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XIII
Seit dem Jahre 1410 besaß der Rat der Stadt Hameln das Recht der ordentlichen Blutgerichtsbarkeit. Von da an also war der Landesvater und Herzog nicht mehr befugt, in Hameln über Leben und Tod zu entscheiden. Bisher hatte diese Aufgabe der Verwalter des Herzogs, der Stadtvogt, übernommen, doch wurden dessen Kompetenzen nach und nach beschnitten, da der Landesvater dem Rat der Stadt Hameln immer mehr Rechte zugestand. Dies lag nicht etwa daran, dass er diese in seinem Herrschaftsbereich liegende Stadt so sehr liebte, sondern vielmehr an der Tatsache, dass der Herzog nicht in der Lage war, das Geld, welches ihm zu verschiedensten Zwecken von den reichen Bürgern Hamelns geliehen worden war, zurückzuerstatten. Er beglich also seine Schulden durch das Gewähren von Zugeständnissen an die Stadt, wie das Braurecht, den Weinschank, das Jagdrecht, die Zollfreiheit oder die Münzgerechtigkeit. Und da die Landesherren im Laufe der Jahrzehnte zwar wechselten, die finanziellen Nöte jedoch bei einem jeden von ihnen die gleichen blieben, gelang es den reichen Bürgern Hamelns, ihre Stadt de facto zu einer freien Stadt zu machen. Ein großer Schritt in diese Richtung war zudem die Eindämmung des Aufgabenbereiches des Vogts gewesen, welcher alsbald in der Stadt gleichsam nurmehr die Funktion eines vom Herzog beauftragten Beobachters ausübte.
Im Jahre 1410 verlor die herzogliche Stadtvogtei somit die Hochgerichtsbarkeit in Hameln. Damals endete ohnehin an vielen Orten im ganzen Reich die althergebrachte Form der Sühne- und Bußenstrafe – eine Art der Rechtsprechung, die etwa einem heimtückischen Mörder auferlegt hatte, durch eine Wallfahrt nach Rom seine schwere Sünde wiedergutzumachen. Anstelle dieser alten Sühneordnung traten nun ordentliche Hals-, Hand- und Geldstrafen; als Relikt aus den heidnischen Zeiten der Urväter war aber auch die Verbannung aus der Stadt als Strafe geblieben und wurde gern praktiziert. Alles in allem trat also eine gewisse Einheitlichkeit im Umgang mit Übeltätern ein, und da Bußeleistungen als einzige Strafe für schwere Vergehen abgeschafft waren, nahm zwangsläufig die Anzahl der Hinrichtungen im gesamten Reich zu. Ja, öffentliche Vollstreckungen von Todesurteilen erfreuten sich wachsender Beliebtheit und verblüfften durch mannigfaltige Varianten.
In der Stadt Hameln jedoch kam es nur äußerst selten zu spektakulären Hinrichtungen. Es war eine ehrbare Stadt mit ehrbaren Bürgern, und somit musste nur dann und wann einmal jemand durch Gerichtsbeschluss auf blutige Art und Weise vom Leben in den Tod befördert werden. Innerhalb von hundert Jahren nach Erlangen des Halsrechtes war es zwar zu Verbrennungen von Zauberinnen, zu Enthauptungen von Totschlägern und zum Rädern von Halsabschneidern gekommen, aber das in sehr geringer Zahl. So gering, dass sich ein jeder Hamelner noch an einen jeden Fall erinnern konnte, selbst dann, wenn er davon nur aus den Erzählungen von Eltern und Großeltern wusste.
Anders jedoch sah es natürlich mit den Galgenstrafen aus. Denn für Diebe herrschte schon zu Zeiten der Bußgerichtsbarkeit kein Pardon. Während der Mörder seiner eigenen Frau mit Eisenketten behangen und mit Nägeln in den Schuhen nach Rom pilgern musste und nach seiner Rückkehr zwar geächtet, aber dennoch jenseits von Kerkermauern weiterleben durfte, lag für einen gemeinen Dieb schon seit jeher der Strick bereit. Und somit verfügte auch die Stadt Hameln nicht nur über zwei Galgen – einen, der mitunter auf dem Pferdemarkt am Stockhaus aufgebaut wurde, und einen ständigen, welcher außerhalb der Stadt, auf einem kleinen Hügel, natürlich Galgenberg genannt, stand –, nein, sie verfügte auch über zahlreiche hingerichtete Diebe, die ihre letzte Ruhe zusammen mit ungetauft verstorbenen Neugeborenen, Selbstmördern, Geächteten sowie Unehrlichen auf dem Schindanger fanden. Einem Friedhof, welcher ebenfalls weit außerhalb der Stadtmauern lag und lediglich von einer Schar Krähen besucht wurde.
