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»Ich muß ein Gelöbnis einhalten.«
Eine Stunde später hielt der Wagen an der Stätte, wo Sethi den von den Beduinen getöteten Offizier beigesetzt hatte. Von Grauen erfüllt, wohnte Panther der Ausgrabung bei. Der Ägypter hüllte den Leichnam in ein großes Leintuch, das er an den Enden verschnürte. »Wer ist das?«
»Ein wahrer Held, der in seinem Land und nahe den Seinen ruhen wird.«
Sethi ließ unerwähnt, daß Heerführer Ascher seinen Schritt wahrscheinlich nicht gestattet hätte. Als er endlich im Begriff war, seinen Totendienst zu vollenden, brüllte die Libyerin plötzlich auf. Sethi drehte sich jäh um, konnte jedoch der Pranke eines Bären nicht mehr ausweichen, die ihm die linke Schulter zerfetzte. Er stürzte, rollte sich zur Seite und versuchte, sich hinter einem Fels zu verbergen. Auf den Hinterpfoten maß der schwere und zugleich behende Sohlengänger drei Meter. Das ausgehungerte, blindwütige Tier geiferte, öffnete das Maul und stieß einen entsetzlichen Schrei aus, der die Vögel in der Umgebung auffliegen ließ. »Meinen Bogen, schnell!«
Die Libyerin wagte sich nicht aus dem trügerischen Schutz des Streitwagens und warf Bogen und Köcher in Sethis Richtung. Als der junge Mann seine Waffen ergreifen wollte, fuhr die Kralle des Bären ein zweites Mal nieder und riß ihm den Rücken auf. Das Gesicht am Boden und blutüberströmt, blieb er reglos liegen.
Panther schrie erneut auf und zog die Aufmerksamkeit des Ungeheuers damit auf sich. Starr vor Entsetzen sah sie, wie es sich ihr plump zuwandte. Sethi richtete sich auf den Knien auf. Ein roter Nebel legte sich über seine Augen. Seine allerletzten Kräfte aufbietend, spannte er den Bogen und schoß auf den braunen Körper. An der Weiche getroffen, drehte sich der Bär um und stürzte sich, auf allen vieren, mit weit geöffnetem Maul auf seinen Angreifer. Der Ohnmacht nahe schoß Sethi ein zweites Mal.
Der Oberste Arzt des Siechenhauses der Streitkräfte von Memphis hatte keine Hoffnung mehr. Sethis Verletzungen waren derart tief und so zahlreich, daß er eigentlich nicht hätte überleben dürfen. Bald würde er den Schmerzen erliegen.
Dem Bericht der Libyerin zufolge hatte der Meisterschütze den Bären mit einem Pfeil ins Auge getötet, ohne einen letzten Prankenschlag verhindern zu können. Panther hatte den blutüberströmten Leib bis zum Streitwagen geschleift und unter übermenschlicher Anstrengung ins Innere gehievt. Dann hatte sie sich um den Toten gekümmert. Eine Leiche anzufassen widerstrebte ihr zutiefst, aber hatte Sethi nicht sein Leben gewagt, um den Toten heim nach Ägypten zu überführen?
Zum Glück hatten sich die Pferde als fügsam erwiesen. Aus innerem Antrieb waren sie auf demselben Weg zurückgetrottet und hatten die Libyerin mehr geführt, als daß diese sie gelenkt hätte. Der Leichnam eines Offiziers der Streitwagentruppe, ein Abtrünniger im Todeskampf und eine Fremde auf der Flucht, dies war die sonderbare Wagenbesatzung, welche die Nachhut des Heerführers Ascher schließlich abgefangen hatte.
Dank Panthers Erklärungen war der Offizier rasch erkannt und somit alles für wahr befunden worden. Der auf dem Feld der Ehre gefallene Krieger wurde nachträglich ausgezeichnet und in Memphis einbalsamiert, Panther als Arbeiterin auf einem großen landwirtschaftlichen Anwesen untergebracht und Sethi für seine Tapferkeit belobigt und wegen Verstoßes gegen die Vorschriften gerügt.
Kem hatte sich bemüht, in dunklen Worten zu sprechen.
»Sethi in Memphis?« verwunderte sich Paser. »Aschers Heer ist siegreich heimgekehrt, der Aufstand niedergeschlagen. Es fehlt nur deren Anführer Adafi.«
»Wann ist Sethi eingetroffen?«
»Gestern.«
»Weshalb ist er nicht hier?« Der Nubier wand sich betreten. »Er kann sich nicht fortbewegen.« Der Richter erregte sich. »Werdet deutlicher!«
»Er ist verletzt.«
»Ernst?«
»Sein Zustand …«
»Die Wahrheit!«
»Sein Zustand ist hoffnungslos.«
»Wo ist er?«
»Im Siechenhaus der Streitkräfte. Ich kann Euch nicht versprechen, daß er noch am Leben ist.«
»Er hat zuviel Blut verloren«, bekannte der Oberste Arzt des Siechenhauses der Streitkräfte. »Ein Eingriff wäre Irrsinn. Lassen wir ihn in Frieden sterben.«
»Ist das Eure ganze Wissenschaft?« empörte sich Paser.
