38227.fb2 Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 40

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XXXVIII

Wieder einmal plagte Justus Carnifex ein dicker Schädel. Ja, ein Kater war gleichsam zu seinem Besten oder vielmehr treuesten Freund geworden. Denn in letzter Zeit verkehrte der Henker ein wenig zu oft im stadtnahen Nobiskrug, wo er, allein in seiner Ecke hockend, unermüdlich billigen Wein und schales Bier in sich hineinkippte. Müde war er immer nur am folgenden Morgen, welchen er regelmäßig verschlief. Er hatte es sich zum Ritual gemacht, erst dann aus seinem Rausch zu erwachen, wenn jemand gegen seine Türe pochte, um ihn für eine der vielen unappetitlichen Aufgaben anzuheuern, die ein Scharfrichter wie Justus Carnifex zu erledigen sich anbot.

Seit er denken konnte, war er ausgestoßen gewesen und allein, aber nie zuvor hatte er sich so verlassen und einsam gefühlt wie in den letzten Wochen. Und schuld daran war nicht nur seine zerstörte Hoffnung, die Magd der Witwe Gänslein betreffend, nein, Schuld daran trug auch sein Bruder, dessen plötzliches Auftauchen und ebenso plötzliches Verschwinden Justus schwer aufs Gemüt geschlagen war. Er vermisste diesen bösen Buben, ja, er hatte sich so sehr daran gewöhnt, nicht mehr allein in der Henkerskate zu hausen, dass es ihm vor allem des Abends und des Nachts schier unerträglich wurde, hier zu sein. Nicht so morgens und mittags, denn da schlief er, wie erwähnt, einen totenähnlichen Schlaf.

Vorgestern hatte ihn ein Büttel mit lautem Rufen und Pochen geweckt, da in der Nacht tatsächlich ein Blitz in den Galgen außerhalb der Stadt eingeschlagen hatte und das Gebilde, samt der noch frischen Gebeine eines jüngst gehängten Beutelschneiders, umgekippt war. Gestern hatte eine alte Fischfrau vor der Türe gestanden, um den Henker darüber in Kenntnis zu setzen, dass die Jauche, welche er kürzlich in die Weser gelassen habe, nicht abgelaufen sei und ihr die Lachse vertreibe. Und auch heute wurde Carnifex von dem wenig freundlichen Klopfen eines Besuchers aus dem Schlaf gerissen.

»Galgenmann!«, vernahm er noch im Traume die raue Stimme eines Büttels. »Galgenmann, du alter Saufbruder. Steh auf!«

Carnifex brummte und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Sein Schädel pochte, und bei jedem Schlag, mit dem der Büttel gegen die Türe hämmerte, wollte ihm fast der Kopf zerspringen.

»Halts Maul und lass das Trommeln sein!«, rief Carnifex. »Was ist los?«

Der Mann vor der Türe begann zu lachen. Justus wusste, dass er keinen Schritt in die Kate des Ehrlosen setzen würde. Zwar war auch der Büttel ein Taugenichts und Halunke, aber die Angst vor dem Henker saß selbst – oder aus gutem Grunde gerade – bei den übelsten Burschen tief.

»Bei den Waschweibern am Ufer ist ein Kadaver angeschwemmt. Irgendein Viech. Hat sich mitten in der Weser an einem Ast verfangen und kann nicht geborgen werden. Die Weiber wollen erst dann weiterwaschen, wenn das verwesende Ding fortgeschafft ist. Beeil dich!«

Dann hörte Carnifex, wie sich die schweren Schritte des Büttels entfernten.

Stöhnend drehte er sich noch einmal auf seinem Lager um. Als die Fliegen jedoch zu lästig wurden, stand er auf, zog sich einen alten Kittel an, setzte sich seine Kappe auf und verzichtete auf Schuhe, da er die Füße ohnehin nass machen würde müssen.

»Hoffentlich ist das Aas noch brauchbar«, brummte er dann vor sich hin und machte sich auf einen Tag gefasst, an dem er eine ersoffene Kuh ausnehmen müsste. Die Haut würde bei der Hitze gut trocknen, und er könnte sie gleich heute Abend zum Gerber bringen. Vielleicht war das Fell in einem noch annehmbaren Zustand, und mit ganz viel Glück auch das Fett. Ein bisschen was einbringen würde das Aas schon, denn Geld konnte Carnifex gut gebrauchen, nachdem sein Bruder mit all seinem ergaunerten Vermögen ohne Abschied von dannen gezogen war.

Lustlos schlurfte er zum unweiten Weserufer und ging an der Stadtmauer entlang bis hin zu der Stelle, an welcher die Weiber bei schönem Wetter ihre Wäsche zu machen pflegten. Er kannte diesen Ort gut, dort hatten er und Till oft als Kinder gespielt. Justus hatte Fische gefangen, während der Bruder lieber seine Zeit damit verbracht hatte, Ratten zu ersäufen.

Etwa ein Dutzend schnatternder Weiber und mindestens doppelt so viele Kinder hatten sich heute am schlammigen Ufer versammelt, und als sie Carnifex erblickten, winkten einige den Henker wild gestikulierend zu sich.

