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»Nimm dir ein Jahr Zeit, wenn du es wünschst! Du bist nicht mehr in der Lage, ein Gericht zusammenzurufen.«
»Diesmal«, sagte Branir, »kann Paser meine Wohnung nicht mehr zurückweisen. Er muß seine Schulden tilgen und sein Amt schnellstmöglich wieder ausüben.«
Paser ging allein durch die Nacht. Das Leben packte ihn an der Kehle, nötigte ihn, seine Aufmerksamkeit ganz auf die Windungen und Schlingen einer Verschwörung zu richten, deren Tragweite sich ihm Stunde um Stunde deutlicher erschloß, während er doch an die geliebte und unerreichbare Frau denken wollte. Er entsagte seinem Glück, der Gerechtigkeit jedoch nicht.
Sein Schmerz machte ihn reifer; eine Kraft im tiefsten Innern seiner selbst weigerte sich zu erlöschen. Eine Kraft, welche er in den Dienst all der Wesen stellen wollte, die er innig liebte. Der Mond, »der Kämpfer«, war ein Messer, das das Gewölk durchschnitt, oder aber ein Spiegel, der die Schönheit der Gottheiten zurückwarf. Er bat ihn um seine Macht, flehte, daß sein Blick so durchdringend werden möge wie der der Sonne der Nacht. Seine Gedanken kehrten zum fünften Altgedienten zurück. Welchen Beruf übte ein Mann aus, der unbemerkt bleiben wollte? Paser zählte die Betätigungen der Einwohner von Westtheben auf und verwarf sie eine nach der anderen. Vom Abdecker bis zum Sämann standen alle in Beziehung mit den Leuten aus dem Volk; Kani hätte irgendwann eine Auskunft über ihn erhalten müssen. Außer in einem Fall.
Ja, es gab einen Beruf, der so einsiedlerisch und so auffallend war, daß er die vollkommenste aller Tarnungen bot.
Paser hob den Blick zum Himmel, zu diesem Gewölbe aus Lapislazuli, das von Toren in Form von Sternen durchbrochen war, durch die das Licht fiel. Wenn ihm geglückt war, dieses in sich aufzunehmen, dann wußte er jetzt, wo er den fünften Altgedienten finden würde.
Das Amtszimmer, das man dem neuen Schatzaufseher der Kornhäuser zugeteilt hatte, war weit und hell; vier eigens geschulte Schreiber würden fortwährend unter seinem Befehl stehen. Bel-ter-an, mit einem neuen Schurz bekleidet, darüber ein leinenes Hemd mit kurzen Ärmeln, das ihm schlecht stand, strahlte vor Freude. Sein Erfolg als Kaufmann hatte ihn tief beglückt; und die Ausübung von Amtsgewalt hatte ihn schon angezogen, seit er lesen und schreiben konnte. Aufgrund seiner bescheidenen Herkunft und seiner mittelmäßigen Erziehung war sie ihm stets unerreichbar erschienen. Doch seine verbissene Arbeit hatte der Verwaltung seinen wahren Wert vor Augen geführt, und er war fest entschlossen, jetzt seine ganze Schaffenskraft zu entfalten.
Nachdem er seine Gefolgsleute begrüßt und seine Vorliebe für Ordnung und Pünktlichkeit unterstrichen hatte, nahm er den ersten Vorgang, den ihm sein Vorgesetzter anvertraut hatte, in Augenschein: eine Aufstellung der säumigen Steuerpflichtigen. Er, derseine Abgaben stets fristgerecht entrichtete, überflog die Namen mit gewisser Belustigung. Ein Großgrundbesitzer, ein Schreiber des Heeres, der Vorsteher einer Schreinerwerkstatt und … der Richter Paser! Der Prüfer, der den Umfang der Überschreitung sowie die Höhe der Buße vermerkt hatte, und der Vorsteher der Ordnungskräfte höchstselbst hatten die gerichtlichen Siegel an des Amtsmannes Tür angebracht!
