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»Wenn Hoheit mir erlaubten, Euch zu einem solchen Zeitpunkt zu behelligen, würde eine persönliche Unterredung mich überglücklich machen.«
»Welch trefflicher Gedanke! Dieses geckenhafte Getue langweilt mich. Gehen wir zum Becken.« Wer war dieser Amtmann von bescheidenem Auftreten, daß er die unnahbarste aller Prinzessinnen derart eroberte? Hattusa hatte zweifelsohne beschlossen, ihr Spiel mit ihm zu treiben und ihn danach wie eine zerfetzte Puppe wegzuwerfen. Die Überspanntheiten der Fremden ließen sich wahrlich nicht mehr zählen.
Blaue und weiße, von einem zarten Lüftchen bewegte Lotos verquickten sich an der Oberfläche des Teiches. Hattusa und Paser ließen sich auf Faltstühlen unter einem Sonnenschirm nieder. »Man wird sich den Mund zerreißen, Richter Paser. Wir verstoßen unziemlich gegen die Gepflogenheit des Hofes.«
»Ich weiß Euch darum Dank.«
»Findet Ihr etwa Gefallen an den Herrlichkeiten meines Harems?«
»Der Name Bel-ter-an ist Euch nicht vertraut?«
»Nein.«
»Und der eines gewissen Denes?«
»Nicht mehr. Sollte es sich um ein Verhör handeln?«
»Eure Aussage ist unbedingt erforderlich.«
»Diese Leute gehören nicht zu meiner Dienerschaft, soweit ich weiß.«
»Ein von Euch erteilter Auftrag ist an Denes gegangen, den wichtigsten Warenbeförderer von Memphis.«
»Was kümmert es mich! Glaubt Ihr, ich nähme Anteil an diesen Kleinigkeiten?«
»Auf dem Schiff, das hier löschen sollte, war gestohlenes Korn gelagert.«
»Ich fürchte, nicht recht zu verstehen.«
»Das Schiff, das Korn und der Lieferauftrag, der Euer Petschaft trug, sind beschlagnahmt.«
»Bezichtigt Ihr mich etwa des Diebstahls?«
»Ich hätte gerne eine Erklärung.«
»Wer schickt Euch?«
»Niemand.«
»Ihr solltet aus eigenem Antrieb handeln … ich glaube Euch nicht!«
»Da tut Ihr unrecht.«
»Man trachtet erneut danach, mir zu schaden, und diesmal bedient man sich dafür eines kleinen, ahnungslosen und leicht zu lenkenden Richters.«
»Die Beleidigung eines Gerichtsbeamten, gepaart mit Verleumdung, wird mit Stockschlägen bestraft.«
»Ihr seid verrückt! Wißt Ihr eigentlich, mit wem Ihr sprecht?«
»Mit einer Dame hohen Ranges, die dem Gesetz wie die demütigste Bäuerin untersteht. Nun seid Ihr aber in eine betrügerische Unterschlagung von Getreide, das dem Land gehört, verwickelt.«
»Das ist mir völlig einerlei.«
»Verwickelt will nicht schuldig heißen. Und eben deshalb erwarte ich Eure Rechtfertigungen.«
»Dazu werde ich mich nicht herablassen.«
»Wovor habt Ihr Angst, wenn Ihr unschuldig seid?«
»Ihr wagt es, meine Ehrlichkeit in Zweifel zu ziehen!«
»Die Tatsachen zwingen mich dazu.«
»Ihr seid zu weit gegangen, Richter Paser, viel zu weit.«
Zutiefst erzürnt erhob sie sich und ging von dannen.
Einen Zorn fürchtend, dessen Folgen sie erdulden müßten, wichen die Höflinge zur Seite.
Der Oberste Richter von Theben, ein gemessener Mann im besten Alter, der dem Hohenpriester von Karnak nahestand, empfing Paser drei Tage später.
Er nahm sich die Zeit, die Schriftstücke des Vorgangs genau zu prüfen.
»Eure Arbeit ist ganz und gar bemerkenswert, sowohl vom Kern als auch von der Form her.«
»Da dieser Fall außerhalb meiner Gerichtsbarkeit steht, überlasse ich es Eurer Sorge, die Sache weiterzuverfolgen. Sofern Ihr mein Einschreiten für nötig befindet, bin ich bereit, eine Verhandlung einzuberufen.«
»Wie lautet Eure innerste Überzeugung?«
»Der Tatbestand eines Kornschwarzhandels ist bewiesen. Denes scheint keinen Anteil daran zu haben.«
»Und der Vorsteher der Ordnungskräfte?«
»Zweifellos ist er davon unterrichtet, doch in welchem Ausmaß?«
»Die Prinzessin Hattusa?«
»Sie hat sich geweigert, mir die geringste Erklärung zu liefern.«
»Das ist äußerst mißlich.«
»Man kann ihr Siegel nicht außer acht lassen.«
»Gewiß, aber hat sie es auch aufgedrückt?«
»Sie selbst. Es handelt sich dabei um ihr persönliches Petschaft, das sie als Ring trägt. Wie alle Großen des Reiches trennt sie sich niemals davon.«