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XXXI
In den einfachen Kleidern eines Bauern und mit einer tief ins Gesicht gezogenen schweinsledernen Kappe auf dem Kopf fühlte Philipp sich um einiges wohler als im Talar eines Magisters oder im Gewand eines Edelmannes. Niemand hatte ihm Beachtung geschenkt, als er an diesem wunderschönen Maimorgen, über die Weserbrücke kommend, den Weg zurück in die betriebsame Stadt Hameln gefunden hatte.
Einige Wochen lang war er fort gewesen, hatte sich herumgetrieben, sich eine schöne Zeit im riesigen Köln gemacht und war bereits auf dem Weg nach Amsterdam gewesen, als er sich dazu entschloss, doch wieder dorthin zurückzukehren, wo noch so viele unerledigte Aufgaben auf ihn warteten. Es war ein unerklärlicher, innerer Drang, der ihn dazu trieb, eine Unruhe, von der er wusste, dass sie sich erst dann legen würde, wenn vernichtet war, was ihn und seine Familie einst vernichtet hatte. Das Gold Margarethe Gänsleins führte er bei sich, es war nahezu unangetastet geblieben, denn die Übergabe des entführten Vinsebeck war anders verlaufen, als zu erwarten, ja zu befürchten gewesen war. Alle, die es verdient hatten zu überleben, lebten. Und diejenigen, um die es in seinen Augen nicht schade war, hatten den Tod gefunden. Philipp plagte nicht im Geringsten ein schlechtes Gewissen.
Was ihn jedoch plagte, als er auf dem Pferdemarkt ankam und zu dem imposanten und mittlerweile vertrauten Kaufmannshaus hinaufsah, war die Unsicherheit. Ja, er war sich nicht gewiss, ob es ratsam war, an der Pforte dieses Hauses zu klopfen und bei der Frau, die sich vor einigen Wochen noch so willig von ihm hatte küssen lassen, um Einlass zu bitten. Immerhin musste sie glauben, er habe sie bestohlen und sei dann zusammen mit ihrer treulosen Magd auf und davon. Es hatte auch ganz danach ausgesehen und würde ihn mehr als nur geschickte Überredungskunst kosten, sie von der Wahrheit oder besser: von einer anderen Möglichkeit zu überzeugen.
Es behagte ihm gar nicht, dass er sich selbst dabei ertappen musste, wie seine Hände schwitzig wurden und sein Herz schneller zu schlagen begann. Nein, das passte nicht zu seinem kühlen, überlegenen, fast unmenschlich regungslosen Wesen, dem Wesen, welches er sich zu seinem eigenen Schutze als Heranwachsender erschaffen hatte. Ja, im Grunde war Philipp nicht anders als der kleine Vinsebeck. Auch er verfügte über einen Homunculus, über eine menschenähnliche, gewissenlose Kreatur, die dem Willen ihres Meisters gehorchte. Doch anders als bei Vinsebeck steckte Philipps Homunculus in ihm selbst, war ein Teil von ihm, ein brauchbarer und bislang auch funktionstüchtiger Teil. Doch was Letzteres betraf, war er sich nicht mehr so sicher. Immer und immer wieder kam es zu Störungen, verursacht durch Gemütsregungen, für die er sich hasste.
Er wollte kein Mitleid empfinden. Nicht für eine Frau, der im Leben alles in den Schoß gelegt worden war, die ihren Reichtum auf dem Unglück anderer aufgebaut hatte. Zwar war sie unwissend, doch das sollte sie in seinen Augen nicht unschuldig machen. Aber genau das geschah mit ihm, als er so unentschlossen dastand, das Haus betrachtete und daran zweifelte, ob es richtig wäre, mit dem fortzufahren, was er begonnen hatte.
Sollte er vielleicht doch einen anderen Weg wählen?
Einen friedlichen?
Einen, der alle Seiten glücklich machen könnte?
Alle außer diesem einen, von dem er nur ahnte, dass er der Auslöser in dem ganzen widerlichen Geschehen der letzten dreißig Jahre gewesen war.
Philipp schnaufte unwillig durch die Nase und machte kehrt.
Er würde zunächst den Unhold Till Carnifex aufsuchen und ihn über das befragen, was in den Wochen seiner Abwesenheit in Hameln geschehen war. Zwar war er ein Tölpel, der eins und eins nicht zusammenzuzählen vermochte, aber einige wenige Informationen würde er Philipp liefern können.
