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XXVI
Es behagte Immeke ganz und gar nicht, sich des Nachts aus dem Hause zu schleichen, und es behagte ihr noch viel weniger, ihre Herrin zu bestehlen. Sicherlich hätte die Witwe Gänslein auch freiwillig gegeben, wenn Immeke sie darum gebeten hätte. Aber wie sollte sie der Herrin weismachen, dass es ihr ein Anliegen war, ausgerechnet die Kinder des Laufburschen Viktor Rossbein mit Brot, Kohlköpfen, Eiern und Wurst zu versorgen? Seine Frau war im letzten Winter gestorben, und seither kümmerte sich Immeke nicht nur um das Wohl der armen Waisen, sondern auch um das Wohl des Vaters. Und genau das hätte sich Margarethe gewiss denken können, wenn Immeke ihr von dem Hungerleiden der Familie Rossbein berichtet hätte. Denn Hungerleider gab es außer diesen in der Stadt noch genügend andere, aber einen solch netten Mann wie Viktor gab es für Immeke nur einmal. Und eben das brauchte Margarethe Gänslein nicht zu wissen. Niemand sollte es wissen.
So klopfte ihr Herz in freudiger Erwartung, als die Köchin sich in der Dunkelheit durch die Fischpforte in Richtung Weser schlich, wo der arme Viktor mit seinen sechs Kindern in einer erbärmlichen Hütte lebte.
Als wäre das schlechte Gewissen nicht schon Unbehagen genug, kam auf Immekes nächtlichen Gang plötzlich ein weiteres mulmiges Gefühl hinzu. Zunächst dachte sie, der Nachtwächter sei ihr auf den Fersen, als sie Schritte hinter sich vernahm. Und allein das wäre unangenehm genug. Er würde sie gewiss rügen, denn zu dieser Stunde hatten sämtliche anständigen Bürger in ihren Betten zu liegen. Alles Herumtreiben war verboten, und wurde man beim nächtlichen Ausgang erwischt, musste man schon einen guten Grund vorbringen, um nicht am Ende einen Tag am Pranger zu stehen oder gar eine ganze Woche mit einer eisernen Schandmaske auf dem Kopf herumlaufen zu müssen. Darum drehte sich Immeke schuldbewusst um, während sie sich im Kopf bereits eine Ausrede zurechtlegte.
Doch zu ihrer Verwunderung war der Nachtwächter nirgendwo zu sehen. Der Mond warf sein gespenstisches Licht durch die schmale Gasse, wo in dem verschmutzten Schnee deutlich Spuren zu erkennen waren. Spuren, die nur wenige Schritte hinter Immeke endeten und nach rechts in den stockfinsteren Zwischenraum zweier Häuser verschwanden.
Jemand verfolgte sie.
»Wer da?«, fragte Immeke mit schwacher Stimme. Sie wusste selbst nicht, was sie tat und warum sie es tat. Besser wäre es sicherlich gewesen, den schweren Korb fallen zu lassen und so schnell wie möglich davonzulaufen. Doch das tat sie nicht. Wie angewurzelt stand sie da und wiederholte ihre Frage: »Wer da?«
Eine Antwort erhielt sie nicht. Stattdessen legte sich plötzlich von hinten eine Hand auf ihren Mund, ihr Kopf wurde brutal herumgerissen, durch Hals und Nacken fuhr ein schrecklicher Schmerz. Und dann verlor Immeke die Besinnung.
Sie erwachte erst, als sie eine schockierende Kälte in ihrem Gesicht verspürte. Jemand drückte ihren Kopf mit Gewalt unter Wasser. Sie lag irgendwo im Uferschlamm der Weser, so viel nahm sie wahr. Sie versuchte, sich zu wehren, zwei- oder dreimal. Doch sie war nicht stark genug, kam nicht gegen den Gewalttäter an.
Wieder wurde ihr schwarz vor Augen.
»Immeke?«
Der Ofen war kalt, der Kessel leer, und in der Küche huschten einige Mäuse umher, doch von der Köchin fehlte jede Spur. Dabei war es doch stets Immeke, die noch vor dem ersten Hahnenschrei ihr Bett verließ, um die Vorbereitungen für den Tag im Haushalt der Gewürzhändlerin Gänslein zu treffen.
