37695.fb2 Das Testament der G?tter - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 81

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»Ich beglückwünsche ihn dazu. Im gegenteiligen Fall hätte er eine Rüge verdient.«

»Er ist mitten in der Nacht ohne ein Wort aufgebrochen!«

»Zweifelsohne wünschte er, Euch einen beschwerlichen Augenblick zu ersparen.«

»Wir sollten übermorgen in Branirs Heim ziehen. Ich wollte ihn sprechen, doch er ist bereits unterwegs nach Karnak.«

Des Ältesten Stimme wurde düsterer. »Mein armes Kind … Seid Ihr denn nicht unterrichtet? Branir ist heute nacht verschieden. Seine ehemaligen Standesbrüder werden ihm eine prächtige Totenfeier ausrichten.«

41. Kapitel

Das grüne Äffchen spielte nicht mehr, der Hund verweigerte die Nahrung, die großen Augen des Esels weinten. Vom Tode Branirs und dem Verschwinden ihres Gemahls niedergeschmettert, fehlte es Neferet an Kraft zum Handeln.

Sethi und Kem kamen ihr zu Hilfe. Der eine wie der andere liefen von Kaserne zu Kaserne, von Verwaltung zu Verwaltung, von einem Beamten zum anderen, um irgendeine, wenn auch noch so winzige Kunde über die Paser anvertraute Sendung zu erhalten. Doch die Türen fielen zu, und die Lippen blieben verschlossen.

Fassungslos wurde Neferet sich bewußt, wie sehr sie Paser liebte. Aus Angst, sich leichtfertig zu binden, hatte sie ihre Gefühle lange Zeit unterdrückt; das Beharren des jungen Mannes hatte sie Tag um Tag anwachsen lassen. Sie hatte ihr Ich mit dem Pasers vereint; von ihm getrennt, würde sie verkümmern. Fern von ihm verlor ihr Leben seinen Sinn.

In Sethis Begleitung legte Neferet Lotos in Branirs Grabnische nieder. Der Meister würde nicht verlöschen als Gast der Weisen, die mit der wiedererstandenen Sonne verschmolzen. Seine Seele würde in ihr die nötige Kraft schöpfen, um unaufhörliche Reisen zwischen dem Jenseits und der Finsternis des Grabes zu vollbringen, von wo sie weiter strahlen würde.

In seiner Aufgeregtheit war Sethi nicht imstande zu beten. Er verließ die Nische, hob einen Stein auf und schleuderte ihn weit fort. Neferet legte ihm die Hand auf die Schulter. »Er wird zurückkommen, dessen bin ich mir sicher.«

»Zehnmal habe ich nun bereits versucht, diesen verfluchten Ältesten der Vorhalle in die Enge zu treiben! Er ist glatter als eine Schlange. ›Geheimauftrag‹ – er kennt nur noch dieses Wort. Mittlerweile lehnt er es sogar ab, mich zu empfangen.«

»Welches Vorhaben hast du erwogen?«

»Nach Asien aufzubrechen und Paser wiederzufinden.«

»Ohne irgendeine ernsthafte Fährte?«

»Ich habe Freunde beim Heer behalten.«

»Haben sie dir geholfen?« Sethi schlug die Augen nieder. »Niemand weiß irgend etwas, als ob Paser sich in Rauch aufgelöst hätte! Kannst du dir seine Verzweiflung ausmalen, wenn er vom Ableben seines Meisters erfährt?« Neferet fröstelte.

Sie verließen die Totenstadt mit beklommenem Herzen.

Der Babuin des Ordnungshüters verschlang mit grimmiger Gier einen Hühnchenschenkel. Erschöpft wusch Kem sich in einem Zuber lauwarmen und mit Düften angereicherten Wassers und kleidete sich mit einem sauberen Schurz. Neferet brachte ihm Fleisch und Gemüse. »Ich habe keinen Hunger.«

»Seit wann habt Ihr schon nicht mehr geschlafen?«

»Seit drei Tagen, vielleicht mehr.«

»Und keine Ergebnisse?«

»Keine. Ich habe es nicht an Anstrengungen mangeln lassen, aber meine Gewährsleute sind stumm. Ich besitze nur eine Gewißheit: Paser hat Memphis verlassen.«

»Demnach sollte er tatsächlich nach Asien aufgebrochen sein …«

»Ohne sich Euch anzuvertrauen?«

Vom Dach des Tempels des Ptah schaute Ramses über die bisweilen fiebrige, jedoch stets fröhliche Stadt. Jenseits der weißen Gemäuer standen grün schillernde Felder, von der Wüste umsäumt, in der die Toten lebten. Nachdem er beinahe zehn Stunden lang rituelle Feiern geleitet hatte, hatte sich der Herrscher abgesondert, um die belebende Luft des Abends zu kosten.

Im Palast, bei Hofe und in den Gauen hatte sich nichts verändert. Die Bedrohung schien sich, von der Strömung des Flusses fortgespült, entfernt zu haben. Doch Ramses entsann sich der Mahnworte des alten Weisen Ipu-wer, welche verkündeten, daß das Verbrechen sich ausbreiten, die Große Pyramide geschändet werden würde und daß die Geheimnisse der Macht in die Hände einer kleinen Zahl von Toren fallen würden, die bereit wären, eine jahrtausendealte Zivilisation zu vernichten, um ihre Gier und ihren Wahn zu stillen.