Barfüßig und sich absichtlich krumm machend, schlurfte er nun wieder über den Markt davon in Richtung der elenden Gassen, die zur Weser führten. Heute lenkte er tatsächlich keinerlei Aufmerksamkeit auf sich. Keine Magd, keine Bürgersfrau, keine Bäuerin schenkte ihm einen anerkennenden Blick, so wie er es gewohnt war. Er war unsichtbar für alle.
Nicht jedoch für die gute Witwe Mechthild, die, auf der Fensterbank ihrer Kemenate sitzend, den verkleideten Mann sofort erkannt hatte.
Till Carnifex lag auf einem schmutzigen, nackten Weib, als Philipp, ohne anzuklopfen, die Henkershütte betrat. Weib war nicht der richtige Ausdruck, denn beim näheren Betrachten sah man, dass sie höchstens dreizehn oder vierzehn Jahre zählen mochte. Das Mädchen war es, das zuerst die Ankunft des ungebetenen Gastes bemerkte, Carnifex hingegen fuhr in seiner Beschäftigung energisch fort, bis seine Gespielin grob versuchte, ihn von sich zu stoßen, wofür sie eine schallende Ohrfeige erhielt.
»Ich störe nur ungern, Carnifex«, sagte Philipp ernst und beobachtete das Mädchen ungeniert dabei, wie sie sich wieder in ihre Lumpen wickelte und danach dem noch schnaubenden, aber äußerst unbefriedigt wirkenden Carnifex die Innenseite ihrer schmutzigen Hand unter die Nase hielt. Der jedoch dachte nicht daran, sie zu bezahlen, sondern spuckte lediglich in ihre Hand und drohte ihr mit der Faust. Böse Flüche hervorstoßend, machte sich das Mädchen sodann auf, die lausige Behausung zu verlassen.
Erst als der Gast ihr plötzlich einen ganzen Silberling reichte, hellte sich ihr Gesicht wieder auf. Und für einen Augenblick konnte Philipp erahnen, dass das arme, verwahrloste Ding unter anderen Umständen sicherlich zu einer Schönheit herangereift wäre. Doch leider war die Knospe bereits vor dem Erblühen verdorben, ein nicht unübliches Schicksal für ein mittelloses Gewächs der Stadt.
»Gern auch zu Euren Diensten«, stieß sie hinter mehreren fehlenden Zähnen hervor, nachdem sie gierig nach der Münze geschnappt hatte, und dann warf sie Philipp einen mehr als willigen Blick zu.
Angewidert wandte er sich ab, während Carnifex von der Bettkante aus schrie: »Mach, dass du fortkommst, du stinkende Ratte von einer Gossenhure!«
Dann, in einem weniger herrischen als vielmehr kriecherischen Ton an Philipp gerichtet: »Mein Herr, ich dachte … Ich dachte, Ihr wäret … Es freut mich, Euch lebend zu sehen.«
Philipp erwiderte nichts, sondern fixierte den hässlichen Muskelprotz mit leicht zur Seite geneigtem Kopf eindringlich. Carnifex schien nicht glücklich darüber zu sein, seinen Auftraggeber wiederzusehen. Und je länger Philipp schwieg, desto unruhiger wurde der Henkersbruder. Verlegen griff er nach seinen jämmerlichen Kleidern, die verstreut auf dem strohbedeckten Boden lagen, und zog sie sich mit zitternden Händen an, dabei immer wieder einen verstohlenen Blick auf Philipp werfend.
Nach einer ganzen Weile, die Carnifex wie eine halbe Ewigkeit erschienen sein musste, fragte Philipp schließlich: »Was ist geschehen?«
»Nun, nun …«, stotterte Carnifex. Schweißperlen begannen sich auf seiner riesigen Stirn zu bilden.
Philipp hatte es nicht beabsichtigt, nein, er hatte gar keine Notwendigkeit gesehen, seinen tumben Spießgesellen auf die Probe zu stellen. Doch nun war ganz offensichtlich, dass Carnifex etwas vor ihm verbergen wollte. Und was das war, das würde Philipp bald herausfinden.
