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»Er ist tot, wie die anderen.«
»Wenn dem so ist, weshalb wurde dann mein Zimmer durchstöbert?«
»Ich weiche keinen Fingerbreit mehr von Eurer Seite.«
»Ihr steht unter meinem Befehl, erinnert Euch.«
»Meine Aufgabe besteht darin, Euch zu beschützen.«
»Wenn ich es für notwendig erachte. Wartet hier auf mich und macht Euch reisefertig.«
»Sagt mir wenigstens, wohin Ihr geht.«
»Ich werde nicht lange fortbleiben.«
Neferet wurde zur Königin eines abgeschiedenen Dorfes des Westufers von Theben. Der ständigen Anwesenheit einer Heilkundigen teilhaftig zu sein, stellte für die kleine Gemeinde ein unschätzbares Geschenk dar. Der freundliche Einfluß der jungen Frau bewirkte Wunder; Kinder und Erwachsene hörten auf ihren Rat und brauchten Krankheit nicht mehr zu fürchten. Neferet bestand auf einer peinlichen Einhaltung der allen bekannten, doch manchmal vernachlässigten Richtlinien der Krankheitsverhütung und Sauberkeit: häufiges Händewaschen, vor jedem Mahle zwingend, tägliches Schwallbad, Waschung der Füße vor Betreten eines Hauses, Reinigung des Mundes und der Zähne, regelmäßiges Scheren der Körper- und Schneiden der Haupthaare, Verwendung von Salben, Mitteln für Schönheit und gegen Körpergeruch auf der Grundlage von Karobe. Bei den Armen wie den Reichen bediente man sich einer Masse aus Sand und Fett; wenn man dieser Natron zufügte, säuberte und läuterte sie die Haut.
Auf Pasers Beharrlichkeit hin hatte Neferet eingewilligt, am Nilufer entlang zu wandeln. »Seid Ihr glücklich?«
»Ich glaube, nützlich zu sein.«
»Ich bewundere Euch.«
»Andere Heilkundige würden Eure Achtung verdienen.«
»Ich muß Theben verlassen. Man ruft mich nach Memphis zurück.«
»Wegen dieser befremdlichen Angelegenheit?«
»Mein Gerichtsschreiber hat sich nicht dazu geäußert.«
»Seid Ihr vorangekommen?«
»Der fünfte Altgediente bleibt unauffindbar. Falls er einer dauerhaften Beschäftigung am Westufer nachgegangen wäre, hätte ich es erfahren. Meine Untersuchung verläuft sich.«
Der Wind wechselte, der Frühling wurde milder, wärmer. Bald würde der Sandwind wehen; für mehrere Tage würde er die Ägypter zwingen, sich in ihren Häusern zu vergraben. Überall erblühte die Natur. »Werdet Ihr wiederkommen?«
»So bald als möglich.«
»Ich spüre, daß Ihr besorgt seid.«
»Man hat meine Kammer durchwühlt.«
»Man wollte Euch sicher einschüchtern.«
»Man hat geglaubt, ich besäße ein wichtiges Schriftstück. Jetzt weiß man, daß es nicht so ist.«
»Geht Ihr nicht zu viele Gefahren ein?«
»Wegen meiner Unfähigkeit begehe ich zu viele Fehler.«
»Seid weniger unerbittlich gegen Euch selbst; Ihr habt Euch nichts vorzuhalten.«
»Ich will das Unrecht bezwingen, das Euch widerfährt.«
»Ihr werdet mich vergessen.«
»Niemals!« Sie lächelte bewegt.
»Unsere jugendlichen Schwüre verflüchtigen sich im leichten Abendwind.«
»Nicht die meinen.«
Paser hielt inne, drehte sich zu ihr und nahm ihre Hände.
»Ich liebe Euch, Neferet. Wenn Ihr wüßtet, wie sehr ich Euch liebe …« Besorgnis verschleierte ihre Augen. »Mein Leben ist hier, Eures in Memphis. Das Schicksal hat so entschieden.«
»Meine Laufbahn ist mir einerlei. Was bedeutet alles übrige, wenn Ihr mich liebt!«
»Seid nicht kindisch.«
»Ihr seid das Glück, Neferet. Ohne Euch hat mein Dasein keinen Sinn.« Sie zog sacht ihre Hände zurück. »Ich muß nachdenken, Paser.« Er hatte das Verlangen, sie in seine Arme zu nehmen, sie so fest an sich zu drücken, daß niemand sie würde trennen können. Doch er durfte diese zarte Hoffnung nicht zerschlagen, die in ihrer Antwort leuchtete.
Der Schattenfresser wohnte Pasers Abreise bei. Dieser verließ Theben, ohne sich mit dem fünften Altgedienten unterhalten zu haben, und nahm kein belastendes Schriftstück mit. Die Durchsuchung seines Zimmers hatte sich als unergiebig erwiesen. Auch er selbst hatte keinen Erfolg gehabt. Magere Ernte: Der fünfte Altgediente hatte sich kurz in einem Marktflecken südlich der großen Stadt aufgehalten, in dem er sich als Wagenschreiner hatte niederlassen wollen. Vom verhängnisvollen Ableben seines Genossen, des Bäckers, in Angst versetzt, war er nun verschwunden.
