38087.fb2 Elf Minuten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 23

Elf Minuten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 23

>Denk an nichts. Die Welt ist stehengeblieben. Was ist los?<

GENUG!

Die hübsche Geschichte vom Vogel, die sie gerade geschrieben hatte: Handelte sie von Ralf Hart?

Nein, sie handelte von ihr selbst!

PUNKTUM!

Es war 11 Uhr 11, und ihre eigene Zeit war in diesem Augenblick stehengeblieben. Sie fühlte sich fremd im eigenen Körper, wurde sich erneut der erst vor kurzem wiedererlangten Jungfräulichkeit bewußt, die so zart und gefährdet war. Maria war verloren, wenn sie hierblieb. Sie mußte sofort weg. Sie hatte den Himmel erlebt und ganz gewiß auch die Hölle, aber das Abenteuer war bald zu Ende. Sie konnte nicht noch zwei Wochen warten, zehn Tage, eine Woche – sie mußte sofort wegrennen, denn beim Anblick der Blumenuhr, der knipsenden Touristen und spielenden Kinder wurde ihr plötzlich klar, warum sie so traurig war: Sie wollte nicht zurück nach Brasilien.

Der Grund hieß weder Ralf Hart noch Schweiz, noch Abenteuer. Der wahre Grund war ganz einfach: Geld.

Geld! Ein Stück Papier, mit gedeckten Farben bedruckt und von dem alle glaubten, es sei etwas wert. Maria glaubte es, alle glaubten es bis zu dem Augenblick, in dem sie mit einem Berg solcher Papierstückchen in eine Bank gingen (eine respektable, äußerst diskrete Schweizer Traditionsbank, versteht sich) und bitten würden: >Kann ich ein paar Stunden meines Lebens erwerben?< und zur Antwort bekämen: >Nein, die verkaufen wir nicht; die kaufen wir nur an.<

Bremsenquietschen, ein schimpfender Fahrer, ein lächelnder alter Herr, der sie auf englisch bat zurückzutreten, da die Fußgängerampel noch auf Rot stehe. Maria erwachte aus ihrer Trance.

>Ich glaube, ich habe da gerade etwas herausgefunden, was alle sowieso schon wissen.<

Doch dem war nicht so: Sie blickte auf die Leute, die mit gesenktem Kopf an ihr vorbeihasteten, um zur Arbeit, zur Schule, zum Arbeitsamt, in die Rue de Berne zu kommen, und die sich zu sagen schienen: >Ich kann noch ein bißchen warten.

Ich habe einen Traum, aber er muß nicht heute gelebt werden, ich muß schließlich Geld verdienen.< Selbstverständlich hatte ihr Gewerbe einen schlechten Ruf – obwohl sie auch nur ihre Zeit verkaufte, wie alle anderen auch; Dinge tat, die sie nicht mochte, wie alle anderen auch; unerträgliche Leute ertrug, wie alle anderen auch; ihren kostbaren Körper und ihre kostbare Seele im Namen einer Zukunft hingab, die niemals kam, wie alle anderen auch; meinte, noch nicht genug zu haben, wie alle anderen auch; nur noch ein kleines bißchen wartete, wie alle anderen auch; noch etwas wartete, noch etwas mehr verdiente, die Verwirklichung ihrer Träume auf später verschob denn gerade war sie zu beschäftigt, hatte eine wichtige Verabredung, Freier, die auf sie warteten, Stammkunden, die bis zu tausend Franken pro Nacht zu zahlen bereit waren.

Und zum ersten Mal in ihrem Leben beschloß sie, trotz all der guten Dinge, die sie mit dem verdienten Geld kaufen konnte wer weiß, noch ein Jahr? –, ganz bewußt, mit klarem Verstand und absichtlich, eine Chance verstreichen zu lassen. Sie wartete, bis die Ampel auf Grün sprang, überquerte die Straße und blieb vor der Blumenuhr stehen. Sie dachte an Ralf, spürte wieder sein Begehren im Hotelzimmer, als sie nur ihren Oberkörper entblößt hatte, fühlte, wie seine Hände ihre Brüste, ihr Geschlecht, ihr Gesicht berührten, und wurde naß. Sie blickte auf die riesige Wassersäule im See und hatte an Ort und Stelle, vor allen Leuten und ohne sich zu berühren, einen Orgasmus.

