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»Ohne die Absonderlichkeiten dieser Angelegenheit in Abrede zu stellen«, griff der Älteste der Vorhalle ein, »denke ich, daß eine zusätzliche Untersuchung unerläßlich sein wird. Doch müßte man nicht auch die Auslassungen des fünften Altgedienten in Frage stellen? Könnte er, um den Richter zu beeindrucken, diese Mär nicht erfunden haben?«
»Einige Stunden danach war er tot«, erinnerte Paser. »Ein trauriges Zusammentreffen von Umständen.«
»Falls er tatsächlich ermordet wurde, wollte ihn jemand daran hindern, weiter auszusagen und vor diesem Gericht zu erscheinen.«
»Selbst wenn man Eurer Vermutung zustimmt«, wandte der Heerführer ein, »inwiefern wäre ich davon betroffen? Wenn ich es nachgeprüft hätte, hätte ich wie Ihr festgestellt, daß die Ehrenwache nicht durch einen Unfall zu Tode gekommen ist. Zu diesem Zeitpunkt befaßte ich mich mit der Vorbereitung des Asienfeldzugs; diese vordringliche Aufgabe nahm mich völlig in Anspruch.« Ohne darauf zu vertrauen, hatte Paser gehofft, der Krieger würde weniger Selbstbeherrschung zeigen, doch es gelang ihm jedesmal, die Angriffe zurückzuschlagen und die stichhaltigsten Beweisführungen zu umgehen.
»Ich rufe Sethi auf.«
Der Offizier erhob sich mit feierlichem Ernst. »Haltet Ihr Eure Anschuldigungen aufrecht?«
»Ich halte sie aufrecht.«
»Erklärt Euch!«
»Während meiner ersten Entsendung nach Asien bin ich nach dem Tode meines Offiziers, der bei einem Hinterhalt getötet worden war, durch ein recht unsicheres Gebiet geirrt, um zum Verband von Heerführer Ascher zu stoßen. Ich glaubte, mich verirrt zu haben, als ich unversehens Zeuge eines grauenvollen Schauspiels wurde. Ein ägyptischer Soldat wurde wenige Meter vor meinen Augen gefoltert und getötet; ich war zu erschöpft, um ihm zu Hilfe zu eilen, und seine Peiniger waren zu zahlreich. Ein Mann hat das Verhör geführt und ihm dann grausam die Kehle durchschnitten. Dieser Verbrecher, dieser Verräter an seinem Heimatland, das war hier der Heerführer Ascher.« Der Beschuldigte blieb unerschüttert.
Fassungslos hielt die Versammlung den Atem an. Die Gesichter der Geschworenen hatten sich jäh verschlossen.
»Diese unerhörten Äußerungen entbehren jeglicher Grundlage«, verkündete Ascher mit beinahe heiterer Stimme.
»Es abzustreiten, genügt nicht. Ich habe Euch gesehen, Mörder!«
»Bewahrt Eure Ruhe«, befahl der Richter. »Diese Aussage beweist, daß der Heerführer Ascher mit dem Feind zusammenwirkt. Und eben deshalb bleibt der libysche Aufständische Adafi unauffindbar. Sein Spießgeselle warnt ihn im voraus vor einer Bewegung unserer Truppen und bereitet mit ihm einen Einfall in Ägypten vor. Die Schuld des Heerführers läßt vermuten, daß er in der Angelegenheit um den Sphinx nicht unschuldig ist; hat er die fünf Altgedienten töten lassen, um die von Scheschi hergestellten Waffen zu erproben? Eine zusätzliche Untersuchung wird dies zweifelsohne beweisen, indem sie die verschiedenen Punkte, die ich dargelegt habe, miteinander verbinden wird.«
»Meine Schuld ist nicht bewiesen«, fand Ascher. »Zieht Ihr das Wort des Offiziers Sethi in Zweifel?«
»Ich halte ihn für aufrichtig, doch er irrt sich. Seiner eigenen Aussage zufolge war er am Ende seiner Kräfte. Wahrscheinlich haben seine Augen ihn getrogen.«
»Die Züge des Mörders haben sich unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt«, bekräftigte Sethi, »und ich habe mir geschworen, ihn wiederzufinden. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch unbekannt, daß es sich dabei um den Heerführer Ascher handelte. Ich habe ihn bei unserer ersten Begegnung erkannt, als er mich nämlich zu meinen Heldentaten beglückwünscht hat.«
»Habt Ihr Späher in feindliches Gebiet entsandt?« fragte Paser.
»Gewiß«, antwortete Ascher. »Wie viele?«
»Drei.«
»Wurden ihre Namen im Amt für fremde Länder aufgenommen?«
»So ist die Vorschrift.«
»Sind sie lebend vom letzten Feldzug zurückgekehrt?«
Zum ersten Male geriet der Krieger ins Wanken. »Nein … einer von ihnen ist verschollen.«
»Derjenige, den Ihr mit Euren eigenen Händen getötet habt, da er Euer Spiel durchschaut hatte.«
»Das ist falsch. Ich bin nicht schuldig.« Die Geschworenen vermerkten, daß seine Stimme zitterte.
