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XX
Johanna irrte des Morgens ebenfalls durch das so friedlich verschneite Hameln, wo dennoch eine aufgewühlte, nervöse Stimmung zu spüren war.
Nachdem sich die Kunde von einem Brand im Süden der Stadt verbreitet hatte, waren viele Leute aus ihren Unterkünften gestürmt, um sich das befürchtete Inferno anzuschauen. Auch Johanna hatte es nicht mehr im Haus am Pferdemarkt gehalten. Eine böse Ahnung stand ihr vor Augen. Rasch war sie angekleidet, hinaus in die eisige Kälte gestapft und hatte sich mit der Masse hin zu der Gasse treiben lassen, in der zur Erleichterung der meisten und zur Enttäuschung mancher nur ein einziges Haus in Flammen stand. Und dieses wurde bereits von den eingetroffenen Mannen des Osterquartiers, welche für die Brandbekämpfung in diesem Bereich der Stadt zuständig waren, erfolgreich gelöscht.
Johanna konnte durch die dicht an dicht gedrängten neugierigen Leiber nicht ausmachen, wessen Haus betroffen war. Doch sie glaubte es bereits zu wissen. In der Nacht, als sie aufgestanden war, um den Kamin anzuheizen, da hatte sie beobachtet, wie der kleine Meister Vinsebeck das Haus ihrer Herrin betreten hatte. Und am Morgen waren beide nicht mehr da, ja, auch von Margarethe Gänslein fehlte jegliche Spur.
Zwar verhielt sich die Witwe häufig eigentümlich, vom kleinen Vinsebeck ganz zu schweigen, aber dennoch war Johanna heute besorgter denn je. Und das hatte eindeutig mit Philipp zu tun. Die Tatsache, dass sie ihn und die Herrin am gestrigen Tage zusammen gesehen hatte, hatte ihr Angst bereitet. Vielleicht war es eine unberechtigte Angst, aber ihre Erfahrungen sprachen nun einmal für sich. Und nun, da sich durch die schaulustige Menge die Nachricht verbreitete, das Heim des Alchemisten brenne, wusste Johanna: Es konnte kein Zufall sein.
Verzweifelt begann sie sich zu recken und hin und her zu bewegen, um eine bessere Aussicht zu erlangen, doch das war in der engen Masse warmer, ungewaschener Leiber nicht möglich. Besser, sie verließ sich auf ihr Gehör. Und damit vernahm sie alsbald, dass es einen Toten geben solle. Und zwar den kleinen Vinsebeck selbst.
Johanna schlug die Hände vors Gesicht.
Dieser lebensfrohe, frivole Wicht? Verbrannt? Tot? Zu Asche zerfallen? War denn das möglich?
Nein.
Sie konnte es nicht fassen.
Ihr nächster Gedanke jedoch galt Margarethe.
»Gibt es weitere Opfer?«, rief sie in die Menge hinein. Doch niemand schien auf sie zu hören. Sie wiederholte ihre Frage noch vernehmlicher, ja, sie schrie, so laut sie konnte.
»Nein, nur einer«, kam nun die Antwort eines riesigen, bulligen Mannes zurück, der einige Schritte weiter vorn stand und ob seiner Größe einen guten Überblick über das Geschehen genoss.
Nur einer.
Nur der arme Hans Vinsebeck.
Wo aber war Margarethe Gänslein?
Bis dahin war sich Johanna sicher gewesen, die Herrin habe gewiss zusammen mit ihrem nächtlichen Gast das Haus verlassen. Doch nun begann sie zu zweifeln. Vielleicht war sie gar nicht mit Vinsebeck gegangen, vielleicht war sie bei jemand anderem.
Einige Augenblicke verharrte Johanna noch an ihrem Platze. Doch als sie bemerkte, dass dies keinen Sinn hatte, bahnte sie sich ihren Weg zurück. Es stand ihr nicht zu, ihrer Herrin nachzuspionieren. Und auch wenn diese glaubte, sich des Nachts mit einem fremden Manne außerhalb ihres eigenen Heimes treffen zu müssen, dann durfte ihre Magd sich darüber keine Meinung bilden. Aber heute war ein schreckliches Unglück geschehen. Ein guter Freund, ja, der mutmaßliche Verlobte Margarethes, war ums Leben gekommen. Und deshalb war Johannas Sorge um ihre Herrin mehr als berechtigt. Sie musste also nach ihr suchen, und sie glaubte auch zu wissen, wo sie zu finden war.