Weder dem Richter noch dem Schattenfresser war es gelungen, ihn ausfindig zu machen. Der Altgediente wußte sich in Gefahr. Daher würde er seinen Mund halten. Beruhigt würde der Schattenfresser das nächste Schiff nach Memphis besteigen können.
Wesir Bagi hatte ein Leiden an den Beinen. Sie waren schwer, in einem Maße aufgedunsen, daß die Wölbung der Knöchel verschwunden war. Er trug deswegen stets weite Sandalen mit lockeren Riemen, ohne daß er indes die Zeit gefunden hätte, sich anderweitige Pflege zu gönnen. Je länger er sitzend in seinem Amtszimmer verweilte, desto mehr nahm die Schwellung zu; doch der Dienst am Reiche duldete weder Rast noch Abwesenheit. Seine Gemahlin Nedit hatte das große Anwesen abgelehnt, das PHARAO dem Wesir seines Amtes wegen gewährte. Bagi hatte sich ihrer Meinung gefügt, da er die Stadt dem Lande vorzog. Daher bewohnten sie ein bescheidenes Haus inmitten von Memphis, das die Ordnungskräfte Tag und Nacht bewachten. Der Erste Pharaonische Rat der Beiden Länder erfreute sich vollkommener Sicherheit; niemals, seit den Anfängen Ägyptens, war ein Wesir je ermordet, noch nicht einmal tätlich angegriffen worden. Obwohl er an der Spitze der Verwaltung des Reiches stand, bereicherte er sich nicht. Seine Pflicht hatte für ihn Vorrang vor seinem eigenen Wohl. Nedit hatte den Aufstieg ihres Gemahls schlecht ertragen; durch plumpe Gesichtszüge benachteiligt, von kleinem Wuchs und ziemlicher Beleibtheit, die sie nicht zu verringern wußte, lehnte sie öffentliches Gepränge ab und erschien bei keinem förmlichen Festmahl. Sie vermißte die Zeit, in der Bagi eine Stellung im verborgenen mit begrenzter Verantwortung bekleidet hatte. Damals war er stets früh nach Hause gekommen, hatte ihr bei der Küchenarbeit geholfen und sich um die Kinder gekümmert.
Während er auf den Palast zuging, dachte der Wesir an seinen Sohn und seine Tochter. Sein Sohn, der zunächst Handwerker gewesen, hatte sich bei dem Schreinermeister, bei dem er in der Lehre gewesen war, durch seine Faulheit ausgezeichnet. Sogleich davon unterrichtet, hatte der Wesir seinen Ausschluß aus der Werkstatt erwirkt und ihm eine Stelle als Hersteller von Hohlziegeln aufgezwungen. Diese Entscheidung als ungerecht befindend, hatte PHARAO seinen Wesir gerügt und ihn der allzugroßen Strenge gegenüber einem Mitglied seiner eigenen Familie geziehen. Jeder Wesir mußte Sorge tragen, die Seinen nicht zu bevorrechten, doch ein Übermaß im gegensätzlichen Sinne war gleichermaßen verwerflich[54]. So war Bagis Sohn eine Rangstufe emporgerückt und zum Prüfer gebrannter Ziegeln geworden. Es beseelte ihn auch kein anderer Ehrgeiz; seine einzige Leidenschaft war das Brettspiel in Gesellschaft von Burschen seines Alters. Seine Tochter bereitete dem Wesir weit mehr Befriedigung; sie glich ein ungefälliges Äußeres durch große Ernsthaftigkeit in ihrem Betragen aus und träumte davon, als Spinnerin in den Tempel aufgenommen zu werden. Ihr Vater half ihr in keiner Weise; ihre eigenen Fähigkeiten würden ihr erlauben, zum Ziel zu gelangen.
Voller Überdruß verließ der Wesir seinen Stuhl und ließ sich auf einem Hocker nieder, dessen zur Mitte hin leicht ausgewölbte Sitzfläche aus fischgrätenartig geflochtenem Seil bestand. Vor seiner täglichen Besprechung mit dem König mußte er Kenntnis von den Berichten der verschiedenen Räte nehmen. Gebeugt und mit schmerzenden Füßen versuchte er, seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Sein persönlicher Schreiber unterbrach seine Einsichtnahme. »Ich bin untröstlich, Euch zu belästigen.«
»Was geht vor?«
»Ein Bote des Asien-Heeres hat Meldung gemacht.«
»Faßt kurz zusammen.«
»Aschers Sondereinsatzverband ist vom Kern unserer Truppen abgeschnitten.«
»Ein Aufstand?«
»Der Libyer Adafi, zwei asiatische Zwergkönige und Beduinen.«
»Schon wieder die! Unsere Geheimen Kundschafter haben sich übertölpeln lassen.«