37695.fb2 Das Testament der G?tter - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 34

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»Wir werden nicht hingehen, weil man uns verfolgt und uns vorauseilt. Wegen unseres Eintreffens nämlich wurde der Bäcker ermordet. Falls der fünfte Altgediente noch von dieser Welt ist, würden wir ihn zum Tode verurteilen, gingen wir weiterhin auf dieselbe Weise vor.«

»Was schlagt Ihr vor?«

»Ich weiß es noch nicht. Zunächst werden wir nach Theben zurückkehren. Der oder die, die uns beobachten, werden glauben, wir befänden uns auf der falschen Fährte.«

Paser überprüfte die Erträge der Holzsteuer des vorangegangenen Jahres. Der fettleibige Beamte öffnete seine Schriftenkammern und labte sich dann an Karobesaft. Dieser niedere Richter besaß wahrhaftig nicht die geringste Spur von Größe. Während er unzählige Buchhaltungstäfelchen einsah, schrieb der thebanische Amtmann einen Brief an Monthmose, um ihn zu beruhigen. Paser würde keinen Sturm verursachen.

Trotz des behaglichen Zimmers, das ihm angeboten worden war, verbrachte der Richter eine schlaflose Nacht, hin- und hergerissen zwischen der Besessenheit, Neferet wiederzusehen, und der Notwendigkeit, seine Nachforschungen fortzusetzen. Sie wiedersehen, da er ihr doch gleichgültig war; seine Nachforschungen fortsetzen, da die Angelegenheit doch bereits begraben und vergessen war? Unter der Verzweiflung seines Herrn leidend, legte Brav sich eng neben ihn. Seine Wärme würde ihm die Lebenskraft einflößen, die er benötigte. Der Richter streichelte seinen Hund und dachte dabei an seine Streifzüge am Nil entlang, als er noch ein junger sorgloser Mann und davon überzeugt gewesen war, ein friedliches Dasein in seinem Dorf zu verleben, in dem Jahreszeit auf Jahreszeit folgte. Das Schicksal hatte sich seiner mit der Jähe und der Gewalt eines Raubvogels bemächtigt; würde er, wenn er seinen tollen Träumen, wenn er Neferet, der Wahrheit entsagte, seine innere Ruhe von einst wiederfinden?

Sich selbst zu belügen, war vergeblich. Neferet würde seine einzige Liebe bleiben.

Die Morgenröte hatte ihm einen Hoffnungsschimmer gebracht. Ein Mann konnte ihm helfen! Also begab er sich zu den Hafenbecken Thebens, wo jeden Tag ein großer Markt abgehalten wurde. Sobald die Waren gelöscht waren, stellten Kleinhändler sie auf Auslagen zur Schau. Männer und Frauen führten ihre Stände unter freiem Himmel, boten die mannigfachsten Lebensmittel, Stoffe, Kleidung und tausendundeinen Gegenstand feil. Unter dem Binsendach einer Schenke tranken Seeleute Bier und bewunderten dabei die hübschen Frauen der besseren Kreise, die auf der Suche nach Neuigkeiten waren. Ein am Boden sitzender Fischhändler vor seinem Rohrgeflechtkorb, der Nilbarsche enthielt, tauschte zwei schöne Stücke gegen ein Töpfchen Salböl; ein Feinbäcker Kuchen gegen eine Halskette und ein Paar Sandalen, ein Lebensmittelkrämer Saubohnen gegen einen Besen. Bei jedem dieser Geschäfte erhitzten sich die Gemüter, und die Verhandlungen endeten in einer gütlichen Einigung. Sofern die Streitigkeit das Gewicht der Waren betraf, konnte man auf eine Waage zurückgreifen, die ein Schreiber überwachte. Endlich sah Paser ihn.

Wie er vermutet hatte, verkaufte Kani Kichererbsen, Gurken und Lauch auf dem Markt. Plötzlich zog der Pavian mit unerwarteter Gewalt an seiner Leine und stürzte sich auf einen Dieb, den niemand bemerkt hatte und der gerade zwei herrliche Köpfe Salat entwendete. Der Affe hieb seine Zähne in den Oberschenkel des Missetäters. Seinen Schmerz herausschreiend, versuchte dieser den Angreifer vergebens zurückzustoßen. Kem schritt ein, bevor der Affe den Mann zerfleischen konnte. Der Dieb wurde in die Obhut zweier Ordnungshüter überstellt.

»Ihr seid mein Beschützer«, bemerkte der Gärtner. »Ich benötige Eure Hilfe, Kani.«

»In zwei Stunden werde ich alles verkauft haben. Dann gehen wir zu mir.«

Der Gemüsegarten war von Kornblumen, Mandragoren und Goldblumen eingefaßt. Kani hatte äußerst gleichmäßige Randbeete gezogen, die die einzelnen Stücke begrenzten; jedes enthielt ein Gemüse, Saubohnen, Kichererbsen, Linsen, Gurken, Zwiebeln, Lauch, Bockshornklee. Am hinteren Ende des Fleckens Land schützte ein Palmenhain die Pflanzung vor dem Wind; auf der linken Seite fanden sich ein Wein- und ein Obstgarten. Kani lieferte den Großteil seiner Ernte dem Tempel und setzte den Überschuß auf dem Markt ab.

