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XXXIX
Nur er kannte den Ort, an dem sie ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Es war ein unscheinbarer Platz unter einem eigentümlich verwachsenen Kastanienbaum. Sie hatte Kastanien geliebt. Ihre Augen hatten die gleiche Farbe gehabt, dieses leuchtende, frische und gleichzeitig tiefe Braun, hinter dem sich so viel Liebe, so viel Kummer, aber auch Umtriebigkeit und Eigensinn verbargen.
Nun saß Philipp hier auf dem Waldboden neben der nicht sichtbaren Ruhestätte seiner Mutter und grub gedankenverloren mit den Händen eine keimende Kastanie an der Stelle ein, unter der ihr verfallender Leib seit nunmehr zwei Jahren lag. Dieser kleine Baum, der sich vielleicht eines Tages über ihr erheben würde, sollte alles sein, was von ihnen blieb. Nichts anderes in dieser gottverdammten Gegend durfte mehr daran erinnern, dass hier einst eine Frau aus dem fernen Tirol mit ihrem Kind gelebt hatte. Alles musste ausgetilgt werden und in Vergessenheit geraten.
Alles.
So hatte er entschieden.
Er konnte sich selber nicht erklären, warum er derartig dazu getrieben, ja regelrecht gezwungen wurde, die Vergangenheit auslöschen zu wollen. Zeitweise hatte er geglaubt, milder handeln zu können, Abstriche zu machen und, um seines eigenen Vorteils willen, ein angenehmes Leben dem Sinnen nach Genugtuung vorzuziehen. Doch allein die Vorstellung, die Witwe des Mörders seines Vaters zu heiraten und in den Federn dieses Mannes zu liegen, ließen das ihn seit seiner Kindheit plagende Gefühl nur schlimmer werden. Er wollte keinen Vorteil, er wollte einfach nur noch Ruhe. Denn jenes Gefühl, welches ihn seit so vielen Jahren tagaus, tagein treu begleitete, war ebendiese erschreckende Unruhe, diese Rastlosigkeit, dieser nie vergehende Zustand quälender Ungeduld. Es musste endlich ein Ende haben.
Sein Leben und das Leben seiner Eltern waren ein einziges Unglück gewesen. Hätte er sich jemals an einen Priester gewandt, so wäre ihm gesagt worden, er solle nicht mit seinem Schicksal hadern, er solle von Gott nicht verlangen, was auch anderen, armen Menschen verwehrt bliebe. Doch Philipp empfand sich nicht wie alle anderen. Er hatte sich schon immer für besonders gehalten, und in diesem Empfinden hatte sie, seine Mutter, ihn stets unterstützt. Ein Teil dieser Besonderheit war sein Stolz, sein unbändiger Stolz, den man so oft zu brechen versucht hatte und der durch einen jeden dieser mitunter grausamen Versuche nur gewachsen war. Es war ihm bewusst, dass er sich dadurch bereits am Rande des Wahnsinns befand, es war ihm bewusst, dass es besser für ihn wäre, endlich von der Befriedigung dieses Stolzes abzulassen, sich eine Frau zu nehmen, ein Haus zu bauen und Kinder zu zeugen. Doch dafür war der rechte Zeitpunkt noch nicht gekommen. Nicht hier und nicht jetzt.
Sein Vater, der arme Holzfäller, hatte ein Haus gebaut, eine Hütte nur, aber dennoch ein Heim für sich, sein Weib und die gemeinsame Nachkommenschaft. Es war ein entbehrungsreiches, hartes Leben gewesen, aber dennoch ein geordnetes, und es hätte glücklich sein können, wenn diese beiden Männer nicht eines Tages in ihrem Dorf in den Bergen Tirols erschienen wären. Diese beiden unbedarften jungen Burschen hatten alles zerstört, die Mutter entehrt, den Vater erschlagen und das Kind seiner Heimat beraubt. Fortan hatten Maria und Philipp ein Vagabundenleben geführt, hatten wie Vogelfreie im Wald gehaust, waren von den Almosen derer abhängig, die ihnen zuvor alles genommen hatten. Und während diese beiden sich ein schönes Leben machten, zu Ruhm und Reichtum gelangten, sanken ihre Mitbringsel aus den Bergen immer tiefer und tiefer. Maria wurde zur Hure und Philipp zum Mörder.
Es widerte ihn an, darüber nachzudenken, aber er konnte nicht anders. Nicht, solange noch existierte, was an diese traurige Geschichte erinnerte. Dreierlei Dinge waren es, die es zu vernichten galt, bevor das Geschehene endgültig ausgelöscht war. Drei Akte waren zu vollziehen, drei unangenehme Aufgaben zu erfüllen. Und diese Aufgaben hießen: Hasenstock, das Vermögen Gänsleins und die Hütte im Wald.
Philipp atmete fast erleichtert auf, als dieser endgültige Plan nun so fest und unerschütterlich in seinem Kopfe gereift war. Es war ein schreckliches Vorhaben, und am Ende würde es keinen Sieger geben, denn auch er würde auf alles verzichten. Kein Umgarnen reicher Witwen mehr, kein Bestehlen tumber Ritter. Nichts würde er mitnehmen, wenn er schließlich diese schreckliche Gegend verließ, nichts, rein gar nichts, außer ein endlich ruhig und zufrieden pochendes Herz.
»Philipp?«
Als er plötzlich seinen Namen vernahm, schreckte er auf, als habe man ihn gellend angeschrien. Dabei war es nur die sanfte Stimme Johannas gewesen, die sich ihm langsam und vorsichtig näherte.
»Hier bist du. Darf ich mich zu dir setzen?«
Er nickte, wenig erfreut über das Auftauchen dieser Frau.