An diesem Abend jedoch fanden sich hier im Dunkeln zwei Besucher ein, deren schwarze Silhouetten im Mondenschein ein eigentümliches, ja sogar unheimlich anmutendes Bild lieferten. Denn während die eine Gestalt groß, breit und kräftig dastand, war die andere um mehr als vier Köpfe kleiner, schmächtig und in einen Kapuzenmantel gehüllt. Zwei düstere Sagenwesen, die an einen Troll und einen Gnom erinnerten. Tatsächlich jedoch handelte es sich um den gutmütigen Scharfrichter Carnifex und den ebenfalls gutmütigen Apotheker Vinsebeck, welche sich an ebendiesem Tag an ebendiesem Ort verabredet hatten. Denn vor etwa dreißig Stunden war auf wenig aufsehenerregende Weise einem notorischen Pferdedieb sein angemessenes Ende bereitet worden, und ebendiesem unfreiwillig Verstorbenen galt es nun einen Besuch abzustatten.
»Du hast ihn ja doch schon begraben.«
»Natürlich, was sollte ich denn machen? Sei froh, dass ich ihn überhaupt abnehmen durfte. Eigentlich hätte er noch eine Weile am Galgen baumeln müssen. Aber deine Idee hat gefruchtet. Ich sagte ihnen, er sei voller Pestbeulen, und schon durfte ich ihn sofort verscharren. Davongelaufen sind sie, die Ratsherren und das schaulustige Volk, als sei der Teufel hinter ihnen her. Auf den Schwarzen Tod will jeder gern verzichten.«
»Sehr gut. Dumm nur, dass er jetzt so schmutzig ist, wenn wir ihn ausgraben, nach dem Regen in den letzten Tagen. Ach, was soll’s. Ich hätte ihn ohnehin waschen müssen.«
»Ich will gar nicht wissen, was du mit ihm anstellst, Meister Vinsebeck. Gib mir das Geld, lade ihn auf den Wagen und karre ihn in dein Haus.«
Vinsebeck reichte dem großen Mann ein Beutelchen, welches dieser kurz an seinem Ohr hin und her schüttelte, um es dann mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in seiner Gürteltasche verschwinden zu lassen.
»Nur die Daumen, die musst du mir lassen«, sagte der Henker, während er von dem mitgebrachten Schubkarren eine Schaufel nahm, um mit der Ausgrabung zu beginnen.
»Abergläubisches Gewäsch«, murmelte Vinsebeck nur, während er, die kurzen Arme vor der Brust verschränkt, dastand, um Carnifex bei seiner Arbeit zuzuschauen.
»Das kann man sehen, wie man will. Aber dafür bekomme ich eine Menge Geld. Ach, und seine Sackhaare brauchst du sicherlich auch nicht, oder?«
»Dass es Glück im Spiel bringt, wenn man den Daumen eines Hingerichteten in der Tasche hat, davon habe ich bereits gehört. Aber was in aller Welt stellst du mit seiner Geschlechtsbehaarung an, Carnifex?«
»Ich verkaufe sie«, antwortete der Scharfrichter, während er grub. »Frag mich nicht, wie sie es machen, aber es gibt Frauen, die brauen daraus ein Gesöff, dass unfruchtbare Weiber gebärfreudig macht.«
Der kleine Apotheker schüttelte den Kopf. »Unglaublich. Wo bleibt da nur der Verstand?«
»Das musst gerade du sagen, Vinsebeck. Ich frage mich, wo dein Verstand bleibt, wenn du glaubst, diesen Kerl hier wieder zum Leben erwecken zu können.«
»Halt bloß dein Schandmaul!«, zischte der Zwerg. »Das habe ich niemals behauptet.«
»Ich bin ja ruhig, ich bin ja ruhig. Ah, da haben wir ihn.«
»Nicht einmal in Sackleinen gewickelt hast du ihn, Carnifex. Mit den Augen kann ich jetzt gar nichts mehr anfangen. Da waren schon die Ameisen und Würmer am Werk.«
»Das geht schneller als gedacht.« Carnifex hievte mit Leichtigkeit die Leiche des schmächtigen jungen Mannes aus dem Loch, legte sie ab, zog ein scharfes, blitzendes Messer aus dem Gürtel und machte sich sogleich ans Werk, um die ihm zustehenden Trophäen zu ergattern.
»Die Daumen hätte ich gut gebrauchen können«, schimpfte Vinsebeck.
Dann holte er mehrere Säcke und Leinentücher von dem Karren und wickelte den Toten darin ein. Carnifex half ihm und hievte das große Bündel danach allein auf den Karren. Abschließend wurde der Schubwagen noch mit Reisig beladen. Der Henker verabschiedete sich auf ein Bier im Nobiskrug, während der Zwerg, allein den Karren schiebend, zum Ostertor zurückeilte, bevor dieses schloss.
