37753.fb2
Der grosse Thronrat versammelte sich gleich im Anschluß an die Feier der Morgenrituale. Die Sonne stach, jeder suchte nach Schatten. Dicke Schweißtropfen verunstalteten so manchen übergewichtigen Höfling, der sich befächeln ließ, sobald er sich bewegen mußte.
Der Audienzsaal des Königs allerdings war wohltuend kühl, denn die geschickte Anordnung der hohen Fenster gewährleistete eine Durchlüftung, die den Raum angenehm machte. Der König, der sich um die Mode nicht scherte, trug ein schlichtes weißes Hemd, während etliche hohe Amtsinhaber geradezu wie Gecken wirkten. Der Wesir, die Hohenpriester von Memphis und Heliopolis sowie der Oberste der Wüstenwachmannschaften nahmen ebenfalls teil an dieser außergewöhnlichen Ratsversammlung.
Ramses, der zur Rechten seines Vaters saß, musterte sie alle. Furchtsame, Sorgenvolle, Eitle, Maßvolle, kurz, die verschiedensten Arten von Menschen waren hier versammelt unter der Oberherrschaft des Pharaos, der allein den Zusammenhalt sicherte. Sonst hätten sie sich gegenseitig wohl zerfleischt.
»Der Oberste der Wüstenwachmannschaften bringt schlechte Nachricht«, verkündete Sethos. »Er möge sprechen.«
Der hohe Beamte, der jetzt etwa sechzig Jahre alt war, hatte seine Laufbahn zielstrebig Schritt für Schritt verfolgt, bis er an der Spitze angelangt war. Er war ein besonnener, erfahrener Mann, der jeden Pfad der westlichen und östlichen Wüste kannte und in diesen unendlichen Weiten die Sicherheit der Karawanen und Steinbrucharbeiter gewährleistete. Er strebte nicht nach Ruhm und Ehre und bereitete sich allmählich auf einen ruhigen Lebensabend auf seinem Gut bei Assuan vor. Man lauschte seinen Worten mit großer Aufmerksamkeit, zumal er in diesem feierlichen Rahmen sehr selten zu Wort kam.
»Die Goldgräber, die vor einem Monat in die östliche Wüste aufbrachen, sind verschwunden.«
Diese haarsträubende Aussage löste langes Schweigen aus. Ein von Seth geschleuderter Blitz hätte nicht wirkungsvoller sein können. Schließlich erbat der Hohepriester des Ptah das Wort, das der König ihm gewährte. Im großen Thronrat sprach man nur mit Zustimmung des Herrschers, wie man auch einen Redner nie unterbrach. Das Vorgetragene mochte noch so fragwürdig sein – darauf mit einem Gewirr von Stimmen zu antworten, die Mißklang erzeugten, war streng verboten. Wollte man zu einer gerechten Lösung gelangen, hatte man zuerst einmal den Gedanken des anderen zu achten.
»Kannst du dich für diese Auskunft verbürgen?«
»Ja, leider. Im allgemeinen erhalte ich fortlaufend Kunde von den Fortschritten, Schwierigkeiten oder gar Mißerfolgen derartiger Expeditionen, und nun bin ich seit mehreren Tagen ohne Nachricht.«
»Ist so etwas noch niemals vorgekommen?«
»Doch, in unruhigen Zeiten.«
»Könnte es einen Beduinenüberfall gegeben haben?«
»Sehr unwahrscheinlich in dieser Gegend, die von meinen Leuten streng überwacht wird.«
»Unwahrscheinlich oder unmöglich?«
»Kein uns bekannter Stamm konnte diese Goldgräber, die von erfahrenen Wachen begleitet und geschützt waren, angreifen und zum Schweigen bringen.«
»Wie lautet deine Vermutung?«
»Ich habe keine, bin aber äußerst besorgt.«
Das Gold der Wüsten war für die Tempel bestimmt. Dieses unvergängliche, ewiges Leben verheißende Erz, »Fleisch der Götter«, verlieh den Kunstwerken von Menschenhand einen unvergleichlichen Glanz. Außerdem diente es als Zahlungsmittel für eingeführte Waren wie auch als Gastgeschenk für Herrscher anderer Länder. Die Gewinnung dieses Edelmetalls durfte unter keinen Umständen behindert werden.
»Was schlägst du vor?« fragte der Pharao den Mann.
