37695.fb2 Das Testament der G?tter - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 44

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»Widersetzt Ihr Euch dem Gesetz?« Der Verwalter wurde freundlicher.

»Ich denke nur an Eure Sicherheit, Richter Paser. Dort hinaufzusteigen ist gefährlich. Ihr seid an diese Art Kletterei nicht gewöhnt.«

»Euch ist also nicht bekannt, daß die Hälfte unserer Vorräte fehlen.« Der Verwalter schien verdutzt. »Welch ein Unheil!«

»Und wie erklärt Ihr Euch das?«

»Das Geschmeiß, mit Sicherheit.«

»Gilt dem nicht Eure wichtigste Sorge?«

»Ich überlasse mich hierbei der für Entseuchung und Gesundheitsfürsorge zuständigen Behörde; sie ist die Schuldige.«

»Die Hälfte der Vorräte, das ist ungeheuer!«

»Wenn das Ungeziefer sich ans Werk macht …«

»Richtet die Leiter auf.«

»Völlig unnötig, ich versichere Euch. Das ist nicht die Aufgabe eines Richters!«

»Wenn ich mein Petschaft auf den amtlichen Bericht gesetzt habe, werdet Ihr vor dem Gesetz verantwortlich sein.«

Zwei Knechte schafften eine große Leiter herbei und lehnten sie gegen die Außenwand des Speichers. Mit großem Unbehagen kletterte Paser hinauf; die Sprossen ächzten, die Standfestigkeit ließ zu wünschen übrig. Auf halbem Wege schwankte er. »Verkeilt sie!« forderte er.

Der Verwalter schaute hinter sich, als erwäge er die Flucht.

Kem legte ihm die Hand auf die Schulter, der Babuin näherte sich seinem Bein.

»Gehorcht dem Richter,« empfahl der Nubier. »Ihr wünscht doch wohl keinen Unfall?« Sofort hielt man die Leiter im Gleichgewicht. Ermutigt kletterte Paser weiter. Er gelangte zur Spitze, acht Meter über der Erde, stieß einen Riegel zurück, öffnete eine Luke. Der Speicher war randvoll.

»Unbegreiflich«, meinte der Verwalter. »Der Prüfer hat Euch belogen.«

»Eine andere Erklärung wäre Eure Mitwisserschaft«, meinte Paser.

»Ich bin betrogen worden, seid Euch dessen gewiß!«

»Ich zögere, Euch zu glauben.« Der Pavian stieß ein Knurren aus und zeigte seine Reißzähne.

»Er verabscheut Lügner«, ließ der Nubier ihn wissen.

»Haltet dieses Raubtier zurück!«

»Ich habe keinerlei Gewalt über ihn, wenn ein Zeuge ihn reizt.«

Der Verwalter senkte den Kopf. »Er hatte mir eine gute Entlohnung versprochen, sofern ich mich für sein Gutachten verbürge. Wir hätten das vorgeblich fehlende Getreide allmählich abgesetzt. Es stand ein netter Gewinn in Aussicht. Werde ich mein Amt behalten, da die Missetat nicht stattgefunden hat?«

Paser arbeitete bis spät in die Nacht. Er unterzeichnete die von Beweisgründen gestützte Absetzung des Verwalters und suchte in den Aufstellungen der Beamten vergeblich nach dem fraglichen Prüfer. Ein falscher Name, wahrscheinlich. Die Unterschlagung von Getreide kam nicht selten vor, doch noch nie hatte das Vergehen solche Ausmaße angenommen. Eine Einzeltat, die auf ein Memphiter Kornhaus begrenzt war, oder eine allgemein herrschende Bestechlichkeit? Letzteres würde PHARAOS überraschenden Erlaß als begründet erscheinen lassen. Baute der Herrscher nicht auf die Richter, um Recht und Ordnung wiederherzustellen und die krummen Stöcke aufzurichten? Wenn ein jeder gewissenhaft handelte, ob seine Obliegenheit nun bescheiden oder gewichtig war, würde das Übel rasch beseitigt sein. In der Flamme der Lampe standen Neferets Gesicht, ihre Augen, ihre Lippen. Zu dieser Stunde schlief sie wohl bereits. Dachte sie jemals an ihn?

