38227.fb2 Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 16

Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 16

XIV

Johanna war die Erste, welche von dem entsetzlichen Geschrei erwachte. Im Nu sprang sie hellwach aus ihrem Bett. Blitzschnell war sie in ihren leinenen Unterrock geschlüpft und eilte in den stockfinsteren Flur hinaus. Es war ein furchterregendes Gebrüll, und es kam aus dem Stockwerk unter ihrer Mägdekammer. Verzweifelt tastete Johanna sich an der Wand entlang, um zu der Stiege zu gelangen, die in die nächste Etage führte. Sie ahnte, von wem das schreckliche Kreischen herrührte, und sie ahnte ebenfalls, was es zu bedeuten hatte.

Glücklicherweise wurde im gleichen Moment unten ein Licht entzündet. Johanna vernahm die aufgeregten Stimmen ihrer Herrin und deren Base. Auch sie waren von dem lauten Schreien aus dem Schlaf gerissen worden. Dank des Lichtes war Johanna bald die knarrenden Stufen hinuntergeeilt.

Gestern noch hatte die Begine Agnes die schwangere Gerda untersucht und erleichtert festgestellt, dass die frühzeitigen Wehen offenbar glücklich überwunden waren und der Bauch der jungen Frau sich beim Abtasten weich und lebendig anfühlte. Johanna hatte die Hebamme darauf hingewiesen, dass sie glaube, Gerda erwarte zwei Kinder, doch das hatte Agnes ausgeschlossen. Sie hatte ihr Ohr für eine Weile ganz nah an den runden Bauch gehalten und aufmerksam gelauscht. Da poche nur ein Herzchen, das sei gewiss, so beharrte sie steif und fest, woraufhin Johanna nachgab. Agnes war in diesen Dingen nun einmal erfahrener, sie musste es besser wissen. Alles schien demnach wieder in bester Ordnung zu sein, Gerda war rosig und hungrig, aß und trank reichlich, schlief ruhig und fest.

Aber nun dieses unglaubliche Geschrei.

Als Johanna ins Zimmer der Schwangeren kam, waren Margarethe und Mechthild bereits vor Ort. Auf der Stiege konnte man zudem die schweren Schritte der Köchin Immeke vernehmen.

Das Erste, was Johanna in dem von zwei Öllampen beleuchteten Raum wahrnahm, war Blut. Das ganze Bett war rot, und inmitten ihres eigenen Blutes saß Gerda mit starren Augen und aschfahlem Gesicht. Sie schrie nicht mehr, sie saß nur da, kerzengerade, mit gespreizten Beinen und dieser entsetzlichen Todesangst im Gesicht. Margarethe war in einer dunklen Ecke des Zimmers verschwunden und hielt etwas im Arm, woran sie immer wieder sanft, aber entschieden herumdrückte. Dabei schüttelte sie verzweifelt den Kopf. Mechthild hingegen tat nichts, als sich ununterbrochen zu bekreuzigen und das Ave Maria zu beten.

Nachdem Johanna begriffen hatte, was hier vor sich ging, begab sie sich rasch zu dem verängstigten Mädchen, schob die betende Mechthild aus dem Weg und nahm Gerda in die Arme. Sie zitterte wie Espenlaub und brach vollkommen entkräftet in sich zusammen, als sie die Berührung der anderen Magd spürte.

»Bring es bitte fort, Immeke. Sie soll es nicht vor Augen haben«, sagte Johanna leise zu der nun ebenfalls in den Raum stürzenden Köchin. Sie deutete auf einen kleinen, blutigen Klumpen, welcher zwischen Gerdas Beinen gelegen hatte. Die Köchin reagierte sofort. Ihr Gesicht verriet weder Ekel noch Entsetzen, sie handelte so, als packe sie Schlachtabfälle fort.

Frau Mechthild hingegen übergab sich in den Nachttopf, während Margarethe Immeke ohne Worte anwies, das tote Kind in ein Tuch zu wickeln. Das zweite, welches sie bislang in den Armen gehalten hatte, legte sie sacht daneben auf einer Truhe ab und wickelte es ebenfalls in ein Tuch. Dann nickte sie Immeke zu, welche sogleich begriff, die beiden winzigen Bündel nahm und sie hinaustrug.

»Wir müssen nun doch den Medicus holen, Johanna. Schnell«, flüsterte Margarethe aufgeregt, während sie aufs Bett zuging und dabei über ihre Base stolperte, die noch immer am Boden vor der Schüssel hockte.

