37753.fb2 Der Sohn des Lichts - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 47

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SECHSUNDVIERZIG

Zu den meisten Festen und Gelagen wurde Menelaos als Ehrengast geladen. Helena willigte ein, sich mit ihm zu zeigen, und erntete allerseits Zustimmung. Die Griechen mischten sich unters Volk, achteten die Gesetze des Landes und machten nicht weiter von sich reden.

Dieser Erfolg wurde Chenar zugeschrieben, seinem diplomatischen Geschick, wie seine Anhänger mutmaßten. Das offenkundig feindselige Verhalten des Regenten gegenüber dem König von Lakedämon war, wenn auch verhohlen, mißbilligt worden. Ramses war nicht anpassungsfähig und ließ es an Anstand mangeln. War das nicht ein erneuter Beweis, daß er unfähig war, zu regieren?

Die Wochen vergingen, und Chenar gewann verlorenen Boden zurück. Die lange Abwesenheit seines Bruders, der noch immer in Abydos weilte, ließ ihm freie Hand. Er trug zwar nicht den Titel eines Regenten, aber wer wollte leugnen, daß er das Zeug dazu hatte?

Zwar wagte niemand, Sethos’ Entscheidung für abwegig zu halten, doch er konnte sich vielleicht geirrt haben. So mancher Höfling hielt das nicht für ausgeschlossen. Ramses’ Auftreten war gewiß weitaus beeindruckender als das Chenars, aber genügte das für ein Staatsoberhaupt?

Von Widerstand konnte noch keine Rede sein, aber Unmut war zunehmend spürbar, und den würde Chenar im geeigneten Augenblick zu nutzen wissen. Eines hatte der ältere Sohn des Königs inzwischen gelernt: Ramses würde ein gefährlicher Gegner sein. Um ihn zu bezwingen, mußte man von mehreren Seiten gleichzeitig angreifen und ihm keine Zeit lassen, neuen Atem zu schöpfen. Dieses geheime Ziel verfolgte Chenar mit Eifer und Ausdauer.

Ein entscheidender Schritt war ihm bereits gelungen. Zwei griechische Offiziere waren der Palastwache zugeteilt worden. Sie würden sich mit bereits dort tätigen Söldnern anfreunden und eine geheime Truppe bilden. Vielleicht würde sich einer der Männer sogar hochdienen bis in die Leibgarde des Regenten! Das wollte Chenar einfädeln, mit Menelaos’ Unterstützung.

Seit der König von Lakedämon hier gelandet war, sah die Zukunft wieder rosiger aus. Nun mußte nur noch einer der Leibärzte bestochen werden, um genauere Auskünfte über den Gesundheitszustand des Königs zu erlangen. In bester Verfassung schien Sethos nicht zu sein, aber nur nach dem Augenschein zu urteilen konnte sich als Fehleinschätzung erweisen.

Chenar wünschte sich auch gar nicht einen plötzlichen Tod des Vaters, da sein Schlachtplan noch nicht stand. Ramses in seinem Ungestüm setzte auf seinen zeitlichen Vorsprung, aber darin irrte er. Wenn das Schicksal Chenar so viel Zeit gewährte, ihn einzufangen in dem Netz, das Monat um Monat dichter geknüpft wurde, dann würde dem Regenten langsam, aber sicher die Luft abgeschnürt.

»Klingt gut«, befand Ameni, als er den ersten Gesang der Ilias nachlas, den er unter dem Diktat Homers, der unter dem Zitronenbaum saß, niedergeschrieben hatte.

Der Dichter mit dem üppigen weißen Haar gewahrte eine leichte Einschränkung im Tonfall Amenis.

»Was bemängelst du?«

»Daß eure Gottheiten den Menschen zu ähnlich sind.«

»Ist das in Ägypten anders?«

»In Erzählungen kommt es schon mal vor, aber dabei geht es nur um Unterhaltung. Was der Tempel lehrt, ist etwas anderes.«

»Und was weißt du davon, du junger Schreiber?«

»Recht wenig, da hast du recht. Aber ich weiß, daß die Gottheiten Schöpfungsmächte sind und ihre Kräfte nur von Eingeweihten und nur mit größter Sorgfalt genutzt werden dürfen.«

»Ich erzähle hier ein Heldenepos! Derartige Gottheiten gäben keine guten Figuren ab. Welchen Held sollte ich wohl über einen Achilles oder über einen Patroklus setzen? Wenn du von ihren Taten erst einmal gehört haben wirst, wirst du nichts anderes mehr lesen wollen!«

Ameni behielt seine Gedanken für sich. Homers Überschwang entsprach genau dem Ruf, der griechischen Dichtern anhing. Die ägyptischen Weisen sprachen lieber von Erkenntnis als von Schlachten, mochten sie noch so großartig sein, aber ihm stand es nicht zu, einem Gast, der zumal viel älter war, Lehren zu erteilen.

»Der Regent hat mich leider schon lange nicht mehr besucht«, beklagte sich Homer.