Niemand hatte den Ausflug der beiden seltsamen Gestalten bemerkt, und auch der Torwächter empfand es nicht als eigenartig, dass der Apotheker Vinsebeck des Abends mit einem Fuder Brennholz in die Stadt zurückkehrte. Der kleine Mann galt ohnehin als komischer Kauz, und wenn er meinte, zu dieser Tageszeit Holz sammeln zu müssen, dann würde er seine Gründe dafür haben.
Ungesehen fuhr Vinsebeck durch die dunklen Gassen und bog in den Hinterhof seines kleinen Häuschens ein. Er schaffte es ganz allein, das schwere und unhandliche Gepäckstück vom Hinterhof aus in seinen Arbeitsraum zu bringen, und es gelang ihm sogar, den Toten mit Hilfe einer aus einem Brett gefertigten Rampe auf den großen Tisch zu befördern.
Völlig außer Atem, verschwitzt und erschöpft, stand Vinsebeck da. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem runzligen Gesicht aus, als er seine neueste Errungenschaft betrachtete.
Er war bereit.
Endlich war er bereit.
Dann klatschte er jedoch eilig in die Hände und begab sich umgehend an die Arbeit. Er machte Feuer, setzte Wasser auf, holte Essig herbei und eilte wie ein Wiesel von einer Ecke zur nächsten. In seinem Kopf schwirrte es wie in einem Bienenstock. Halb singend, halb murmelnd, gab er kleine, selbst gereimte Verse von sich. Das waren Anweisungen an sich selbst, welche er gedichtet hatte, um auch ja keinen Schritt seines wichtigen Vorhabens versehentlich außer Acht zu lassen.
So beschäftigt war der kleine Mann, dass er gar nicht hörte, wie jemand mit der Faust gegen seine Hintertüre pochte.
»Der arme Teufel.«
Vinsebeck fuhr derartig zusammen, dass er für einen kurzen Moment glaubte, das Herz in seiner Brust hätte aufgehört zu schlagen. In seinem emsigen Streben musste er ganz vergessen haben, die Hintertüre zu verriegeln, denn nun stand er hinter ihm, der Sensenmann. Gevatter Tod war es, lang und dünn, gehüllt in einen schwarzen Kapuzenmantel, allein die Sense fehlte ihm. Das also nun war die Strafe für all die Vinsebeckschen gottlosen Taten, für sein selbstherrliches Zweifeln an den Mächten von Himmel und Hölle, für sein unaufhörliches Streben nach Erkenntnis, für seine unstillbare Neugier und fehlende Demut.
Jetzt war er da. Jetzt holte er ihn. Plötzlich und unerwartet.
Oder war es gar nicht der Tod?
War es vielleicht ein ganz anderer?
Etwa der Höllenfürst, der ihm einen Pakt anbieten wollte?
Über eine solche Möglichkeit hatte Vinsebeck durchaus schon nachgedacht und sich vorgestellt, wie wunderbar es sein könnte, sich die mühsam erarbeiteten, aber dennoch unbefriedigenden Antworten auf seine unzähligen Fragen einfach zu erkaufen. Ganz so, wie es in dieser Geschichte über einen Wittenberger Gelehrten der Fall war, welcher dem Teufel seine Seele vermachte, um dafür die universale Erkenntnis zu erhalten. Mit einem Mal wechselten die bis dato ängstlich überraschten Züge des Zwerges hin zu einem fast schon übertrieben erwartungsfrohen Mienenspiel. Eine Wandlung, die selbst den Kapuzenmann zu amüsieren schien, denn er fing an zu lachen und schlug mit einer kurzen Handbewegung seinen Umhang nach hinten, wodurch das Gesicht eines jungen, ungemein ansehnlichen Mannes zum Vorschein kam.
Vinsebeck war enttäuscht. Das war weder Tod noch Teufel, das war schlicht ein fremder Eindringling aus Fleisch und Blut, der ihn nicht nur von seinen Aufgaben abhielt, sondern auch noch Dinge vor Augen bekam, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
»Verlangt Ihr etwa nach einer Arznei?«, fragte er nun harsch, während der Fremde nicht aufhörte, ihn freundlich anzublicken.
»Du erkennst mich nicht?«, gab dieser nur zurück.
»Ich merke mir keine Gesichter. Damit verschwende ich nur unnötigen Raum in meinem Gedächtnis. Wer seid Ihr? Was wollt Ihr? Sprecht rasch, denn ich habe zu tun.«
»Das ist der Pferdedieb, den man heute in aller Frühe gehängt hat, nicht wahr?«, wollte der Besucher wissen, ohne auf die Fragen des Apothekers zu antworten.
