37753.fb2 Der Sohn des Lichts - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 36

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FÜNFUNDDREISSIG

Ameni überprüfte nochmals, was das Protokoll vorschrieb: bei der Prozession von Karnak nach Luxor würde Ramses zwischen zwei alten Würdenträgern gehen, er müßte also seine Schritte mäßigen. Langsam und feierlich zu schreiten dürfte ihn allerdings gewaltige Anstrengung kosten.

Ramses trat ein und vergaß, die Tür hinter sich zu schließen. Vom Luftzug gepackt, mußte Ameni sofort niesen.

»Mach doch die Tür hinter dir zu«, brummelte Ameni. »Du weißt nicht, was es heißt, krank zu…«

»Verzeih, Ameni, aber redest du so mit dem Regenten des Königreichs Ägypten?«

Erstaunt blickte der junge Schreiber zu seinem Freund hoch.

»Was für ein Regent?«

»Wenn ich nicht geträumt habe, hat mein Vater mich vor versammeltem Hof zu sich auf den Thron erhoben.«

»Das soll wohl ein Scherz sein!«

»Deine geringe Begeisterung tut mir wohl.«

»Regent, Regent! Was das für eine Arbeit wäre!«

»Die Liste deiner Aufgabengebiete wird immer länger, Ameni. Meine erste Entscheidung wird sein, dich zum Sandalenträger zu ernennen. So kannst du mich nie im Stich lassen und mußt mir nützliche Ratschläge geben.«

Wie erschlagen ließ der junge Schreiber sich gegen die Lehne seines niedrigen Stuhls sinken. Mit hängendem Kopf sagte er dann:

»Sandalenträger und Privatsekretär, welche Gottheit ist so grausam, daß sie derart herfällt über einen armen Schreiber?«

»Sieh das Protokoll noch einmal durch, mein Platz ist nicht mehr in der Mitte des Zuges.«

»Ich will ihn jetzt sofort sehen!« verlangte Iset, die Schöne, gereizt.

»Das ist leider völlig unmöglich«, erwiderte Ameni, der gerade dabei war, die herrlichen Sandalen aus weißem Leder zu polieren, die Ramses bei großen Festlichkeiten tragen würde.

»Weißt du ausnahmsweise wenigstens, wo er sich aufhält?«

»Das weiß ich in der Tat.«

»So rede doch!«

»Es wird dir aber nicht von Nutzen sein.«

»Das kann ich besser beurteilen!«

»Du vergeudest deine Zeit.«

»Das zu beurteilen steht einem Schreiberling nicht zu!«

Ameni setzte die Sandalen auf eine Matte.

»Schreiberling nennst du den Privatsekretär und Sandalenträger des Regenten? Du wirst deine Zunge im Zaum halten müssen, meine Hübsche. Mißachtung ist eine Verhaltensweise, die Ramses ganz und gar nicht schätzt.«

Iset, die Schöne, wollte Ameni schon ohrfeigen, gebot sich aber Einhalt. Der freche Kerl hatte recht. Die Hochachtung, die der Regent ihm entgegenbrachte, machte aus ihm eine Persönlichkeit, die auch sie nicht mehr verächtlich behandeln durfte. Widerwillig schlug sie einen anderen Ton an.

»Darf ich erfahren, wo der Regent sich aufhält?«

»Wie ich schon sagte, ist er unerreichbar. Der König hat ihn nach Karnak mitgenommen. Sie werden die Nacht über in Meditation verharren, bevor sie sich morgen früh an die Spitze der Prozession nach Luxor setzen.«

Zutiefst getroffen zog Iset, die Schöne, sich zurück. Würde Ramses, nun, da ein Wunder geschehen war, ihr entgleiten? Nein, sie liebte ihn, und er liebte sie. Ihr Instinkt hatte ihr den richtigen Weg gewiesen, fern von Chenar und in der Nähe des neuen Regenten. Morgen würde sie die große königliche Gemahlin und Königin von Ägypten sein!

Plötzlich erschreckte sie diese Aussicht. Tuja fiel ihr ein mit all ihren Aufgaben und Pflichten, die dieses Amt ihr aufbürdete. Diesen Ehrgeiz besaß sie, Iset, gar nicht, bei ihr war es Leidenschaft. Sie war verrückt nach Ramses, dem Mann. Den Regenten begehrte sie nicht.

Die höchste Macht sollte Ramses zuteil werden. War ein solches Wunder nicht eher ein Unglück?

Im fröhlichen Treiben nach der Ernennung von Ramses hatte Chenar gesehen, wie seine Schwester Dolente und ihr Mann Sary sich mit Ellbogengewalt vordrängten, um als erste dem neuen Regenten Glück zu wünschen. Die Anhänger Chenars hatten vor lauter Überraschung ihrem Treuegelöbnis noch nicht offenkundig Ausdruck verliehen, doch daß sie ihn früher oder später verraten würden, das war dem älteren Sohn des Königs bewußt.

