38227.fb2 Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 34

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XXXII

Ihre Augen brannten wie Feuer, in ihren Ohren rauschte ein tosender Wasserfall, und der Rücken schmerzte, als würden tausend spitze Nadeln in ihm stecken. Margarethe Gänslein war in ihrem Leben noch nie so müde gewesen, aber auch nie zuvor hatte sie so sehr den Drang verspürt, wach zu bleiben.

Es war nicht notwendig gewesen, alle Bücher zu entziffern. Lediglich zwei von ihnen waren von entscheidender Bedeutung, und auch sie enthielten zahlreiche unwichtige Notizen und Listen, wie Wechselkurse, Namen und Anschriften von längst verstorbenen Hansekaufleuten, Herkunftsländer exotischer Gewürze, Wallfahrtsstätten, sortiert nach der Menge an Ablassjahren, die ein Besuch mit sich brachte, sowie Formeln allerlei Art. Und dann gab es auch noch Erlebnisberichte von solch pikanter und privater Natur, dass selbst Margarethe als rechtmäßige Erbin dieses Nachlasses sie nicht näher in Augenschein nehmen wollte.

Ja, Reinold war ein Mann des geschriebenen Wortes gewesen. Es gab nichts, was er nicht zu Papier gebracht hätte. Schon zu seinen Lebzeiten barst das Haus regelrecht unter den Massen an Schriftstücken, und die Witwe hatte nach dem Tode ihres Mannes ihre liebe Last gehabt, die Spreu vom Weizen zu trennen und Unbrauchbares auszusortieren, um es dem Kaminfeuer zuzuführen. Doch von diesen ganz privaten Büchern hatte Margarethe keine Ahnung gehabt. Wie auch? Denn immerhin hatten sie mehr als sorgsam verborgen gelegen. Nun jedoch lagen sie hier vor ihr, und sie hatte mittlerweile diejenigen Passagen, welche die Antwort auf so viele Fragen enthielten, dank des von Vestiarius gelieferten Schlüssels gleich mehrmals gelesen. Und nun machte sie sich, trotz der schmerzenden Augen und der bleiernen Müdigkeit, erneut daran, die wichtigen Zeilen laut vor sich hin zu murmeln. Sie konnte noch immer nicht fassen, was ihr Reinold da geschrieben hatte, und war fasziniert und abgestoßen zugleich.

Sechs Tage vor dem Fest der Auferstehung des Herrn im Jahre 1505

Mit diesen Zeilen soll meine, des Reinold Gänslein, Bauerssohn aus Heidenheim, Beichte beginnen. Nunmehr vier ganze Tage und Nächte lässt Gott nun Schnee vom Himmel fallen, sodass ich mich gezwungen sehe, an einem Ort zu verweilen, der mir zwar Obdach, aber keinen Trost spendet. Mein Herz sehnt sich danach, rasch weiterzuziehen, und es zerspringt mir fast in der Brust, wenn ich des Morgens die Läden meiner Kammer öffne und erkennen muss, dass der Winter mir die Fortsetzung meiner Flucht verleidet. Fast möchte ich glauben, Gott selbst will mich dazu bewegen, innezuhalten und über das zurückliegende Geschehen nachzudenken.

Vor wenigen Wochen war es, da die Fondaco dei Tedeschi in Flammen aufging. Flammen, die – der Herr möge mir vergeben – von mir gelegt worden waren. Es war eine Tat, die ich aus Liebe zu G. vollbrachte. Ein mir wertvoller Mensch, dem von vielen anderen böse mitgespielt worden war. Sein Glück, sein Fortbestehen hing allein davon ab, dass die Güter seiner Feinde zerstört wurden. Er selbst verlangte nichts von mir. Es war eine nächtliche Traumgestalt, die mir erschien und mich verleitete, den Brand zu legen. Doch als sich das Feuer auszubreiten begann, bereute ich mein Tun bereits und begriff, dass der Traum nicht göttlicher, sondern teuflischer Natur gewesen sein musste. Dennoch, es war zu spät. Das gesamte Haus ging in Flammen auf, das Lager mit all seinen kostbaren Waren zerbarst, und auch ein Mensch, ein Nürnberger Kaufmann, kam zu Tode. Ich floh ohne Abschied von G. und ohne Abschied von meinem Meister. Zu Fuß fand ich den Weg von Venedig bis in die rettenden Berge, doch da setzte der Schneefall ein. Nun hocke ich hier in der kalten Kammer meiner schlichten Herberge und erwarte die Strafe meiner Verfolger oder aber die Strafe des Herrn, vor dem ich in so mannigfaltiger Weise sündhaft geworden bin.