25. Kapitel

Kem und dem Babuin begleitet, bestieg Paser das schnelle Segelschiff in Richtung der großen Papyruspflanzungen im Delta, die Bel-ter-an mit königlicher Genehmigung bewirtschaftete. Im Schlamm und Morast konnten diese Stauden mit Bartdolden und Stengeln von dreieckigem Querschnitt die stattliche Höhe von sechs Metern erreichen und wahre Dickichte bilden. Dicht an dicht stehend, bekrönten ihre schirmartigen Blütenstände das kostbare Gewächs. Aus seinen holzigen Wurzeln fertigte man Gegenstände des häuslichen Bedarfs; aus den äußeren Fasern und der Rinde Matten, Körbe, Netze, Taue, Stricke und selbst Sandalen sowie Schurze für die Ärmsten. Die zarten Triebe wurden von den Bauern roh gekaut, deren Saft herausgesaugt und der restliche Brei wieder ausgespien. Was endlich das üppige, schwammartige Stengelmark unter der Rinde betraf, so wurde diesem eine ganz besondere Behandlung zuteil, damit es zu jenem berühmten Papyrus wurde, um das die Welt Ägypten beneidete.

Bel-ter-an begnügte sich nicht mit dem Kreislauf der Natur; so hatte er auf seinem ungeheuren Anwesen die Papyrusstaude nachgerade angebaut, um den Ertrag zu steigern und einen Teil ausführen zu können. Für jeden Ägypter bedeuteten die grün schimmernden Stengel Kraft und Jugend; die Zepter der Göttinnen hatten die Form eines Papyrus, die Säulen der Tempel waren steinerne Papyri. Ein langer Weg war durch das Pflanzendickicht gebahnt worden; Paser begegnete nackten Bauern, die schwere Garben auf ihren Rücken trugen. Vor den großen Lagerhäusern, wo man, im Trockenen, den Rohstoff in Holztruhen oder irdenen Tonbehältnissen aufbewahrte, reinigten Facharbeiter die sorgfältig ausgelesenen Fasern der hauchdünn in Längsrichtung geschnittenen Stengel, bevor sie sie auf Matten oder Holzgestellen ausbreiteten. Die dünnen Streifen von vierzig Zentimetern Länge wurden in zwei senkrecht zueinander verlaufenden Schichten übereinandergelegt. Eine weitere Gruppe von Facharbeitern bedeckte dies Geflecht mit einem feuchten Leingewebe und preßte es ausgiebig mittels Holzflegeln. Dann nahte der heikle Augenblick, da die Papyrusstreifen trocknen und ohne irgendeinen Zusatz fest miteinander verkleben mußten. »Prächtig, nicht wahr?« Der gedrungene Mann, der sich an Paser wandte, hatte ein rundes Mondgesicht, schwarzes, mit einem Pflegemittel geglättetes Haar. Trotz seiner fleischigen Hände und Füße und seines vierschrötigen Körperbaus wirkte er äußerst rege, ja beinahe unruhig. »Euer Besuch ehrt mich, Richter Paser; mein Name ist Bel-ter-an. Ich bin der Eigentümer dieses Anwesens.«

Er zog seinen Schurz hoch und das feine Leinenhemd zurecht. Auch wenn er sich bei den besten Weberinnen von Memphis einkleidete, schienen seine Gewänder stets zu klein, zu groß oder zu weit zu sein. »Ich möchte Euch Papyrus abkaufen.«

»Kommt und seht Euch meine besten Sorten an.« Bel-ter-an zog Paser zu dem Lagerschuppen, in dem er seine kostbarsten Stücke, nämlich Rollen zu zwanzig Bögen, aufbewahrte. Der Hersteller zog eine davon auf.

»Seht Euch diese Pracht an, ihren feinen Schuß, ihre herrliche Farbe. Keinem meiner Mitbewerber ist es gelungen, mein Erzeugnis nachzuahmen. Eines der Geheimnisse ist die Dauer des Trocknens unter der Sonne, doch es gibt noch etliche wichtige Punkte, über diese wird mein Mund stets versiegelt bleiben.«

Der Richter befühlte den Rand der Rolle. »Dieser Papyrus ist vollkommen.« Bel-ter-an verhehlte seinen Stolz nicht.

