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Bereits am zweiten Tage nach ihrer Ankunft hatte Neferet die gewichtigste Person des Marktfleckens geheilt, einen des Gänsemästens kundigen Mann, der an ungleichmäßigem Herzschlag litt. Eine ausgiebige Walkung und das Einrenken der Wirbelsäule brachten ihn wieder auf die Beine. Bei seiner Tätigkeit hockte der Mäster am Boden neben einem niedrigen Tisch, auf dem aus einem Wasserbehälter geholte Mehlklöße lagen, und ergriff eine seiner Gänse am Hals. Das Federvieh wehrte sich, doch er ließ nicht los und führte behutsam die Stopfklumpen in den Kropf, wobei er sein Tun mit besänftigenden Worten begleitete. Derart genudelt taumelte die Gans erst wie trunken und watschelte dann zur Verdauung davon. Die Mast der Kraniche erforderte mehr Aufmerksamkeit. Was seine Stopfleber anbelangte, galt sie als eine der berühmtesten der ganzen Gegend.
In der Folge dieser ersten, als wundersam befundenen Heilung war Neferet zur Heldin des Dorfes geworden. Die Bauern hatten sie um Ratschläge ersucht, wie sie die Feinde des Feldes und der Obstgärten, insbesondere die Heuschrecken und Grillen, bekämpfen sollten; doch die junge Frau hatte es vorgezogen, zunächst gegen eine andere Plage anzugehen, die ihr die Ursache für jene Hautentzündungen zu sein schien, die Erwachsene wie Kinder heimsuchten, nämlich die Fliegen und Stechmücken. Ihr unmäßiges Auftreten ließ sich mit einem Pfuhl versumpften Wassers erklären, der seit mehr als drei Jahren nicht entwässert worden war. Neferet ließ ihn trockenlegen, empfahl allen Dorfbewohnern, ihre Häuser zu reinigen und zu entseuchen, pflegte die Stiche mit Goldammerfett und nahm Einreibungen mit frischem Öl vor.
Allein der Fall eines Greises mit verbrauchtem Herzen bereitete ihr Sorge; falls sich sein Zustand verschlechtern sollte, würden sie ihn nach Theben ins Siechenhaus bringen müssen. Gewisse seltene Pflanzen hätten ihm diese Unannehmlichkeit erspart. Als sie sich wieder einmal an seinem Lager befand, kam ein Knabe, um sie von der Anwesenheit eines Fremden zu benachrichtigen, der Fragen nach ihr stellte. Selbst hier ließ Neb-Amun sie nicht in Frieden! Wessen beschuldigte man sie diesmal, zu welcher Erniedrigung würde er sie treiben! Sie mußte sich verstecken. Die Dörfler würden schweigen und der Gesandte des Obersten Arztes wieder gehen.
Paser spürte, daß seine Gegenüber logen; der Name Neferet war ihnen vertraut, ihrer Stummheit zum Trotz. Der Marktflecken verschloß sich gegen die Außenwelt mit seinen von der Wüste bedrohten Häusern, als fürchtete er jegliches Eindringen; die meisten Türen blieben ihm verschlossen. Verdrossen wollte er sich schon anschicken, den Ort zu verlassen, als er eine Frau erblickte, die sich zu den steinigen Hügeln wandte. »Neferet!«
Neugierig drehte sie sich um. Sie erkannte ihn und kehrte um. »Richter Paser … was macht Ihr hier?«
»Ich hatte den Wunsch, mit Euch zu sprechen.« Die Sonne stand in ihren Augen. Die Landluft hatte ihre Haut gebräunt. Paser wollte ihr seine Gefühle gestehen, ausdrücken, was er empfand, war jedoch außerstande, auch nur ein Wort herauszubringen. »Gehen wir auf die Kuppe dieser Anhöhe.« Er wäre ihr bis ans Ende der Welt, auf den Grund des Meeres, in den Schlund der Finsternis gefolgt. Welch ein berauschendes Glück war es doch, an ihrer Seite zu gehen, sich ganz nah neben sie zu setzen, ihre Stimme zu hören.
