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XXXVII
Wäre die Angelegenheit nicht so verworren und gefährlich gewesen, so hätte man sie ein interessantes Abenteuer nennen können. Zumindest empfand Margarethe Gänslein ihre plötzliche Flucht aus ihrer Heimatstadt als äußerst abenteuerlich, ja sogar verwegen, wenn man bedachte, dass sie zum zweiten Mal an diesem Tage allein in Gesellschaft eines durchaus zwielichtigen Gesellen reiste.
Sie wusste von der Existenz dieses Götz Gugelmann seit dem heißen Sommertag, an dem er vor etwa zwanzig Jahren zum ersten Male nach Hameln gekommen war. Einen enormen Tumult hatte er auf dem Pferdemarkt veranstaltet, mit allerlei Können geprahlt und sogar einen Landsknecht dabei gehabt, der den Leuten erzählen sollte, wie Gugelmann ihn nach einer Schussverletzung im Schädel wieder zum Leben erweckt habe. Am Abend war er dreist bei den Gänsleins vor der Türe erschienen und hatte dem damals aufstrebenden Kaufmann Reinold angeboten, mit ihm ein lohnendes Geschäft abzuschließen. Es war um gewürzartige Pflanzen gegangen, deren Namen und Herkunft der Scharlatan nicht preisgeben wollte; braune, nach getrocknetem Kuhdung riechende Blätter, die eine gar mystische Wirkung entfalteten, wenn man sie in heißem Tee auflöste, sie kaute oder sie, so wie es die Indianer in der Neuen Welt zu tun pflegten, anzündete, um dann ihren Rauch einzuatmen. Reinold hatte diesen Handel höflich ausgeschlagen, was Gugelmann jedoch nicht davon abhielt, ausgerechnet Margarethe mit keckem Blick einen dieser kleinen Dreckklumpen zu überreichen, als handelte es sich dabei um den kostbarsten Rubin auf Erden. Damals war sie – jung, schön, unerfahren, aber dennoch stolz – furchtbar errötet, was der Wundarzt bemerkt und mit einem anerkennenden Lächeln quittiert hatte. Seither mied Margarethe Gänslein Götz Gugelmann und schalt ihn einen Quacksalber und Leutbescheißer, auch wenn sie im Grunde wusste, dass dies kein gerechtes Urteil war.
Denn Gugelmann war tatsächlich ein fähiger Medicus, zumindest auf dem Gebiet der praktischen Chirurgie, die er mit großer Geschicklichkeit und ungeheurem Erfolg beherrschte. Und ein Quacksalber war er ganz und gar nicht, denn von Quecksilber, das wurde er niemals müde zu betonen, ließ er grundsätzlich die Finger. Gesund machen wolle er die Leute, die zu ihm kämen, und sie nicht vergiften, genauso wenig wolle er ihnen durch Schröpfen und Aderlass das Blut aussaugen. Nein, Gugelmanns Heilkunst war von handfester Natur, und wenn er ab und an ein wenig mit angeblichen Wunderwässerchen und berauschenden Kräutern hinzuverdiente, so plagte ihn dabei kein schlechtes Gewissen. Wie anders könnte er einem einfachen Knecht für fünf Kupfermünzen das gebrochene Bein richten, wenn er nicht zuvor einer reichen Bürgersfrau für teures Geld ein nutzloses Pülverchen gegen Runzeln verkauft hätte?
Mit ebenjenem Mann also war Margarethe nun wieder unterwegs. Doch recht wissen, wohin es gehen sollte, tat sie nicht. Die Hauptsache war, die Stadt für einige Zeit hinter sich zu lassen, zumindest so lange, bis sie sicher sein konnte, dass Hasenstock Ruhe bewahrte und seine Drohung vergaß, Margarethe des Kindsmords, des Diebstahls, der Unzucht und gar der Zauberei zu bezichtigen.
Ja, ohnehin herrschten unruhige Zeiten, Zeiten des Aufbruchs, Zeiten der Veränderung, Zeiten, in denen von heute auf morgen nichts mehr so war wie am gestrigen Tage. Alles konnte geschehen, alles konnte sich ändern, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. Sosehr Margarethe es begrüßt hatte, als vor einigen Jahren dieser Mönch aus Wittenberg laut auszusprechen begann, was viele dachten, sosehr es sie freute, dass Bewegung in die alteingesessenen, bereits miefigen und längst untragbaren Traditionen geriet, so genau wusste sie auch um die Gefahr, welche mit einem jeden Wandel verbunden war.