Margarethe blätterte um und las weiter:

Am Tage der Kreuzigung des Herrn im Jahre 1505

Eigentümliche Menschen leben in den Bergen. Am gestrigen Tage wollte ich mich einem Pfarrer anvertrauen, um endlich die Beichte abzulegen. Doch er schickte mich grob fort. Mein Herz ist noch immer schwer, der Schneefall hat nachgelassen, das Eis jedoch verbietet ein Weiterkommen. Kein Säumer erklärt sich bereit, mir den Weg über die glatten Pässe zu zeigen. So blieb ich allein mit meiner Schuld. Ungeachtet der Fastenzeit beging ich die Sünde, dem Wein in ungebührlichem Maße zuzusprechen. Ein Fremder trank mit mir, und wir erzählten uns unsere Geschichten. Leider bin ich nicht sicher, ob es richtig war, diesem Jüngling zu vertrauen. Er ist ein Durchreisender aus dem Norden Deutschlands. Sein Name ist Peter Hasenstock, Patriziersohn aus Hameln. Er steckt in edlem Gewand, aber ist nicht edlen Gemüts, das stellte ich alsbald fest.

Er erzählte mir, sein Oheim habe ihn aus Bologna abgeholt, wo der Jüngling ein Studium der Medizin absolviert hatte. Der Oheim jedoch, ein alter Apotheker, verstarb bereits vor einigen Wochen an den Folgen eines Sturzes vom Pferd. Dies ist auf dem Wege über die Alpen kein ungewöhnlicher Tod, und sein Neffe ließ ihn in einem kleinen Bergdorf gebührend begraben. Jedoch seinen Anverwandten gab er keine Nachricht von dem Ableben des Onkels. Stattdessen beschloss er, in diesem Tiroler Bergdorf zu verbleiben, wo – das berichtete er nicht ohne Stolz – er ein schönes Weib gefunden habe.