Johanna schaute vor die Türe und ging danach in den Hinterhof hinaus. Nichts. Immeke war offenbar noch nicht aufgestanden.
Lag sie etwa krank im Bett?
Möglichst leise, um die schlafende Herrin und deren Base nicht zu wecken, ging Johanna hinauf in das oberste Stockwerk des Hauses, dorthin, wo die Köchin ihr Kämmerlein hatte. Sie klopfte und wartete. Stille, absolute Stille. Nicht einmal Immekes Schnarchen war zu hören, das üblicherweise des Nachts durch sämtliche Fugen und Ritzen des Gebäudes drang. Johanna klopfte erneut und lauschte dann an der dünnen Türe. Wieder keine Antwort.
Jetzt erst fiel ihr auf, dass die Kammer von außen verriegelt war.
»Dann ist sie also doch schon aufgestanden«, murmelte sie leise. Dennoch schob sie den Riegel zur Seite und schaute in das Zimmerchen hinein. Es war noch dunkel und kaum etwas auszumachen. Johanna hielt die kleine Laterne, die sie bei sich trug, in den Raum.
Da war nichts. Gar nichts.
Nicht nur keine Immeke, sondern auch sonst war die Kammer vollkommen leer. Zwar besaß die Köchin nicht viele eigene Dinge, aber immerhin hatte sie ein schönes Sonntagsgewand, in welches sie seit Jahren nicht mehr hineinpasste, das sie aber dennoch stets sorgfältig ausbürstete und sorgsam gefaltet auf einer kleinen Truhe platzierte. Es war fort. Ebenso die kleinen Wachsamulette, die Bernsteinkette und die bronzene Marienstatue, welche auf dem Nachttischchen gelegen hatten. Auch die Holzschuhe fehlten.
Im Grunde fehlte – außer dem Kissen und der Decke, die offenbar in dieser Nacht unbenutzt geblieben waren – alles im Kämmerlein der Köchin.
Johanna schüttelte ungläubig den Kopf.
Das war ganz und gar nicht Immekes Art. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Im selben Moment vernahm sie die aufgebrachte Stimme der Witwe Mechthild, deren Kemenate unmittelbar unter den Schlafräumen des Gesindes lag.
»Räuber!«, rief die Frau. »Es waren Räuber in meinem Zimmer!«
Johanna beeilte sich, der erschrockenen Base ihrer Herrin zur Hilfe zu eilen. Und tatsächlich: Als sie unangekündigt in das Schlafgemach der frommen Mechthild stürzte, stand diese mit zerzaustem Haar und lediglich in Unterröcken vor einer großen, bunten Schatulle und starrte ins Leere.
»Mein Schmuck, Johanna! Mein Schmuck ist fort!«
Am Nachmittag hatte man noch immer kein Lebenszeichen von der guten Immeke erhalten. Margarethe Gänslein war darüber schlechter Laune, ja sie war sehr schlechter Laune. Und zwar deshalb, weil sie zu wissen glaubte, was in der letzten Nacht geschehen war. Dennoch sprach sie ihre Vermutung nicht aus, und sie hütete sich auch, den Büttel zu rufen, um die Flucht und den Diebstahl in ihrem Hause zu melden. Enttäuscht war sie, so enttäuscht, dass sie bislang zu niemandem außer dem alten Bennheim ein Sterbenswörtchen gesprochen hatte. Und auch mit diesem wechselte sie lediglich geschäftliche Worte, während sie mit ihm hinter der verschlossenen Türe der Schreibstube arbeitete.
»Sie weiß es so gut wie ich«, sagte die Begine Regine, als sie am selben Tage die bestohlene Mechthild besuchen ging.
»Was weiß sie?«, fragte diese, heute ganz ohne den zwar nicht sonderlich wertvollen, aber dafür reichlichen und auffälligen Schmuckbehang.
