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XXV

Der Fensterladen des Gewürzhauses Gänslein am Pferdemarkt war an diesem Tag wieder einmal geöffnet.

Es stellte für Margarethe nicht mehr als ein Zubrot dar, eine Gefälligkeit, welche die Gewürzhändlerin ihren Hamelner Mitbürgern erwies, denn die Einnahmen, welche sie durch den Fensterladen erzielte, wogen nur gering im Vergleich zu den Summen, die sie durch das Beliefern ganzer Schlösser, Abteien und anderer Städte erwirtschaftete.

Immeke jedoch freute sich ein jedes Mal, den Laden zu öffnen und vom Inneren des Hauses aus Gewürze, Pfefferkuchen und allerlei andere Spezereien an die meist betuchte Kundschaft feilzubieten. Es war ihre Aufgabe, und das bereits seit Jahren.

An diesem sonnigen Wintertag liefen die Geschäfte ausgesprochen gut, denn besonders in der Zeit unmittelbar vor dem Weihnachtsfest standen fremdländische Gewürze auch bei den Bürgern, die sich derlei Luxus nur selten leisteten, hoch im Kurs. Und Immeke war schon jetzt stolz darauf, der Herrin am Nachmittag eine prall gefüllte Schatulle mit Münzen übergeben zu können.

Nelken, Zimt, Kardamom und Vanillestangen erfreuten sich an diesem Tag bei der Kundschaft besonderer Beliebtheit. Ja, selbst die Frau des Bürgermeisters erschien höchstpersönlich in Begleitung ihrer Tochter, um gleich fünf Beutelchen der besten Gewürzmischungen zu erstehen. Immeke war in ihrem Element. Sie plapperte und plauderte, lästerte und lachte mit den Kunden, und wenn einmal niemand vor ihrem wunderbar geschmückten und bestückten Laden auftauchte, so lauschte sie derweil dem Musizieren der Spielleute, deren Lauten, Fiedeln, Rasseln und Trommeln vom Marktplatz herüberschallten.

In einem solch ruhigeren Moment – Immeke war soeben dabei, singend eine bereits leere Schüssel mit Pfefferkörnern aufzufüllen – erschienen plötzlich zwei Männer an ihrem Fenster, welche sie noch nie zuvor in der Stadt gesehen hatte.

Auch wenn zu dieser Jahreszeit so gut wie keine Boote auf dem Fluss unterwegs waren, vermutete Immeke in den Fremden Weserschiffer, die bekanntlich gezwungen waren, in der Stadt Hameln eine Rast einzulegen, da an ebendieser Stelle des Flusses kein ungehindertes Weiterkommen möglich war. Sie lächelte die beiden Männer freundlich an, erhielt aber nur einen mürrischen Blick zur Antwort.

»Wir sind auf der Suche nach einem Entlaufenen«, knurrte der eine nur. Ein eher gedrungener Kerl mittleren Alters mit einem mächtigen Bart und kleinen schwarzen Augen. Seine Worte klangen fremd in Immekes Ohren, jedoch nicht derart, wie die Hanseschiffer aus Bremen oder Lübeck zu sprechen pflegten.

»Ein Bauer?«, fragte die Köchin. Es kam nicht häufig vor, war aber auch nicht selten, dass die Häscher eines Grundherrn in den Städten auf die Suche nach geflohenen Leibeigenen gingen.

»Er ist etwa im dreißigsten Lebensjahr, sehr groß, dunkles Haar, dunkle Augen. Euch Weibsvolk mag er als schön erscheinen«, erhielt sie zur Antwort von dem zweiten Mann, einem drahtigen Burschen mit langen, zotteligen Haaren. Er sprach in der gleichen Zunge wie der andere, jedoch war seine Stimme weniger tief, aber ebenso bedrohlich.

Das waren keine gewöhnlichen Kopfgeldjäger eines betrogenen Landadeligen, das waren Halunken von anderem Schlag. Immeke war sich nicht sicher, ob sie ihnen antworten sollte, aber die Beschreibung, die sie ihr geliefert hatten, machte sie stutzig.

Sollte sie besser Johanna holen und zu Rate ziehen?

»Wartet einen Augenblick, ich werde eine andere Magd herbeirufen. Vielleicht kann sie euch weiterhelfen«, erwiderte sie nun rasch, ging von dem am Küchenfenster angebrachten Laden fort und rief nach Johanna, welche soeben damit beschäftigt war, die große Diele auszufegen.