Ich glaubte ihm diese Geschichte zunächst. Dann aber, als wir dem Weine ordentlich zugesprochen hatten und auch ich mich dem vermeintlichen Freunde anvertraute, um ihm von den von mir in Venedig verursachten Schrecknissen zu berichten, da meinte auch er nun die ganze Wahrheit erzählen zu müssen. Es klang nach Prahlerei und weniger nach Reue oder gar Trauer, als er mir sagte, der Oheim sei gar nicht an den Folgen eines Unfalls verstorben. Ja, der Unverfrorene lachte sogar, während er mir in den deutlichsten Worten berichtete, wie er den alten Mann an einer besonders steilen und einsamen Stelle von dessen Ross gezerrt und eigenhändig eine Schlucht hinuntergestoßen hatte. Das Geräusch, wie seine morschen Knochen brachen, habe ihm wie Musik in den Ohren geklungen. Peter Hasenstock bemerkte mein Entsetzen nicht, vielmehr glaubte er in mir einen Seelenverwandten vor sich zu haben, einen, der ebenfalls ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Doch anders als ihn plagte mich mein Gewissen. Er jedoch fuhr damit fort, mir heiter die Gründe für diese Mordtat an einem ihn liebenden Menschen zu erklären. Als Zweitgeborener, so erzählte er frivol, habe er nur wenig Aussichten auf das Erbe seines Vaters, sein kinderloser Onkel jedoch, ein angesehener Apotheker in einer Stadt im nördlichen Deutschland, habe den Buben schon bald zu seinem Nachfolger auserkoren. Allein das Apothekerwesen war nicht die größte Leidenschaft des Jünglings. Aber das verschwieg er dem Oheim natürlich und ließ sich auch gern von dem erfahrenen Pillendreher nach Bologna schicken, um gar die Universität zu besuchen und sich, anders als die meisten Apotheker seiner Heimat, in den hohen Wissenschaften zu üben. Sein Oheim, so gab er zu, war stets voller Stolz auf den Jungen, schrieb ihm Briefe und fragte nach den Fortschritten, die der Student machte. Hasenstock jedoch bezahlte einen anderen deutschen Studenten dafür, dass dieser ihm sein Wissen für die Briefe an den nachforschenden Onkel diktierte, und machte sich ansonsten ein lustiges Leben im warmen Italien. Erst als der Oheim mit stolzgeschwellter Brust eigens über die Alpen gereist kam, um seinen studierten Neffen zurück in die Heimat zu holen, flog der Schwindel auf. Enttäuscht war der alte Mann, traurig, aber nicht wütend. Ja, bittere Tränen weinte er zuweilen des Nachts, wenn sie auf dem Heimweg in einer Herberge Rast machten und sich ein Zimmer teilten. Dieser Gram, so meinte Hasenstock, sei ihm unerträglich gewesen, nicht etwa aus Scham, wie man vermuten mochte, sondern allein, weil er annehmen musste, der Oheim würde ihm niemals verzeihen können und ihn seines versprochenen Erbes entheben. So schmiedete er also den Mordplan, welchen er gleich am nächsten Tage in die Tat umsetzte. Nach dem Tod des Alten jedoch verließ den Jüngling, so gab er zu, ein wenig der Mut. Er fürchtete sich vor den bohrenden Fragen der Familie über das Schicksal des geliebten, guten Onkels. Denn, so gab er mit verschmitzter Miene zum Besten, er sei nun einmal kein guter Lügner, und darum wolle er hier in den Bergen erst ein wenig Gras über die Sache wachsen lassen, bevor er in der Lage war, seinem Vater wieder in die Augen blicken zu können.

Stumm folgte ich seiner Erzählung, und ich blieb auch stumm, als er danach beschloss, mit mir als seinem Schicksalsgenossen ewige Freundschaft zu schließen. Allein ich fürchte, dass uns lediglich das Alter und der einsame Aufenthalt in der Ferne miteinander verbinden. Dennoch ging ich auf den teuflischen Pakt ein, den er mir am heutigen Tage anbot. Erpressen will er mich, sein Schweigen will er bezahlt wissen, obwohl auch ich genug über ihn weiß, das ihm zum Verhängnis werden könnte. Doch dieser Jüngling ist zu eitel, um sich selbst in Gefahr zu sehen. Vielmehr denkt er nur an seinen Genuss, an die Befriedigung seiner Sinne, und dabei soll ich ihm auf blutige Weise behilflich sein. Gott stehe mir bei, dass ich diese Hilfe nicht leisten muss.

Margarethe hielt für einige Augenblicke inne und starrte auf die holzverkleidete Wand ihrer Schreibstube. Es wunderte sie nicht, Derartiges über Hasenstock zu erfahren. Und es wunderte sie auch nicht, dass ihr Gatte Reinold in Venedig ein amouröses Verhältnis zu einem Mann gepflegt hatte. Doch dass er aus Liebe einen Brand gelegt und dadurch ein Mensch ums Leben gekommen war, das hätte sie ihrem so nüchternen und nur in religiösen Dingen leidenschaftlichen Gemahl niemals zugetraut. Offenbar war er in der Lage gewesen, inbrünstig zu lieben. Mit dieser seiner Fähigkeit zu Liebe und Leidenschaft hatte sie, seine Witwe, nie Erfahrung machen dürfen. Ein Anflug von Eifersucht auf den Menschen, den Reinold lediglich als G. bezeichnet hatte, stieg in Margarethe auf. Lustknaben, ja, die hatte es gegeben, von denen hatte sie gewusst. Aber wahre Liebe zu einem Mann?