»Er weilt in Abydos.«

»Im Osiris-Tempel? Dort, wo angeblich die großen Mysterien enthüllt werden?«

»Das ist die Wahrheit.«

»Und wann wird er zurückerwartet?«

»Ich weiß es nicht.«

Homer zuckte mit den Achseln und trank von seinem kräftigen, mit Anis und Koriander gewürzten Weim.

»Man hat ihn endgültig verbannt.«

Ameni fuhr hoch.

»Was willst du damit sagen?«

»Daß der Pharao aus Enttäuschung über die Regierungsunfähigkeit seines Sohnes ihn zum Priester gemacht und für ewige Zeiten in den Tempel von Abydos verbannt hat. Ist das bei einem so religiösen Volk wie dem deinen nicht das beste Mittel, sich eines Hemmschuhs zu entledigen?«

Ameni war niedergeschlagen.

Wenn Homer recht behielte, würde er Ramses nie mehr wiedersehen. Gern hätte er sich mit den Freunden beraten, aber Moses war in Karnak, Acha in den Ostländern und Setaou in der Wüste. Er war allein, und um seine Angst zu bezähmen und seine Ruhe wiederzugewinnen, arbeitete er verbissen.

Seine Gehilfen hatten einen gewaltigen Stapel unerfreulicher Berichte in seinem Arbeitszimmer aufgetürmt. Doch trotz bohrender Nachforschungen gab es keinerlei Hinweis auf den Eigentümer der Werkstatt, die minderwertige Tintensteine hergestellt, und auch nichts über den Verfasser jenes Sendschreibens, das den König und seinen Sohn nach Assuan gelockt hatte.

Zorn packte den jungen Schreiber. Wie erklärte sich ein so enttäuschendes Ergebnis nach all den Bemühungen? Der Schuldige mußte doch Spuren hinterlassen haben, und keiner wußte sie zu deuten! Ameni setzte sich auf den Boden und nahm den ganzen Vorgang nochmals zur Hand, angefangen bei seinen eigenen ersten Nachforschungen in besagter Werkstatt.

Als er bei dem unleserlichen Schriftzeichen angekommen war, das als »Chenar« gedeutet werden konnte, befiel ihn eine Ahnung über das mögliche Vorgehen dieses Dunkelmannes, eine Ahnung, die sich rasch in Gewißheit wandelte.

Jetzt war alles klar, aber sein auf ewig verbannter Freund würde die Wahrheit nie erfahren und der Schuldige nie bestraft werden.

Diese Ungerechtigkeit erboste den jungen Schreiber. Seine Freunde mußten ihm helfen, diesen verabscheuungswürdigen Kerl vor ein Gericht zu bringen!

Iset, die Schöne, bestürmte Nefertari, unverzüglich zur Königin vorgelassen zu werden. Da Tuja aber mit der Oberpriesterin des Hathor-Tempels die Festvorbereitungen besprach, mußte die junge Frau sich wohl oder übel gedulden. Vor Aufregung zwirbelte sie den Rand ihres Hemdsärmels so lange, bis das feine Leinen riß.

Endlich öffnete Nefertari die Tür des Audienzsaales, Iset stolperte hinein und warf sich der großen königlichen Gemahlin zu Füßen.

»Majestät, ich flehe um Beistand!«

»Was ist dir geschehen?«

»Ramses, das weiß ich genau, will bestimmt nicht hinter Tempelmauern sein Leben fristen! Was hat er denn verbrochen, um so hart bestraft zu werden?«

Tuja hob Iset auf und bat sie, auf einem Stuhl mit niedriger Lehne Platz zu nehmen.

»Ein Leben im Tempel erscheint dir also wie etwas Grauenvolles?«

»Ramses ist achtzehn Jahre alt! Nur ein Greis könnte sich abfinden mit solch einem Schicksal. Eingesperrt in Abydos, in seinem Alter…«

»Wer hat dich so beunruhigt?«

»Sein Vertrauter, Ameni.«

»Mein Sohn weilt zwar in Abydos, aber nicht als Gefangener. Ein künftiger Pharao muß eingeweiht werden in die Mysterien Osiris’ und sich ein genaues Bild machen von allem, was mit dem Tempel zusammenhängt. Sobald seine Lehrzeit abgeschlossen ist, wird er zurückkehren.«

Iset, die Schöne, war erleichtert, auch wenn sie sich eine Blöße gegeben hatte.

Nefertari war wie immer als erste aufgestanden, hatte sich einen Schal übergeworfen und sich die zahlreichen Pflichten des Tages ins Gedächtnis gerufen. Der Haushalt der großen königlichen Gemahlin erforderte erheblichen Einsatz und höchste Umsicht und war nicht zu vergleichen mit dem geregelten Alltag einer Priesterin, den sie sich erträumt hatte. Doch da sie tiefe Bewunderung für die Königin empfand, hatte Nefertari sich schnell Tujas Anforderungen angepaßt. Sie verlangte viel von anderen, aber ebensoviel von sich selbst. Für Tuja zählte nur das Ansehen Ägyptens, sie hielt an den überkommenen Werten fest. Auf Erden verkörperte sie die Göttin Maat und pochte daher unermüdlich auf Rechtschaffenheit. Als Nefertari sich der gewaltigen Aufgabe bewußt wurde, die Tuja erfüllte, war ihr klargeworden, daß auch ihr Tun sich nicht in Alltäglichkeiten erschöpfte. Das Haus, dem sie hier vorstand, hatte vorbildlich zu sein.