Arglos kam Johanna herbei. Sie wusste, dass Immeke sich im Rechnen ein wenig schwertat, und in jenen Fällen, in denen Kunden ungewohnte Mengen an Waren kauften, rief die Köchin gerne einmal nach Johannas Hilfe.

»Die da fragen nach dem Fremdling Philipp«, raunte Immeke der Magd zu, als sie gemeinsam zum Fenster zurückgingen. Allein diese Worte ließen Johanna kurz den Atem stocken. Als sie dann aber die beiden Männer erblickte, hätte sie am liebsten sofort Fersengeld gegeben. Doch es war zu spät.

Das Erstaunen war nicht nur auf Johannas Seite. Auch die zwei Fremden starrten die Magd an, als handele es sich bei ihr um ein dreibeiniges Höhlenwesen, das auf Jahrmärkten zur Schau gestellt wurde. Dann jedoch begann einer der beiden, und zwar der mit den langen, zotteligen Haaren, laut zu lachen.

»Was macht denn die Metze vom Eicheck hier?«, fragte er seinen Kumpanen, welcher Johanna hingegen misstrauisch beäugte.

Diese blieb starr stehen, während Immeke mit riesengroßen Augen abwartete, was nun geschah.

»Na, dann haben wir ja ganz zufällig am richtigen Häuschen angeklopft. Du kennst den, den wir suchen, Mädchen.«

Vor Philipp hatte sie sich auf der elenden Burg Eicheck zu verstecken versucht, auch wenn es ihr, wie sie nun wusste, nicht gelungen war. Doch vor diesen beiden Männern, die stets in seiner Begleitung als Gäste bei Ritter Wilhelm erschienen waren, hatte sie sich nicht verborgen, obgleich das besser für sie gewesen wäre. Einer der beiden, der Stämmige, hatte ihr gleich mehrmals beim Misthaufen im Burghof aufgelauert. Und nur mit äußerster Mühe war es ihr gelungen, sich von ihm zu befreien. Der andere hingegen, der Zottelige, war weniger den Weibern als mehr dem Wein zugetan. Er war ihr so manches Mal in den Keller oder besser in das unterirdische Loch gefolgt, aus welchem sie für den Herrn und seine Gäste Nachschub an berauschenden Getränken zu Tage befördern sollte. Seine Hände hatte er von ihr gelassen, aber gesprochen hatte er mit ihr, wenn sie da unten waren. Und darum wunderte es sie nun nicht, dass beide Männer Johanna sogleich erkannt hatten. Es hatte also keinen Sinn, sich zu verstellen und so zu tun, als läge eine Verwechslung vor.

»Wen genau sucht ihr?«, fragte sie nun.

»Den langen Tiroler. Unseren Landsmann und Freund. Er ist einigen Leuten noch eine Kleinigkeit schuldig. Außerdem haben wir da etwas aufgeschnappt, was für ihn von Interesse sein könnte«, antwortete der Zottelige wieder.

Und der Stämmige murmelte nur, den Blick nicht von Johanna lassend: »Fragst du dich nicht, Bruder, warum das Weib ausgerechnet an diesem Ort ist?«

Doch der winkte nur ab.

»Er ist in der Stadt«, stieß Johanna schnell und aufgeregt hervor.

»Ja, das ist er«, mischte sich nun auch Immeke zu Johannas Verwunderung ein. »Er ist ein elender Betrüger und Mörder, es wird Zeit, dass er dingfest gemacht wird. Ich hoffe, ihr seid gekommen, um ihn zu schnappen und für immer mit euch von hier fortzunehmen.«

»Immeke«, zischte Johanna und stieß der Frau mit dem Ellenbogen in die Seite, doch die Köchin hörte nicht.

»Ihr braucht bloß in der Nähe zu bleiben und abzuwarten. Er wird gewiss erscheinen. Denn dieser Unverfrorene erlaubt sich jüngst oft einen unangekündigten Besuch in diesem Haus«, sprudelte es aus der Köchin hervor.

Beide Männer grinsten und nickten zur Verabschiedung. Johanna hingegen war kreidebleich. In ihr kochte es.

»Immeke, was ist in dich gefahren? Du kannst doch den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben!«, fuhr sie die andere an.

»Warum denn nicht?«, fragte die Köchin nur frivol. »So werden wir ihn gewiss bald los. Er hat nichts Besseres verdient.« Und dann rief sie laut: »Frischer Ingwer, liebe Leute. Kauft frischen Ingwer, er bringt euch gesund über den Winter.«

Tatsächlich, da standen sie in Sichtweite des Hauses, lässig an die Außenwand der Marktkirche gelehnt, und ließen das Haus der Witwe Gänslein nicht mehr aus den Augen.