Niemand bemerkte es; dazu waren alle viel zu beschäftigt.

Nyah, die einzige ihrer Kolleginnen, mit der sie freundschaftlich verkehrte, rief Maria zu sich, als diese ins >Copacabana< kam. Nyah saß mit einem Araber zusammen, und beide lachten.

»Schau dir das bloß einmal an«, sagte sie zu Maria. »Schau mal, was er von mir will!«

Der Araber blickte mit einem verschmitzten Lächeln zu ihr hoch und öffnete dann den Deckel von einer Art Zigarrenkiste. Maria linste hinein, konnte aber nicht erkennen, ob irgendwelche Spritzen oder Beutelchen dann lagen. Aber nein, es war ein Objekt, von dem er offenbar selbst nicht richtig wußte, wie es funktionierte.

»Sieht aus wie aus dem letzten Jahrhundert!« sagte Maria.

»Das Ding ist tatsächlich aus dem letzten Jahrhundert«, pflichtete ihr der Araber bei. »Der Apparat ist über hundert Jahre alt und hat ein Vermögen gekostet.«

Maria sah eine Reihe Ventile, eine Kurbel, Elektrokabel, kleine Metallkontakte, Batterien. Es sah aus wie das Innere eines alten Radioapparates, aus dem zwei Kabel herauskamen, an deren Enden kleine, fingergroße Glasstäbe befestigt waren.

Nichts, was ein Vermögen kosten konnte.

»Wie funktioniert das?«

Nyah gefiel Marias Frage nicht, obwohl sie der Brasilianerin grundsätzlich vertraute. Wer weiß, vielleicht hatte Maria ja ein Auge auf ihren Freier geworfen.

»Er hat es mir bereits erklärt. Es ist ein Violetter Zauberstab.«

Dann hatte es Nyah plötzlich eilig, den Araber von Maria loszueisen. Aber der Mann schien von dem Interesse, das sein Spielzeug geweckt hatte, ganz begeistert.

»Um die Jahrhundertwende, so um 1900, als die ersten Batterien auf den Markt kamen, begann die westliche Schulmedizin mit Elektrizität zu experimentieren, um damit Geisteskrankheiten oder Hysterie zu heilen. Sie wurde auch zur Pickelbekämpfung und Revitalisierung der Haut eingesetzt. Sehen Sie diese beiden Kabelenden? Sie wurden hier angelegt« er zeigte auf seine Schläfen –, »und die Batterie versetzte einem einen solchen Schlag, wie man ihn sonst nur bei sehr kalter, trockener Luft bekommt.«

In Brasilien gab es das nicht, aber in der Schweiz kam es häufig vor. Maria hatte dieses charakteristische Knistern zuerst beim Offnen einer Taxitür gehört und einen elektrischen Schlag bekommen. Da sie dachte, daß es am Auto lag, hatte sie sich beschwert, doch der Fahrer hatte sie verspottet und war, als sie das Fahrgeld verweigerte, fast handgreiflich geworden. Er hatte recht gehabt; es lag nicht am Auto, sondern an der sehr trockenen Schweizer Luft. Inzwischen war Maria ein gebranntes Kind und hütete sich davor, Metallgegenstände anzufassen. Im Supermarkt fand sie schließlich einen Armreif, der die im Körper angesammelte Elektrizität entlud.

Sie wandte sich an den Araber:

»Aber das ist sehr unangenehm!«

Nyah wurde durch Marias Bemerkungen immer nervöser. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, legte sie ihren Arm besitzergreifend um die Schultern des Mannes.

»Das hängt davon ab, wo man ihn anlegt.« Der Araber lachte laut.