»Ich kann nichts mehr für ihn tun. Dieser Bär hat ihn in Fetzen gerissen; seine Widerstandskraft verblüfft mich, doch sie wird nicht genügen, um zu überleben.«
»Kann man ihn befördern?«
»Selbstverständlich nicht.«
Der Richter hatte eine Entscheidung getroffen: Sethi würde nicht im Gemeinschaftssaal entschlafen. »Beschafft mir eine Bahre.«
»Ihr werdet diesen Sterbenden nicht bewegen.«
»Ich bin sein Freund, und ich weiß um seinen Wunsch: nämlich die letzten Stunden in seinem Dorf zu verleben. Falls Ihr auf Eurer Weigerung beharrt, werdet Ihr Euch vor ihm und vor den Göttern verantworten müssen.«
Der Arzt nahm die Drohung nicht auf die leichte Schulter. Ein verdrossener Toter wurde zum Wiedergänger, und die Wiedergänger kannten ob ihres gehässigen Unwesens keine Gnade, selbst bei Obersten Ärzten nicht. »Unterzeichnet mir eine Entlastung.«
Während der Nacht brachte der Richter ungefähr zwanzig minder wichtige Vorgänge in Ordnung, die dem Gerichtsschreiber für drei Wochen Arbeit bescheren würden. Falls Iarrot ihn erreichen müßte, könnte er seine Botschaft an das Oberste Gericht von Theben schicken. Paser hätte liebend gerne noch Branirs Rat eingeholt, doch dieser weilte derzeit in Karnak, um seinen endgültigen Ruhestand vorzubereiten. Im Morgengrauen holten Kem und zwei Krankenpfleger Sethi aus dem Siechenhaus und trugen ihn in die behagliche Hütte eines leichten Seglers.
Paser blieb an seiner Seite, nahm seine rechte Hand in die seine. Einige Augenblicke glaubte er, daß Sethi aufwachte und sich seine Finger schlössen. Doch die Sinnestäuschung zerstob.
»Ihr seid meine letzte Hoffnung, Neferet. Der Heilkundige des Heeres hat es abgelehnt, einen Eingriff bei Sethi vorzunehmen. Willigt Ihr ein, ihn zu untersuchen?«
Dem Dutzend Leidender, das zu Füßen der Palmen sitzend wartete, erklärte sie, daß ein dringender Fall sie zwänge, sich für eine Weile zu entfernen. Ihren Anweisungen gemäß nahm Kem mehrere Töpfe mit Arzneien mit.
»Was meint mein Standesbruder?«
»Die von dem Bär verursachten Verletzungen seien sehr tief.«
»Wie hat Euer Freund die Reise überstanden?«
»Er ist aus seiner Bewußtlosigkeit nicht erwacht. Lediglich ein einziges Mal, so schien es, habe ich noch Leben in ihm gespürt.«
»Ist er widerstandsfähig?«
»Kräftig wie eine Stele.«
»Hatte er je ernste Erkrankungen?«
»Keine.«
Neferets Untersuchung dauerte länger als eine Stunde. Als sie aus der Hütte trat, äußerte sie ihren Befund: »Ein Leiden, gegen das ich ankämpfen werde.«
»Die Gefahr ist groß«, fügte sie noch hinzu. »Falls ich nicht eingreife, wird er sterben. Falls mir mein Tun gelingt, wird er vielleicht überleben.« Sie begann den Eingriff gegen Ende des Morgens. Paser diente als Helfer und reichte ihr das Behandlungsbesteck, nach dem sie verlangte. Neferet hatte eine tiefe Betäubung mit Hilfe einer Mischung aus Kieselstein, Schlafmohn und Mandragorawurzel eingeleitet; das zu Pulver zerstoßene Mittel mußte in kleinen Mengen verabreicht werden. Wenn sie eine Wunde in Angriff nahm, löste sie die Arznei in Essig. Daraus entstand eine saure Flüssigkeit, die sie in einem hornförmigen Steingefäß auffing und örtlich auftrug, um den Schmerz auszuschalten. Die Wirkdauer der Mittel überwachte sie mittels ihrer Uhr am Handgelenk.
Mit Messern und Skalpellen aus Obsidian, die schärfer als Metall waren, setzte sie ihre Schnitte. Ihre Bewegungen waren genau und sicher. Sie formte das Fleisch neu, vereinigte die klaffenden Lippen einer jeden Wunde, indem sie sie mit einem äußerst feinen, aus einem Rindsdarm gewonnenen Faden vernähte; die zahllosen Nahtstellen wurden mittels Heftbinden in Gestalt eines klebenden Gewebes gesichert.
Zum Ende des fünf Stunden dauernden Eingriffs war Neferet erschöpft, und Sethi lebte. Auf die allerschlimmsten Wunden legte die Ärztin frisches Fleisch, Fett und Honig auf. Bereits am darauffolgenden Morgen würde sie die Verbände wechseln; sie bestanden aus weichem und schützendem Pflanzengewebe und würden Entzündungen vorbeugen und die Vernarbung beschleunigen. Drei Tage verstrichen. Sethi erwachte aus seinem Todesschlaf, nahm Wasser und Honig zu sich. Paser hatte sein Lager nicht verlassen. »Du bist gerettet, Sethi, gerettet!«
»Wo bin ich?«
»Auf einem Schiff, nahe deinem Dorf.«