Johanna konnte es deutlich vom Fenster der guten Frau Mechthild erkennen, welcher sie soeben einen Kräutertee aufgebrüht und in ihre Witwenkammer gebracht hatte.

»Was beunruhigt dich so sehr, Johanna?«, fragte nun die Base Margarethes, von ihren Stickereien aufblickend.

»Nichts weiter, Frau Mechthild. Ich überlege nur, ob wir noch genügend Brot im Hause haben. Vielleicht sollte ich einen Laib besorgen gehen.«

»Ich mag zwar eine zurückgezogene, einsame Witwe sein, aber dumm bin ich deshalb noch lange nicht, Johanna. Was geht hier in diesem Hause vor? Meine Base spricht kein Wort, wenn man sie fragt. Und auch du machst auf mich in den letzten Tagen einen eigentümlichen Eindruck. Trauer ist es nicht, die aus euren Augen spricht, auch wenn ich das zunächst vermutete, nachdem Margarethe in kurzer Zeit zwei schmerzliche Verluste verkraften musste. Vielmehr verspüre ich bei ihr eine fast wahnsinnige Ungeduld, während du auf mich sehr ängstlich wirkst.«

»Es sind lediglich Erinnerungen, gute Frau, schlimme Erinnerungen, an die ich sehr viel denken muss. Aber diese Zeit wird wieder vergehen«, antwortete Johanna. Es war ihr nicht möglich, Mechthild anzulügen.

Diese griff nach Johannas Hand und sagte dann: »Meine liebe Johanna, leben wir nicht alle in der Vergangenheit? Meine Base Grete macht mir das stets zum Vorwurf, aber schlussendlich ist sie es, die ständig von ihrem eigenen Erbe eingeholt wird. Es wäre ratsam, wenn sie sich endlich öffnen und sich helfen lassen würde. Ich fürchte um ihr geistiges Wohlergehen. Sie wähnt sich klüger und erfahrener, als sie ist.«

Johanna nickte. Sie war soeben im Begriff, den Mund zu öffnen und zu reden, als sie es sich dennoch anders überlegte. Nein, die Drohungen dieses Mannes waren durchaus ernst zu nehmen. Er spaßte nicht, wenn er sagte, dass sie jeden in Gefahr brachte, mit dem sie ihr Wissen über ihn teilte. Es reichte, dass sie mit Immeke gesprochen hatte, welche noch vor wenigen Momenten sehr unvorsichtig mit diesem Geheimnis umgesprungen war. Nein, besser war es, die Sache allein in die Hand zu nehmen. Auch wenn es sicherlich das Beste für sie war, wenn diese beiden Spitzbuben sich Philipp griffen und damit das Problem aus der Welt schafften, so behagte ihr dieser Schachzug dennoch ganz und gar nicht. Sie konnte sich nicht dagegen erwehren, aber plötzlich verspürte sie den Drang, ihn warnen zu müssen.

»Wenn Ihr mich entschuldigt«, murmelte sie nun leise an Mechthild gewandt. »Ich werde doch noch einen frischen Laib Brot kaufen gehen. Das alte ist schon zu hart geworden.«

»Bringst du mir dann auch von den süßen, gefüllten Krapfen, Johanna? Aber sage es bitte nicht Margarethe. Auch sie muss nicht all meine kleinen Geheimnisse kennen.«

»Natürlich«, sagte Johanna lächelnd und verließ dann eilig die Stube.

Sie wählte den Weg über den Hinterhof, um nicht von den beiden Männern gesehen zu werden, welche vor dem Haus auf den Besuch Philipps bei der Gewürzhändlerin Gänslein warteten. Auf Umwegen gelangte sie in die miefigen Gassen der Fischpforte. Wieder einmal zog es sie zum Heim von Justus Carnifex, und sie war noch nicht ganz dort angekommen, als sie seinen Bruder erblickte, wie er soeben einem verendeten Gaul das Fell abzog.

Er hingegen hatte sie noch nicht wahrgenommen. Und sie war sich auch noch nicht sicher, ob es besser wäre, einfach kehrtzumachen und wieder zu verschwinden. Aber trotz dieser Gedanken schlich sie sich langsam immer näher. Das Pferd stank fürchterlich, es war ein Klepper von der bereits zu Lebzeiten bemitleidenswerten Sorte, mager und ausgemergelt. Der Tod war für dieses abgearbeitete Tier gewiss eine Erlösung gewesen. Und jetzt wurde seine verwesende Hülle weiterverwertet – restlos.