»Margarethe weiß, dass Immeke wegen eines Mannes davongelaufen ist. Und du, meine Liebe, müsstest wissen, dass man wertvolle Dinge nicht einfach so herumliegen lässt. Jeder hätte sich an deinem Geschmeide bedienen können. Wie ein Almosenkasten stand sie da, die Schatulle, und rief regelrecht: Erleichtert mich, erleichtert mich, meine Last ist so schwer!«
»Niemand hat Zutritt zu meinem privaten Gemach«, entgegnete Mechthild, die noch immer bedrückt und traurig war.
»Niemand, außer solchen, die sich Zutritt verschaffen. Zürne der armen Immeke nicht. Sie wurde nun einmal vom giftigen Pfeil der Liebe getroffen, da sollen selbst die treuesten und anständigsten Seelen zu wahren Irrtätern werden. Glücklicherweise ist mir ein derartiges Schrecknis noch nie im Leben widerfahren. Betrachte den Verlust deines Schmucks als edle Spende an eine treue Dienerin, die leider ohne Ankündigung nach vielen Jahren ihren Dienst quittiert hat. Ich möchte nur zu gern wissen, ob es tatsächlich der Laufbursche Rossbein ist, dem sie ihr Herz geschenkt hat. So zumindest habe ich es munkeln hören.«
»Margarethe soll entscheiden, wie wir mit dem Verschwinden Immekes verfahren. Ich fühle mich nicht imstande, sie des Raubes zu bezichtigen.«
»Hüllt den Mantel des Schweigens und des Abwartens darüber, Mechthild. Margarethe plagen genügend andere Sorgen, da werdet Ihr den Raub deines Geschmeides verkraften können. Es war doch nicht von großem Wert, oder?«
Mechthild zuckte nur müde mit den Schultern.
»Nichts im Vergleich zu den Kostbarkeiten, die Margarethe wohlverschlossen in ihrer Kammer hütet und niemals, nicht einmal zu Festtagen, anlegt. Aber dennoch hat mir mein Schmuck gefallen und mir sehr viel Freude bereitet.«
»Ich kauf dir neuen«, vernahmen sie nun die Stimme Margarethes, welche, wie so oft, unerwartet in der Türe erschienen war. Sie wirkte müde, aber dennoch seltsam erregt. »Auch ich bin enttäuscht von meiner treuen Köchin. Man blickt nun einmal nicht in die Köpfe der Menschen hinein, und selbst die schlichte Immeke scheint für uns überraschenderweise ein Buch mit sieben Siegeln gewesen zu sein. Geben wir ihr ein paar Tage Zeit, vielleicht kommt sie ja wieder zur Vernunft und kehrt reumütig zurück.« Dann fuhr sie, ein wenig leiser, ja sogar etwas verlegen sprechend, fort: »Ich bin gekommen, Mechthild, um mich für eine Stunde zu verabschieden. Soeben habe ich Nachricht erhalten, dass ich mich unverzüglich in der Stiftskirche einfinden soll. Johanna wird mich nicht begleiten, wir benötigen ihre Arbeit im Hause nun dringlicher als zuvor.«
»In die Stiftskirche?«, fragte Regine. »Ich kann mit Euch gehen, Margarethe. Mein Rückweg führt ohnehin dort vorbei.«
»Habt Dank, Schwester Regine, aber ich werde mich wohl kaum verlaufen.«
»Warum ruft Vestiarius dich schon wieder ins Münster? Er war doch am gestrigen Tage erst hier?«, wollte nun Mechthild wissen.
Margarethe zuckte nur leicht mit den Schultern und wich dem bohrenden Blick ihrer Base mit einem mädchenhaften Lächeln aus.
»Eine Stunde«, sagte sie dann und strich ihrer Base zum Abschied über die gepuderte Wange.
»Mir schwant Böses«, meinte Regine nur kopfschüttelnd, als Margarethe den Raum verlassen hatte.
»Vestiarius ist es gewiss nicht, zu dem es sie zieht«, bestätigte auch Mechthild die Vorahnung ihrer Freundin.