Doch Johanna rührte sich nicht. Sie blieb weiterhin auf dem Bett sitzen, den Kopf Gerdas hielt sie an die Brust gepresst, Tränen standen ihr in den Augen. Sanft streichelte sie Gerdas nassgeschwitztes, strohblondes Haar und schüttelte dann langsam den Kopf.

Margarethe nickte stumm und ließ sich entkräftet auf einer Truhe nieder.

»Es ist allein meine Schuld. Ich störrisches, selbstgefälliges Weib«, sagte sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Es war schwer für ihn, Ruhe zu finden. Nachdem er vor nunmehr zwei Jahren aus seiner alten Heimat hierher zurückgekehrt war und seine Mutter verhungernd und verwahrlost aufgefunden hatte, hatte es keine einzige Nacht gegeben, in der Philipp schlafen konnte. Auch in dieser Nacht hatte er kein Auge zugetan. Nun hockte er in seiner einfachen Gästekammer einer bescheidenen Hamelner Herberge und versuchte, seiner Gedanken und Gefühle Herr zu werden.

Er kannte sie nur zu gut, diese Wut und diese Traurigkeit. Zeit seines Lebens waren sie da gewesen. Er war mit diesen Gefühlen groß geworden, sie hatten ihn durch seine unglückliche Kindheit und Jugend begleitet und wurden nun, da er zu einem Mann herangereift war, durch einen unerträglichen Hass sowie eine noch unerträglichere Unruhe ergänzt.

Hass worauf und auf wen?

Manchmal wusste er es selber nicht.

Ja, oft war er sich nicht sicher, ob die, die er zu hassen glaubte, diesen Hass verdient hatten.

War es nicht vielmehr sein Schicksal oder gar Gottes Wille gewesen, ein solch demütigendes Leben führen zu müssen?

Oder war es gar die Schuld seiner Mutter, dass alles so gekommen war? Lag es an ihrem unsteten Wesen, an ihrer unstillbaren Gier, mit der sie sich und ihre Familie ins Verderben getrieben hatte?

Nein, auch sie war nur ein Opfer, ebenso wie er, das damals unschuldige kleine Kind.

Aber ein Opfer zu sein, das vertrug sich nicht mit Philipps Stolz. Und dieser Stolz hatte ihn insbesonders eine Lektion gelehrt: Wozu Mitleid haben, wenn man selbst nie Mitleid erfahren hatte?

Wilhelm von Eicheck, Peter Hasenstock und Reinold Gänslein – das waren die Namen der Männer, welche seine Mutter auf dem Sterbelager immer und immer wieder gemurmelt hatte. Auch Hans Vinsebeck wurde mehrmals genannt, dieser aber in einem anderen, einem liebevollen Ton, genauso wie der Name seines Vaters, Sebastian Stadler, stets in guter Erinnerung geblieben war. Philipp wusste nicht viel von seinem Vater, ja, eine Zeitlang hatte er nicht einmal gewusst, wer sein Vater war. Holzfäller, so hatte sie ihm erst in späten Jahren erzählt, sei er gewesen, rechtschaffen, ehrlich, stark und fleißig, jedoch bitterarm. Hunger hätten sie gelitten, zwei Kinder seien ihr deshalb gestorben, und darum sei sie manches Mal, wenn der Mann in den Wäldern war, ausgegangen, um Reisenden, welche die Berge auf dem Weg nach Italien und zurück passierten, Dienste zu erweisen. Sie hatte nicht gesagt, welcher Art diese Dienste waren, aber Philipp hatte dennoch verstanden. Er hatte es ohnehin geahnt, da sie mit derlei Dienstleistungen auch nach dem Tode des Vaters niemals aufgehört hatte.