Johannas Herz schlug bis zum Hals, als sie da hinter dem Mann stand und ihn beobachtete, wie er mit seinen muskulösen, trotz der Winterzeit nackten Armen das Stück Aas zerlegte. Sein Nacken war so breit wie der eines Stieres, sein Kopf war kahlrasiert und teilweise von einem roten Schorf bedeckt, an dem er sich mit seinen schmutzigen Fingern immer wieder kratzte. Er schnaubte wie ein Jagdhund, und sicherlich troff ihm auch Speichel aus dem Mund, doch das konnte sie zum Glück von ihrer Warte aus nicht sehen.

»Hmmmmh«, räusperte sie sich nun.

Sofort hielt er in seiner Arbeit inne, drehte sich um und begann breit zu grinsen, als er die junge Frau erblickte. Anders als bei seinem Bruder waren seine Zähne braun und faulig. Johanna ekelte sich.

»Was willst du, Weib?«, fragte er, noch immer das vom Leichensaft triefende Messer in der riesigen Pranke.

»Ich suche einen Mann namens Philipp. Man sagte mir, Ihr seid mit ihm bekannt.« Johanna staunte selbst über ihre Courage.

»So, sagte man das? Wer sagte das? Mein dummer Bruder vielleicht?« Er schien überrascht und aggressiv zugleich, ganz wie ein bissiger Wachhund, den man aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Wisst Ihr, wo er sich aufhält?«

»Das geht dich gar nichts an, du dumme Gans.«

»Ich will ihn auch gar nicht sehen. Aber vielleicht könnt Ihr ihm etwas von mir ausrichten.«

Jetzt erhob sich Till Carnifex und ging auf Johanna zu. Er roch nach altem Schweiß und Fäulnis. Unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück. Ihr Mut schien sie wieder zu verlassen.

»Was?«

»Die beiden Männer von der Burg Eicheck warten vor dem Hause der Margarethe Gänslein auf ihn. Das ist alles, was er wissen muss.«

»Ach. Und wer schickt dich, Mädchen? Die Witwe selbst?«

Johanna zögerte.

»Das ist alles, was er wissen muss«, wiederholte sie nur. »Ihr solltet Euch beeilen, es ihm zu sagen«, fügte sie noch an und lief dann fort, in der Hoffnung, das Richtige getan zu haben.

Till Carnifex ließ das verendete Pferd liegen, wo es war. Er wusste, dass niemand von den verwahrlosten Gestalten, die in dieser Gasse hausten, es wagen würde, sein Hab und Gut anzutasten. Er war darauf angewiesen, sich als Knecht seines Bruders zu verdingen, und dazu zählte, neben dem Beseitigen der Müllberge hinter der Marktkirche, auch die leidliche Arbeit als Schinder und Abdecker. Mit dem Fett, der Haut und dem Fell der verreckten Viecher konnte man durchaus Geschäfte machen, indem man Seifensieder, Gerber, Schuster und auch Schneider belieferte.

Ja, Till Carnifex war auf diese Drecksarbeit angewiesen, weil sein feiner Herr und Meister zu geizig war, um ihm, dem treuen Diener, einen angemessenen Lohn für all seine Mühen zu zahlen. Philipp hatte Till ganze zwei Dukaten für dessen bisherige Handlangerdienste gegeben. Das klang nach viel, nach unglaublich viel sogar. Wenn man jedoch bedachte, dass der feine Herr über eine ganze Kiste mit Gold und Silberlingen verfügte, war es fast lachhaft. Zumal Till diesen Lohn schon gleich in der ersten Nacht verhurt, versoffen und verspielt hatte. Jetzt war er blank und bettelarm, und Philipp zeigte nicht die Spur von Mitleid. Im Gegenteil, er hatte sogar die im Hause von Tills Bruder versteckte Truhe geborgen und an einen heimlichen Ort fortgeschafft, weil er seinem Diener nicht mehr traute.

Doch Till ahnte, nein, er wusste, wo genau dieser heimliche Ort war. Es war ein Platz, an den es diesen eigentümlichen Mann ab und an zog und wohin Till ihm schon zwei Mal heimlich nachgeschlichen war. Ein Ort, den selbst Carnifex, obgleich er in Hameln aufgewachsen war, zuvor nicht gekannt hatte. Doch bislang wagte er es nicht, allein dorthin zu gehen und sich zu nehmen, was ihm zustand. Er wagte es nicht, weil er sich vor Philipp fürchtete. Er traute diesem Menschen alles zu, alles.