»Branir hat mich unterrichtet. Wünscht Ihr, gegen Neb-Amun Anzeige einzureichen?«
»Sie wäre nutzlos. Etliche Heilkundige verdanken ihm ihre Laufbahn und würden gegen mich aussagen.«
»Ich werde sie wegen falscher Zeugenaussage anklagen.«
»Sie sind zu zahlreich, und Neb-Amun wird Euch am Handeln hindern.«
Trotz der lauen Wärme des Frühlings schauderte Paser. Er konnte ein Niesen nicht unterdrücken. »Eine Erkältung?«
»Ich habe die Nacht im Freien verbracht, als ich auf die Rückkehr von Kani wartete.«
»Dem Gärtner?«
»Er war es, der Euch wiedergefunden hat. Er lebt in Theben, bewirtschaftet dort seinen eigenen Garten. Und das ist Eure Gelegenheit, Neferet: Er baut Heilpflanzen an und wird die erlesensten zu bestellen verstehen!«
»Eine Wirkstätte errichten? Hier?«
»Warum nicht? Eure Kenntnisse der Arzneikunde erlauben es Euch. Ihr werdet nicht allein die ernsten Erkrankungen behandeln können, Euer Ruf wird noch dazu rasch wiederhergestellt sein.«
»Ich verspüre wenig Lust, diesen Kampf aufzunehmen. Mein gegenwärtiger Stand genügt mir.«
»Vergeudet Eure Begabung nicht. Tut es für Eure Kranken.« Paser nieste ein zweites Mal. »Solltet Ihr nicht als erster davon betroffen sein? Die Lehrbücher behaupten, der starke Schnupfen breche die Knochen, zertrümmere den Schädel und höhle das Hirn aus. Ich muß diesem Unheil vorbeugen.« Ihr Lächeln, bei dem die Güte den Spott ausschloß, verzückte ihn.
»Nehmt Ihr Kanis Hilfe an?«
»Er ist stur. Wie könnte ich mich ihm widersetzen, wenn seine Entscheidung gefaßt ist? Beschäftigen wir uns mit dem Dringlichen: Schnupfen ist ein ernstes Leiden. Ich verordne Euch Palmsaft für Eure Nasenlöcher und, falls er beharrlich bleibt, Frauenmilch und Duftgummi.« Der Schnupfen blieb hartnäckig und verstärkte sich.
Neferet geleitete den Richter in die bescheidene Behausung, die sie in der Dorfmitte bewohnte. Da Husten hinzutrat, verordnete sie ihm Höllenpulver[48] welches das Volk »was das Herz labt« nannte. »Versuchen wir, der Krankheit Einhalt zu gebieten. Setzt Euch auf diese Matte und rührt Euch nicht mehr.«
Sie gab ihre Anweisungen, ohne die Stimme zu erheben, die so sanft war wie ihr Blick. Der Richter hoffte, daß die Nachwirkungen der Erkältung von Dauer sein würden und er so lange wie möglich in diesem schlichten Raum verweilen könnte. Neferet vermengte Höllenpulver, Harz, Blätter von entseuchenden Pflanzen, zerstieß und verrührte alles zu einem Brei, den sie erhitzte. Dann strich sie ihn auf einen Stein, den sie vor den Richter stellte, und stülpte einen irdenen Topf mit einem Loch im Boden darüber.
»Nehmt dieses Schilfrohr«, sagte sie zu Paser, »steckt es in das Loch und atmet die Dämpfe abwechselnd durch den Mund und durch die Nase ein. Die Räucherung wird Euch Linderung verschaffen.« Ein Fehlschlag hätte Paser nicht mißfallen, doch das Heilverfahren erwies sich als wirkungsvoll. Die Beengung nahm ab, die Atmung ging leichter.
»Kein Schauder mehr?«
»Nur ein Gefühl der Mattheit.«
»Während einiger Tage empfehle ich Euch eine reichhaltige und eher fette Nahrung: rotes Fleisch, frisches Öl zu den Lebensmitteln. Ein wenig Ruhe wäre segensreich.«
»Der muß ich entsagen.«
»Was führt Euch nach Theben?« Er hatte Lust zu schreien: »Ihr, Neferet, Ihr allein!«, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Er war sich gewiß, daß sie seine Leidenschaft wahrnahm, er wartete, daß sie ihm die Möglichkeit böte, sie zu äußern, wagte jedoch nicht, ihren Frieden mit einem tollen Wahn zu trüben, den sie zweifelsohne mißbilligen würde.
»Vielleicht ein Verbrechen, vielleicht mehrere Verbrechen.«
Er spürte, wie ein Unheil sie verstörte, das sie nicht betraf. Hatte er das Recht, sie in diese Angelegenheit zu verwickeln, deren wahres Wesen ihm selbst unbekannt war?