»Unfug«, wies sie sich selbst zurecht und rieb sich die Stirn.

Denn nicht die Liebe war es, um die es in dieser Geschichte ging. Vielmehr war es der Tod. Ja, der Tod, die Schuld daran und die Sühne dafür. Margarethe nahm einen Schluck Wein und las weiter.

Zwei Tage nach dem Osterfeste im Jahre 1505

Meine Hände zittern, doch das Gewissen zwingt mich, diese Zeilen niederzuschreiben. Meine Schuld türmt sich nunmehr zu einem unüberwindlichen Berge, von welchem ich nach meinem Tode in die Hölle stürzen werde. Keine Buße wird dieses Schicksal mildern können, denn gestern Nacht tötete ich einen redlichen Menschen. Es ereignete sich im Stall unserer Herberge. Der Pakt ist nun besiegelt, meine Tat, um Hasenstocks Schweigen und Hilfe zu erhalten, vollbracht. Mit aller Kraft stach ich eine Heugabel in den Rücken eines mir fremden Mannes. Es handelte sich um einen Holzfäller, den mein neugewonnener, zwielichtiger Freund in die Falle gelockt hatte. Hasenstock, dankbar für meine Hilfe, machte dann dem armen Burschen, dessen treuer Blick, wie er da blutend am Boden lag, mich nie wieder loslassen wird, vollkommen den Garaus. Gemeinsam brachten wir den Leichnam des riesigen Mannes zu einer nahen Klamm, wo wir ihn hinabwarfen. Ungerührt berichtete mir Hasenstock, dass es sich bei dem Toten nicht, wie er mir zuvor hatte weismachen wollen, um einen Mordbuben, sondern um den Gatten seiner Liebsten handelte. Der gehörnte Holzfäller hatte von den Besuchen des Durchreisenden bei seinem Weibe erfahren und war somit zu einer Gefahr für den jungen Lüstling geworden. Ich hatte also einen Unschuldigen getötet. Untröstlich bin ich ob dieser erneut von mir begangenen Untat und empfinde den aufrichtigen Dank Hasenstocks als bitteren Hohn. Ach, wäre es mir doch vergönnt, Beichte ablegen zu dürfen. Aber selbst wenn der verbohrte Pfarrer zugänglich wäre, so würde ich mich nun nimmermehr getrauen. Wie nur soll ich jemals den Weg zu Gottes Gnade finden? Ich fühle mich verloren und fürchte nichts mehr als den Tod und die mir unweigerlich harrenden Höllenqualen. Allein diese Furcht hält mich davon ab, vom nächsten Felsen in die Tiefe zu springen.

Sie hatte diesen Eintrag bereits drei Mal gelesen. Beim ersten Male war Margarethe vor Schreck erblasst, beim zweiten Male hatte sie ein ungeheurer Zorn auf ihren blauäugigen Gatten übermannt. Nun jedoch, beim dritten Male, empfand sie nichts weiter als Ekel und Abscheu. Es widerte sie an, von solchen Dingen erfahren zu müssen, derlei Geheimnisse aufzudecken, Geheimnisse, die besser im Beichtstuhl oder im Grabe aufgehoben waren. Aber dennoch – das wusste sie, weil sie bereits Ahnung von dem hatte, was nun folgte – waren die üblen Taten, die Hasenstock und Gänslein gemeinsam vollbracht hatten, nicht ohne Konsequenzen geblieben. Auf diesen geteilten Erfahrungen, auf ihren Pakt, baute das zukünftige Leben der beiden Männer auf, ein für Gänslein erfolgreiches Leben, aus dem auch Margarethe ihren Vorteil gezogen hatte, denn es hatte aus dem einst verarmten Adelsfräulein eine der reichsten Kauffrauen der Gegend gemacht. Dieses Wissen um den blutigen, schmutzigen Ursprung ihres Erfolges schnürte Margarethe nun die Kehle zu. Dennoch konnte sie nicht aufhören weiterzublättern. Nun wurden die Zeilen sehr unleserlich, eine ganze Seite fehlte, sodass die folgenden Worte aus dem Zusammenhang gerissen waren:

… die Leichen ebenfalls die Klamm hinuntergeworfen. Nun steht nicht nur er in meiner, sondern auch ich tief in Hasenstocks Schuld. Beide müssen wir eiligst fliehen, doch Hasenstock ist schwer verwundet. Einer der venezianischen Häscher hat ihm die Seite aufgeschlitzt. Warum nur hat er die Söldner getötet, die nach mir suchten? Ich habe nichts dergleichen von ihm verlangt. Welche Prüfung erlegt der Herr mir auf? Warum werde ich vom gewaltsamen Tode verfolgt und selbst verschont?

»Ein Blutrausch«, sprach Margarethe zu sich selbst. »Hasenstock hat ihn in einen mörderischen Sumpf hineingezogen, und solange sie sich beide gegenseitig am Schopfe hielten, gingen sie nicht unter. Oh, gütiger Herr.« Sie griff an ihren Nacken und knetete die schmerzende, steife Stelle, dann fuhr sie fort zu lesen. Von dieser Passage an fanden sich nur noch einzelne Sätze, keine vollständigen Eintragungen. Auch ein Datum wurde nicht mehr genannt. Die Worte waren hastig auf der Flucht geschrieben worden.

Wir haben nunmehr Tirol hinter uns gelassen. Die Wunden Hasenstocks beginnen zu verheilen. Er ist nur noch leicht fiebrig. Unser Weg soll uns nach Hameln führen, wo ich ihn seinem Vater übergebe. Er ist voller Dankbarkeit. Ich jedoch empfinde nichts als Verachtung für ihn und mehr noch für mich selbst.

Der nächste Eintrag lautete:

Seit zwei Tagen spüre ich, dass uns jemand auf den Fersen ist. Sollte es sich etwa um weitere Söldner aus Venedig handeln, angeheuert, um mich, den Brandstifter, zu jagen?

Und weiter:

Unser Verfolger ist eine Frau mit einem kleinen Kinde. Ich bemerkte sie am gestrigen Tage, wie sie sich hinter einem Brennholzstapel verbarg, um uns zu beobachten, wie wir in einer Scheune Rast machten. Hasenstock ist wieder fiebrig. Ich erzählte ihm von der Frau, doch er schien meine Worte nicht zu verstehen.

Margarethe überlief eine Gänsehaut bei diesen Worten. Sie wusste längst, um wen es sich bei diesem Kinde handelte, von dem die Rede war. Mit zitternder Stimme las sie flüsternd:

Die Frau ist noch immer da. Gestern Abend überraschte ich sie, wie sie versuchte, einen Kanten Brot aus meiner Tasche zu stehlen. Ich packte sie, sie biss mich und spuckte mich an, beruhigte sich aber, als ihr Kind zu weinen begann. Als ich dem kleinen Knaben ein Stück Wurst reichte, begann die Mutter zu reden. Es handelt sich um die Liebschaft Hasenstocks, die Witwe des Mannes, den ich tötete. Nun ist es gewiss: Der Herr hat mir eine Prüfung auferlegt.

An einem anderen Tag schrieb Reinold Gänslein:

Sie haben sich uns angeschlossen. Wir ließen nunmehr auch das Bayernland hinter uns. Uns erwarten nur noch wenige Tagesmärsche bis in die Heimat meines neuen Gefährten. Hasenstock gesundet, dennoch ist er weiterhin schwach. Fast bin ich darum froh, denn ich fürchte, er könnte sonst der Frau, Maria mit Namen, und ihrem Kinde ein Leid zufügen. Die Gegenwart seiner Geliebten ist ihm ein Graus, er weigert sich, das Weib und ihren Balg mit in die Stadt seiner Väter zu nehmen, und bat mich bereits, sie für ihn zu töten. Lieber stürbe ich selbst, als eine weitere Schandtat zu begehen. Vielmehr sehe ich mich in der Schuld dieser Frau und ihres Kindes, denen ich Mann und Vater raubte.