Derweil stürzte Johanna sich in ihr Tagwerk, als sollte es kein Morgen für sie geben. Sie schuftete schon seit Stunden ununterbrochen, knetete Teig und zerlegte ein Huhn für die frischen Pasteten, die heute von Immeke hätten zubereitet werden sollen, sie wusch Laken und Tücher, schrubbte und polierte die Dielen der Stube, entstaubte Schränke und Truhen, fegte den Keller aus und versprengte Wasser mit Koriander auf allen Betten, um die Flöhe zu vertreiben.
Ja, sie verbot sich regelrecht, an etwas anderes zu denken als an ihre Pflichten. Und ihre Pflichten als Magd waren es nun einmal, fleißig zu arbeiten, nichts zu sehen, nichts zu hören und vor allem nichts zu sagen.
Alles sah danach aus, als dass Immeke aus freien Stücken gegangen war. Nichts deutete auf ein Unglück oder gar einen Mord hin.
Aber dennoch konnte und wollte Johanna es nicht glauben.
Immeke hätte niemals gestohlen, und erst recht nicht den Schmuck der gutmütigen Witwe Mechthild. Niemals.
Allerdings war die Köchin zwar stets eine gute Zuhörerin gewesen, hatte aber über sich selbst nie sehr viel gesprochen. Johanna hatte längst geahnt, dass es im Leben Immekes einen heimlichen Liebsten gab. Doch dies hatte sie bloß an kleinen Versprechern und den dann rot werdenden Wangen der Köchin ausmachen können. Ja, vielleicht hatte sie tatsächlich ein Geheimnis, die liebe Immeke. Vielleicht hatte sie tatsächlich einfach Reißaus genommen und den Schmuck der armen Frau Mechthild als eine Art Saatgut für ihr neues Leben mitgenommen. Hoffentlich.
»Nicht nachdenken«, verbot sich Johanna nun wieder, während sie den Besen in die Hand nahm, um nun auch den großen Lagerraum auszufegen. Beinahe hätte sie in ihrer Rage der Herrin den Besenstiel ins Gesicht gestoßen, denn diese war mit einem Male hinter der Magd aufgetaucht. Schön hatte sie sich gemacht, sie schien sogar ein wenig geschminkt zu sein. Das Haar trug Margarethe nur leicht frisiert, mehrere dicke Strähnen fielen ihr sanft auf die Schultern, sie war in ein neues, goldbraunes Kleid geschlüpft, welches äußerst eng anlag und die ungeahnt üppigen Rundungen der Witwe betonte.
Sie sah aus wie eine Königin.
Von Johannas staunendem Blick irritiert, warf Margarethe sich rasch einen schlichten Mantel über und bedeckte ihr Haar mit einer Kapuze. So war sie ihrem Stande angemessen verhüllt. Doch jeder, der erblicken durfte, was sie darunter trug, würde ebenso erstaunt sein wie Johanna, die mit dem Besen in der Hand in der Diele zurückblieb, als Margarethe wortlos aus dem Haus verschwand.
Sie traf sich mit ihm.
Das war sicher.
Der Laufbursche hatte unmittelbar vor dem Fenster ihrer Schreibstube gestanden und laut ihren Namen gerufen. Margarethe kannte den Jungen, ein pfiffiges Kerlchen von etwa zehn Jahren, das mit allerlei kleinen Diensten und auch Spitzbübereien seine ganze Familie ernährte. Der Bub hatte ihr schon häufiger Nachrichten gebracht, meist eilige Bestellungen von Handwerksmeistern, Ratsherren oder hohen Geistlichen der Stadt, ebenso Einladungen oder kleine Botschaften, etwa von Hubertus Vestiarius. Letzteren hatte sie zunächst auch hinter diesem kryptischen Schreiben vermutet, welches sie dazu aufforderte, zu einem heimlichen Treffen über dem Kuppeldach der Stiftskirche zu erscheinen. Sie war schon häufiger mit dem Stiftsherrn an diesem Ort gewesen. Sie liebte den Platz. Und vor allem liebte sie den herrlichen Ausblick, den man vom Glockenturm über die Stadt und das gesamte Umland Hamelns genoss. Bislang, und das gewiss zum Unwillen des Kanonikers, war sie stets in Begleitung erschienen, zuletzt noch mit der nun verstorbenen Magd Gerda. Doch die Handschrift dieses heutigen Schreibens stammte eindeutig nicht von Vestiarius, und das ließ Margarethe glauben, ja, es ließ sie gar hoffen, dass jemand anderes hinter der Einladung steckte. Dem Inhalt nach zu urteilen, kam nur ein Einziger in Frage.