»Ihr, der mit Ehren überhäuft ist, der Offiziere ausbildet, Ihr habt Euer Land auf schändlichste Art und Weise verraten. Es ist Zeit zu gestehen, Heerführer.«
Aschers Blick verlor sich im Ungewissen. Diesmal schien er kurz davor aufzugeben. »Sethi hat sich geirrt.«
»Man möge mich im Beisein von Offizieren und Schreibern zum besagten Ort schicken«, schlug der Streitwagenführer vor. »Ich werde die Stelle wiedererkennen, wo ich den Unglücklichen notdürftig bestattet habe. Wir werden seine sterbliche Hülle heimführen, seinen Namen herausfinden und ihm eine würdige Grabstätte geben.«
»Ich ordne eine augenblickliche Erkundung an«, tat Paser kund. »Heerführer Ascher wird unter Bewachung der Ordnungskräfte in der Hauptkaserne von Memphis festgesetzt. Jede Verbindung nach draußen wird ihm bis zu Sethis Rückkehr untersagt. Wir werden sodann die Verhandlung wieder aufnehmen, und die Geschworenen werden ihren Spruch fällen.«
Memphis erscholl noch vom Widerhall der Gerichtsverhandlung.
Manche erachteten den Heerführer Ascher bereits als den abscheulichsten aller Verräter, rühmten Sethis Mut und die Sachkunde des Richters Paser. Letzterer hätte liebend gerne Branirs Rat eingeholt, doch das Gesetz verbot es ihm, sich vor dem Ende des Rechtsgangs mit den Geschworenen zu bereden. Er schlug mehrere Einladungen angesehener Persönlichkeiten aus und verschloß sich in seinem Haus. In weniger als einer Woche würde der Erkundungszug mit dem Leichnam des von Ascher ermordeten Spähers zurückkehren, der hochrangige Krieger überführt und zum Tode verurteilt werden. Sethi würde im Rang aufsteigen. Doch vor allem würde die Verschwörung zerschlagen und Ägypten vor einer Gefahr gerettet werden, die sowohl von außen als auch von innen her bestand. Wenngleich Scheschi durch die Maschen des Netzes schlüpfen mochte, würde das Ziel erreicht werden. Paser hatte Neferet nicht belogen. Nicht einen Augenblick hatte er aufgehört, an sie zu denken. Selbst während der Verhandlung hatte ihr Gesicht sich ihm aufgedrängt. Er hatte geflissentlich auf jedes Wort achtgeben müssen, um nicht in einem Traum zu versinken, in dem sie die alleinige Heldin war. Der Richter hatte das Eisen des Himmels und den Dächsel dem Ältesten der Vorhalle anvertraut, welcher sie sogleich dem Hohenpriester des Ptah ausgehändigt hatte. In Abstimmung mit den geistlichen Obrigkeiten mußte der Gerichtsbeamte deren Herkunft feststellen. Ein einziger Punkt machte Paser stutzig: Weshalb hatten jene nicht Anzeige wegen Diebstahls eingereicht? Die außerordentliche Beschaffenheit des rituellen Gegenstands sowie des Werkstoffs richteten die Nachforschungen von vornherein auf ein reiches und mächtiges Heiligtum, das allein diese zu bergen imstande gewesen wäre.
Paser hatte Iarrot und Kem drei Tage Arbeitsruhe gewährt. Der Gerichtsschreiber hatte eilends seine Wohnstatt aufgesucht, wo erneut häusliches Ungemach ausgebrochen war, da seine Tochter sich standhaft weigerte, Gemüse zu essen, und nur noch feines Backwerk zu sich nahm. Iarrot duldete die Grille, seine Gattin stellte sich dagegen. Der Nubier wollte sich nicht von der Amtsstube entfernen; er hatte kein Bedürfnis nach Erholung und betrachtete sich als verantwortlich für des Richters Sicherheit. Obgleich dieser als unantastbar galt, war Vorsicht geboten.
Als ein Priester mit kahlem Schädel dann bei dem Amtmann eintreten wollte, stellte Kem sich in den Weg.
»Ich muß dem Richter Paser eine Botschaft überbringen.«
»Vertraut sie mir an.«
»Ihm, und nur ihm allein.«
»Wartet.«
Auch wenn der Mann unbewaffnet und schmächtig war, verspürte der Nubier ein Gefühl des Unbehagens.
»Ein Priester will sich mit Euch besprechen. Seid vorsichtig.«
»Ihr seht überall Gefahr!«
»Behaltet zumindestens den Pavian bei Euch.«
»Wie Ihr wollt.«
Der Priester trat ein, Kem blieb hinter der Tür. Der Pavian schälte teilnahmslos die Nuß einer Dumpalme aus ihrem Gehäuse.
»Richter Paser, Ihr werdet morgen früh in der Dämmerung an der Großen Pforte des Volkes des Ptah erwartet.«
»Wer wünscht mich zu sehen?«
»Ich habe keine andere Botschaft.«
»Und der Anlaß?«
»Ich wiederhole Euch: Ich habe keine andere Botschaft. Ihr möchtet Euch bitte alle Körperhaare scheren, Euch jedweden geschlechtlichen Verkehrs enthalten und Euch durch Verehrung der Ahnen sammeln.«
»Ich bin Richter, und ich habe nicht die Absicht, Priester zu werden.«