Aber vielleicht war der feine Herr doch nicht so unverwundbar, wie er gedacht hatte. Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, sich von ihm frei zu machen und sich zusätzlich an ihm zu bedienen.

Dieses dürre Weib, die Magd der Gänslein, hatte ihn auf eine Idee gebracht.

Es war immer der gleiche Traum gewesen, und er war nun die fünfte Nacht in Folge zurückgekehrt. Seit zwanzig Jahren hatte Peter Hasenstock nicht mehr an dieses Loch gedacht, diesen schmutzigen, verborgenen Verschlag in der Stadtmauer, welchen er früher zusammen mit längst verstorbenen Freunden als heimlichen Spielplatz genutzt hatte. Ja, es war wahrlich ein Spielplatz gewesen und geblieben, selbst noch für den erwachsenen Peter Hasenstock, denn an diesem Ort hatte er stets Maria auf sich warten lassen. Die dreckige Bruchsteinhöhle mit ihren Ratten, Fledermäusen und Spinnen hatte die passende Stimmung für ein Stelldichein mit dieser Wilden geboten, eine Stimmung des Düsteren, des Schmutzigen, des Verbotenen, ganz nach Peter Hasenstocks Geschmack. Nie wieder hatte er mit einer Frau solch unvergessliche Erlebnisse gehabt. Ja, in der Hinsicht war Maria einzigartig gewesen, aber dennoch war sie ihm irgendwann langweilig geworden.

Doch nun war die Erinnerung an sie zurückgekehrt, an Maria und diesen schmutzigen Ort. Und darum war Peter Hasenstock jetzt hier.

Nun saß er schon seit zwei Stunden in dem düsteren Loch. Es war kalt, es roch nach Kot und feuchtem Schmutz, aber dennoch war es für den Apotheker ein solch sinnlicher und aufregender Moment, dass er das Nahen von Eindringlingen in sein heimliches Versteck erst bemerkte, als die drei Männer bereits im Begriff waren, durch die schmale Spalte in der Mauer zu schlüpfen.

Hasenstock war erbost. Also hatte schlussendlich doch Bettelvolk diesen Mauerspalt als Unterschlupf für sich entdeckt. Wie hatte er auch annehmen können, dass der Raum immer geheim bleiben würde? Ja, ganz nach Bettelvolk sahen diese drei Kerle aus, denen Hasenstock seine Kerze unverzüglich in die Gesichter hielt, um ihnen lediglich ein kühles »Verschwindet umgehend!« entgegenzubringen.

Doch die drei Männer verschwanden nicht.

Im Gegenteil, sie blieben sogar lange. Sehr lange. Und zwischen ihnen und dem zu Anfang überraschten, aber dann umso glücklicheren Peter Hasenstock entwickelte sich ein interessantes Gespräch. Ja, es wurde gar ein Pakt geschlossen.

Und das – darüber hatte der Apotheker eine feste Meinung – war stets eine gute Sache.

Philipp liebte Kirchen. Es war weniger ihre Heiligkeit oder ihre beeindruckende Schönheit und Größe, die ihn in Gotteshäuser zogen, sondern vielmehr der Geruch. Besonders leere Kirchen, in denen der stinkende gottesfürchtige Pöbel fehlte, zogen ihn magisch an. Sie waren ein Ort der Stille, in der er den Weihrauch atmen und in Gedanken versinken konnte. Gedanken, welche in den wenigsten Fällen mit Gebet und religiöser Andacht zu tun hatten.

So stand er nun, an eine Säule im Innern der großen Stiftskirche gelehnt, hatte die Augen geschlossen und grübelte darüber nach, wie nun weiter zu verfahren sei.

Johanna hatte über ihn gesprochen, sie hatte der Köchin von ihm erzählt. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Margarethe Gänslein alles erfuhr. Till Carnifex war bereits damit beauftragt, die Köchin auszukundschaften, doch Philipp wusste, dass das sinnlos war. Sie würde gewiss plaudern. Andererseits: Was konnten zwei einfache Gesindekräfte schon gegen ihn ausrichten, zumal Johanna nur einen Teil der Wahrheit kannte? Selbst wenn sie ihrer Herrin von ihm als Mörder dreier Burschen und eines Burgherrn berichtete, so wäre dies nur wenig verheerend und mit ein wenig Geschicklichkeit zu entkräften. Wichtig war nur, dass Margarethe nichts über den Zusammenhang von Philipps Leben mit dem Leben ihres verstorbenen Gatten erfuhr. Allein das würde alles verderben. Aber in dieser Hinsicht konnte Johanna ihm nicht gefährlich werden, denn davon hatte sie nicht die geringste Ahnung. Dennoch wäre es ihm mehr als lieb, wenn sie verschwand, bevor die Geschichte ungemütlich wurde.