Aus diesem Grunde hatte sie beschlossen, allein zu gehen. Johannas Andeutungen, diesen Mann betreffend, behagten ihr nicht. Ja, war Margarethe ehrlich zu sich selbst, so wollte sie gar nicht wissen, was ihre Magd ihr über Philipp zu sagen hatte. Lieber war es Margarethe, den Augenblick zu genießen – und vor allem das, was dieser Augenblick aus ihr, der bis dato so verschlossenen und kalten Geschäftsfrau, machte. Ganz gleich, welche wahren, vielleicht bösen Absichten sich hinter Philipps charmantem Gebaren verbargen, sie würde es früh genug erfahren. Immerhin war sie eine gestandene Frau, die sich nicht allzu leicht an der Nase herumführen ließ. Aus jedem Handel ließ sich ein Vorteil schlagen, und wenn der einzige Vorteil für sie aus diesem Handel darin bestand, dass sie sich für einige Tage und Nächte schöne Gedanken hatte machen können, dann war es die Sache wert.
Und so hatte sie nach Erhalt der Nachricht auch kurzerhand beschlossen, der Einladung Folge zu leisten, und sich zu diesem Zweck frisch frisiert und umgezogen.
Auf halbem Wege zum Münster in der Südstadt jedoch kamen ihr Zweifel. Sie fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, so stark und gefestigt. Vielmehr begann sie sich zu schämen. Vor allem schämte sie sich für ihren übertriebenen Putz.
Was tat sie da eigentlich? Lächerlich machte sie sich, indem sie diesem jungen Menschen hinterherlief wie ein dummes Bauernmädchen einem durchziehenden Landsknecht.
Sollte sie nicht besser wieder kehrtmachen und die Botschaft ignorieren?
Was, wenn es eine Falle war und der elende Hasenstock dahintersteckte?
Oder gar tatsächlich Vestiarius, der sie nach seiner Witwenpredigt prüfen wollte?
Dummes Zeug. Sie würde weitergehen, sich von keinerlei Bedenken hemmen lassen. Außerdem war sie längst an dem imposanten Gotteshaus angekommen und konnte jetzt nicht mehr feige umdrehen und davonlaufen. Nein, eine Margarethe Gänslein fürchtete sich nicht, auch dann nicht, wenn sie Neuland betrat. Gerade das, so war sie nie müde gewesen zu betonen, bereitete ihr besondere Freude: nämlich neue Erfahrungen zu machen, neue, unbekannte Wege zu gehen – doch hatte sich diese Neugierde und Tatkraft bislang auf rein geschäftlicher und eventuell auch geistiger Ebene abgespielt. Denn in zwischenmenschlichen Dingen war Margarethe Gänslein – und das wusste nur sie allein – mindestens so unerfahren wie ein dummes Bauernmädchen, das einem fahrenden Landsknecht hinterherläuft.
Voller Elan öffnete sie nun die Hauptpforte der Kirche, die sie noch nie zum Zwecke eines Gottesdienstes betreten hatte. Nur Mut, Margarethe, dachte sie bei sich und schaute beim Hineintreten noch einmal an sich herunter. Der Straßenschmutz hatte lediglich ein paar kleine Flecken auf ihrem Mantel hinterlassen. Wichtig war allein, dass das Kleid unbeschadet geblieben war.
In diesem Moment – ihr Blick war noch auf ihre Füße gerichtet – prallte sie mit einem herauskommenden Gläubigen zusammen und wäre fast hintenübergestürzt.