Denn Veränderungen brachten immer auch Ungewissheit mit sich, ja, erzeugten Angst, und wenn Menschen sich fürchteten, dann wurden sie gefährlich. Die Zahl der brennenden Scheiterhaufen hatte in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Aus zahlreichen Nachbarstädten hatte man davon gehört. Auch in Hameln war es zu Prozessen gegen Frauen gekommen, die man der Zauberei beschuldigte. Und es hatte ganz den Anschein, als könnte dieser Hexenwahn zu einer regelrechten Mode werden – einer Mode, die nicht einmal mehr vor angesehenen Bürgersfrauen haltmachte. Ganz im Gegenteil: Vestiarius wusste von Fällen im Süden Deutschlands zu berichten, bei denen es ausschließlich bis dato tugendhafte Ehefrauen von ehrenhaften Ratsherren und erfolgreichen Kaufmännern getroffen hatte – ja, solche Frauen wurden vermehrt der Hexerei beschuldigt, und nicht mehr nur, wie in früheren Zeiten, arme, alleinlebende, bucklige Kräuterweiblein.
Margarethe musste also auf die Verschwiegenheit Hasenstocks hoffen, und diese Hoffnung war keine verzweifelte, denn immerhin hatte auch sie genug gegen ihn in der Hand. Im Fall der Fälle würden sie sich also beide auf dem Scheiterhaufen die Hand reichen können. Und dass ein Peter Hasenstock, selbst wenn er todkrank war und nicht mehr viel zu verlieren hatte, auf einen solchen Abschied vom Leben gern verzichtete, das stand hoffentlich fest. Dennoch war es sicherer für Margarethe, ihm einige Tage Bedenkzeit zu lassen und sich solange nicht in seiner und auch nicht in des Vogts Reichweite aufzuhalten.
Stattdessen ritt sie nun wieder neben Gugelmann einher – Götz Gugelmann, dem Leutbescheißer, der sich seine Treue und Verschwiegenheit sicherlich teuer bezahlen lassen würde.
Doch das kümmerte Margarethe in diesem Moment nur wenig. Sie ging höflich, ja sogar dankbar mit dem Mann um, sprach nur Unbedeutendes mit ihm und umging geschickt jede seiner Fragen nach der Ursache ihrer doch recht außergewöhnlichen Lage. Stattdessen redeten sie über das Wetter, über den Kaiser Karl, der sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland plötzlich dem wachsenden Einfluss der Lutherischen im Reichstage gegenübersah, sie sprachen über die Möglichkeit der Besiedlung der Neuen Welt und über den armen Tor Papst Clemens VII., den Medici-Bastard, welcher nicht nur von Truppen des Kaisers aus Rom vertrieben worden war, sondern auch mit Luther zu kämpfen hatte und zudem vom englischen König Heinrich VIII. mit dessen Scheidungsabsichten überrumpelt wurde.
Während sie so ritten, steuerte Margarethe unverwandt die Richtung an, an der sie den Ort vermutete, von dem sie in den Tagebüchern Reinolds gelesen hatte: die Hütte im Wald, in der einst ihr Gemahl die Frau und das Kind aus den Bergen verborgen hielt und wo Margarethe nun auch ihren Freund Vinsebeck und Johanna zu finden glaubte. Denn ganz so hatte sie das verklausulierte Schreiben des kleinen Apothekers im Nachhinein gedeutet, welches sie kürzlich in ihrem Rosengarten gefunden hatte. Dort hatte es geheißen: »Ja, wir sind zwei, auch drei an Zahl und leben im Verborgnen, wo einst eine Mutter ohne Gemahl gehaust hat voller Sorgen.«
»Wohin darf ich Euch eigentlich begleiten, Margarethe?«, riss Gugelmann Margarethe aus ihren Gedanken.
»Zu einem guten Freund«, antwortete diese nur lapidar und versuchte, gleich wieder an ihr letztes Gesprächsthema über die Sitten und Unsitten der letzten drei römischen Päpste anzuknüpfen. Dann aber erblickte sie von Weitem, dass ihnen der fahrende Jakob mit seinem Alteisenwagen entgegenkam.
Und das war ein großes Glück. Denn auch wenn Margarethe in etwa die Richtung kannte, in der sie zu suchen hatte, so war ihr der genaue Weg unbekannt. Der jüdische Händler jedoch könnte ihr vielleicht behilflich sein.
»Ein schöner Wald, wahrlich ein schöner Wald. Ganz ohne Störungen passiere ich ihn ein jedes Mal. Keine Holzsammler, keine Schweinehirten, keine Räuber, und auch Jagdvolk ist seit einigen Monaten nicht mehr dort.«
»Und wo genau befindet sich dieser Wald?«, fragte Margarethe den freundlichen bärtigen Mann, der sie mit einem breiten Grinsen bereits aus der Ferne begrüßt hatte.