Till Carnifex wusste noch immer nicht, wie ihm geschehen war. Wie nur hatte es dieser Mann fertiggebracht, ihn derart zu überwältigen? Zwar war Philipp um einiges größer, aber bei weitem nicht so stark wie Till. Dennoch: Nun hing er hier mit schmerzenden Knochen und Sehnen, die Hände am Rücken zusammengebunden und an einem über einen Balken gespannten Seil nach oben gezogen. Er, der Sohn und der Bruder eines Henkers, er, der selber als Folterknecht so manches Mal im Keller des Rathauses dabei gewesen war, wenn sein Vater unliebsame Arbeit verrichten musste. Er, der immer nur darüber gelacht hatte, wie rasch die Menschen zum Reden gebracht werden konnten, sobald man ihnen allein die Instrumente zeigte. Nun war er es, der Mutige, der Tapfere, der Schmerzfreie, der gezwitschert hatte wie ein Vögelchen, als ihn Philipp lediglich ein wenig mit einem Messer ritzen wollte.
Erzählt hatte Till. Von seiner Gier nach dem versteckten Gold.
Erzählt hatte er von dem Pakt mit den beiden Häschern.
Erzählt auch von seinen stillen Vereinbarungen mit Hasenstock.
Er hatte gebeichtet, die Köchin der Gewürzhändlerin überwältigt, ertränkt, danach geschändet und ihr schließlich den Schlüssel zum Hause gestohlen zu haben.
Er hatte auch gebeichtet, die Totgeburten in die Kloake des Gänslein-Hinterhofes geworfen zu haben.
Zudem habe er sich mehrfach Zutritt zum Hause der reichen Witwe verschafft, habe Schmuck entwendet und ganze Ladungen von Gewürzen mit allerlei Schädlichem verseucht.
Das alles sei im Auftrage Hasenstocks geschehen, der ihn dafür reichlich entlohnt habe, vor allem mit der Zuführung von Frauen, zahllosen Frauen – so vielen Frauen, dass Carnifex ihrer nun langsam überdrüssig wurde.
»Und nun plant er, der Gänslein ein Geschäft zu vermiesen, welches diese in Lemgo abschließen will. Es geht um Spezereien für die Tafel des Herzogs. Das ist alles, Meister. Das ist alles«, stammelte er, während Philipp ruhig auf einem alten Schemel saß und ungerührt den wimmernden, schwitzenden Mann betrachtete, dem er soeben die Schultern ausgekugelt hatte.
»Du bist ja ein Verräter, Carnifex«, sagte er ruhig.
»Ich schwöre Euch, Meister, ich schwöre Euch bei meiner Seele, dass ich Euch fortan treu ergeben sein werde. Ganz ohne Lohn. Ich schwöre es. Bitte, bitte, bindet mich los.«
Philipp nickte. Seine Miene war ausdruckslos, als er erneut zu dem Messer griff, das neben ihm am Boden lag.
Mit vor Furcht geweiteten Augen beobachtete Till Carnifex, wie der Mann mit der scharfen Waffe in der Hand auf ihn zukam. Ihn unverwandt fixierend, hielt Philipp dem Wehrlosen die Klinge an die Kehle.
»Wann soll diese Fahrt nach Lemgo stattfinden?«
»Morgen in der Früh will er aufbrechen und ihr zuvorkommen«, stammelte Till, verzweifelt auf das Messer an seinem Hals schielend.
»Gut. Du wirst mich begleiten.«
Und damit schnitt Philipp mit einem kräftigen Hieb die Fesseln los, sodass der Gefolterte krachend und jammernd zu Boden fiel.
»Dein Bruder wird gewiss die Kniffe kennen, welche notwendig sind, um deine Arme wieder gebrauchsfähig zu machen. Bete, dass er bald nach Hause kommt«, sagte Philipp beim Hinausgehen und hieb dabei das Messer in die Tür des Henkerhauses.
»Es ist mir schleierhaft.«
Zu Mechthilds Erleichterung hatte Margarethe sich mittlerweile wieder beruhigt. Mehr als empört war sie gewesen, als die Base ihr offenbart hatte, zusammen mit der neugierigen Begine in den soeben entdeckten, heimlichen Tagebüchern ihres verstorbenen Gemahls geblättert zu haben.
Einen ganzen Abend und eine ganze Nacht hindurch hatte Margarethe sich sodann in ihrem Schlafgemach mit den Büchern eingeschlossen und niemanden hereingelassen. Nur ab und an hatte sie es gewagt, einen Blick in die Schriftstücke zu werfen, angewidert und am ganze Leibe zitternd. Denn im Grunde ihres Herzens fürchtete sie sich vor dem, was sie dort erfahren könnte.
Allein, sie erfuhr darin nichts. Gar nichts. Ebenso wenig, wie Mechthild und Regine erfahren hatten, als sie sich schlechten Gewissens, aber voller Neugier und durchaus mit einem berechtigten Wohlwollen an die Lektüre hatten machen wollen.