»Verzeiht, ich war zu schnell und unachtsam«, entschuldigte sie sich, als sie dem Mann ins Gesicht sah. Er war unmittelbar vor ihr zum Stehen gekommen und hielt sie noch an den Hüften fest, damit sie nicht zu Boden fiel. Obwohl sie längst wieder fest auf beiden Beinen stand, machte er keine Anstalten, Margarethe loszulassen. Stattdessen starrte er lüstern auf ihr stramm geschnürtes Dekolletee, denn durch seinen festen Handgriff war ihr der das offenherzige Kleid verhüllende Mantel verrutscht.
»Verstehe«, lachte er nun. »Verstehe.« Dann kam er ihr näher und flüsterte: »Dies ist zwar ein Gotteshaus, aber dennoch wünsche ich viel Freude, schöne Kauffrau Gänslein. Wir sehen uns gewiss bald wieder.«
Mit diesen Worten versetzte er ihr einen Klaps auf den Hintern und verschwand.
Margarethe war schockiert. Sie war so schockiert, dass sie kein Wort herausbringen konnte, ja, sie war nicht einmal in der Lage, empört zu sein. Alles, was sie tat, war, hinter ihm herzuschauen und zu murmeln: »Und ich dachte schon, unser Scharfrichter Carnifex würde es wagen …«
Doch auch wenn sie es anfänglich befürchtet hatte, so war sie sich doch sicher, dass es sich bei diesem Ungehobelten nicht um den Henker der Stadt Hameln gehandelt hatte. Er hatte ihm lediglich verteufelt ähnlich gesehen.
»Ihr seid tatsächlich gekommen.«
Margarethe hatte die Tür zum Turm geöffnet vorgefunden. Die Kirche war leer. Nur eine steinalte Frau kniete laut betend und in sich gekehrt ganz vorn am Altar, sodass niemand bemerkt hatte, wie sich die bekannte Gewürzhändlerin nach oben in den Turm schlich. Und da wartete er tatsächlich auf sie, ganz so, wie sie es gehofft hatte.
Doch glücklich wirkte er nicht. Er war blass, sein Gesicht eingefallen, der Blick müde. Er versuchte, sie zur Begrüßung anzulächeln, doch dieses Lächeln gefror auf seinen Lippen. Sie hatte ihn schöner in Erinnerung und schämte sich plötzlich wieder dafür, solch einen übertriebenen Putz zu tragen.
»Ich war mir nicht sicher, von wem die Botschaft stammte, aber ich hoffte, sie sei von Euch«, stammelte sie. Ihr war unwohl. Ihrer schützenden Umgebung beraubt und in der Aufmachung einer besseren Straßendirne, fehlte Margarethe Gänslein nun sämtliche Sicherheit. Sie kam sich schwach und unbeholfen vor und betete, dass er ihre Verwirrtheit nicht bemerkte. Was hätte sie in dieser Situation für einen kräftigenden Schluck Wein oder gar Weinbrand gegeben!
»Es ist wegen Eures Freundes Vinsebeck«, sagte er nun.
»Ist ihm etwas zugestoßen?«
Das Stelldichein nahm nun eine Wende, mit der Margarethe ganz und gar nicht gerechnet hatte. Er hatte sie offenbar nicht gerufen, um mit ihr an einem heimlichen Ort allein zu sein. Es ging um Wichtigeres. Sie schämte sich entsetzlich und hätte sich am liebsten die widerliche Schminke aus dem Gesicht gerieben und die wallenden Haare zusammengeknotet.
»Man ist seiner habhaft geworden«, antwortete er leise.
»Wo und wer?«
»Dort, wo ich ihn sicher wähnte. Doch leider war diese Sicherheit trügerisch. Die ihn gefangen haben, wissen jedoch nichts davon, dass er für tot gilt. Und zu seinem Schutze ist es besser, wenn sie es nicht erfahren.«
»Also wurde er nicht von den Bütteln des Vogtes gefasst.«
»Nein.«
»Woher wisst Ihr davon?«
Philipp schaute sie nun lange schweigend an. Er war traurig, und diese Traurigkeit schien nicht gespielt zu sein. Zum ersten Male, seit sie ihn kannte, hatte Margarethe den Eindruck, dass er grundehrlich war. Zumindest in diesem Moment.