Die Küche war leer. Die Dienerinnen lagen wohl träge in ihren Zimmern. Nefertari klopfte an jede Tür, erhielt aber nirgends Antwort. Verärgert öffnete sie eine der Türen.

Niemand.

Diese Frauen waren doch für gewöhnlich so zuverlässig, so gewissenhaft. Was war bloß in sie gefahren? Es war kein Fest- oder Feiertag, und selbst bei außergewöhnlichen Anlässen war immer Ersatz zur Stelle. Und wo üblicherweise frisches Brot, Kuchen und Milch bereitstanden, war nichts! Und in wenigen Minuten würde die Königin zu frühstücken wünschen!

Nefertari war sprachlos; ein Unheil war hereingebrochen über den Palast!

Sie lief zum Mühlstein. Vielleicht hatten die Flüchtenden dort ein wenig Nahrung zurückgelassen. Aber da war nur Korn, und das zu mahlen und daraus Teig vorzubereiten und Brot zu backen – dafür war keine Zeit mehr. Zu Recht würde Tuja ihre Hofmeisterin mangelnder Sorgfalt bezichtigen und sie des Palastes verweisen.

Zur Demütigung käme noch die Trauer hinzu, sich von der Königin zu trennen. Wie tief ihre Zuneigung zur großen königlichen Gemahlin war, wurde Nefertari in diesem Augenblick, der ein Schicksalsschlag war, bewußt. Ihr nicht mehr dienen zu dürfen zerriß ihr das Herz.

»Es wird ein herrlicher Tag werden«, verhieß eine wohlklingende Stimme.

Nefertari wandte sich bedachtsam um.

»Du, hier? Der Regent des Königreichs…«

Ramses lehnte an einer Wand, die Arme verschränkt.

»Sollte meine Anwesenheit unerwünscht sein?«

»Nein, ich…«

»Was das Frühstück meiner Mutter anbelangt, kannst du unbesorgt sein. Ihre Dienerinnen werden es ihr zur gewohnten Zeit bringen.«

»Ja, aber, ich habe doch keine einzige gesehen!«

»Lautet dein Lieblingssatz nicht ‹Ein wahres Wort ist verborgener als der grüne Stein, doch man findet es bei den Dienerinnen am Mühlstein›?«

»Soll ich daraus schließen, daß du sie alle weggeschickt hast, um mich hierherzulocken?«

»Ich ahnte, was du tun würdest.«

»Soll ich jetzt Korn mahlen, um dich zufriedenzustellen?«

»Nein, Nefertari, ich bin auf der Suche nach dem wahren Wort.«

»Da muß ich dich enttäuschen; ich besitze es nicht.«

»Ich bin vom Gegenteil überzeugt.«

Sie war schön und strahlend, und ihr Blick war so tief wie himmlische Gewässer.

»Vielleicht mißfällt dir meine Aufrichtigkeit, aber dieser Scherz verletzt mein Herz.«

Der Regent wirkte nicht mehr ganz so selbstsicher.

»Dieses Wort, Nefertari…«

»Alle glauben, du weiltest in Abydos.«

»Ich bin gestern zurückgekommen.«

»Und das erste, was dir einfiel, war diese Verschwörung mit den Dienerinnen der Königin, um mir Steine in den Weg zu werfen!«

»Am Nilufer bin ich einem wilden Stier begegnet. Wir standen einander Aug in Aug gegenüber. Mein Schicksal lag bei ihm, seine spitzen Hörner würden den Ausschlag geben. Während er mich anstarrte, traf ich gewichtige Entscheidungen, und da er mich nicht getötet hat, bin ich erneut Herr meines Geschicks.«

»Ich bin froh, daß du überlebt hast, und wünsche, daß du König wirst.«

»Ist das deine oder meiner Mutter Meinung?«

»Lügen ist nicht meine Art, kann ich jetzt gehen?«

»Dieses Wort, das kostbarer ist als der grüne Stein, das besitzt du, Nefertari! Darf ich es aussprechen?«

Die junge Frau neigte den Kopf.

»Ich bin deine ergebene Dienerin, Regent von Ägypten.«

»Nefertari!«

Stolzen Blickes richtete sie sich auf. Er war geblendet von so viel Adel.

»Die Königin erwartet mich zu unserem morgendlichen Gespräch, und eine Verspätung wäre ein schweres Versäumnis.«

Ramses nahm sie in die Arme.

»Was muß ich tun, damit du einwilligst, meine Gemahlin zu werden?«

»Mich darum bitten«, erwiderte sie sanft.