»Änne glaubt, es ist kein Tier«, rief ihm von Weitem eine dicke Frau zu, die er als die Witwe eines Kleinkrämers aus der Osterstraße erkannte.

»Dort drüben hängt das Ding«, rief eine andere, sehr junge, sehr magere Frau und wies mit ihrem ausgestreckten, stockartigen Arm auf den Fluss.

Anders als ihre Mütter, die mit dem Henker nur von ferne sprachen, liefen die Kinder sogleich auf ihn zu, umringten ihn und fragten:

»Gehst du da jetzt hinein?«

»Holst du die Leiche heraus?«

»Glaubst du auch, dass es ein Mensch ist?«

Carnifex gab keine Antwort, sondern stapfte ungebremst und, ohne sich von dem kalten Wasser schrecken zu lassen, direkt in die Weser hinein. Er war ein guter Schwimmer und hatte keine Angst, von der Strömung erfasst zu werden. Zudem war es wahrscheinlich, dass er an dieser Stelle stehen konnte und das tote Ding zu Fuß erreichen würde.

Und so war es auch.

Lediglich bis zur Brust stieg ihm die kalte Brühe, als er bei dem großen Ast ankam, in dem sich das leblose Etwas verfangen hatte.

Carnifex hatte es bereits vom Ufer aus erkannt, war aber zu faul und zu lustlos gewesen, um auf das Geschwätz der Weiber und Kinder zu antworten: Das, was sich da in den Zweigen des dicken Astes verfangen hatte, war der aufgeschwemmte Leichnam eines Menschen. Einer Frau, um genauer zu sein. Zerfressen von Fischen und anderem Getier und bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht, konnte man dennoch ihre eindeutig weiblichen Merkmale nicht verkennen, denn die Frau war splitternackt.

Carnifex musste nicht einmal schlucken. Ungerührt griff er nach dem Ast und schüttelte so lange mit seinen kräftigen Händen an ihm, bis sich die weiße Tote gelöst hatte. Dann nahm er ihren Arm und zog sie hinter sich her zum Ufer zurück. Er war noch nicht ganz im Trockenen angekommen, da hob bereits das Geschrei an. Man rief nach dem Herrgott, dem Heiligen Geist und der Muttergottes gleichzeitig, ging auf die Knie und schlug Hunderte von Kreuzzeichen, murmelte das Vaterunser und das Ave Maria durcheinander, und einige riefen sogar etwas vom Jüngsten Gericht oder von einem bösen Omen.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis nach diesem ungeheuren Tumult der Waschweiber Unmengen an weiteren Menschen aus der Stadt herbeiströmten, um den grausigen Leichenfund zu bestaunen. Allein Justus Carnifex blieb ruhig und gelassen.

Doch nicht mehr lange.

Denn mit einem Male stand die neugierige Begine Regine hinter ihm und der vor ihm liegenden Leiche. Und das, was das alte Schwätzweib sagte, ließ eine böse Ahnung in dem Henker aufkommen. Eine Ahnung, die seinen Bruder Till betraf und die weitläufig auch mit dem Verschwinden der schönen Johanna zu tun hatte. Die alte Begine sagte nämlich leise, aber mit entsetzter Stimme:

»Um Gottes willen, das ist ja die Immeke.«

Dann war sie auch schon wieder verschwunden. Ganz entgegen ihrer Art gab sie ihre soeben erlangte Erkenntnis nicht lauthals preis, sondern huschte möglichst rasch durch die glotzende, aber dennoch scheuen Abstand haltende Menge davon.

»Nein.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch, glaube mir endlich, Mechthild. Sie war es. Von wegen fortgelaufen. Ermordet hat man sie.«

Regine hatte ihre Freundin Mechthild in leicht angetrunkenem Zustand in ihrer Kammer auf der Fensterbank sitzend vorgefunden und sogleich von dem schrecklichen Fund an der Weser berichtet.

»Das ist zu viel des Schreckens an nur einem Tage«, flüsterte Mechthild und griff erneut nach der vor ihr stehenden gläsernen Karaffe, die nur noch zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Schnell nahm Regine das Behältnis fort und stellte es auf eine Truhe am anderen Ende des Raumes.

»Es gilt, einen klaren Kopf zu bewahren, liebe Freundin. Margarethe ist fort, und wir sind nun auf uns gestellt.«

»Die arme, arme Immeke. Gott stehe ihrer treuen Seele bei. Gleich werden die Büttel vor der Türe stehen«, stammelte Mechthild, noch immer auf die Stelle starrend, an der bis vor einem Moment ihr Branntwein gestanden hatte.

»Das glaube ich nicht. Sie war derart verunstaltet, dass es mich wunderte, wenn jemand Immeke in diesem bedauernswerten Wesen erkennen würde«, erwiderte Regine und setzte sich wieder neben Mechthild.