»Man hat mir eine Nachricht zugespielt. Ein Lösegeld wird verlangt.«
Jetzt jedoch wurde Margarethe stutzig. Ein Lösegeld? Für Vinsebeck, von dem sie nicht einmal wusste, ob er tatsächlich noch am Leben war? Und gewiss sollte sie es zahlen.
»Er ist also als Geisel genommen worden«, stammelte sie nun.
Philipp zuckte nur leicht mit den Schultern, die Situation schien ihm unangenehm zu sein. Oder tat er lediglich so, als sei sie ihm unangenehm? Margarethe war sich nicht mehr allzu sicher, was ihren vorherigen Eindruck seiner Ehrlichkeit betraf.
»Wieviel will man?«
»Zweihundertundfünfzig Dukaten.«
»Was?«
»Ihr habt recht gehört. Ich hätte es zahlen können, doch ich wurde in der letzten Nacht bestohlen. Ich weiß, es klingt alles unglaubwürdig, aber dennoch müsst Ihr mir glauben. Ich bitte Euch, mir zu helfen.«
»Euch oder meinem Freund Vinsebeck?«
Wieder schaute er eine Weile schweigend und betreten zu Boden.
»Ihr helft mir genauso wie ihm, Frau Margarethe. Zahle ich nicht, dann geht es nicht nur ihm an den Kragen.« Jetzt hob er den Blick und sah ihr direkt in die Augen. Margarethe musste tief durchatmen, um in dieser Situation allein als Geschäftsfrau denken und handeln zu können.
»Lügt Ihr mich an, Philipp?«
»Nein.«
»Zeigt mir das Schreiben.« Sie streckte eine Hand in der Erwartung aus, dass er eine Ausrede vorbringen würde. Doch er griff tatsächlich unter seinen Rock und holte ein schmutziges, zerrissenes Stück Papier hervor.
Margarethe nahm es und las:
»Haben deinen Zwerg. 250 Venediger, und du erhältst ihn zurück. Fliehst du, ist er tot, und wir werden dich finden. Zahlst du nicht, seid ihr beide tot. Das versprechen wir dir. Gezeichnet, deine Freunde aus Wiener Tagen.«
Philipp schmunzelte eisig, als Margarethe die Zeilen laut vorlas.
»Es geht also um Euch, Philipp, und gar nicht um Vinsebeck.«
Wieder zuckte er nur mit den Schultern.
»Habt Ihr ihn absichtlich ins Messer laufen lassen, als Ihr ihn bei Nacht und Nebel aus Hameln fortgeschafft habt?«
»Nein, das habe ich nicht. Das müsst Ihr mir glauben. Diese Männer verfolgen mich bereits seit einer Weile. Es geht um … es geht um Spielschulden, die ich bei ihnen habe.«
»Spielschulden in Höhe von 250 Golddukaten? Was für ein Spiel soll das gewesen sein?«
»Ich zahle es Euch zurück. Es ist lediglich eine Anleihe. Ihr dürft den Betrag verzinsen, wenn Ihr wollt.«
»Würde ich Euch das Geld geben, so ist es allein meines Freundes Vinsebeck wegen, und nicht, um ein Geschäft zu machen. Woher aber weiß ich, dass er noch lebt?«
»Davon werde ich mich selbst erst am Tage der Übergabe überzeugen können.«
»Eine gefährliche Angelegenheit, wenn Euch diese Freunde aus Wiener Tagen so wenig wohlgesinnt sind. Was habt Ihr sonst noch auf dem Kerbholz, Philipp? Warum ist meine Magd Johanna regelrecht panisch, wenn sie Euren Namen vernimmt?«
»Ich würde Euch gern alles erzählen, Margarethe, aber das hätte keinen Sinn. Meine wahre Geschichte ist so unglaubwürdig, dass Ihr nichts mehr mit mir zu tun haben wolltet und mich für einen Lügner halten würdet, wenn Ihr alles wüsstet.«
»Johanna spricht von Euch als einem Mörder.«
»Tut sie das?«
Margarethes Herz begann nun schneller zu schlagen. Seine Augen, bisher trüb und traurig, begannen mit einem Male gefährlich zu funkeln.
