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»Ich wußte, daß wir uns verstehen würden. Ihr seid jung, klug und ehrgeizig, im Unterschied zu so vielen Eurer Berufsgenossen, die derart kleinlich auf dem Buchstaben des Gesetzes bestehen, daß sie darüber den gesunden Menschenverstand vergessen.«
»Und wenn ich scheitere?«
»Dann werde ich Anzeige gegen Neferet einreichen, Ihr werdet dem Gericht vorsitzen, und wir werden die Geschworenen auswählen. So weit möchte ich allerdings nicht gehen müssen; zeigt Euch überzeugend.«
»Ich werde es nicht an Mühe fehlen lassen.« Entspannt beglückwünschte sich Neb-Amun zu seinem Schritt. Er hatte den Richter doch richtig eingeschätzt.
»Ich bin hocherfreut, an die rechte Tür geklopft zu haben. Unter Leuten von Rang ist es leicht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.«
Theben, die Göttliche, in der ihm das Glück und das Unglück begegnet waren. Theben, die Betörende, in der sich die Pracht der Morgenröten mit dem Zauber der Abende verbündete. Theben, die Unerbittliche, zu der ihn das Schicksal auf der Suche nach einer Wahrheit zurückführte, die wie eine verschreckte Eidechse entfloh. Und dann, auf dem Fährkahn, erblickte er sie.
Sie kehrte vom Ostufer heim, er setzte über, um sich in das Dorf zu begeben, in dem sie ihre Heilkunst ausübte. Entgegen seinen Befürchtungen stieß sie ihn nicht zurück.
»Meine Worte waren nicht leichtfertig. Niemals hätte dieses Wiedersehen stattfinden sollen.«
»Habt Ihr mich ein wenig vergessen?«
»Nicht einen Augenblick.«
»Ihr peinigt Euch.«
»Welche Wichtigkeit hat das für Euch?«
»Euer Leid betrübt mich. Haltet Ihr es für nötig, es noch zu steigern, indem Ihr mir erneut begegnet?«
»Es ist der Richter, der sich an Euch wendet, einzig und allein der Richter.«
»Wessen werde ich beschuldigt?«
»Die Großzügigkeiten einer Dirne anzunehmen. Neb-Amun verlangt, daß sich Eure Tätigkeiten auf das Dorf beschränken und Ihr die ernsten Fälle Euren Berufsgenossen überweist.«
»Ansonsten?«
»Ansonsten wird er danach streben, Euch wegen Unsittlichkeit bestrafen zu lassen, Euch also die Ausübung der Heilkunde zu verbieten.«
»Ist die Drohung ernst zu nehmen?«
»Neb-Amun ist ein Mann mit Einfluß.«
»Ich bin ihm entwischt, und er duldet es nicht, daß ich ihm widerstehe.«
»Zieht Ihr es vor, die Waffen zu strecken?«
»Was würdet Ihr von meinem Verhalten denken?«
»Neb-Amun baut auf mich, Euch zu überreden.«
»Er kennt Euch schlecht.«
»Das ist unser Glück. Habt Ihr Vertrauen zu mir?«
»Uneingeschränkt.«
Die Lieblichkeit ihrer Stimme verzückte ihn. Gab sie nicht ihre Gleichgültigkeit auf, gewährte sie ihm nicht einen anderen, weniger zurückhaltenden Blick? »Seid nicht besorgt, Neferet. Ich werde Euch helfen.« Er begleitete sie bis zum Dorf und hoffte dabei, der Feldweg würde niemals enden.
Der Schattenfresser war beruhigt. Richter Pasers Reise schien ganz und gar persönliche Gründe zu haben. Weit davon entfernt, nach dem fünften Altgedienten zu suchen, machte er der schönen Neferet den Hof.
Wegen der Gegenwart des Nubiers und seines Affen zu tausenderlei Vorsichten gezwungen, gelangte der Schattenfresser letztlich doch zu der Überzeugung, der fünfte Altgediente wäre eines natürlichen Todes gestorben oder hätte sich so weit in den Süden geflüchtet, daß man nie wieder von ihm hören würde. Allein sein Schweigen zählte. Dennoch setzte er die Beobachtung des Richters umsichtig fort.
Der Babuin schien äußerst aufgeregt. Kem erforschte die Umgegend, stellte jedoch nichts Außergewöhnliches fest. Bauern und deren Esel, Handwerker, die Dämme ausbesserten, Wasserträger. Dennoch spürte der Affe des Ordnungshüters irgendeine Gefahr.
Die Wachsamkeit noch steigernd, näherte sich der Nubier dem Richter und Neferet. Zum ersten Male lernte er seinen Herrn schätzen. Der junge Gerichtsbeamte war ganz vom Streben nach Vollkommenheit und Wunschbildern erfüllt, stark und zerbrechlich, wirklichkeitsnah und träumerisch zugleich; doch ihn leitete die Rechtschaffenheit. Er allein würde die Bösartigkeit des menschlichen Wesens zwar nicht beseitigen, doch deren Herrschaft anfechten. In dieser Eigenschaft würde er jenen Hoffnung geben, die unter dem Unrecht litten.