»Ich behalte ihn den Schreibern vor, die die alten Weisheiten[56] abschreiben und vervollständigen. Das Schriftenhaus des Palastes hat mir ein Dutzend davon für nächsten Monat in Auftrag gegeben. Ebenso liefere ich Totenbücher, die in den Gräbern niedergelegt werden.«

»Euer Geschäft scheint zu blühen.«

»So ist es, allerdings unter der Bedingung, Tag und Nacht zu arbeiten. Ich beklage mich nicht, da mich mein Beruf mit Begeisterung erfüllt. Einen Untergrund für die Texte und Hieroglyphen zu stellen, ist doch das Wesentliche, nicht wahr?«

»Mein Guthaben ist begrenzt, ich habe nicht die Mittel, mir solch schönen Papyrus zu kaufen.«

»Ich verfüge auch über eine mindere, doch noch beachtenswerte Güte. Haltbarkeit gewährleistet!« Der Posten sagte Paser zu, doch der Preis war weiterhin zu hoch. Bel-ter-an kratzte sich im Nacken. »Ihr gefällt mir, Richter Paser, und ich hoffe, daß das auf Gegenseitigkeit beruht. Ich liebe die Gerechtigkeit, da sie der Schlüssel des Glücks ist. Gewährt Ihr mir die Freude, Euch einen Posten zu schenken?«

»Ich bin empfänglich für Eure Großzügigkeit, doch ich bin genötigt, sie zurückzuweisen.«

»Erlaubt mir, darauf zu beharren.«

»Jedes Geschenk, in welcher Form auch immer, würde als Bestechung betrachtet. Wenn Ihr mir einen Zahlungsaufschub einräumtet, müßten wir diesen schriftlich festhalten und niederlegen.«

»Nun denn, einverstanden! Ich habe sagen hören, Ihr zaudertet nicht, Euch an Großkaufleute heranzuwagen, die das Gesetz mißachten. Das ist sehr mutig.«

»Nur meine Pflicht.«

»In Memphis neigt die Sittlichkeit der Händler in letzter Zeit dazu, nachzulassen. Ich vermute, PHARAOS Erlaß wird dieser ärgerlichen Entwicklung Einhalt gebieten.«

»Meine Amtsbrüder und ich setzen uns nach Kräften dafür ein, obgleich ich einräumen muß, die Memphiter Sitten schlecht zu kennen.«

»Ihr werdet Euch schnell eingewöhnen. In den letzten Jahren war der Wettbewerb unter den Kaufleuten eher rauh; sie haben nicht gezögert, sich ernste Schläge zu versetzen.«

»Habt Ihr welche erdulden müssen?«

»Ich schlage mich wie alle anderen. Zu Anfang versah ich den Dienst eines Gehilfen der Buchhaltung auf einem großen Gut im Delta, wo der Papyrus schlecht bewirtschaftet wurde. Ich habe dem Gebieter des Anwesens Verbesserungen vorgeschlagen; er hat sie angenommen und mich in den Rang eines Buchhalters erhoben. Ich hätte in Frieden leben können, wenn das Unheil mich nicht niedergeschmettert hätte.«

Die beiden Männer traten aus dem Lagerhaus und beschritten einen von Blumen gesäumten Weg, der zu Bel-ter-ans Behausung führte. »Darf ich Euch etwas zu trinken anbieten? Ich versichere Euch, das ist keine Bestechung!« Paser lächelte. Er spürte, daß es den Hersteller danach verlangte, sich auszusprechen. »Welches war dieses Unheil?«

»Ein wenig ruhmvolles Mißgeschick. Ich hatte eine Frau geheiratet, die älter war als ich und aus Elephantine stammte; wir verstanden uns gut, trotz einiger unwesentlicher Streitigkeiten. Ich kehrte häufig spät heim, was sie duldete. Eines Nachmittags wurde ich Opfer eines Unwohlseins; Überarbeitung wahrscheinlich. Man brachte mich in mein Heim. Meine Gattin fand ich mit dem Gärtner im Bett. Erst hatte ich Lust, sie zu töten, dann, sie wegen Ehebruchs verurteilen zu lassen … doch die Strafe ist hart[57]. Ich habe mich letztlich mit einer sogleich ausgesprochenen Scheidung begnügt.«

»Eine beschwerliche Prüfung.«

»Ich wurde zutiefst verletzt und habe mich mit doppelter Arbeit getröstet. Der Gebieter des Anwesens hat mir ein Stück Land geschenkt, das niemand haben wollte. Die Bewässerungsanlage, die ich selbst ersonnen habe, hat seinen Wert zur Geltung kommen lassen: erste ertragreiche Ernten, angemessene Preise, zufriedene Kundschaft … und schließlich das Wohlwollen des Palastes! Als ich Lieferer des Hofes wurde, war mein Glück gemacht. Man hat mir die Sümpfe zugeteilt, die Ihr durchquert habt.«