Was er jedoch nicht geahnt hatte und erst am Sterbelager der Mutter erfuhr, war, dass sein Vater ermordet worden war. Erschlagen hatte man ihn mit einer Axt. Zwar wollte sie nicht sagen, wer es gewesen war, aber Philipp konnte sich aus dem Wirrwarr ihrer im Fieber gesprochenen Worte zusammenreimen, dass es einer der beiden jungen Männer gewesen sein musste, die Mutter und Kind nach dem Tode des Vaters mit nach Hameln nahmen: Peter Hasenstock oder Reinold Gänslein, wahrscheinlich sogar beide. Nur dunkel erinnerte er sich an diese beiden Männer, die Mutter hatte sie mitunter in Hameln besucht. Sie waren nie unfreundlich zu ihm gewesen, hatten sich aber auch nicht weiter um das Kind gekümmert, es vielmehr fortgeschickt, um mit Maria allein zu sein. Reich waren sie beide, der eine sogar reicher als der andere. Und dieser Reichtum, so hatte sie mit einem ihrer letzten Atemzüge gehaucht, sei allein auf dem Fundament der Verschwiegenheit erbaut. Ein unsicheres Fundament, welches allein durch Brechen dieser Verschwiegenheit zusammenstürzen musste.

Viel mehr wusste Philipp nicht, aber er war gewillt, mehr herauszufinden.

Gänslein und Hasenstock waren die Träger des Rätsels, Eicheck hingegen war nur ein dunkler Fleck in dieser ohnehin düsteren Geschichte gewesen, ein Fleck, den Philipp bereits mit Leichtigkeit beseitigt hatte. Anders sah es mit den beiden anderen aus, denn Gänslein war bereits tot, er ruhte samt seiner Schuld unter der Erde. Doch sein Vermögen, das er auf dieser Schuld errichtet hatte, dieses Vermögen bestand noch. Und es wurde verwaltet von einer bemerkenswerten Frau.

Philipp hatte sie in den letzten Tagen beobachtet und sich zudem vorsichtig nach ihr erkundigt, er hatte seinen Handlanger Carnifex und auch den guten Vinsebeck ein wenig ausgefragt.

Sie war mutig, ehrgeizig, starrsinnig und kalt wie eine Hundeschnauze. Letzteres hatte Carnifex behauptet. Vinsebeck jedoch war voll der guten Worte gewesen, ja, ein leichtes, verschmitztes Lächeln hatte seine Lippen umspielt, als er von Margarethe Gänslein als einem Prachtweib mit großem Herzen sprach, welches von den meisten Menschen in dieser Stadt leider verkannt werde.

Er hatte nicht viele Blicke auf sie werfen können, doch das, was Philipp von der Kaufmannswitwe gesehen hatte, bestätigte die Aussagen seiner beiden Informanten. Zudem jedoch gewann Philipp den Eindruck, dass eine entscheidende Tatsache hinzukam: Margarethe Gänslein war eine einsame, eine verlassene Frau. Die Bewegungen ihres Körpers, ihre Mimik, ja, ihr gesamtes öffentliches Auftreten verrieten, dass sie stets bemüht war, ihre Einsamkeit zu verbergen. Sie machte es sogar gut, wirkte hart, selbstsicher, überlegen. Aber für den geübten Beobachter war sofort zu erkennen, dass unter der kraftstrotzenden Hülle ein verletzlicher Kern verborgen schien. Und Philipp war ein geübter Beobachter.

In dieser Nacht hatte er die ganze Zeit in einer der Nischen der Kaufmannskirche gestanden, sich vor dem hin und wieder vorüberwandernden Nachtwächter verborgen und auf das Haus der reichen Witwe gestarrt. Nicht einmal für einen kurzen Moment waren die Lichter in dem großen Fachwerkgebäude erloschen. Philipp hatte hinter den teilweise verglasten Scheiben Schatten eilig hin und her laufen sehen. Gegen Morgen dann – es dämmerte bereits – war eine vermummte Magd aus dem Haus geschlichen und nach nur kurzer Zeit mit einem alten Mann zurückgekehrt. Wenig später war das große Tor des Hauses geöffnet worden, und ein Wagen war herausgekommen, ein einfacher Zweispänner, gelenkt von dem alten Mann, der ein ernstes Gesicht machte und zusah, möglichst rasch an den sich langsam auf dem Marktplatz einfindenden Kleinhändlern und Bauern vorüberzufahren. Neben ihm hatte die Magd gesessen, nun hatte sie ihre Kapuze zurückgeschlagen. Bedrückt war sie gewesen, schien geweint zu haben.

Philipp hatte einen Moment lang seinen Augen nicht trauen wollen.

Das Mädchen Johanna.

Konnte das sein?

Schon wieder?

Er hatte sie doch erst auf der Burg Eicheck gesehen, als sie verzweifelt versucht hatte, nicht von ihm wiedererkannt zu werden. Was ihr jedoch nicht gelungen war.

Und nun war sie ausgerechnet hier?