»Wir sollten nicht länger abwarten und die Armee losschicken.«
»Ich übernehme die Führung, und der Regent wird mich begleiten«, verkündete Sethos.
Die hohe Ratsversammlung begrüßte diese Entscheidung. Chenar, der wohlweislich keinerlei Einspruch erhoben hatte, ermunterte seinen Bruder und versprach, gewisse Amtsgeschäfte schon einmal vorzubereiten, denen er sich dann nach seiner Rückkehr widmen könne.
Am zwanzigsten Tag des dritten Monats im neunten Regierungsjahr Sethos’ zogen vierhundert Soldaten unter Führung des Pharaos und seines Regenten durch die ausgedörrte Wüste nördlich von Edfu, etwa zehn Schoinos südlich des Weges, der zu den Steinbrüchen von Wadi Hammamat führte. Wadi Mia, von wo aus die letzte Nachricht nach Memphis gelangt war, war bald erreicht.
Die Botschaft hatte nichts Beunruhigendes enthalten. Die Goldgräber schienen bestens gelaunt und sämtliche Reisende in bester gesundheitlicher Verfassung. Der Schreiber erwähnte keinerlei Zwischenfall.
Sethos verlangte ständige Wachsamkeit, bei Tag und bei Nacht. Obwohl der Oberste der Wüstenwachmannschaften, der mit seinen besten Männern dabei war, es für ausgeschlossen hielt, fürchtete Sethos einen Überraschungsangriff von Beduinen aus der Sinaihalbinsel. Plünderei und Mord waren bei ihnen an der Tagesordnung. Ihre Anführer hatten sich in ihrem Rausch schon der grausamsten Taten schuldig gemacht.
»Was empfindest du, Ramses?«
»Die Wüste ist überwältigend, aber ich bin besorgt.«
»Was siehst du jenseits dieser Dünen?«
Der Regent sammelte sich. Sethos hatte wieder diesen merkwürdigen, fast übernatürlichen Blick, mit dem er in Assuan eine neue Gesteinsader entdeckt hatte.
»Meine Sicht ist versperrt, jenseits dieser Höhen ist Leere.«
»Ja, Leere. Die Leere eines grauenvollen Todes.«
Ramses erbebte.
»Beduinen?«
»Nein, ein noch viel hinterhältigerer und noch unbarmherzigerer Feind.«
»Müssen wir uns auf den Kampf vorbereiten?«
»Das ist nun nicht mehr nötig.«
Ramses bezwang seine Angst, obwohl sie ihm die Kehle zuschnürte. Welchem Feind waren die Goldgräber zum Opfer gefallen? Wenn es die bösen Geister der Wüste gewesen waren, was die meisten Soldaten vermuteten, so wäre jedes Heer dem Untergang geweiht. Diese geflügelten Raubtiere mit ihren riesigen Klauen zerfetzten ihre Beute und ließen ihr keine Zeit, sich zu verteidigen.
Bevor es die Düne hinaufging, löschten Pferde, Esel und Menschen noch einmal ihren Durst. Die Gluthitze zwang zu wiederholtem Anhalten, und bald schon würden die Wasservorräte erschöpft sein. Doch es war nicht mehr weit bis zu einem der großen Brunnen, wo sie die Wasserschläuche wieder füllen konnten.
Drei Stunden vor Sonnenuntergang setzten sie sich wieder in Bewegung und überwanden die Düne ohne größere Schwierigkeiten. Bald schon konnten sie den Brunnen sehen. Er war aus Quadern gemauert und lag am Hang eines Berges, der Gold in sich barg.
Verschwunden waren sie nicht, die Goldgräber und die Soldaten, die sie schützen sollten. Sie lagen da, rund um den Brunnen, im glühenden Sand, das Gesicht der Erde oder der Sonne zugewandt.
Kein einziger hatte überlebt.
Wäre der Pharao nicht hier gewesen, hätten die meisten Soldaten vor Entsetzen die Flucht ergriffen. Aber Sethos befahl, die Zelte aufzuschlagen und Wachen aufzustellen, als drohe dem Lager jeden Augenblick ein Überfall. Dann ließ er Gräben ausheben, um die Toten zu bestatten. Ihre Schlafmatte würde als Leichentuch dienen, und der König würde die Worte des Übergangs und der Wiedergeburt persönlich sprechen.