Schnell zog Vinsebeck ein Leinentuch über den Verstorbenen und blickte den Eindringling aus seinen kleinen, schwarzen Augen glühend an.
»Du kanntest meine Mutter, Meister Vinsebeck«, sagte der Lange nun in einem ernsteren, fast traurigen Ton.
Und jetzt begann auch Vinsebeck zu begreifen. Dieses Gesicht, die Augen, der Mund, die Stirn, ja – das war sie, sie in männlicher Gestalt.
»Philipp?«
»So ist es.«
»Wo bist du all die Jahre gewesen?«, rief der kleine Alchemist begeistert und empört zugleich. »Ich suchte nach dir, als ich hörte, dass deine Mutter auf die Burg gegangen war, ohne dich mitzunehmen. Es hieß jedoch, du seist tot. Du und noch einige andere Knaben aus dem nahen Dorf. Ich grämte mich sehr, fühlte mich schuldig.«
Der Zwerg schaute betreten zu Boden, damit der Gast die Tränen nicht sah, die ihm in die Augen schossen.
Philipp jedoch schüttelte nur den Kopf und sagte: »Dich trifft keine Schuld. Im Gegenteil, ich bin gekommen, um dir zu danken, Meister Vinsebeck. Du warst immer gut zu ihr. Du warst der Einzige, der immer gut zu ihr war.«
Dem kleinen Apotheker wurde bei diesen Worten heiß und kalt zugleich, sein Herz raste. Die Erinnerungen an Maria, Philipps Mutter, schmerzten ihn sehr.
»Sie ist tot, nicht wahr?«, murmelte er leise.
»Ja, sie starb vor etwas mehr als einem Jahr. Es ging ihr bereits sehr schlecht, als ich zurückkehrte. Nur um zwei Tage überlebte sie meine Ankunft.«
Philipp legte eine Hand auf die schmale Schulter des Zwerges. Eine Weile schwiegen sie, dann sagte der Gast in gefassterem Ton:
»Er wird dir verfaulen, Vinsebeck. Du willst doch sicherlich mehr als eine Woche an ihm arbeiten. Dann solltest du ihn mumifizieren. Weißt du, so, wie es die alten Ägypter gemacht haben.«
»Woher weißt du …?« Vinsebeck starrte Philipp nun fassungslos an.
»Ich weiß mehr, als vielen Leuten lieb ist. Aber ich weiß nicht genug, guter Vinsebeck. Du jedoch brauchst dich vor meinem Wissen nicht zu fürchten. Was genau hast du mit diesem Elenden vor?«
»Ich habe da meine eigene Methode entwickelt. Soll ich dir alles erklären, Philipp? Du wirst es mir nicht glauben, aber ich bin der festen Überzeugung, dass das Blut in unseren Leibern im Kreise läuft und von nichts anderem als dem Herzen durch alle Gliedmaßen gepumpt wird. Stirbt ein Mensch, so benötigt man zu dessen Auferstehung nichts weiter als frisches Blut und eine mechanische Pumpe, eine Art Wasserrad. Handbetrieben noch, aber daran werde ich feilen. Mit Tieren schlug ein solches Experiment bislang fehl, ihnen mangelt es am notwendigen Seelenstoff. So ist zumindest meine Überzeugung. Aber ein menschlicher Körper dürfte, jedenfalls so kurz nach seinem Ableben, beseelt genug sein, um erneut zum Leben erweckt zu werden. Rein mechanisch, versteht sich, wir sprechen hier nicht von einem Menschen mit Geist und Verstand. Es ist eine Art, wie soll ich sagen, eine Art …«
»… willenloser Machina«, ergänzte Philipp.
»So ist es«, rief Vinsebeck erfreut aus. Plötzlich war er wieder der quirlige kleine Alchemist, dem nichts weiter in seinem klugen Kopf herumspukte als der Drang nach Mehrung seines Wissens.
»Weißt du, ich halte nichts von diesen abergläubischen Versuchen, bei denen männlicher Samen in einem Haufen Pferdemist ausgebrütet wird, um auf diesem Wege ein künstliches Menschlein zu erzeugen. Ich glaube an die Kraft der Mechanik, an die Kraft der Vernunft und der Erfahrung. Und meine Erfahrung, Philipp, sagt mir: Eines Tages wird ein Wesen durch die Gassen Hamelns streifen, das ohne Seele und Gewissen allein einem ihm befohlenen Auftrag folgt. Das mag dem Gottesfürchtigen ein Gräuel sein, doch solange die Mission eine gute ist, muss man sich doch nicht um das Gewissen kümmern. Was meinst du?«
»Du weißt gar nicht, wie wahr du soeben gesprochen hast, lieber Vinsebeck«, sagte der Gast nachdenklich, beugte sich dann nach vorn und klopfte dem kleinen Mann freundschaftlich auf die Schulter.