»Verzeiht, mein Herr, ich störe Euch nur ungern in Eurer stillen Gottergebenheit, aber ich würde gern die Gunst der Stunde nutzen, um mich Euch vorzustellen.«

Philipp öffnete ein Auge, um zu sehen, wer der Mann war, der ihn soeben mit einer angenehmen, jedoch etwas hellen Stimme angesprochen hatte.

Dieser?

Philipp erinnerte sich sogleich.

Was wollte ausgerechnet er von ihm?

»Mein Name ist Hubertus Vestiarius, Kanoniker und Stiftsherr zu Hameln. Wir sind uns kurz im Hause der verehrten Margarethe Gänslein begegnet, falls Ihr Euch entsinnen könnt.«

»Oh ja. Mein Name ist Philipp Stadler. Jurist und Durchreisender.«

Vestiarius hob bei diesen Worten ungläubig eine Augenbraue, der Rest seines perfekt rasierten Gesichtes verriet jedoch ausgesprochene Höflichkeit. Philipp spürte, dass man diesem Mann nichts vormachen konnte, dennoch lächelte er ihn vergnügt an.

»Nun, Frau Margarethe ist eine sehr interessierte, weltoffene und äußerst kluge Dame. Und dennoch hochanständig. Ich kann mir vorstellen, dass sie einen guten Eindruck auf Euch gemacht hat.«

»So ist es«, erwiderte Philipp freundlich. Was wollte dieser Kerl von ihm?

»Ihr seid auf der Durchreise, sagtet Ihr? Wie lange werdet Ihr noch in Hameln verbleiben?«

»Das kann ich nicht genau sagen. Ich warte auf die Ankunft eines Freundes aus dem Norden, mit dem ich dann weiter nach Magdeburg reisen will. Doch leider habe ich noch kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Ich fürchte langsam, dass er nicht mehr hier eintreffen wird.«

»Wie ärgerlich. Das heißt, Ihr werdet Euch also in Kürze allein auf den Weg nach Magdeburg machen. Werdet Ihr dort bleiben? Es ist eine ausgesprochen schöne Stadt. Ich kenne sie gut.«

Philipp war vergnügt. Das war es also, worauf dieser geistliche Schwerenöter hinauswollte. Es galt sicherzustellen, dass er, Philipp, möglichst bald das Weite suchte und nicht mehr im Hause der reichen Witwe ein und aus ging, um letztendlich diesem herausgeputzten Gottesmann den Rang streitig zu machen.

»Ja, es kann gut sein, dass ich bald abreise. Vorher gilt es allerdings noch einiges zu erledigen. Eine schöne Kirche ist das«, wechselte er nun das Thema. »Sie gefällt mir besser als die andere am Pferdemarkt.«

»Durchaus. Ein Vergleich zwischen diesen beiden Gotteshäusern verbietet sich fast von selbst. Darf ich Euch herumführen? Es ist für Gäste immer ein besonders interessantes Erlebnis, über das Kuppeldach zu gehen und die wunderbare Baukunst unserer Handwerker zu bestaunen. Im Übrigen bietet sich von oben ein hervorragender Blick über die gesamte Stadt und ihre Umgebung.«

Der eifersüchtige Pfaffe will mich gewiss vom Kirchturm stoßen, dachte Philipp bei sich, nachdem er beobachtet hatte, wie Vestiarius einen Schlüssel hinter einer Marienstatue hervorzog, damit eine Türe aufschloss und den jungen Mann bat, ihm auf den Turm zu folgen. Philipp war neugierig, und zudem war er sicher, dem feisten, ungelenken Mann im Fall der Fälle mit Leichtigkeit zuvorkommen zu können.

Vestiarius keuchte wie ein altes Weib und musste sich eine Weile mit den Händen auf den Knien abstützen, nachdem sie die letzte Stufe der stets im Kreise hinaufführenden Stiege erklommen hatten. Philipp sah sich derweil ein wenig um und fand sich schon bald oberhalb der Decke des imposanten Gewölbes der Hallenkirche wieder.

