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XXIX
Der Frühling zeigte sich in diesem Jahr von seiner schönsten Seite. Die Sonne meinte es gut mit Mensch, Tier und Pflanzen, es regnete selten, wunderbare, warme Brisen zogen durch die Straßen der Stadt, ließen die Menschen ihre Hütten und Häuser verlassen und den kalten, bitteren Winter vergessen.
Auch Margarethe Gänslein bemühte sich, den Winter hinter sich zu lassen. Doch anders als den lachenden und scherzenden Krämern und ihren Kunden auf dem Pferdemarkt, wollte es ihr nicht recht gelingen. Zu viel war geschehen, zu große Verluste hatte sie erleiden müssen, als dass sie erwartungsvoll in dieses neue Jahr hätte blicken können.
Krachend schloss sie die Fensterluke ihrer Schreibstube und verzichtete lieber auf die frische Frühjahrsluft, als dass sie weiterhin dem fröhlichen und beschwingten Treiben der anderen Bürger lauschen musste. Ihr war ganz und gar nicht beschwingt zumute. Die Liste ihrer Sorgen war so elendig lang, dass sie nicht einmal mehr die Kraft fand, darüber nachzudenken, wie man sie nach und nach aus der Welt schaffen konnte. Zum Glück hatten ihre Base Mechthild und deren Freundin Regine die heimgesuchte Witwe Gänslein in den letzten Wochen tatkräftig unterstützt. Regine hatte neues Personal gesucht, zwei Mägde und ein Bursche für die Küche waren in Dienst genommen worden. Die gute Mechthild hatte sich schier selbst übertroffen, als sie die drei im Hause Unerfahrenen mit einer Engelsgeduld und großem Sachverstand unterwies. Denn nach dem Tode Gerdas sowie dem Verschwinden Immekes und Johannas war das Haus Gänslein mit einem Male all seines Gesindes verlustig gegangen, sodass niemand anders als Mechthild oder Margarethe selbst die Neuankömmlinge einarbeiten mussten.
Ja, auch Johanna war fort. Zusammen mit dem Beutel voller Gold und zusammen mit Philipp, dem Mann, der sich schlussendlich doch als Betrüger herausgestellt hatte. Gegen den Schmerz, der ihr durch die Peinlichkeit des Liebesschwindels verursacht wurde, war Margarethe einigermaßen gewappnet gewesen, doch in Johanna einer treulosen Magd aufgesessen zu sein, tat ihr ungleich mehr weh. Es war eine bittere Geschichte, und manches Mal zweifelte die Witwe an sich, gab sich selbst die Schuld an all dem Geschehenen, denn immerhin waren diese beiden nicht die Einzigen, die meinten, Margarethe habe es verdient, hintergangen zu werden. Auch von ihrer lieben, guten Immeke war sie nach so vielen Jahren bestohlen und verlassen worden. Von den vielen Geheimnissen ihres verstorbenen Gatten ganz zu schweigen, ebenso von dem Apotheker Vinsebeck, der, so fürchtete sie nun glauben zu müssen, mit dem Spitzbuben Philipp unter einer Decke steckte.
Und als seien diese privaten Sorgen nicht genug, so waren in letzter Zeit auch geschäftliche Unannehmlichkeiten hinzugekommen. Dieses Mal, welch Wunder, hatten sie nichts mit Peter Hasenstock zu tun, denn der hatte sich ganz freiwillig zurückgezogen und buhlte nun nicht mehr um die Aufgabe, der Witwe als Vormund zur Seite stehen zu wollen. Ja, er war gar persönlich bei ihr erschienen und hatte sich entschuldigt, nachdem Margarethe erneut beim Bürgermeister vorgesprochen hatte, um ihn um einen Aufschub in dieser Frage zu bitten, so lange, bis Mechthilds Sohn Georg von seiner Reise aus Übersee zurückgekehrt sei. Dieser Aufschub war ihr gewährt worden, Hasenstock hatte ungewöhnlich einsichtig nachgegeben, und nachdem Margarethe ein Glasfenster für das Rathaus gespendet hatte, war sie zumindest in dieser Hinsicht guter Dinge gewesen und hatte gehofft, nun doch nicht der Hilfe des Herzogs von Calenberg zu bedürfen. Dann aber waren ganz plötzlich ihre Geschäfte eingebrochen. Mehrere Ladungen des teuersten Safran waren von Insekten befallen, der Abt von Corvey hatte ihr außerdem geschrieben, ein Großteil der von Margarethe gelieferten Pfefferkörner bestehe aus kleinen, runden Steinen, und ein weiterer Kunde, ein Großkrämer aus Göttingen, sandte einen Sack voller Muskatnüsse zurück, von denen tatsächlich ein Drittel nichts weiter als grob geschnitzte Holzkugeln waren.