Die Worte waren verschlüsselt.
»Ja, es ist schleierhaft. Das, was er geschrieben hat, muss von großer Wichtigkeit, aber auch von großer Brisanz gewesen sein«, flüsterte Mechthild, die froh war, dass Margarethe ihr offensichtlich die Herumstöberei verziehen hatte und nun, am folgenden Tage, wieder zu Besuch in ihrer Kemenate erschien.
»Vielleicht hat auch der Eindringling, den du gesehen zu haben glaubst, nach ebendiesen Büchern gesucht«, fuhr Margarethe nun fort. »Wäre er ein gewöhnlicher Dieb gewesen, so hätte er sich reichlich in dem verwaisten Hause bedienen können. Doch das hat er nicht getan.«
»Wer sollte danach suchen?«, fragte Mechthild, noch immer die Stimme geheimnisvoll gesenkt, obwohl die Frauen allein im Raum und Fenster sowie Türen verschlossen waren.
»Hasenstock. Ihn vermute ich übrigens auch hinter einigen anderen Übeltätereien, welche in diesem Hause vonstatten gegangen sind.«
»Ihn oder den schönen Fremdling, der wieder aufgetaucht ist«, gab Mechthild nun noch leiser, aber dafür mit eindringlichem Blick zum Besten.
»Was sagst du?« Margarethes bis dahin abgeklärt ruhige Stimme klang nun seltsam schrill und nervös.
»Ich habe ihn heute Morgen gesehen. Er stand vor dem Haus und wirkte zögerlich, er schien nicht sicher, ob er eintreten solle oder nicht. Verkleidet war er. Glich einem Bauern, aber dennoch habe ich ihn eindeutig erkannt.«
»Ich weiß nicht, von wem du sprichst, liebe Base.«
»Das weißt du sehr wohl, Gretchen, das weißt du sehr wohl.«
»Du täuschst dich. Und selbst wenn er es gewesen wäre, so hat er mit dieser Sache nichts zu tun. Viel wichtiger ist nun, dass wir die Geheimschrift entschlüsseln. Du musst mir helfen.«
In diesem Moment klopfte es an der Türe, und eine der beiden neuen Mägde steckte den Kopf herein:
»Meine Herrin, der Stiftsherr Vestiarius möchte Euch einen Besuch abstatten.«
»Ach nein«, stöhnte Margarethe. »Der gute Mann hat ein feines Gespür für den ungünstigsten Moment. Aber gut. Bitte sie ihn in die Stube. Ich werde sofort nachkommen, Lisbeth.«
Das Mädchen nickte und verschwand wieder.
»Entschuldige mich, Hilde. Ein wenig Ablenkung durch belanglose Plauschereien mit meinem treuen geistlichen Freund wird mir guttun«, murmelte Margarethe und erhob sich.
Mechthild wollte ihr gerade noch nachrufen, sie solle doch besser das Buch, welches sie noch immer gedankenverloren in den Händen hielt, dalassen, doch da war Margarethe auch schon aus dem Zimmer gerauscht.
»Schon wieder wirkt sie verwirrt. Dabei ist dieser Mann doch längst fort. Zum Glück ist er fort«, dachte Hubertus Vestiarius, als er in der Stube auf die Rückkehr der Hausherrin wartete. Sie hatte ihn nur kurz mit den üblichen Worten begrüßt und sich für einen Augenblick am Tische niedergelassen, als er ihr deutlich anmerkte, dass offensichtlich ein Schwindel oder ein Unwohlsein sie überkam. Begleiten hatte sie sich nicht lassen wollen, sondern war nur rasch wieder aufgestanden und zu dem kleinen Abort im Hinterhof geeilt.
»Es wird doch wohl nichts Ernsthaftes oder gar etwas ganz Unerwartetes sein, was die Witwe da heimgesucht hat?« Derartig in sorgenvolle Gedanken versunken, fiel schließlich der Blick des Stiftsherrn auf das Buch, welches Margarethe mitgebracht und achtlos auf den Tisch gelegt hatte. Es entsprach nicht seiner Art, in den privaten Dingen fremder Leute herumzuschnüffeln. Aber zum einen war die Gewürzhändlerin keine Fremde für ihn, und zum anderen machte er sich seit einigen Wochen ernsthafte Sorgen um sie. Da würde ein kurzer Blick in ihr Tagebuch – und um ein solches handelte es sich offenbar – vielleicht ein wenig Klarheit verschaffen. Selbstverständlich bloß zu dem selbstlosen Zweck, ihr so besser und hilfreicher zur Seite stehen zu können.