Ihre Schritte wurden langsamer, als sie sich der Hütte des Henkers in der Nähe des Weserflusses näherte. Dieser Ort war ihr aus so vielen Gründen unheimlich. Nicht nur, dass es das Heim eines Unehrenhaften war, von dem auch nur mit dem kleinen Finger berührt zu werden ebenfalls unehrenhaft machte. Nein, vielmehr hauste hier zudem der Kopfabschläger des Ritters Eicheck, und vermutlich fand hier auch Philipp Unterschlupf.
Margarethe Gänslein konnte unmöglich einen Fuß in dieses Haus gesetzt haben. Das stand für Johanna fest. Aber vielleicht hatte sie es auch nicht freiwillig getan. Und davon galt es sich nun zu überzeugen. Hoffentlich reichte ein Blick durch das kleine Windauge an der Seite des Gebäudes aus. Vorsichtig blickte die Magd sich um. Die Gasse war alles andere als leer. Überall trieben sich Menschen herum, allesamt von der Sorte, denen man nicht des Nachts begegnen wollte, aber gerade deshalb auch von der Sorte, die sich nicht darum scherte, ob jemand etwas Anrüchiges im Schilde führte. Und das, was Johanna in diesem Moment wagte, war anrüchig, zumindest in ihren Augen. Sie blickte nämlich in das Fenster des Scharfrichter-Hauses, und darin erkannte sie – nichts.
Es war ein einziger, sehr übersichtlicher Raum, den sie da vor Augen hatte. Und allem Anschein nach war er verlassen. Niemand war dort, weder Justus Carnifex noch sein Bruder, auch von Philipp keine Spur und erst recht nicht von Margarethe. Doch erleichtert war Johanna darüber nicht. Ratlos wandte sie sich von dem schändlichen Bauwerk ab, und während sie überlegte, wohin sie ihre Suche nun führen sollte, da vernahm sie plötzlich das Rattern und Klappern eines Handkarrens, der sich voll beladen seinen Weg durch die enge Gasse bahnte.
Sie wich einen Schritt zur Seite, um den jüdischen Alteisenhändler Jakob passieren zu lassen, und der dankte ihr diese freundliche Geste mit einem gutmütigen Lachen. Solch höfliche Aufmerksamkeit geschah dem Mann nicht alle Tage. Meist wurde er beschimpft, beleidigt, bestohlen und auch mit Schmutz beworfen. Ja, bei der letzten Fastnacht hatten sich einige Halbstarke sogar ein Schandspiel mit ihm erlaubt, ihn gezwungen, sich auf ein großes Stück Tuch zu legen, mit dem sie ihn immer und immer wieder in die Luft warfen und dabei unflätige Lieder sangen.
»Das ist hübsch freundlich von Euch, junge Magd«, sagte er nun, und als Johanna sein Lächeln ein wenig verlegen, aber aufrichtig erwiderte, blieb er sogar stehen und fragte: »Ihr seid das Mädchen von Frau Grete Gänslein, nicht wahr?«
Johanna nickte und blickte sich um. Doch niemand hier in der nach fauligem Fisch und Unrat stinkenden Gasse interessierte sich dafür, dass sie zu einem Juden sprach.
»Ja, so ist es.«
»Gute Gewürze führt sie. Ein guter Mensch ist sie dazu. Nur altes Eisen, das braucht sie leider nicht.«
»Nein, das braucht sie nicht«, antwortete Johanna knapp. Auch wenn das Männlein mit seinem langen Bart und seinen großen, gütigen braunen Augen nett war und ihr ein wenig leidtat, so hatte sie es doch eilig, und ihr Sinn stand ihr in diesem Moment gar nicht nach einem Plausch.
»Nein, das braucht sie nicht, und leider braucht der Meister Vinsebeck es nun auch nicht mehr. Dabei hat er mir so viel abgenommen, um seinen Golem zu bauen. Gut bezahlt hat er sie, die Ware.«
»Ja, leider, leider, der arme Meister Vinsebeck«, sagte Johanna. Sie war bereits dabei, sich an dem sperrigen Karren vorbeizustehlen, um zurück zum Marktplatz zu gehen.
»Warum, liebes Fräulein, hat er denn die Stadt so schnell verlassen müssen? Vielleicht wisst Ihr es, da er doch ein Freund Eurer Herrin ist«, sprach der jüdische Hausierer weiter, ohne sich an der offensichtlichen Eile der Magd zu stören.