Es war durchaus schon vorgekommen, dass Margarethe schlechte oder gar mit billigen Zusätzen gestreckte Waren geliefert bekam. Doch bislang war ihr dies bei ihren eigenen Begutachtungen sofort aufgefallen und hatte in der Vergangenheit bereits arge Konsequenzen für die verantwortlichen Fernhändler nach sich gezogen. Einem waren in Folge eines solchen Falschspieles mit Margarethe Gänslein alle Aufträge verloren gegangen, sodass man ihn alsbald an einem Balken seines mit getürkten Waren überfüllten Brügger Lagerhauses baumelnd auffinden konnte.
Doch eine solche Fülle von verdorbenen und gefälschten Gewürzen hatte es in der Geschichte des Gewürzhandels Gänslein noch nie gegeben. Und es war kaum mehr zurückzuverfolgen, wer dafür zur Verantwortung gezogen werden konnte. Margarethe machte sich selbst den schwersten Vorwurf. Sie war in letzter Zeit einfach zu wenig konzentriert auf ihre Geschäfte gewesen, hatte sich zu sehr von Dingen privater Natur ablenken lassen, sodass sie wahrscheinlich nicht achtsam genug bei der Überprüfung der Ein- und auch der Ausfuhren gewesen war. Aber wenigstens das sollte sich nun ändern. Sie allein trug die Schuld an der Talfahrt ihres Handels, und nur sie allein war in der Lage, diese Talfahrt anzuhalten. Zum Glück stand noch das große Maifest des Herzogs an. Doch auch hier war sie schludrig gewesen, hatte die Wunschliste Erich von Calenbergs unauffindbar verlegt. Doch das würde nicht wieder geschehen. Von nun an war sie angespornt, all ihr Sinnen ausschließlich auf das erfolgreiche Fortbestehen ihres Gewürzhandels zu lenken.
Weiterhin das bunte Treiben auf dem Pferdemarkt ignorierend, versuchte Margarethe all ihre Gedanken nur noch um das eine kreisen zu lassen: um die Arbeit und die reichen Früchte, die sie durch Fleiß und Unerbittlichkeit gegenüber sich selbst und ihrem Umfeld daraus ernten wollte.
Eine neue, sogar erweiterte Bestellliste des Herzogs hielt sie nun in Händen und las sie sich selbst absichtlich laut vor.
Keine Ablenkung mehr.
Kein Gedanke mehr an Reinolds Heimlichkeiten.
Kein Gedanke mehr an Philipps Umarmung.
Kein Gedanke mehr an Gerdas entsetzlichen Tod und dessen noch entsetzlichere Folgen.
Kein Gedanke mehr an das undurchsichtige Schicksal ihres vermeintlichen Freundes Vinsebeck.
Kein Gedanke mehr an das Verschwinden Immekes.
Und auch kein Gedanke mehr an den schmerzhaften Betrug durch Johanna.
Nur noch diese Liste, nur noch dieser Auftrag, nur noch diese Lieferung, von deren Gelingen allein die Zukunft Margarethe Gänsleins abhängen sollte.
Entschlossen hob sie ihr Kinn und blickte unter zusammengekniffenen Brauen auf das Blatt in ihren Händen. Doch so sehr sie sich auch bemühte – die Worte auf dem Bestellbogen verschwammen immer wieder vor ihren Augen und trugen sie auf leisen Wellen zurück zu längst vergangenen Wünschen, von denen allein die Erinnerung geblieben war.
Und diese Erinnerung war schmerzhaft und angenehm zugleich.
»Vielleicht sollten wir es wagen, Johanna.«
»Wenn Ihr bereit seid, dann bin ich es auch.«
Hans Vinsebeck saß auf einem sonnenbeschienenen großen Stein inmitten einer Waldeslichtung. Seine kurzen Beine baumelten in der Luft, sein Blick war nachdenklich in Richtung der teilweise blühenden Baumkronen gerichtet. Er sah aus wie ein freundlicher, zauberkundiger Gnom aus einer sagenhaften Erzählung.
»Oder denkst du, es ist besser, wenn sie weiterhin schlecht von uns denkt? Schlussendlich wäre es allein zur Erleichterung unseres Gewissens, dass wir ihr ein Zeichen geben. Ginge es allein um Vernunft und Sicherheit, sollten wir es beim Alten belassen.«
»Glaubt Ihr denn wirklich, sie denkt schlecht von uns?« Johanna schlenderte derweil über die Lichtung, die Augen auf den Boden geheftet, um nach frischen Frühlingskräutern zu suchen.
»Natürlich denkt sie nichts Gutes. Dich hält sie für eine Diebin und mich für einen Lügner. Wäre sie von unserer Unschuld überzeugt, oder wähnte sie uns in ernsthafter Gefahr, dann wäre sie doch sicherlich auf die Suche nach uns gegangen.«
»Da habt Ihr recht, Meister Vinsebeck.« Sie war nun stehen geblieben und zupfte gedankenverloren einzelne Blütenblätter von einem weißen Gänseblümchen.