Allem Anschein nach war er unterlegen. Man hatte ihn zur Seite gedrängt mit der Verpflichtung, sich in den Dienst des Regenten zu stellen. Was konnte er sich von Ramses erhoffen? Im besten Fall ein Ehrenamt ohne jegliche Machtbefugnis.

Chenar würde sich fügen, um den Schein zu wahren, aber verzichten würde er nicht. Die Zukunft hielt vielleicht doch ein paar Überraschungen bereit. Ramses war noch nicht Pharao, und im Verlauf der Geschichte Ägyptens waren schon etliche Regenten früher verstorben als der König, der sie erwählt hatte. Sethos könnte, dank seiner Widerstandsfähigkeit, noch Jahre leben. Und in dieser Zeit würde er nur einen ganz geringen Teil seiner Machtbefugnisse abtreten, was den Regenten in eine heikle Lage bringen dürfte. Chenar müßte nur ein wenig nachhelfen, ihn bewegen, unverzeihliche Fehler zu begehen, dann wäre sein Sturz gewiß. Im Grunde war noch nichts verloren.

»Moses!« rief Ramses, als er auf der großen Baustelle in Karnak, die Sethos eröffnet hatte, den Freund gewahrte. Der Hebräer ließ die Steinhauer, die ihm unterstanden, kurzerhand stehen und verneigte sich vor dem Regenten.

»Ich huldige dem…«

»Steh auf, Moses.«

Sie beglückwünschten sich gegenseitig, freuten sich über diese Begegnung.

»Ist das dein erstes Amt in Karnak?«

»Das zweite. Ich habe auf dem Westufer die Ziegelherstellung und das Behauen der Steine gelernt und wurde dann hier ernannt. Sethos will eine riesige Säulenhalle errichten, mit Säulenabschlüssen in Form von Papyrusblüten und Lotosknospen, die einander abwechseln sollen. Die Mauern werden den Flanken der Berge gleichen, die Reichtümer der Erde werden auf den Innenwänden dargestellt sein. Die Schönheit des Bauwerks wird bis in den Himmel reichen.«

»Du bist in der Tat ganz hingerissen!«

»Ist der Tempel nicht ein goldener Schrein, der alle Wunder der Schöpfung in sich birgt? Ja, der Beruf des Baumeisters begeistert mich. Ich glaube wahrlich, meinen Weg gefunden zu haben.«

Sethos trat zu den beiden jungen Männern und erläuterte sein Vorhaben. Der von Amenophis III. errichtete überdachte Gang mit den vierzig Ellen hohen Säulen entsprach der Größe Karnaks nicht mehr. Daher hatte er einen richtigen Säulenwald entworfen mit engen Zwischenräumen und einem von geöffneten Kapitellen erzeugten ausgeklügelten Lichterspiel. Wäre der Saal erst fertig, würde dank der Anwesenheit der Götter und des Pharaos auf den Säulenschäften der Kult niemals unterbrochen werden. Die Steine würden das Urlicht bewahren, von dem Ägypten sich nährte. Moses stellte Fragen zu Ausrichtung und Widerstandsfähigkeit der Baustoffe. Der König wußte ihn zu beruhigen und unterstellte ihm einen Meisterhandwerker aus der Zunft vom »Platz der Wahrheit«. Der kam vom Westufer aus dem Dorf Deir el Medineh, wo erfahrene Handwerker ihre Berufsgeheimnisse weitergaben.

Es wurde Abend über Karnak. Die Arbeiter hatten ihr Werkzeug aufgeräumt, die Baustelle war leer. In weniger als einer Stunde würden Astronomen und Astrologen auf das Dach des Tempels steigen, um die Botschaft der Sterne zu erforschen.

»Was ist ein Pharao?« fragte Sethos Ramses.

»Derjenige, der sein Land glücklich macht.«

»Damit dir dies gelingt, darfst du nicht danach trachten, die Menschen um jeden Preis zu beglücken. Du mußt Taten vollbringen, die den Göttern und der immerwährenden Schöpfungskraft wohlgefällig sind. Erbaue Tempel, die dem Himmel ähneln, und opfere sie ihrem göttlichen Herrn. Forsche immer nach dem Wesentlichen, dann wird auch das Zweitrangige harmonisch sein.«

»Ist das Wesentliche nicht die Maat?«

»Maat weist die Richtung, sie steuert die Barke, sie ist der Sockel des Throns, die vollkommene Elle, die Geradlinigkeit des Seins. Ohne sie kann nichts Gerechtes vollbracht werden.«