Zur Stunde des Mittagsmahls begab Bel-ter-an sich zum Gerichtsschreiber Iarrot und fragte ihn, wo der Richter weilte. Bei Sethi traf der Beamte lediglich auf den Offizier der Streitwagentruppe und dessen Geliebte; Paser war soeben zum Hafen der leichten Segler aufgebrochen, welche die Verbindung zwischen Memphis und Theben sicherten. Bel-ter-an konnte den Reisenden gerade noch rechtzeitig erreichen.
»Ich bin von dem Verhängnis unterrichtet, das Euch zugestoßen ist.«
»Eine Unachtsamkeit meinerseits.«
»Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Die Buße ist aberwitzig im Vergleich zum Vergehen. Geht gerichtlich dagegen vor.«
»Ichbin im Unrecht. Die Verhandlung wird lange dauern, und was würde ich dabei gewinnen? Eine Verringerung der Strafe und einen Haufen Feinde.«
»Der Älteste der Vorhalle scheint Euch nicht sonderlich zu schätzen.«
»Es ist so seine Gewohnheit, junge Richter zu prüfen.«
»Ihr habt mir in einem schwierigen Augenblick geholfen; ich würde es Euch gerne vergelten. Laßt mich Eure Schuld begleichen.«
»Das lehne ich ab.«
»Wäre es Euch genehm, wenn ich Euch das Soll borgte? Ohne Zins, selbstverständlich. Erlaubt mir doch wenigstens, keinen Vorteil bei einem Freund herauszuschlagen!«
»Wie könnte ich es Euch zurückzahlen?«
»Durch Eure Arbeit. Bei meinen neuen Obliegenheiten als Schatzaufseher der Kornhäuser werde ich häufig auf Eure Sachkenntnis zurückgreifen müssen. Ihr selbst werdet berechnen, wie viele Beratungen dem Wert von zwei Sack Korn und einem Mastochsen entsprechen.«
»Wir werden uns oft wiedersehen.«
»Hier ist Eure Eigentumsbescheinigung der verlangten Güter.« Bel-ter-an und Paser umarmten sich herzlich.
Der Älteste der Vorhalle bereitete gerade die Sitzung des folgenden Tages vor. Ein Sandalendieb, eine angefochtene Erbschaft, eine Entschädigungsforderung nach einem Unfall. Einfache und rasch beizulegende Fälle. Unvermutet kündigte man ihm einen vergnüglichen Besuch an.
»Paser! Habt Ihr den Beruf gewechselt, oder kommt Ihr, um Euer Soll zu entrichten?« Der Gerichtsbeamte lachte über seinen eigenen Scherz.
»Der zweite Vorschlag trifft zu.« Heiter gestimmt, blickte der Älteste Paser sehr ruhig an.
»Das ist gut, Euch mangelt es nicht an Witz. Die Gerichtslaufbahn ist nichts für Euch; später werdet Ihr mir für meine Strenge danken. Kehrt in Euer Dorf zurück, vermählt Euch mit einer guten Bäuerin, macht ihr zwei Kinder und vergeßt die Richter und die Rechtspflege. Das ist eine allzu verwickelte Welt. Ich kenne die Menschen, Paser.«
»Dazu beglückwünsche ich Euch.«
»Ah, Ihr beugt Euch der Vernunft!«
»Hier ist meine Entlastung.« Der Älteste prüfte fassungslos die Besitzurkunde. »Die beiden Säcke Korn sind vor Eurer Tür abgelegt werden, der Mastochse stärkt sich in den Stallungen des Schatzhauses. Seid Ihr zufrieden?«
Monthmose hatte seine Leichenbittermiene aufgesetzt. Mit rosenrotem Schädel, verkniffenen Zügen und näselnder Stimme tat er seine Ungeduld offen kund.