Kem hätte es vorgezogen, daß er sich nicht in ein derart gefährliches Abenteuer wagte, bei dem er früher oder später zermalmt werden würde; aber wie sollte man es ihm verdenken, waren doch bedauernswerte Menschen ermordet worden. Solange das Andenken einfacher Leute nicht verhöhnt würde, solange ein Richter den Hohen aufgrund ihres Reichtums keine Bevorzugung einräumte, würde Ägypten weiter strahlen.
Neferet und Paser sprachen nicht miteinander. Er träumte von einem Gang wie diesem, bei dem sie sich Hand in Hand damit begnügten, zusammenzusein. Ihrer beider Schritt stimmte sich aufeinander ab wie der eines jung verbundenen Paares. Er stahl sich Augenblicke unmöglich geglaubten Glücks, erschacherte ein Trugbild, das kostbarer war als die Wirklichkeit. Neferet ging schnell, luftig leicht; ihre Füße schienen den Boden nur flüchtig zu berühren, sie bewegte sich ohne Anstrengung. Er kam in den Genuß des unschätzbaren Vorrechts, sie zu begleiten, und hätte ihr vorgeschlagen, ihr heimlicher und beflissener Diener zu werden, wäre er nicht gezwungen gewesen, Richter zu bleiben, um sie gegen die heranziehenden Gewitter zu beschützen. War er Opfer seiner Einbildung, oder zeigte sie sich ihm gegenüber tatsächlich weniger ablehnend? Vielleicht brauchte sie diese Stille zu zweit, vielleicht würde sie sich an seine Leidenschaft gewöhnen, sofern es ihm gelang, sie zu verschweigen. Sie betraten die Wirkstätte, wo Kani Heilpflanzen auslas.
»Die Ernte war ausgezeichnet.«
»Sie könnte nutzlos sein«, beklagte Neferet. »Neb-Amun will mich daran hindern fortzufahren.«
»Wenn es nicht verboten wäre, Leute zu vergiften …«
»Der Oberste Arzt wird scheitern«, bekräftigte Paser. »Ich werde mich dazwischenstellen.«
»Er ist gefährlicher als eine Natter. Auch Euch wird er beißen.«
»Habt Ihr Neuigkeiten?«
»Der Tempel hat mir ein großes Stück Land zur Bewirtschaftung anvertraut. Ich werde zu dessen amtlichem Lieferanten.«
»Ihr verdient es, Kani.«
»Eure Ermittlung habe ich nicht vergessen. Ich konnte mich mit dem Schreiber der Erfassung unterhalten; kein Memphiter Altgedienter ist in den letzten sechs Monaten in den Werkstätten oder auf den Höfen eingestellt worden. Jeder Krieger im Ruhestand ist nämlich angehalten, seine Anwesenheit zu melden, da er sonst seine Rechte verliert. Was hieße, daß er sich selbst zum Elend verurteilte.«
»Unser Mann hat solche Angst, daß er dies einem Leben in aller Öffentlichkeit vorzieht.«
»Und wenn er das Land verlassen hätte?«
»Ich bin davon überzeugt, daß er sich auf dem Westufer verborgen hält.«
Paser fand sich widersprüchlichen Empfindungen ausgesetzt. Einerseits fühlte er sich leicht, beinahe fröhlich; andererseits verdrossen und niedergeschlagen. Neferet wiedergesehen zu haben, zu spüren, daß sie ihm näher, freundschaftlicher gesonnen war, ließ ihn aufleben; hinnehmen zu müssen, daß sie niemals seine Gemahlin sein würde, stürzte ihn in Verzweiflung.
Der Kampf, den er für sie, für Sethi und für Bel-ter-an focht, hinderte ihn, seine Gedanken stetig wiederzukäuen. Branirs Worte hatten ihn an seinen rechten Platz zurückgeholt; ein Richter Ägyptens mußte sich in den Dienst der anderen Menschen stellen. Im Harem von Westtheben war Festtag; man beging die ruhmreiche Rückkehr vom Feldzug gegen Asien, die Größe Ramses’, den nunmehr gesicherten Frieden und Heerführer Aschers Ansehen; Weberinnen, Musikantinnen, Tänzerinnen, Schmelzglashandwerkerinnen, Erzieherinnen, Perückendienerinnen, Blumenbinderinnen wandelten in den Gärten und schwatzten, während sie sich an feinem Backwerk labten. Unter dem Sonnendach des Lusthäuschens wurden Fruchtsäfte gereicht. Schmuck und Gewänder wurden bewundert, geneidet und bekrittelt.
Paser kam ungelegen; gleichwohl gelang es ihm, sich der Herrin der Stätte zu nähern, deren Schönheit die ihrer Hofdamen verblassen ließ. Da sie selbst die Kunst des Schminkens in höchster Vollendung beherrschte, trug Hattusa offen ihre Verachtung für die feinen Damen mit unvollkommener Bemalung zur Schau. Stark umringt, warf sie den Schmeichlern Spitzen zu.