Von dieser Warte aus betrachtet, hatte die Gewölbedecke einen ganz anderen, durchaus interessanten Reiz. Wie riesige, mehlige Teigberge ragten die einzelnen Kuppeln nach oben, und selbst Philipp hatte einen Moment darüber nachdenken müssen, worum es sich bei diesen eigentümlichen Gebilden handelte, deren Form und Anmutung unter dem herkömmlichen Giebeldach der Basilika keinerlei vernünftigen Sinn ergaben. Hätte man die Decke der sich unter ihm befindlichen Kirche eben gestaltet, so hätte man den enormen Raum unter dem Dach wenigstens als Speicher nutzen können, aber so türmten sich hier diese weißen Klumpen und erlaubten, dass man sich lediglich auf schmalen Brettern zwischen ihnen hindurchbewegen konnte.

Verwundert schüttelte Philipp den Kopf.

Von hier aus betrachtet, war nichts mehr übrig von der imposanten Gewölbehalle mit ihren riesigen gotischen Fenstern, die ihn zuvor noch in ihren Bann gezogen hatte. Vielmehr glaubte er, sich hier oben in einer absurden Welt wiederzufinden, einer Kulisse, die ihn an ein Gemälde des Meisters Hieronymus Bosch erinnerte, das er vor einigen Jahren in Spanien gesehen hatte. Es würde ihn nicht wundern, wenn gleich seltsame Schnabelwesen oder grotesk verformte Gnome hinter diesen überdimensional großen Teigklumpen zum Vorschein kämen und kleine rote Teufelchen sich daran machten, böse, nackte Sünder mit ihren Forken zu pieksen.

Er musste laut lachen.

Alles war eine Frage der Sichtweise. Jede prächtige Fassade hatte ihre dunkle, verborgene Seite. Und wenn Philipp darüber nachdachte, so musste er zugeben, dass ihm diese Seite sogar ein wenig besser gefiel.

»Jugend ist durchaus von Vorteil«, vernahm er nun die japsende Stimme des Stiftsherrn hinter sich.

»Nun, als jung würde ich mich nicht mehr bezeichnen. Aber vielleicht seid Ihr nur ein wenig aus der Übung, hochwürdiger Herr«, antwortete Philipp und nahm den Arm des anderen, damit dieser, noch immer vor Anstrengung schwankend, nicht von dem schmalen Brett auf einen der kalkigen Hügel stürzte.

»Es sind nun mehr als dreihundert Jahre vergangen, dass man das Münster mit diesem Gewölbe versehen hat. Zuvor war es flach gedeckt, nach einem Feuer jedoch hat man sich für diese prächtigere Form des Wiederaufbaus entschieden. Die Wirkung auf die Gläubigen ist eine unvergleichbar größere. Unter einem Gewölbe stehend, fühlt man sich dem Himmel gleich näher«, begann der Stiftsherr nun zu erklären.

»Und über einem Gewölbe stehend, glaubt man sich in einem eigentümlichen Fiebertraum oder gar zum Tag des Jüngsten Gerichts versetzt«, antwortete Philipp kühl.

»Ich verstehe, was Ihr meint«, schmunzelte Vestiarius nun. »Beides hat seinen Einfluss auf unseren Geist. Beide Seiten wirken anregend. Anders, als es einfache, flache Holzdielen vermögen. Darum komme ich so gern hierher. Auch Frau Margarethe liebt diesen Ort.«

»Ihr scheint ihr recht nahezustehen.«

»Nun, mir ist sehr an ihrem Wohl gelegen. Und darum ist es mir auch wichtig zu wissen, mit wem sie sich umgibt. Der Leumund einer Witwe, die derartig in der Öffentlichkeit steht wie Margarethe Gänslein, nimmt sehr schnell und oft auch ungerechtfertigterweise Schaden. Das gilt es als guter Freund zu verhindern.«

»Ich verstehe«, sagte Philipp nur knapp.

»Verzeiht mir meine Offenheit, aber darf ich fragen, was Eure Absichten gegenüber der Kauffrau Gänslein sind?«

»Meine Absichten?« Philipp stutzte ein wenig. »Wie kommt Ihr darauf, dass ich irgendwelche Absichten verfolge?«

Vestiarius wies Philipp mit einer Geste den Weg über die Holzbretter hin zu dem zweiten, jüngeren, größeren Turm der Basilika und sagte, während sie über die schmalen Pfade balancierten:

»Nun, zwar bin ich Angehöriger des geistlichen Standes, aber dennoch ist mir das Weltliche nicht fremd. Insbesondere kann ich in Gesichtern und in Gesten einiges lesen.«

»Ach, und was lest Ihr dann in meinem Gesicht?«

»Nichts. Und das beunruhigt mich.«

Philipp lachte wieder, doch nun klang sein Lachen ein wenig verunsichert. Was wusste dieser Mann über ihn?