»Ich empfange Euch aus reiner Förmlichkeit, Paser. Heute seid Ihr nur noch ein gesetzloser Untertan.«
»Wenn dem so wäre, hätte ich mir nicht erlaubt, Euch zu behelligen.«
Der Vorsteher der Ordnungskräfte hob den Kopf. »Was bedeutet?«
»Hier ist ein vom Ältesten der Vorhalle unterzeichnetes Schriftstück. Ich bin mit dem Schatzhaus im reinen. Er hat sogar befunden, der Mastochse übersteige das übliche Maß, und mir eine Anrechnung auf die Steuer des nächsten Jahres gewährt.«
»Wie habt Ihr …?«
»Ich wüßte Euch Dank, die gerichtlichen Siegel schnellstmöglich von meiner Tür entfernen zu lassen.«
»Selbstverständlich, werter Richter, selbstverständlich! Wißt, daß ich in dieser unseligen Angelegenheit Eure Verteidigung ergriffen habe.«
»Daran zweifele ich nicht einen Augenblick.«
»Eure zukünftige Mitwirkung …«
»Die kündigt sich unter den besten Vorzeichen an. Eine Kleinigkeit noch: Was das unterschlagene Korn angeht, ist alles geregelt. Ich weiß nun Bescheid, aber Ihr wußtet es ja vor mir.«
Wieder heiter gestimmt und erneut im Amt, bestieg Paser ein schnelles Schiff in Richtung Theben. Kem begleitete ihn. Vom Schaukeln gewiegt, schlief der Pavian gegen einen Ballen gelehnt. »Ihr erstaunt mich wirklich«, sagte der Nubier. »Ihr seid dem Stößel und dem Mühlstein entronnen; für gewöhnlich werden selbst die Widerstandsfähigsten zermalmt.«
»Bloßes Glück.«
»Eher ein hoher Anspruch. Ein derart mächtiger Anspruch, daß die Menschen und die Ereignisse Euch nachgeben.«
»Ihr meßt mir Kräfte bei, die ich nicht besitze.« Den Lauf des Stroms hinaufeilend, näherte er sich Neferet. Der Oberste Arzt Neb-Amun würde bald Rechenschaft verlangen. Die junge Ärztin würde ihre Tätigkeiten nicht einschränken. Der Zusammenstoß war unvermeidlich.
Das Boot legte in Theben gegen Ende des Nachmittags an. Der Richter setzte sich auf die Böschung, abseits der Fahrgäste. Die Sonne neigte sich, der Berg des Westens färbte sich rosenrot; mit den schwermütigen Weisen von Flöten kehrten die Herden von den Feldern zurück.
Der letzte Fährkahn beförderte nur eine kleine Anzahl von Fahrgästen. Kem und der Babuin blieben am Heck stehen. Paser trat auf den Fährmann zu. Er trug eine Perücke nach alter Sitte, die sein halbes Gesicht verbarg.
»Verringert die Fahrt«, befahl der Richter. Der Fährmann behielt das Gesicht über dem Steuerruder gesenkt.
»Wir haben miteinander zu reden; hier seid Ihr in Sicherheit. Antwortet mir, ohne aufzuschauen.« Wer schenkte einem Fährmann Aufmerksamkeit? Jeder hatte es eilig, das andere Ufer zu erreichen, man plauderte, träumte, warf jedoch keinen Blick auf den Mann, der den Kahn steuerte. Dieser begnügte sich mit wenig, lebte abseits von allem, mischte sich nicht unter das Volk.
»Ihr seid der fünfte Altgediente, der einzige Überlebende der Ehrenwache des Sphinx.« Der Fährmann widersprach nicht. »Ich bin Richter Paser, und ich wünsche die Wahrheit zu erfahren. Eure vier Genossen sind tot, wahrscheinlich ermordet. Und deshalb versteckt Ihr Euch. Allein Beweggründe von äußerster Schwere können eine solche Metzelei erklären.«