»Wenn wir des Nachts gehen, sollte es gelingen. Wir müssen auch nicht in die Stadt hinein.«
»Allein in die Nähe zu kommen bereitet mir Unbehagen, zumal man mich ausgerechnet unweit des Rosengartens ertappt hatte. Ob er mit dem Leben davongekommen ist?«
»Der Wachmann?« Vinsebeck zuckte mit den Schultern.
»Er kann so erschreckend kaltblütig sein«, murmelte Johanna und warf das entblätterte, nackte Gänseblümchen fort.
»Wäre er das nicht, so würden wir beide nicht derlei gemütliche und sorgenfreie Frühlingstage in diesem nun endlich sicheren Walde verbringen.« Bei diesen Worten schaute der kleine Mann über seine Schulter, hin zu einem mit Zweigen und altem Herbstlaub aufgeschütteten Hügel. »Wenn er die beiden Halunken nicht getötet hätte, dann hätten sie Selbiges mit uns gemacht. Mit uns allen dreien«, fügte er dann an, doch auch in seiner Stimme klang Unbehagen mit.
Nun richtete auch Johanna ihren Blick auf den Hügel, und trotz des warmen Wetters durchfuhr sie bei dem Gedanken, was darunter verborgen lag, ein kalter Schauder. Einen ganzen Friedhof legte Philipp nach und nach in diesem Wald an. Sie schüttelte sich rasch, um die Gänsehaut wieder loszuwerden.
»Wo mag er sein? Was denkt Ihr, Vinsebeck?«
»Philipp? Nun, ich weiß es nicht. Vielleicht zurück in Hameln, vielleicht zurück in Wien, in Paris, in Rom … Man kann es nicht wissen. Eines jedoch weiß ich genau: Hier an diesem Ort konnte und wollte er nicht bleiben. Der schlimmen Erinnerungen wegen.«
Johanna nickte. Auch sie hatte schlimme Erinnerungen an diesen Ort, aber solange sie nicht an die beiden Erdhaufen dachte, unter denen zum einen seit mehr als fünfzehn Jahren die drei Jungen aus ihrem Dorfe lagen und zum anderen seit einigen Wochen die beiden Entführer des Zwerges Vinsebeck – solange sie diese Gedanken verdrängte, empfand sie ihren Aufenthalt in dem Wald ihrer Kindheit als recht angenehm.
Niemals hätte sie nach der überstürzten nächtlichen Flucht damit gerechnet, dass die Sache gut für sie enden würde. Und tatsächlich war zunächst alles noch um einiges schlimmer gekommen. Denn gleich am folgenden Morgen hatte es hier an dieser Stelle eine blutige Zusammenkunft gegeben, bei der tatsächlich um ein Haar zumindest Philipp und der kleine Hans Vinsebeck ihr Leben gelassen hätten. In letzter Sekunde war es Philipp gelungen, den Spieß umzudrehen und die auf Mord sinnenden Geiselnehmer, seine ehemaligen Freunde, zu überwältigen. Einem hatte er mit einem großen Stein den Schädel eingehauen, so gewaltig, dass nur noch eine breiige Masse von seinem Kopfe übrig geblieben war, und dem anderen hatte er mit dessen eigenem Schwert die Sehnen in beiden Kniekehlen durchtrennt und ihm hernach die Kehle durchschnitten. Es war schnell gegangen, ebenso schnell wie das Abschlachten der Jungen vor so vielen Jahren. Und wieder hatte Johanna teilnahmslos zugeschaut. Hatte einerseits gehofft, durch ihn von einer Gefahr befreit zu werden, und andererseits war sie schockiert gewesen, auf welch bestialische, inbrünstige Weise er fähig war, Vergeltung zu üben.
Kein Wort hatten sie nach diesem blutigen Befreiungsakt mehr miteinander gewechselt. Er war einfach verschwunden, mitsamt dem Geld. Johanna und Vinsebeck waren allein zurückgeblieben, hatten die Leichen begraben und darüber beratschlagt, was nun zu tun sei. Beide waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie fortan wie Vogelfreie galten und sich auch derart betragen sollten. Das hieß, man tat gut daran, sich vor allen Menschen zu verbergen, und da sie beide keine erfahrenen Herumtreiber waren, gab es nur die eine Möglichkeit: zu bleiben, wo man war, in der Hütte der Hexe Maria, in dem Wald des Ritters Eicheck, dem nun verwaisten Jagdgebiet des verstorbenen Grundherrn, in welches sich dem Anschein nach noch immer keine seiner alten Leibeigenen hineinwagten, nicht einmal zum Brennholzsammeln.
Vinsebeck rutschte nun von seinem Stein herunter und stapfte munter zu der kleinen Hütte zurück, welche zu dieser Jahreszeit einen recht einladenden Eindruck machte.
»Ich mache es jetzt, Johanna. Ich werde ein Schreiben für sie verfassen und mir Mühe geben, dass nur sie es verstehen wird. Wir können dann später weiter darüber beratschlagen, wie wir ihr diese Nachricht überbringen.«