Die Totenfeier im Frieden der über der Wüste untergehenden Sonne beruhigte die Gemüter. Der Feldscher trat zu Sethos.
»Was ist die Todesursache?« fragte der König.
»Die Männer sind verdurstet, Majestät.«
Unverzüglich begab Sethos sich zu dem Brunnen, bei dem Männer seiner Leibwache Stellung bezogen hatten. Im ganzen Lager sehnte man sich nach frischem, belebendem Wasser.
Doch bis zum Rand war der große Brunnen mit Steinen gefüllt.
»Wir müssen ihn leeren«, schlug Ramses vor.
Sethos gab seine Zustimmung.
Mit Eifer machte die Leibwache des Pharaos sich an die Arbeit.
Die Truppe dagegen versetzte man besser nicht in Aufregung. Die Männer bildeten eine Kette, und so ging die Arbeit schnell von der Hand. Ramses bestimmte den Rhythmus und feuerte sie an, sobald ihre Begeisterung erlahmte.
Als der Vollmond in den Brunnenschacht hineinleuchtete, sahen die erschöpften Männer, wie Ramses mit Hilfe eines Seils einen mächtigen Tonkrug hinabließ. Trotz seiner Ungeduld tat er es betont langsam, um den Krug nicht zu zerbrechen.
Der mit Wasser gefüllte Krug kam wieder nach oben. Ramses hielt ihn dem König hin. Sethos roch daran, trank aber nicht.
»Einer der Männer soll in den Brunnen hinabsteigen.«
Ramses zog sich das Seil unter den Achseln durch, verknotete es und bat vier Soldaten, es am äußersten Ende festzuhalten. Dann schwang er sich über den Brunnenrand und stieg hinab, indem er die Füße auf vorragende Steine setzte. Das war kein sonderlich schwieriges Unterfangen, doch als er noch etwa vier Ellen von der Wasseroberfläche entfernt war, erkannte er im Mondlicht, daß dort unten mehrere verendete Esel schwammen. Entmutigt kletterte er wieder hinauf.
»Das Wasser ist verseucht«, murmelte er.
Sethos leerte den Krug in den Sand.
»Unsere Leute haben sich am Wasser dieses Brunnens vergiftet. Danach hat eine Mörderbande, vermutlich Beduinen, Steine hineingefüllt.«
Der König, der Regent und die vierhundert Mann waren dem Tode geweiht. Selbst wenn man unverzüglich ins Tal hinabstiege, würden sie verdursten, bevor sie die Felder erreicht hätten.
Diesmal schnappte die Falle zu.
»Gehen wir schlafen«, erklärte Sethos, »ich werde unsere Mutter, den bestirnten Himmel, um Hilfe bitten.«
Wie ein Lauffeuer sprach sich im Morgengrauen die Kunde von dem Unheil herum. Niemand durfte seinen Wasserschlauch füllen, der doch so leer war, daß man schier verzweifelte.
Ein Großmaul versuchte seine Kameraden aufzuwiegeln, Ramses stellte sich ihm in den Weg. In seiner Erregung erhob der Soldat seine geballte Faust gegen den Regenten, doch dieser packte ihn am Handgelenk und zwang ihn in die Knie.
»Wenn du deine Kaltblütigkeit verlierst, wirst du noch schneller sterben.«
»Es ist kein Tropfen Wasser mehr da.«
»Der Pharao ist unter uns, halt die Hoffnung wach.«
Rundum waren keine Zeichen weiteren Aufruhrs zu erkennen. Ramses wandte sich an die Truppe.
»Wir sind im Besitz einer Landkarte, die zwar streng vertraulich, aber der Heeresführung zugänglich ist. Auf ihr sind auch die Geheimpfade zu den älteren Brunnen verzeichnet, von denen einige noch nutzbar sind. Der Pharao wird bei euch bleiben, während ich diese Wege erkunde, um euch für die Hälfte der Strecke durch die Wüste ausreichend Wasser zu bringen. Unser Durchhaltevermögen und unser Mut werden ein übriges tun. Schützt euch bis dahin vor der Sonne, und vermeidet jede unnötige Anstrengung.«
Ramses machte sich mit einem Dutzend Männern und sechs mit leeren Wasserschläuchen beladenen Eseln auf den Weg. Ein älterer Soldat hatte sich noch ein wenig Wasser aufbewahrt, das er den Kameraden schlückchenweise geben würde, wenn der Tau auf ihren Lippen getrocknet wäre.
