ich bereit, dafür zu sorgen, daß Sie mit einer kurzen Strafe davonkommen.«
Hal Baker geriet ins Schwitzen.»Was… Und was soll ich tun?«
«Mir offen und wahrheitsgemäß alles erzählen…«
Im Konferenzraum der Kanzlei Renquist, Renquist & Fitzgerald nickte Hal Baker grüßend zu Tyler:»Guten Tag, Richter.«
Woody hob den Kopf und rief überrascht:»He, das ist ja
Frank Timmons!«
«Diesem Mann hier«, sagte Steve Sloane zu Tyler,»erteilten Sie den Auftrag, in unsere Büros einzubrechen und Ihnen eine Kopie vom Testament Ihres Vaters zu beschaffen, und er sollte für Sie die Leiche Ihres Vaters ausgraben und Julia Stanford ermorden.«
Es dauerte einen Augenblick, bis Tyler seine Stimme wiederfand.»Sie sind wahnsinnig geworden! Der Mann ist ein überführter Verbrecher, dem glaubt bestimmt keiner, wenn sein Wort gegen meines steht.«
«Seinem Wort wird auch keiner glauben müssen«, erwiderte Steve.»Sie haben diesen Mann schon einmal gesehen?«
«Selbstverständlich, er stand ja in Chicago vor Gericht, und ich hatte in diesem Prozeß den Vorsitz.«
«Wie lautet sein Name?«
«Er heißt…«Plötzlich erkannte Tyler die Falle, die Steve Sloane ihm gestellt hatte.»Ich meine… Er wird vermutlich noch eine ganze Reihe von anderen Namen haben.«
«Als Sie ihn verurteilten, hieß er Hal Baker.«
«Das… das ist richtig.«
«Als er dann jedoch nach Boston kam, haben Sie ihn als Frank Timmons vorgestellt.«
Tyler kam ins Schwimmen.»Nun ja, ich… ich…«
«Sie haben gerichtlich veranlaßt, daß er in Ihre Obhut und Fürsorge kam, und Sie haben ihn eingeschaltet und für Ihren Nachweis mißbraucht, daß Margo Posner die echte Julia Stanford ist.«
«Nein! Damit hatte ich nichts zu tun. Ich bin der Frau nie begegnet, bis sie in Boston auftauchte.«
Steve wandte sich an Lieutenant Kennedy.»Haben Sie das gehört, Lieutenant?«
«Ja.«
Steve wandte sich erneut an Tyler.»Wir haben den Fall der Margo Posner überprüft. Auch über Margo Posner haben Sie zu Gericht gesessen, auch sie ist Ihrer Obhut und Fürsorge übergeben worden. Der Staatsanwalt in Chicago hat heute früh einen Durchsuchungsbefehl für den Safe in Ihren Amtsräumen ausgestellt. Er hat mich vorhin angerufen und mir mitgeteilt, man habe in Ihrem Safe ein Dokument gefunden, das Ihnen Julia Stanfords Anteil am väterlichen Erbe überschreibt, und dieses Dokument ist fünf Tage vor dem Eintreffen der angeblichen Julia Stanford in Boston unterzeichnet worden.«
Tyler atmete schwer, und er mußte sich anstrengen, um klar zu denken.»Das… das ist eine Unverschämtheit!«
Da ergriff Lieutenant Kennedy das Wort.»Richter Stanford, ich nehme Sie hiermit fest wegen des Verdachts auf Anstiftung zum Mord. Wir werden die Auslieferungspapiere besorgen, und Sie werden nach Chicago zurückgeschickt.«
Für Tyler brach eine Welt zusammen.
«Sie haben das Recht zu schweigen«, fuhr Lieutenant Kennedy fort,»falls Sie auf dieses Ihr Recht verzichten, kann und wird alles, was Sie sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, mit einem Anwalt zu sprechen und das Recht auf dessen Anwesenheit während Ihrer Vernehmung. Falls Sie nicht imstande sind, sich einen Anwalt zu leisten, wird Ihnen ein Anwalt zugeteilt, der Sie bei jeglichen Einvernehmungen vertritt. Haben Sie verstanden?«fragte Lieutenant Kennedy.
«Ja. «Dann breitete sich langsam ein triumphierendes Lächeln über Tylers Züge aus. Ich weiß doch noch einen Weg, wie ich über sie triumphieren kann! dachte er glücklich.
«Sind Sie bereit, Richter?«
Tyler nickte und sagte ruhig:»Ja, ich bin bereit. Ich würde vorher nur gern noch einmal nach Rose Hill zurück, um meine Sachen zu holen.«
«Das geht in Ordnung. Wir werden Ihnen zwei Polizisten als Begleiter mitgeben.«
Tyler drehte sich zu Julia um, und in seinem Blick lag solch tiefer Haß, daß es ihr eiskalt über den Rücken lief.
Etwa eine halbe Stunde später traf Tyler in Begleitung der beiden Polizisten in Rose Hill ein. Sie betraten das Haus durch den Haupteingang.
«Ich brauche nur ein paar Minuten zum Packen«, sagte Tyler.
Sie schauten ihm nach, als er die Treppe hinauf und in sein Zimmer ging.
Dort ging Tyler zu seinem Schreibtisch, in dem er den Revolver aufbewahrte, und legte die Munition ein.
Der Widerhall des Schusses schien nicht enden zu wollen.