Es musste eine Täuschung sein.

Er hatte keine Ahnung, ob es einen Sinn ergab, ob er zu Fuß schnell genug war. Aber es war ihm nicht anders möglich. Er folgte der Kutsche, die der alte Mann auf dem kürzesten Weg hinaus aus der Stadt lenkte.

»In unseren Herzen ist dies Gerdas Trauerfeier, Johanna. Denke daran, wenn du betest«, flüsterte Margarethe ihrer Magd zu, als sie am zweiten Tage nach dem frühen Tod der jungen Frau und ihrer beiden neugeborenen Kinder die sonntägliche Messe besuchten.

Alles war so schnell und heimlich vonstatten gegangen, dass Johanna noch immer vollkommen durcheinander war. Sie wusste nicht, ob es rechtens gewesen war, was sie und der alte Sekretär Bennheim mit der verstorbenen Gerda und ihren winzigen Kindern angestellt hatten. Doch die Herrin hatte darauf bestanden, und ihre Worte waren einleuchtend gewesen. Es war ein wunderbarer Ort, ein wunderschönes Grab, auch wenn es dort keine geweihte Erde gab und kein Geistlicher zugegen sein durfte. Johanna hatte ein Fläschchen Weihwasser aus dem reichlichen Vorrat der frommen Mechthild mitgenommen und zudem alle ihr bekannten Gebete gesprochen, ja, sie hatte sogar gesungen. Und auch Bennheim hatte sich würdevoller verhalten als ein Dorfpfarrer, seine Miene hatte gar der eines hohen Geistlichen, eines Abtes oder gar eines Bischofs geglichen.

Aber dennoch war Johanna unwohl. Es war eine große Sünde und schlimmer noch: Es war eine wiederholte große Sünde, denn Ähnliches hatte sie vor vielen Jahren schon einmal erlebt. Und sie wollte es doch so gerne vergessen.

Aber Gerdas Tod sollte nicht vergessen werden. Am heutigen Tage würden sie während des gesamten Gottesdienstes stumm für sie und ihre Kinder beten. Zu dritt hatten sie nun Ruhe gefunden, waren beieinander, und die ungetauften Totgeburten mussten nicht zusammen mit Mördern und Räubern auf dem Schindanger liegen. Außerdem konnte man das Grab jederzeit besuchen. So war es Margarethes Wille gewesen. Und gegen diesen Willen, das wusste Johanna nur zu gut, war kein Ankommen. Sie wünschte sich nur sehnlichst, nicht bei der gottlosen Tat beobachtet worden zu sein.

Gemeinsam betraten die beiden Frauen nun die Kirche. Die Halle war bereits gut gefüllt, doch vorn in der zweiten Reihe waren noch Plätze für die Kaufmannswitwe und ihre Begleitung frei. Jeder angesehene Bürger verfügte über seinen angestammten Platz, und so konnten Margarethe und Johanna sicheren Schrittes an allen übrigen vorüber in Richtung Altar gehen.

Gleich unmittelbar hinter der Eingangspforte – Johanna hatte nur kurz den Kopf gehoben, um einem alten Mann mit Krücken auszuweichen – erblickte sie Philipp erneut. Da stand er und schaute unverwandt in ihre Richtung. Jedoch sah er nicht sie, Johanna, an, sondern hatte nur Augen für ihre Herrin, die wiederum so sehr in Gedanken verloren war, dass sie den ihr fremden Mann ihrerseits nicht wahrnahm. Schnell richtete Johanna ihren Blick wieder auf den Boden des Gotteshauses und neigte den Kopf zusätzlich zur anderen Seite.

Nun war es also so weit.

Nun würde es beginnen.

Ihr Herz wollte fast zerspringen, als sie verzweifelt versuchte, während der Messfeier der jüngst Verstorbenen zu gedenken. Es gelang ihr kaum. Vielmehr schoss ihr immer und immer wieder nur ein und dieselbe Frage durch den Kopf:

Was wollte dieser Teufel von ihrer Herrin?

Verstohlen lugte Johanna zu Margarethe hinüber, die jedoch schien tief in sich gekehrt zu sein. Sie war blass und wirkte mitgenommen von den schrecklichen Ereignissen der letzten zwei Tage.

Johanna war sich nicht sicher.

Sollte sie Margarethe vor ihm warnen?

Oder bildete sie sich all das in ihrem gequälten Geist nur ein?