»Seid Ihr zufrieden mit Eurem neuen Stand?«

»Die Arbeit ist noch genauso hart, doch ich ziehe Gewinn aus ihr. Der Tempelverwalter schätzt mich.«

»Baut Ihr auch Arzneipflanzen an?«

»Kommt.«

Kani zeigte Paser das Werk, das sein ganzer Stolz war: ein Beet mit einfachen und mit erlesenen Heilkräutern sowie mit Pflanzen, aus denen Arzneien gewonnen wurden. Weiderich, Senf, Bertram, Polei und Kamille waren nur einige davon. »Wißt Ihr, daß Neferet in Theben weilt?«

»Ihr irrt Euch, Richter. Sie bekleidet ein wichtiges Amt in Memphis.«

»Neb-Amun hat sie daraus verjagt.« Eine starke Gemütsbewegung trübte den Blick des Gärtners. »Er hat es gewagt … dieses Krokodil hat es gewagt!«

»Neferet gehört nicht mehr dem ersten Kreis der Heilkundigen an und hat keinen Zugang mehr zu den großen Forschungs- und Wirkstätten. Sie wird sich mit einem Dorf begnügen und die ernsthaft Erkrankten zu ihren befähigteren Berufsgenossen schicken müssen.«

Kani stampfte zornig auf den Boden. »Das ist schändlich, ungerecht!«

»Helft ihr.«

Der Gärtner hob fragend den Blick. »Auf welche Weise?«

»Wenn Ihr ihr seltene und kostspielige Pflanzen und Kräuter liefert, wird sie die nötigen Arzneimittel herzustellen und ihre Kranken zu heilen wissen. Wir werden kämpfen, um ihren guten Ruf wiederherzustellen.«

»Wo ist sie?«

»Das ist mir nicht bekannt.«

»Ich werde sie finden. War das der Auftrag, den Ihr mir anzuvertrauen wünschtet?«

»Nein.«

»Sprecht.«

»Ich suche einen Altgedienten der Ehrenwache des Sphinx. Er ist in seine Heimat am Westufer zurückgekehrt, um seinen Ruhestand dort zu verleben. Er verbirgt sich.«

»Warum?«

»Weil er um ein Geheimnis weiß. Wenn er mit mir spricht, ist er in Lebensgefahr. Ich wollte mich mit seinem Gefährten unterhalten, der sich hier als Bäcker niedergelassen hat; er wurde Opfer eines Unfalls.«

»Was wünscht Ihr?«

»Macht ihn ausfindig. Anschließend werde ich mit allergrößter Vorsicht einschreiten. Irgendjemand bespitzelt mich; falls ich selbst die Suche durchführe, wird der Altgediente ermordet werden, bevor ich mit ihm reden kann.«

»Ermordet!«

»Ich verhehle Euch weder den Ernst der Lage noch die drohende Gefahr.«

»In Eurer Eigenschaft als Richter könntet Ihr …«

»Ich besitze nicht einen Beweis, und ich beschäftige mich mit einem vom Heer abgeschlossenen Vorgang.«

»Und wenn Ihr Euch irrtet?«

»Wenn ich den Altgedienten, sofern er noch lebt, als Zeugen vernehmen kann, werden alle Zweifel zerstreut sein.«

»Ich kenne die Dörfer und Marktflecken des Westufers gut.«

»Ihr geht große Gefahren ein, Kani. Irgend jemand zögert nicht, zu töten und seine Seele zu verlieren.«

»Für dies eine Mal laßt mich darüber urteilen.«

Zum Ende jeder Woche gab Denes einen Empfang, um so die Schiffsführer seiner Frachtboote und zudem einige hochrangige Beamte zu begünstigen, welche bereitwillig die Genehmigungen für freie Fahrt, Beladen und Löschen ausstellten. Alle erfreuten sich an der Pracht des weiten Gartens, den Teichen und dem mit fremdländischen und ausgefallenen Arten bevölkerten Vogelhaus. Denes ging von einem zum anderen, sagte einige Freundlichkeiten, erkundigte sich nach dem Wohl und Wehe der Familie. Dame Nenophar stolzierte umher. An diesem Abend war die Stimmung weniger gelöst. Der Erlaß von Ramses dem Großen hatte Verunsicherung unter den führenden Männern gestiftet. Die einen beargwöhnten die anderen, vertrauliche Kenntnisse zu besitzen und sie für sich zu behalten. Denes, von zwei Berufsgenossen umrahmt, deren Geschäft er sich einzuverleiben gedachte, nachdem er ihre Schiffe aufgekauft hatte, begrüßte einen seltenen Gast, den Metallkundigen Scheschi. Dieser verbrachte den wesentlichen Teil seines Daseins in der geheimsten Forschungs- und Wirkstätte des Palastes und pflegte nur wenig Umgang mit den Vornehmen. Er war von kleinem Wuchs, seine Miene stets düster und abweisend, doch er galt als sehr fähig und bescheiden.

»Eure Anwesenheit ehrt uns, teurer Freund!« Der Wissenschaftler deutete ein halbes Lächeln an. »Wie verliefen Eure letzten Versuche? Kein Sterbenswörtchen, und die Lippen verschlossen halten, nicht wahr, doch man spricht in der ganzen Stadt darüber! Ihr sollt eine außerordentliche Legierung bewerkstelligt haben, die uns erlaube, Schwerter und Lanzen herzustellen, die kein Schlag bricht.« Scheschi schüttelte zweifelnd den Kopf. »Amtsgeheimnis der Streitkräfte, selbstverständlich! Bemüht Euch, auf daß es gelinge. Bei dem, was uns erwartet …«

»Werdet deutlicher«, verlangte einer der Gastfreunde.

»Nach PHARAOS Erlaß zu urteilen, ein netter Krieg! Ramses will die Hethiter zermalmen und uns von diesen kleinen Fürsten Asiens befreien, die sich so leicht auflehnen.«

»Ramses liebt den Frieden«, wandte ein Bootsführer der Handelsschiffahrt ein.

»Auf der einen Seite stehen die öffentlichen Bekundungen, auf der anderen die Taten.«

»Das ist besorgniserregend.«

»Ganz und gar nicht! Vor wem oder was sollte Ägypten sich fürchten?«