Margarethe schlug das Buch zu. Sie wusste, dass nichts weiter als unwichtige Notizen folgten. Erst in dem zweiten, nun vor ihr liegenden Tagebuch, ging es mit für die Klärung des Rätsels wichtigen Eintragungen weiter. Es dauerte nicht lang, und sie hatte die richtige Seite gefunden und las:

Am Tage Mariae Geburt

im September des Jahres 1505

Noch immer verweile ich in der Stadt Hameln. Sie ist mir nicht mehr allzu fremd, und ich beginne mich heimisch zu fühlen. Mein Freund Peter Hasenstock übernimmt nach seiner Rückkehr aus Italien und dem Tod seines Oheims nunmehr dessen Apothekerhaus. Alle wollen gerne in ihm einen würdigen Nachfolger des angesehenen Apothekers sehen, mir jedoch ist bekannt, dass er über keinerlei Wissen verfügt, und so hat er mich gebeten, ihm ein heimlicher Lehrer in der Gewürzkunde zu sein. Meine Jahre in Venedig haben mich vieles nicht nur über den Geschmack, sondern auch über die Wirkung zahlloser seltener Gewürze und Drogen gelehrt. Ein Wissen, das auch einem Apotheker von Nutzen ist. Hasenstock hat mir darob das Versprechen geben müssen, der Frau und ihrem Kinde, welche wir unweit der Stadt in einer Hütte untergebracht haben, kein Leid anzutun. Allwöchentlich findet sie den Weg in die Stadt, um sich alles zum Überleben Notwendige abzuholen. Meine Schuld gebietet es mir, ihr dafür das Geld zu geben. Der Herr möge es mir anrechnen und mir an meinem letzten Tage auf Erden nicht mehr allzu sehr zürnen. Ich verspreche ihm außerdem, schon zu Lebzeiten die Hälfte der von mir erwirtschafteten Güter der Kirche und meinem unerschütterlichen Glauben in die Gnade des Herrn zu vermachen. Dieses Versprechen soll mir Anlass sein, mein Vorhaben zu verwirklichen und hier, in der mir fremden Stadt Hameln, ein Handelshaus zu gründen.

Erschöpft schlug Margarethe nun das kleine Buch zu. Es kam ihr so schwer vor wie die riesige Bibel aus der Druckerei des Mainzers Gutenberg, von welcher sie eines der ersten Exemplare in ihrem Schlafgemach aufbewahrte. Ja, schwer war die Last, die sich aus diesen Zeilen auf sie gelegt hatte. Unwissend war sie gewesen, dumm und einfältig hatte sie nichts als den Erfolg und das vermeintlich damit zusammenhängende Glück vor Augen gehabt, als sie die stolze Ehefrau eines aufstrebenden Kaufmanns geworden war. Das Mehren und Bewahren von Reichtum, das Zurschaustellen von Hochmut und Ehre, ein wenig gekünstelte Demut hier, ein bisschen Mitleid mit den Bedürftigen da, tumbe Plänkeleien um Anerkennung – das war ihr Leben gewesen, aber in wahre Abgründe hatte Margarethe Gänslein bislang nie blicken müssen.

Doch eben diese taten sich nun vor ihr auf, und sie war sich nicht sicher, was sie mit dem ungeheuren Wissen, über das sie nun verfügte, anstellen sollte.

Mit dem, was sie da in Händen hielt, konnte sie in zweierlei Form auftreten: als Hexe oder Heilige, als Engel der Rache oder der Wiedergutmachung. Sie hatte die Wahl.

Doch zu müde war sie, um sich gleich entscheiden zu können.