»Nanu, das ist nicht die Handschrift Margarethes«, murmelte Vestiarius leise vor sich hin, als er das Buch auf einer willkürlichen Seite aufgeschlagen hatte. Und beim näheren Hinsehen musste er feststellen, dass die Buchstaben auch keinen zusammenhängenden Sinn ergaben. Sie waren weder in deutscher noch in lateinischer, auch nicht in italienischer oder französischer Sprache verfasst. Doch Vestiarius, der gern gegen das Übel von Orakel- und Rätselbüchern predigte, war diesem Laster durchaus selbst verfallen und pflegte zuweilen aus Langeweile dem sündhaften Zeitvertreib des Rätselns zu frönen. Ja, er war darin mittlerweile zu einem zwar heimlichen, aber wahren Meister geworden.
Und so dauerte es nur wenige Augenblicke, und er hatte den Schlüssel zu der ihm vorliegenden Geheimschrift gefunden.
Wie ein Kind freute er sich und strahlte über beide glattrasierten Wangen. Ja, er rieb sich befriedigt die Hände und hätte sicherlich auch noch »Juchhu« gerufen, wenn er nicht plötzlich gespürt hätte, dass die unbemerkt zurückgekehrte Margarethe hinter ihm stand.
»Was erlaubt Ihr Euch?«, herrschte sie ihn an, griff nach dem Buch und riss es an sich.
Beide liefen sie über und über rot an, der eine aus Scham, die andere aus Wut, und beide konnten sie einen Augenblick lang kein Wort herausbringen.
»Es tut mir unendlich leid. Unendlich leid«, stammelte der Gast nun und griff aus Verlegenheit nach gleich drei Stücken Konfekt, die er sich allesamt auf einmal in den Mund stopfte.
»Was habt Ihr gelesen?«, wollte Margarethe nun wissen. Und es war ihr gleich, dass sie mit diesem hohen Herrn nun umsprang, als handele es sich um einen Laufburschen, der beim Äpfelstehlen erwischt worden war.
»Nichts«, wollte Vestiarius antworten, verschluckte sich aber an den Unmengen von Zuckerzeug in seinem Mund, und es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. »Nichts, meine Gute. So wahr mir Gott helfe. Es hat mich lediglich gereizt, den geheimen Schlüssel zu finden. Eine Unart von mir, eine Spielerei, eine dumme Angewohnheit. Aber ich würde mich hüten – das müsst Ihr mir glauben –, den Inhalt eines privaten Schriftstückes zu erforschen.«
»Ihr habt den Schlüssel der Geheimschrift gefunden?«, fragte Margarethe nun interessiert.
Wieder lief ihr Gast purpurrot an und sagte leise: »Ich will nicht lügen, darum gebe ich es zu: Ja, das habe ich. Und ich rate Euch, in Zukunft einen etwas komplizierteren Schlüssel zu verwenden.«
»Wie lautet er?«
Nun schaute er die Frau ratlos an. »Wisst Ihr das nicht?«
»Ich will es von Euch hören. Wie lautet der Schlüssel?«
»Nun …«, begann Vestiarius. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in eine solch peinliche Lage geraten zu sein. Um diese Sache ungeschehen zu machen, hätte er alles getan, alles. Aus diesem Grunde folgte er nun den Befehlen seiner Gastgeberin wie ein treues Hündchen:
»Man beginnt, anstatt am Anfang der ersten Zeile, am Ende der letzten Zeile. Und zudem sind die Worte von hinten nach vorn geschrieben. Dabei werden, um das Rätsel zu erschweren, die Vokale ausgetauscht, jedes A ein I, jedes U ein E, aus O wird A, aus I wird U, und aus E wird O. Das ist alles.«
Margarethes wütendes Gesicht erhellte sich auf einmal. Und auch Vestiarius lächelte verstört, aber dennoch etwas erleichtert. War sie ihm nun wieder gut?
Schnell erhob sie sich von ihrem Stuhl und eilte hinaus aus der Stube. Noch ehe er Atem schöpfen konnte, war sie wieder zurück, Tintenfass, Feder und einen Bogen Papier in den Händen.
»Wiederholt das bitte, und wir wollen die peinliche Angelegenheit vergessen, indem wir einen guten Schluck meines besten spanischen Weins darauf trinken.«
Ihre Stimme klang nun zuckersüß. Zu süß, selbst für Vestiarius’ Geschmack.