»Oh Gott im Himmel, die arme, arme Immeke«, wiederholte Mechthild. »Aber du hast sie doch erkannt.«

»Ja, ich. Aber ich bin gewiss die Einzige. So hoffe ich zumindest.«

Mechthild nickte.

»Vielleicht ist es besser für Margarethe in ihrer jetzigen, verworrenen Lage, wenn niemand herausfindet, dass es ihre Köchin ist, die da ermordet aufgefunden wurde«, meinte die Begine nachdenklich.

»Vielleicht ist sie auch einfach nur ertrunken«, wandte Mechthild ein.

»Ging Immeke nackt in der Weser baden?«

»Glaubst du etwa, man hat ihr vor ihrem Tode eine Schandtat zugefügt?« Mechthild war entsetzt.

»Man sollte nichts ausschließen, meine Liebe. Der Teufel wandelt in vielerlei Gestalt auf Erden und ist zuweilen häufiger anzutreffen als der Heilige Geist.«

Wieder nickte Mechthild zustimmend. Sie konnte es noch immer nicht fassen.

»Wer mag das nur gewesen sein?«, fragte sie dann, ihren Blick aus dem offenen Fenster auf den Pferdemarkt gerichtet. »Wer konnte einem solch lieben, herzlichen Wesen so etwas antun?« Und dann fügte sie in veränderter Tonlage an: »Der Henker.«

»Das glaube ich nicht. Er ist ein guter Junge. Man sollte nicht vorschnell urteilen«, gab Regine zurück.

»Der Henker«, wiederholte Mechthild und beugte ihren dünnen Oberkörper ein Stück weiter aus dem Fenster heraus. »Er steuert auf unser Haus zu.«

»Er hat doch wohl nicht etwa vernommen, was ich gesagt habe?«, rief Regine nun entsetzt aus und sprang sofort zur Türe, um Justus Carnifex abzufangen.

Er war ein wenig verunsichert, denn nie zuvor hatte Justus Carnifex die privaten Räume einer ehrenhaften Bürgersfrau betreten. Es kam ihm vor, als schändete er mit jedem Schritt, den er in die Kammer der guten Frau Mechthild setzte, nicht nur den blank polierten Boden, sondern auch den Leib der frommen Witwe, welche jedoch, anders als erwartet, einen recht unerschrockenen Eindruck machte, als der Scharfrichter mit einem Male im Schlepptau der Begine auf sie zukam.

Mechthild hatte die Abwesenheit der Freundin genutzt, um sich erneut eine Stärkung zu genehmigen, und diese Stärkung war so stark gewesen, dass sie nun in einen Zustand der Gleichgültigkeit übergegangen war.

»In Anbetracht der ohnehin ungewöhnlichen Lage habe ich mir erlaubt, den jungen Carnifex ins Haus zu bitten«, sagte Regine aufgeregt und wies Justus einen Platz auf einem ungepolsterten Stuhl an. »Er hat uns etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Mechthild nickte und schenkte dem jungen Mann ein freundliches Lächeln, was Carnifex’ Unsicherheit nur noch mehr förderte.

»Mein Bruder«, stammelte er nur, während er sich seine rauen Hände rieb. »Mein Bruder.«

»Er meint«, mischte sich Regine erklärend ein, »dass sein Bruder bezahlt worden sei, um Schabernack im Hause Gänslein zu treiben. Jetzt fürchtet er, nachdem Immeke tot ist, dass der Unhold sein Spiel zu weit getrieben habe und möglicherweise auch mit Johannas Verschwinden zu tun habe. Ich glaube«, und das fügte sie im Flüsterton an Mechthild gewandt an, »der arme Junge hat sein Herz an eure Johanna verschenkt.«

»Johanna ist mit dem Schönling auf und davon, so zumindest hat Margarethe es mir versichert«, lallte Mechthild.

»Aber nein doch«, rief Regine nun laut aus und warf der Freundin einen bösen Blick zu. »Nein, es könnte doch wirklich sein, dass sie entführt wurde.« Dabei stieß sie Mechthild einen Ellbogen in die Rippen, eine Geste, die der Angetrunkenen deutlich machen sollte, dass sie der Hilfe des Henkers bedurften und man ihn deshalb nicht entmutigen sollte.

»Er glaubt tatsächlich, Carnifex, dass sein Bruder der armen Immeke dieses Leid zugefügt hat?«, fragte die Begine.

Der Angesprochene nickte nur stumm.

»Hat er es aus reiner Boshaftigkeit getan, oder steckte etwa ein Auftrag dahinter?«, bohrte die Laienschwester weiter.

»Hasenstock«, stammelte Justus. »Oder aber der Fremde, mit dem Till zu tun hatte.«

»Einer von beiden also. Na, wer hätte das gedacht?«, fügte Regine an.

»Ich«, antwortete Mechthild nun. Und dann erhob sie sich und schwankte eilig zur Türe. »Ich hätte es wissen müssen.«

»Wohin gehst du?«, rief Regine ihr nach.

»Endlich Licht ins Dunkel bringen«, rief diese zurück. Und ihre Stimme klang mit einem Male wieder nüchtern.