Da er als Kind diesen berühmten Text unter der Zuchtrute eines Erziehers gelesen hatte, hatte er sich gegen diese schwarzmalerische Sicht empört; er hatte sich geschworen, ihr auf immer zu begegnen, wenn er dereinst herrschte! In seiner eitlen Hoffart hatte er vergessen, daß kein einziges Wesen und wäre es auch PHARAO, das Böse aus den Herzen der Menschen ausmerzen konnte.

An diesem Tage nun einsamer als ein in der Wüste verlorener Reisender, während ihn doch Hunderte von Höflingen mit Weihrauch umgaben, mußte er gegen eine Finsternis ankämpfen, die so dicht war, daß sie bald die Sonne verfinstern würde. Ramses war zu hellsichtig, um sich mit Selbsttäuschungen zu nähren; dieser Kampf war von vornherein verloren, da ihm das Gesicht des Feindes nicht bekannt war und er nicht den kleinsten Schritt unternehmen konnte. Als Gefangener in seinem eigenen Land und dem grauenvollsten Verfall geweihtes Opfer, dessen Geist ein unheilbares Übel zerfraß, tauchte der vergöttertste aller Könige Ägyptens in die Endzeit seiner Herrschaft wie in das grünlich trübe Wasser eines Sumpfes ein. Allein das Schicksal anzunehmen, ohne die Klagen eines Feiglings von sich zu geben, diese letztmögliche Würde konnte niemand ihm nehmen.

Als die Verschwörer sich zusammenfanden, eilte ein deutliches Lächeln über ihre Lippen. Sie beglückwünschten sich zu der angewandten List, welche von einem günstigen Geschick gekrönt wurde. War das Glück nicht mit den Eroberern? Wenn auch hier und da tadelnde Worte laut geworden waren, um dieses oder jenes Verhalten zu geißeln oder eine Unvorsichtigkeit zu brandmarken, so war Tadel in dieser Zeit des Sieges, dem Auftakt zur Geburt eines neuen Reiches, nicht mehr am Platze. Vergessen das vergossene Blut, verflogen die letzten Gewissensbisse. Jeder hatte seinen Teil zum Werk beigetragen, niemand war den Streichen dieses Richters Paser erlegen; als sie sich der heillosen Angst erwehrt hatten, hatte die kleine Verschwörerschar ihren Zusammenhalt bewiesen, ein kostbarer Schatz, den sie sich bei der in naher Zukunft anstehenden Verteilung der Macht würden bewahren müssen. Es blieb lediglich noch eine Kleinigkeit zu vollenden, um das Gespenst dieses Richters Paser endgültig aus dem Wege zu schaffen.

Das Schreien des Esels warnte Neferet vor einer feindseligen Anwesenheit. In tiefer Nacht zündete sie eine Lampe an, stieß den Fensterladen auf und schaute auf die Straße. Zwei Krieger klopften an ihre Tür. Sie hoben den Blick. »Ihr seid doch Neferet?«

»Ja, aber …«

»Folgt uns bitte.«

»Aus welchem Grund?«

»Höherer Befehl.«

»Wenn ich mich weigere?«

»Dann werden wir Euch dazu zwingen müssen.« Brav knurrte. Neferet hätte rufen, das Viertel aufwecken können, doch sie beruhigte den Hund, warf sich ein Tuch über die Schultern und stieg hinunter. Die Gegenwart dieser beiden Soldaten mußte mit Pasers Auftrag zusammenhängen. Was kümmerte sie ihre Sicherheit, wenn sie vielleicht endlich eine ernsthafte Kunde erhielt.

Die drei durchquerten die schlafende Stadt mit schnellem Schritt in Richtung der Hauptkaserne. Dort angelangt, übergaben die Krieger Neferet einem Offizier, der sie ohne ein Wort zu Heerführer Aschers Amtszimmer führte. Von entrollten Papyri umgeben auf einer Matte sitzend, behielt er die Aufmerksamkeit auf seine Arbeit gerichtet.

»Setzt Euch, Neferet.«

»Ich ziehe es vor, stehen zu bleiben.«

»Wünscht Ihr etwas warme Milch?«

»Weshalb diese Einbestellung zu einer so ungebührlichen Stunde?«

Die Stimme des Heerführers wurde herausfordernd. »Kennt Ihr den Grund von Pasers Abreise?«

»Er hatte keine Zeit gehabt, mit mir darüber zu reden.«

»Welch eine Halsstarrigkeit! Er hat seine Niederlage nicht hingenommen und einen Leichnam, den es nicht gibt, zurückbringen wollen! Weshalb verfolgte er mich mit solchem Haß?«

»Paser ist Richter, er sucht nach der Wahrheit.«

»Sie wurde in der Verhandlung aufgedeckt, doch sie gefiel ihm nicht! Es zählte allein meine Absetzung und meine Schande.«

»Eure Gemütszustände sind mir einerlei, Heerführer; habt Ihr mir nichts anderes zu sagen?«

»Doch, Neferet.« Ascher entrollte einen Papyrus. »Dieser Bericht ist mit dem Petschaft des Ältesten der Vorhalle gesiegelt; er ist überprüft worden. Ich habe ihn vor weniger als einer Stunde erhalten.«

»Was … was besagt er?«

»Paser ist tot.«