Johanna blieb nun ruckartig stehen und starrte ihn mit offenem Mund an.
»Die Stadt verlassen?«, fragte sie.
»Ja, heute Nacht. Ich bin immer des Nachts unterwegs. Das ist sicherer für uns Juden. Keine keifenden Bäuerinnen, keine Steine werfenden Kinder, keine schlagwütigen Burschen, nur der ein oder andere Wolf kreuzt meinen Weg. Aber der ist mir allemal lieber. Heute jedoch sah ich auch den Meister Vinsebeck. Er galoppierte rasch an mir vorüber, aber er war es, da bin ich mir sicher. Er und dieser fremde Mann, der um die Gunst Eurer Herrin buhlt.«
»Aber Vinsebeck ist heute Nacht in seinem eigenen Hause verbrannt«, erwiderte Johanna, begann aber bereits an ihren eigenen Worten zu zweifeln.
»So? Na, dann hat er wohl einen Zwillingsbruder, oder es ist ihm gar wirklich gelungen, einen Golem nach seinem Antlitz zu formen. Doch wen kümmert’s? Mich fragt keiner, und ich sag’s auch keinem. Einen schönen Tag wünsche ich!«
Und dann schob der fahrende Jakob seinen Karren an der noch immer staunend und schweigend dastehenden Johanna vorüber.
Johanna und Margarethe trafen sich, als die eine durch die Vordertüre, die andere durch die Hintertüre das Haus am Pferdemarkt betrat.
»Da seid Ihr! Wir hatten Angst um Euch, Herrin«, rief Johanna und stürmte auf die vollkommen erschöpfte Margarethe zu.
»Ich muss in mein Schlafgemach. Niemand anders soll mich in diesem Zustand sehen. Komm mit mir, Johanna«, sagte diese leise und nahm ihre Magd am Arm.
Erst in der hellen, privaten Kammer der Kaufmannswitwe konnte Johanna erkennen, in welch erbärmlichen Zustand sich Margarethe befand. Ihr Haar war stumpf und zerzaust, ihr Gesicht aschfahl, die Augen mit tiefen Ringen versehen und das Kleid schmutzig und zerrissen.
»Ich werde sofort einen Kessel mit heißem Wasser aufsetzen und Euch ein Bad bereiten, Herrin«, schlug Johanna vor, doch Margarethe hielt sie zurück.
»Nein, Johanna, später. Es muss schneller gehen. Eine Katzenwäsche sollte ausreichen.« Und damit begab sie sich zu ihrem fein geschnitzten Tisch, auf dem bereits eine duftende venezianische Seife, ein Krug frischen Wassers sowie eine Schüssel und ein sauberes Tuch bereitlagen. Johanna besorgte derweil neue Unter- und Oberbekleidung für Margarethe und half ihr sodann dabei, sich umzukleiden.
Erst als Johanna sich daran machte, das verfilzte und rußige Haar ihrer Herrin zu bürsten, begannen die beiden Frauen miteinander zu reden.
»Hat es sich schon herumgesprochen, Johanna?«
»Ihr meint den Brand?«
»Ja, Vinsebeck …« Margarethe musste schlucken, es war ihr nicht möglich weiterzusprechen. Auch Johanna hielt in ihrer Arbeit inne, und beide Frauen schauten sich nun in dem wunderschönen, riesigen Spiegel an.
»Ich … Ich muss Euch etwas sagen, Herrin«, stotterte Johanna dann.
»Was musst du mir sagen?«
»Man erzählt sich, der Apotheker Vinsebeck sei in seinem Hause verbrannt …«
»Das weiß ich doch längst. Hast du dich noch nicht gefragt, weshalb du mir Ruß aus dem Haar herausbürsten musstest?«
»Habt Ihr ihn etwa gesehen?«
»Nein. Es war zu spät, als ich sein Haus erreichte. Die Begine sagte mir, man habe seine verkohlte Leiche gefunden. Das ist ein solches Unglück, Johanna, ich will es gar nicht für möglich halten. Und wieder fühle ich mich schuldig am Tod eines mir nahen Menschen. Ich bin ein törichtes, stures Weib und habe die Hölle verdient.«
Nicht einmal nach dem grausamen Tod der Magd Gerda hatte Johanna Margarethe weinen sehen, doch nun liefen zum ersten Male Tränen über die Wangen der Witwe.