Dann drehte er an der kleinen Kurbel, und die beiden Stäbe verfärbten sich violett. Blitzschnell berührte er die beiden Frauen damit; Maria hörte ein Klicken, aber der elektrische Schlag war nicht mehr als ein leichtes Kitzeln.

Milan trat hinzu. »Ich muß Sie bitten, diesen Apparat hier nicht zu benutzen.«

Der Araber steckte die Stäbe wieder in den Kasten. Die Philippinin nutzte die Gelegenheit, um erneut zum Aufbruch zu mahnen. Der Mann ging nur halbherzig darauf ein. Die Neue wirkte sehr viel interessierter am Violetten Zauberstab als die Frau, die ihn weglotsen wollte. Er schlüpfte in seine Jacke, steckte den Kasten in eine Ledertasche und meinte: »Heute werden sie wieder gebaut und sind in Insiderkreisen wieder sehr in Mode gekommen. Aber so einen wie den, den ich Ihnen gezeigt habe, findet man nur noch antiquarisch beziehungsweise in einigen wenigen medizinischen Sammlungen oder Museen.«

Milan und Maria standen da und wußten nicht, was sie sagen sollten.

»Hast du so etwas schon einmal gesehen?«

»In der Art nicht. Er muß tatsächlich ein kleines Vermögen gekostet haben, aber Nyahs Kunde ist schließlich auch Manager aus der Chefetage eines Ölkonzerns. Ich habe schon andere, moderne gesehen.«

»Und was macht man damit?«

»Man steckt sie sich in den Körper… und bittet die Frau, die Kurbel zu drehen. Und dann bekommt man da drin einen Schlag.«

»Könnte der Mann das nicht auch allein machen?«

»Beim Sex kann man alles auch allein machen. Aber mir ist es lieber, die Leute machen solche Dinge weiterhin zu zweit, sonst kann ich meinen Nachtclub dichtmachen, und du kannst als Lebensmittelverkäuferin arbeiten gehen. Wo wir gerade von Arbeit sprechen: Dein spezieller Freier hat sich angesagt; lehne bitte jede andere Einladung ab.«

»Das werde ich. Auch seine. Ich bin nämlich da, um mich zu verabschieden. Ich gehe.«

Milan stutzte, begriff nicht:

»Der Maler?«

»Nein. Das >Copacabana<. Es gibt eine Grenze – und heute morgen habe ich diese Grenze erkannt, als ich unten am See auf die Blumenuhr geschaut habe.«

»Und wo liegt diese Grenze?«

»Beim Preis für eine Farm zu Hause in Brasilien. Ich weiß, ich könnte noch mehr verdienen, noch ein Jahr arbeiten, aber was für einen Unterschied macht das schon?

Der Unterschied ist: Ich würde ewig weiter in dieser Falle stecken, genau wie du, und das sind die Freier, die Direktoren, die Piloten, Headhunter, Manager von Plattenfirmen, Discobetreiber, die vielen Männer, die ich kennengelernt habe, denen ich meine Zeit verkauft habe, die sie mir nicht zurückverkaufen können. Wenn ich einen Tag länger bleibe, bleibe ich ein ganzes Jahr, und wenn ich noch ein Jahr bleibe, komme ich hier nie wieder heraus.«

Milan nickte verstohlen zum Zeichen, daß er begriffen hatte. Er konnte jetzt nichts sagen, denn wenn die anderen Mädchen von Marias Entscheidung erfuhren, ließen sie sich womöglich anstecken. Aber er war ein guter Mensch. Er gab ihr zwar nicht direkt seinen Segen, unternahm aber auch nichts, um sie umzustimmen.

Sie bestellte einen Drink – ein Glas Champagner –, sie hatte genug von den ewigen Fruchtcocktails und konnte trinken, was sie wollte, sie war schließlich nicht mehr im Dienst. Milan sagte, sie könne ihn jederzeit anrufen, wenn sie etwas brauche; sie sei immer willkommen. Und übrigens: Der Champagner gehe aufs Haus. Maria nahm die Einladung an: sie hatte dem Haus mehr als einen Drink eingebracht.