»Es gab Gerüchte über mich und meine Mutter. Hirngespinste, die allesamt der Wahrheit entbehren. Diesem Gerede ist Eure Magd aufgesessen. Aber was soll ich dagegen machen?«
»Ihr stammt also aus dieser Gegend?«
»Nein. Ich habe hier lediglich einen Teil meiner Kindheit verbracht.«
»Mit Eurer Mutter.«
»Ja. Helft Ihr mir nun? Ihr seid der einzige Mensch, an den ich mich vertrauensvoll wenden kann, Margarethe. Denn Ihr seid die Einzige, der an dem Fortleben des Zwerges genauso gelegen ist wie mir.«
»Und ich bin die Einzige, die über so viel Geld verfügt. Wer sagt mir, dass Vinsebeck nicht tatsächlich in seinem Haus verbrannt ist und Ihr diese Geschichte über sein Fortleben und die Entführung nur erfunden habt, um mich um ein kleines Vermögen zu bringen?«
Jetzt lachte er. »Das hätte ich gewiss einfacher haben können, nicht wahr?«
»Einfacher, wie?«
»Ich hätte Euch bestehlen können und wäre dann geflohen. Zutritt zu Eurem Hause hatte ich häufig, und wenn Ihr mich fragt, wo man was bei Euch finden kann, so habe ich da durchaus meine Vermutungen. Doch darum ging es mir nicht.«
»Um was ging es Euch dann?«
Philipp ging nun einige Schritte auf sie zu. Er schaute sie nicht an, blickte vielmehr zu Boden. Erst als er unmittelbar vor ihr stand, hob er den Kopf und fragte leise: »Das wisst Ihr nicht?«
Nein, das wusste sie nicht. Sie wusste nicht, was sie von diesem jungen Mann halten sollte. Sie wusste nicht, ob er ehrlich war. Sie konnte sich nicht vorstellen, es mit einem Mörder zu tun zu haben, aber für einen Spitzbuben ging er ganz sicher durch. Dennoch mochte sie ihn, ja, sie mochte ihn sehr. Oder zumindest mochte sie das, was er für sie verkörperte. Dieses Unerfüllte, lang Ersehnte, von dem sie bislang nur zu träumen gewagt hatte.
Margarethe antwortete nicht, sie wartete lediglich ab. Und diese Zeit des Wartens erschien ihr wie eine halbe Ewigkeit.
Tu es, dachte sie, tu es einfach.
Und dann tat er es.
Nie zuvor in ihrem Leben war Margarethe Gänslein leidenschaftlich geküsst worden. Nie. Sie hatte es aus der Kutsche heraus gesehen bei jungen Paaren vor den Mauern der Stadt, in verborgenen Nischen, wenn sie sich unbeobachtet wähnten. Sie hatte es auch auf kleinen Bildchen gesehen, die es in belehrenden Büchern über sittsames und unsittsames Betragen zu betrachten gab. Sie hatte auch schon betrunkene Männer und Frauen, die nicht immer unbedingt zusammengehörten, auf Volksfesten derartige Zärtlichkeiten austauschen sehen. Doch selbst hatte sie es nie erfahren, nie. Einen flüchtigen, freundschaftlichen Kuss, das ja, das hatte Reinold ihr manches Mal gegeben, doch so etwas wie das, was sie nun in diesem Moment mit dem um einige Jahre jüngeren Mann erlebte, war für sie vollkommen neu. Das allein war 250 Dukaten wert.
Der Anstand jedoch gebot ihr, sich nach einer ganzen Weile, die jedoch wie im Rausch vorübergegangen war, von ihm loszureißen.
»Ich habe wohl kaum eine Wahl«, flüsterte sie nur. »Gebt mir bis morgen Zeit.«
Und dann schwankte sie, ganz so, als habe sie ein halbes Fass Wein geleert, in Richtung der steilen Turmstiege davon.
Philipp nickte zweimal, als er sie fortgehen sah, und wischte sich dann mit dem Handrücken den Mund ab.