»Ich habe vollstes Vertrauen zu Euch, Neferet, doch ich möchte Euch nicht mit meinen Sorgen zur Last fallen.«
»Seid Ihr nicht zur Verschwiegenheit verpflichtet?«
»Bis zu dem Zeitpunkt, da ich Schlußfolgerungen ausspreche.«
»Morde … sollte dies Eure Schlußfolgerung sein?«
»Meine innerste Überzeugung.«
»So viele Jahre wurde nun bereits kein Mord mehr begangen!«
»Fünf Altgediente, die die Ehrenwache des Großen Sphinx bildeten, sind – bei einem Sturz von dessen Kopf – während einer einfachen Überprüfung gestorben. Unfall – so lautet die amtliche Darlegung des Heeres. Nun versteckte sich jedoch einer von ihnen in einem Dorf am Westufer, wo er die Pflichten des Bäckers versah. Ich hätte ihn gerne vernommen, doch diesmal war er wahrhaftig tot. Wieder ein neuer Unfall. Der Vorsteher der Ordnungskräfte läßt mir nachstellen, als ob ich mich dadurch schuldig machte, eine Untersuchung durchzuführen. Ich bin völlig ratlos, Neferet. Ach, vergeßt meine Bekenntnisse.«
»Wollt Ihr aufgeben?«
»Ich habe einen unstillbaren Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Gäbe ich auf, würde ich mich zerstören.«
»Kann ich Euch helfen?« Ein anderes Fieber erfüllte Pasers Augen. »Wenn wir uns von Zeit zu Zeit unterhalten könnten, hätte ich mehr Mut.«
»Eine Erkältung kann Nebenwirkungen zeitigen, die besser scharf überwacht werden sollten. Weitere Untersuchungen werden notwendig sein.«
Die Nacht in der Herberge war so fröhlich wie erschöpfend gewesen. Scheiben gerösteten Ochsenfleischs, Eierfrüchte mit Sahne, Backwaren nach Belieben und eine prachtvolle Libyerin von vierzig Jahren, die ihrem Land entflohen war, um die ägyptischen Krieger zu zerstreuen. Der Offizier des Streitwagens hatte Sethi nicht belogen: Ein Mann genügte ihr nicht. Er, der sich der stürmischste aller Liebhaber wähnte, hatte die Waffen strecken und das Feld seinem Vorgesetzten überlassen müssen. Spöttisch und entflammt nahm die Libyerin die unglaublichsten Stellungen ein.
Als der Streitwagen sich wieder auf den Weg machte, hatte Sethi Mühe, die Augen offenzuhalten. »Du mußt lernen, auf Schlaf zu verzichten, mein Junge! Vergiß nicht, daß der Feind dann angreift, wenn du müde bist. Eine gute Neuigkeit: Wir sind die Vorhut der Vorhut! Die ersten Streiche werden uns gelten. Falls du ein Held werden wolltest, kannst du nun dein Glück versuchen.« Sethi drückte den Bogen gegen seine Brust.
Der Wagen fuhr die Mauern des Herrschers[49] entlang, eine ungeheure, von den Pharaonen des Mittleren Reiches errichtete und von deren Nachfolgern stetig verbesserte Flucht von Festungen; eine wahrhaftige Große Mauer, deren verschiedene Bauwerke untereinander durch Signaltürme verbunden waren und die jeglichen Einfallversuch von Seiten der Beduinen und der Asiaten verwehrte. Von den Gestaden des Mittelmeers bis nach Heliopolis beschirmten die Mauern des Herrschers zugleich die stehenden Truppen, die eigens für die Bewachung der Grenzen ausgebildet waren, und die Zöllner. Niemand betrat Ägypten oder verließ es, ohne seinen Namen und den Grund seiner Reise genannt zu haben; die Händler gaben zudem die Art ihrer Waren an und entrichteten Abgaben. Die Ordnungshüter drängten die unerwünschten Fremden zurück und stellten Einreiseerlaubnisse nur nach eingehenden Prüfungen der Unterlagen aus, die von einem für die Einwanderung zuständigen Beamten der Hauptstadt geflissentlich begutachtet wurden. Im übrigen galt, wie die Stele von PHARAO verkündete: »Wer immer diese Grenze übertritt, wird einer meiner Söhne.« Der Offizier zeigte seine Papyri dem Befehlshaber einer Feste vor, deren sechs Meter hohe Mauern mit beidseitiger Schräge von Gräben umgeben waren. Auf den Zinnen standen Bogenschützen; in den Wachtürmen Späher.
»Man hat die Wache verstärkt«, bemerkte der Offizier. »Sieh dir nur diese nichtsnutzigen Gesichter an.« Zehn bewaffnete Männer umringten plötzlich den Streitwagen. »Steigt aus«, befahl der Anführer. »Ihr scherzt?«
»Eure Papyri sind nicht vorschriftsmäßig.« Bereit, seine Pferde in voller Hatz lospreschen zu lassen, umklammerte der Offizier die Zügel. Jäh richteten sich Lanzen und Pfeile auf ihn. »Steigt augenblicklich aus.«
Der Krieger wandte sich an Sethi. »Was meinst du dazu, Kleiner?«
»Wir haben bessere Schlachten in Aussicht.« Sie sprangen vom Wagen.
»Es fehlt ein Siegel der ersten Feste der Mauern des Herrschers«, verdeutlichte der Befehlshaber des Platzes.