Sehr bald schon wurde jeder Schritt zu einer Qual. Hitze und Staub versengten die Lungen. Aber Ramses ging zügig voran, aus Angst, die Kameraden könnten aufgeben. Ihr ganzes Denken mußte auf einen Brunnen mit frischem Wasser gerichtet sein.
Den ersten Weg gab es nicht mehr, der Wüstenwind hatte ihn verweht. Der Nase nach hier weiterzulaufen hätte den sicheren Tod bedeutet. Der zweite Weg erwies sich als Sackgasse, er endete in einem ausgetrockneten Wadi. Der Kartenzeichner hatte seine Arbeit schlecht gemacht. Doch am Ende des dritten Weges war ein steinernes Rund zu erkennen! Die Männer stürzten auf den Brunnenrand zu, doch das einst offene Rund war längst versandet.
Die berühmte Karte, die als »streng vertraulich« galt, war ein Betrug. Vor zehn Jahren hatte sie vielleicht gestimmt, aber ein fauler Schreiber hatte sie wohl einfach immer wieder neu geschrieben, ohne eine Überprüfung durchführen zu lassen. Und sein Nachfolger hatte das gleiche getan.
Als Ramses wieder vor Sethos trat, bedurfte es keiner Erklärungen, seine Miene war beredt genug.
Seit sechs Stunden hatten die Soldaten nichts mehr zu trinken gehabt. Der König wandte sich an die Truppenführer.
»Die Sonne steht im Zenit«, stellte er fest. »Ramses und ich werden uns jetzt auf die Suche nach Wasser machen. Sobald die Schatten länger werden, bin ich wieder bei euch.«
Sethos schritt bergan. Trotz seiner Jugend hatte Ramses Mühe, ihm zu folgen, doch dann hielt er Schritt mit dem Vater. Der König machte keine unnötige Bewegung und vergeudete keinerlei Kraft. Darin glich er dem Steinbock, der Hieroglyphe für Adel. Nur zwei entrindete, geglättete und an den Enden durch einen gespannten Flachsfaden miteinander verbundene Akazienzweige trug er mit sich.
Das unter ihren Füßen bergab rollende Gestein wirbelte heißen Staub auf. Ramses war dem Ersticken nahe, er erreichte nach dem Vater den Gipfel der Anhöhe. Der Blick über die Wüste war großartig. Ein paar Augenblicke lang genoß er dieses Schauspiel, doch dann machte der quälende Durst ihm wieder deutlich, daß diese Weite allmählich die Form eines Gräberfelds annahm.
Sethos hielt die zwei Akazienzweige vor sich, die sich gefügig auseinanderspreizen ließen. Betont langsam führte er sie durch die Luft über dem sich breitenden Land. Plötzlich sprang ihm die Rute aus den Händen und prallte etliche Ellen von ihm entfernt am Boden auf.
Hastig griff Ramses nach der Rute und gab sie dem Vater zurück. Gemeinsam stiegen sie den Abhang hinunter. Sethos blieb vor einem Häufchen flacher Steine stehen, zwischen denen stachelige Pflanzen wuchsen. Die Rute schlug immer wieder aus.
»Hol Männer aus den Steinbrüchen, sie sollen hier graben.«
Die Müdigkeit war verflogen. Ramses rannte atemlos über das Geröll und kehrte mit etwa vierzig Männern zurück, die sich gleich an die Arbeit machten.
Der Boden war locker. In sechs Ellen Tiefe sprudelte frisches Wasser.
Einer der Arbeiter sank auf die Knie.
»Gott hat dem König die Richtung gewiesen. Hier fließt so reichlich Wasser wie bei der Nilschwemme!«
»Mein Gebet wurde erhört«, sagte Sethos. »Von Bestand sei die Wahrheit des göttlichen Lichts soll dieser Brunnen heißen. Sobald jeder seinen Durst gelöscht hat, wollen wir eine Stadt für die Goldsucher und einen Tempel als Wohnstatt der Götter bauen. In diesem Brunnen werden sie sich verewigen und jenen, die zur Verherrlichung des Geheiligten hier nach dem strahlenden Erz suchen, den Weg weisen.«
Unter der Anleitung von Sethos, dem guten Hirten, dem Vater aller Menschen, dem Vertrauten der Götter, begannen gutgelaunte Soldaten, sich als Baumeister zu bewähren.