»Am Fuße der Burg Eicheck. Verwaist ist sie, die Burg. Hole von dort schon seit einigen Wochen viel Eisen, Kupfer und auch Blei. Mache prächtige Geschäfte mit den herrenlosen Leuten, die dort hausen. Der Ritter tot, die Frau wirr im Kopf, da macht das Gesinde, was es will. Aber das soll mein Schaden nicht sein.«
»Am Fuße der Burg also. Südlich, östlich, westlich, nördlich? Ich kenne mich dort nicht aus, guter Jakob.«
»Nehmt den Weg dort, liebe Frau«, antwortete der Trödler und zeigte auf einen Pfad hinter sich, der zwischen dichtem Buschwerk verschwand. »Er wird eng und enger, aber davon dürft Ihr Euch nicht schrecken lassen. Selbst meinen Karren ziehe ich hindurch. Nicht weit, und Ihr kommt zu einer Gabelung. Wählt den rechten Weg, er führt durch Nadelgehölz. Ihr passiert einen einsamen Hof. Dort nehmt Euch vor dem bissigen Wachhund in Acht. Er hat mir erst kürzlich den Kaftan zerfetzt. Hinter dem Misthaufen fließt zu dieser Jahreszeit ein Bächlein, nicht tief, aber breit. Folgt ihm bis zu einer knorrigen, uralten Eiche. Ihr erkennt den Baum sogleich, er hat noch nicht ausgeschlagen und steht als Einziger nackt da. Dort haltet Ihr Euch linker Hand. Es gibt keinen Pfad. Wenn Ihr jedoch genau hinschaut, erkennt Ihr Trampelspuren. Reitet so lange, bis Ihr zu einer tiefen Böschung gelangt. Die gilt es zu passieren. Schwierig mit dem Karren, leichter zu Pferde. Ihr werdet eine Möglichkeit finden. Auf der anderen Seite der Böschung müsst Ihr Euch scharf rechts halten, dann gelangt Ihr wie von selbst auf einen alten Jagdweg. Er ist verwachsen, aber dennoch weiterhin gut zu erkennen. Folgt ihm nach links, und dann werdet Ihr nach einer halben Stunde die Hütte finden, wenn Ihr, aufmerksam den Blick nach rechts gewandt, mit den Augen den Wald durchforstet. Sie liegt sehr versteckt, sehr versteckt.«
»Und dort haust Vinsebeck?«, wollte sich Margarethe noch einmal vergewissern.
Der Trödler zog die Schultern nach oben, hob seine Hände in die Höhe und schaute sie an, als wolle er dafür keine Garantie geben.
»Ich vermute, ich vermute«, sagte er nun. »Ich vermute, ich vermute.«
Und dann zog er weiter. Die alten Eisenwaren in seinem Wagen schepperten, als er diesen über Steine und Wurzeln zerrte.
»Man kann ihm trauen«, meinte Gugelmann, dem alten Mann belustigt hinterherblickend. »Er weiß alles, aber er kann schweigen wie ein Grab.«
»Was bleibt ihm auch anderes übrig?«, gab Margarethe zurück. »Leute wie er tun besser daran, nicht aufzufallen. Die Frage ist vielmehr: Könnt auch Ihr schweigen wie ein Grab, Medicus Gugelmann?«
»Das kommt darauf an, wer mich darum bittet.«
»Und wie viel derjenige zu bieten hat, nicht wahr?«
»Seid gewiss, werte Frau, Ihr habt mehr als genug zu bieten.«
Margarethe räusperte sich ein wenig verunsichert, dann sagte sie: »Habt Ihr Euch den Weg merken können, den der Jude soeben beschrieben hat?«
Gugelmann nickte und schenkte ihr dabei ein fast glückliches, knabenhaftes Lächeln.
»Gut. Ich nicht. Werdet Ihr mich also noch ein Stück begleiten? Fünf Dukaten für Eure Diskretion und weitere drei dafür, dass Ihr mir einen Tag Eures Lebens geopfert habt.«
Gugelmanns Lächeln gefror auf seinem Gesicht.
»Na gut, dann zehn statt acht«, sagte Margarethe.
Noch immer starrte er sie regungslos an.
»Zwölf?«, fragte sie. »Etwa dreizehn?«
»Ihr missversteht mich mit Absicht«, sagte er nur und trieb sein müdes Pferd an. »Hier geht es lang, Frau Margarethe.« Und bald darauf war er zwischen Haselsträuchern und Holunderbüschen auf dem engen Pfad, den ihnen der Jude Jakob gewiesen hatte, verschwunden.
Margarethe folgte ihm, irritiert den Kopf schüttelnd.
Was hatte sie denn falsch gemacht?