»Erlaubt mir, Euch zu erzählen, was ich soeben von dem Juden Jakob erfahren habe, Herrin«, versuchte Johanna nun erneut, ihren Bericht zu beginnen.
Margarethe nickte nur und wischte sich die Tränen mit der bloßen Hand fort.
»Der Trödler will Hans Vinsebeck heute Nacht im Wald außerhalb der Stadt gesehen haben. Er sei eilig an ihm vorübergeritten, fort von Hameln. Und er war in Begleitung.«
»Was ist das für ein Unsinn?«, erwiderte Margarethe, doch Johanna glaubte einen Anflug von Hoffnung im Spiegelbild ihrer Herrin erkennen zu können.
»Nun, ich weiß selbst nicht, ob man das glauben soll. Aber es ist doch immerhin wert, erwähnt zu werden.«
»Durchaus, Johanna. Ich danke dir.« Dann stutzte sie und meinte: »Zuzutrauen wäre es dem kleinen Mann allemal. Wer aber war dann die Leiche, die man fand …?«
Und noch während Margarethe sich diese Frage stellte, fiel ihr auch schon die Antwort ein.
Es kam einem Mirakel gleich, wie sich ein Gesicht innerhalb nur eines einzigen Augenblicks verändern konnte. Johanna beobachtete die Veränderung, welche im Antlitz ihrer Herrin vonstatten ging, im Spiegel und sah sich gezwungen, ebenfalls zu lachen, ganz so, wie es Margarethe nun tat. Von Trauer und Selbsthass war nicht mehr die geringste Spur zu erkennen, vielmehr strahlte die Witwe nun schöner als eine junge Braut am Tage ihrer Vermählung.
»Dieser Fuchs. Und ich hatte schon den tumben Hasenstock unter Verdacht, meinen kleinen Verlobten aus Neid getötet zu haben. Du kannst dir denken, Johanna, was Vinsebeck an seiner statt ins Bett gelegt hat, nicht wahr?«, sagte sie nun in einem gespielt verschwörerischen Ton.
»Ja, das kann ich. Der fahrende Jakob hat mich bereits auf den Gedanken gebracht. Er jedoch nennt den Homunculus einen Golem.«
»So heißt es bei den Juden. Hoffen wir nur, dass sich der gute Jakob nicht getäuscht hat. Aber wer war denn nun Vinsebecks Begleiter? Soweit ich weiß, hat er weder Freunde noch einen treuen Knecht.«
Johanna hörte nun auf zu lachen und errötete stark.
»Was ist dir, Johanna? Hütest du etwa ein Geheimnis vor mir?«
»Der Jude meinte, es sei der Fremdling, der um Eure Gunst buhle, Herrin.« Sie benutzte absichtlich die gleichen Worte wie der alte Jakob, um nicht versehentlich eine Verbindung zu dem Mann herzustellen, den sie hinter diesem Fremdling vermutete. Das wollte Johanna besser ihrer Herrin überlassen.
Und diese schien nun mehr als erstaunt. Ihre Mundwinkel begannen nervös zu zucken, während sie nachdenklich ins Leere starrte.
»Ein Fremdling, der um meine Gunst buhlt. Wer sollte das sein?« Margarethes Worte klangen so gestelzt wie die eines schlechten Schaustellers.
Johanna bemerkte diese Verunsicherung ihrer Herrin, nahm nun all ihren Mut zusammen und sagte:
»Ich kenne ihn, diesen Fremdling, mit dem Ihr gestern bei dem Wundarzt Gugelmann zusammenstandet. Ich kenne ihn nur zu gut.«
Margarethes Gesicht wirkte mit einem Schlag wieder kühl, erhaben, ja hochmütig. »Leider weiß ich nicht, wovon du sprichst, Johanna. Ich danke dir vielmals für deine Hilfe. Du kannst nun gehen und mir ein kleines Frühstück bereiten. Der Tag sollte endlich beginnen.«
Und mit diesen Worten erhob sie sich und blickte zur Türe, was der Magd bedeuten sollte, dass sie zu verschwinden habe.
Johanna folgte der Anweisung. Es hatte keinen Zweck, Margarethe wollte die Wahrheit nicht hören. Offensichtlich war es ihm längst gelungen, sie um den Finger zu wickeln.
Wie und wann hatte er das nur geschafft?