»Im Gesicht der verehrten Witwe Gänslein jedoch vermag ich ein wenig mehr zu sehen«, fuhr Vestiarius fort.

»Und was, wenn ich fragen darf?«

»Das werde ich Euch nicht sagen. Nur so viel: Auch das beunruhigt mich.«

»Und Ihr glaubt, ihr Betragen habe mit den Absichten zu tun, die ich ihr gegenüber Eurer Meinung nach hege.«

»So ist es. Und mit diesen Absichten, junger Mann, begebt Ihr Euch auf aussichtslose Pfade. Ganz gleich, was genau Ihr im Schilde führt und wie immer Ihr es zu erreichen versucht – es wird böse enden.«

Sie hatten nun den Turm erreicht und stiegen erneut eine schmale Treppe nach oben. Vestiarius musste in seinem Reden innehalten, zu anstrengend war für ihn jede außerordentliche körperliche Betätigung. Philipp hatte also genügend Zeit, um darüber nachzudenken, inwieweit ihm dieser Stiftsherr tatsächlich gefährlich werden könnte.

»Glaubt Ihr, ich beabsichtige, der Witwe den Hof zu machen, sie zu ehelichen und mich dann an ihrem Reichtum gütlich zu tun?«, fragte er schließlich, als sie die oberste Ebene des Glockenturms erreicht hatten.

»So ist es«, keuchte Vestiarius erneut.

»Gesetzt den Fall, es wäre so: Warum sollte das böse enden?«

»Lasst Euch gesagt sein, junger Mann: Mitunter werde ich auch als Beichtvater konsultiert. Zwar unterliege ich in dieser Hinsicht dem Gebot der Verschwiegenheit, aber dennoch ist es mir erlaubt, Gefahren, die mir durch die Beichte zu Ohren gekommen sind, auf Umwegen abzuwenden. Müsste der weltliche Arm in dieser Sache entscheiden, so würde wohl am Ende der Richtblock stehen. Ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine.«

Vestiarius plagten keinerlei Gewissensbisse, als er seinem Gegenüber diese Lüge erzählte. Im Grunde war es nicht mehr als eine kleine Flunkerei, die notwendig war, um ein Übel abzuwenden. Ein Übel, welches darin bestehen würde, dass die verehrte Witwe Gänslein mit diesem verschlagenen Milchgesicht einen unverzeihlichen und fatalen Fehler beging. Niemand hatte Vestiarius gebeichtet, noch nie in seinem geistlichen Leben hatte er jemals die Beichte abgenommen, doch das brauchte dieser Mensch, den er für einen Betrüger hielt, ja nicht zu wissen. Und weil er ihn für einen Betrüger hielt, ging Vestiarius fest davon aus, dass der vermeintliche Jurist und Durchreisende ordentlich etwas auf dem Kerbholz hatte. Also wäre gewiss eine jede, selbst leere Drohung durchaus geeignet, ihn zu verunsichern.

Und so schien es auch zu sein, denn der bis dato so hochmütige Mensch war offensichtlich sehr verwirrt. Und das gefiel Vestiarius. Am liebsten hätte er sich die Hände gerieben, aber diese Geste des Triumphes unterließ er besser. Stattdessen beobachtete er seinen Rivalen, der langsam auf eines der großen gotischen Turmfenster zuging.

Johanna, dachte Philipp. Immer wieder Johanna. Sie war es gewiss gewesen, die diesem geistlichen Gockel gebeichtet hatte.

Nachdenklich starrte er hinunter vom Turm, hinab auf die Straßen der Stadt. Und mit einem Male vergaß er den hinter ihm stehenden Stiftsherrn und die Verräterin Johanna, denn er erblickte etwas ganz anderes.

Was in Herrgottsnamen war das?

Auch wenn der Turm hoch und die Menschen unten klein wie Ameisen waren, so erkannte Philipp die beiden Gestalten, welche da durch eine der breiten Gassen der Stadt schritten, sofort. Sie suchten ihn, das wusste er. Aber er hätte nicht gedacht, dass sie ihn so rasch finden würden.

Die Sache entglitt ihm nun völlig.