»Vater…«

»Welche Sorge quält dich?«

»Werde ich meiner Aufgabe gewachsen sein?«

»Wenn du nicht fähig bist, dich zu erheben, wirst du erdrückt werden. Ohne des Pharaos Tun, ohne sein Wort und die Riten, die er vollzieht, würde die Welt aus dem Gleichgewicht geraten. Sollte aus Torheit und Gier der Menschen das Amt des Pharaos eines Tages verschwinden, wird die Herrschaft der Maat zu Ende gehen und Finsternis die Erde überziehen. Dann wird der Mensch alles ringsum zerstören und auch seinesgleichen nicht verschonen. Der Starke wird den Schwachen vernichten, Ungerechtigkeit wird triumphieren, Gewalt und Mißgunst werden um sich greifen. Die Sonne wird nicht mehr aufgehen, selbst wenn ihre Scheibe noch am Himmel steht. Aus sich selbst steuert der Mensch das Böse an. Der Pharao hat die Aufgabe, den verbogenen Stab wieder geradezurichten, ins Chaos unermüdlich Ordnung zu bringen. Jede andere Art zu regieren ist zum Scheitern verurteilt.«

Fragen über Fragen stellte Ramses dem Vater, keiner einzigen wich der König aus. Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als der Regent mit übervollem Herzen sich auf einer Bank ausstreckte und seinen Blick in Tausende von Sternen versenkte.

Auf Befehl des Königs wurde mit dem Opet-Ritual begonnen. Priester holten aus den Kapellen die Barken der Triade von Theben: Amun, den verborgenen Gott, Mut, die Mutter des Weltalls, und Chons, beider Sohn, den Durchwanderer des Himmels und der Räume, dessen Verkörperung Ramses war. Bevor sie durch das Tor des Tempels traten, opferten Sethos und sein Sohn den göttlichen Barken Blumengebinde und begingen ein Trankopfer ihnen zu Ehren, bevor ein Schleier über sie gebreitet wurde, damit Uneingeweihte sehen konnten, ohne zu sehen.

An diesem neunzehnten Tag des zweiten Monats der Überschwemmungen hatte sich eine beachtliche Menschenmenge im Tempelbezirk von Karnak versammelt. Als das große vergoldete Holzportal sich öffnete, um die vom König und seinem Sohn angeführte Prozession hinauszulassen, brach Jubel aus. Da die Götter auf Erden weilten, würde es ein glückliches Jahr werden.

Zwei Prozessionszüge wurden gebildet. Der eine würde den Landweg einschlagen, über die Sphingenallee, die von Karnak nach Luxor führte, der andere den Nil nutzen, von der Anlegestelle des ersten Tempels bis zu der des zweiten. Die königliche Barke auf dem Fluß zog alle Blicke auf sich, das Gold der Wüsten und die Edelsteine ließen sie in der Sonne funkeln. Sethos selbst lenkte die kleine Flotte, während Ramses den von Sphingen gesäumten Landweg einschlug.

Trompeten, Flöten, Tamburine, Becken und Lauten begleiteten Gaukler und Tänzerinnen. Am Nilufer verkauften Händler mundgerechte Wegzehrung und kühles Bier, als Erfrischung zu gebratenem Geflügel, Kuchen und Früchten.

Ramses versuchte den Lärm von sich fernzuhalten und sich ganz seiner neuen Aufgabe, dem Ritual, zu widmen. Er hatte die Götter zum Tempel der Wiedergeburt des königlichen Ka in Luxor zu geleiten. Vor einer Reihe von Kapellen machte die Prozession halt, um die Opfergaben niederzulegen, und gelangte dann gemessenen Schrittes vor die Tore von Luxor, wo Sethos zur gleichen Zeit eintraf.

Als die Barken der Gottheiten in das Innere des Bauwerks einzogen, war die Menge nicht mehr zugelassen. Während das Fest draußen seinen Fortgang nahm, bereitete sich hier die Wiedergeburt der verborgenen Kräfte vor, von denen die Fruchtbarkeit Ägyptens abhing. Elf Tage lang luden die drei Barken sich in der Verschwiegenheit des Allerheiligsten mit neuer Kraft auf.

Die Amun-Priesterinnen tanzten, sangen und musizierten. Die Tänzerinnen mit dem üppigen Haar und den festen Brüsten waren mit Ladanum eingeölt und mit Lotos parfümiert und trugen auf dem Kopf duftende Binsen.

Unter den Lautenspielerinnen war auch Nefertari. Ein wenig abgerückt von den anderen, befaßte sie sich nur mit ihrem Instrument und schien sonst nichts wahrzunehmen. Wie konnte ein so junges Mädchen nur so ernsthaft sein? Bemüht, unbemerkt zu bleiben, stach sie doch hervor. Ramses suchte ihren Blick, doch die blaugrünen Augen hefteten sich unverwandt auf die Saiten der Laute. Aber wie sie es auch anstellte, ihre Schönheit konnte Nefertari nicht verbergen. Sie übertraf all die anderen Amun-Priesterinnen, deren Liebreiz keineswegs zu leugnen war.

Stille trat ein. Die jungen Frauen zogen sich zurück. Die einen waren befriedigt über ihre Darbietung, die anderen hatten es eilig, ihre Eindrücke auszutauschen. Nefertari verharrte in tiefer Versunkenheit, als lauschte sie dem Echo der Zeremonie in ihrem Herzen.

Der Regent folgte ihr mit Blicken, bis die in makelloses Weiß gekleidete zierliche Gestalt im blendenden Sommerlicht verblaßte.