Es war nicht so, dass er sie nicht mochte. Im Gegenteil, er hatte sie gern, sehr gern sogar, aber gerade das war es, was ihn an ihr störte. Er konnte sie in dieser Lage seines Lebens nicht gebrauchen – die Liebe. Nicht die Liebe einer Frau und auch nicht die Freundschaft dieses Zwerges. Er wollte das nicht. Er wollte frei, ungebunden sein, ja, ungeliebt, gemieden, mitunter unsichtbar. Jegliche Nähe war ihm ein Graus, aber dennoch ertappte er sich dabei, dass er sie suchte, dass er sich nach Wärme und Vertrautheit sehnte, und genau das spendete Johanna ihm. Und darum fürchtete er sich so sehr vor ihr.
Er wollte sie nicht verletzen, und er hasste sich selbst dafür, dass er schwach geworden war, dass er ihr gezeigt hatte, was möglich wäre, wenn es ihm gelänge, seinen dunklen Schatten abzuwerfen. Doch längst hatte er entschieden, ihn zu behalten, den Schatten noch eine Weile mit sich zu tragen. Zwar wärmte er nicht, zwar hasste er ihn, aber dennoch bot er ihm einen Schutzschild, der ihn vor so manchen üblen Verletzungen bewahrte.
»Ich werde wieder gehen«, sagte er nur, als sie sich scheu, aber mit erwartungsvollem Blick neben ihn gesetzt hatte.
»Warum?«, fragte sie leise. In ihrer Stimme klang Enttäuschung mit.
»Dies ist kein Ort, an dem ich bleiben möchte.«
Ihre Schultern berührten sich. Es war angenehm, gerne hätte Philipp sie umarmt, doch er tat es nicht.
»Wohin wirst du ziehen?«
»Dahin, woher ich einst gekommen bin.«
Sie schwieg eine Weile. Er spürte, dass sie innerlich aufgewühlt war und es sie Überwindung kostete, ihn Folgendes zu fragen, denn sie fürchtete sich vor der Antwort:
»Gehst du allein?«
Er biss sich auf die Lippen und starrte auf eine weitere keimende Kastanie, die er in der Hand hielt. Seine Finger spielten an dem grünen Keimling herum, er war nervös, und mit einem Mal hatte er das zarte Gewächs abgebrochen. Scheinbar nachlässig warf er die Kastanie und ihren zerstörten Sprössling fort.
»Ja«, sagte er abgehackt und stand auf. Dann zog er auch sie an den Händen nach oben und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Nicht einmal in die Augen konnte er ihr dabei blicken.
Es war für beide wie eine Wohltat, einige Schritte entfernt hinter dem Untergehölz plötzlich die helle Fistelstimme Vinsebecks zu vernehmen. Doch das, was dieser rief, versetzte beide in Erstaunen und lenkte sie von dem soeben erlebten traurigen Moment ab.
»Frau Margarethe! Aber Frau Margarethe! Was macht Ihr denn hier?«, rief der Zwerg aufgebracht und zugleich freudig erregt.
Johanna wusste selbst nicht, wie ihr geschah. Im Grunde hätte sie sich freuen müssen, Margarethe wiederzusehen. Sie hatte sich Sorgen um das Wohlergehen ihrer Herrin gemacht und war manches Mal von ihrem schlechten Gewissen geplagt gewesen, Margarethe könnte das plötzliche Verschwinden der Magd falsch verstanden haben. Dahingehend etwa, dass Johanna sich heimlich mit dem für Vinsebecks Befreiung bestimmten Lösegeld aus dem Staube gemacht habe. Es war eine Erleichterung für Johanna, nun von der urplötzlich in ihrem Versteck erscheinenden Kauffrau freundlich, ja herzlich begrüßt zu werden. Aber dennoch konnte sie sich eines gewissen Unbehagens nicht erwehren.
Sie weigerte sich regelrecht, in diesem Unbehagen Eifersucht zu erkennen, während sie Margarethe und Philipp traurig hinterherblickte, als diese nach der allgemeinen Begrüßung allein im Wald verschwanden.
»Man kennt sich?«, fragte nun der fahrende Heiler Gugelmann, der hinter der leicht bekümmerten Johanna stand und über dessen Anwesenheit sich zu wundern sie bisher noch keine Zeit gefunden hatte.
»Ihr meint die beiden?«, fragte Johanna stumpf, in Richtung Margarethe und Philipp nickend. »Ja, sie kennen sich.«
»Wie gut kennt man sich? Als ihre ehemalige Magd wirst du doch über derlei Angelegenheiten deiner Herrin gewiss Kenntnis besitzen.« Sein Gesicht wirkte unbefangen, ja keck, als er diese unverblümte Frage an Johanna richtete. Aber dennoch erkannte sie an seinen Augen, dass er nicht aus purer Neugier fragte.
»Selbst wenn ich über diese Kenntnis verfügte, würde ich als treue Bedienstete dazu schweigen, mein Herr.«
Nun stellte er sich unmittelbar neben sie und blickte sie fröhlich von der Seite an. Sie hatte bereits auf dem Markt in Hameln, als sie den Zahnbrecher zum ersten Male gesehen hatte, bemerkt, dass es sich bei diesem um einen zwar nicht unbedingt schönen, aber dennoch durchaus interessanten Mann handelte, welcher es verstand, insbesondere auf das weibliche Geschlecht Eindruck zu machen.
»Ist Eure Herrin nun in diesen Jüngling verliebt?« Er blieb hartnäckig.
»Wie kommt Ihr darauf?«
»Ist sie es?«
»Mit welcher Berechtigung wollt Ihr das in Erfahrung bringen?«, fragte Johanna zurück. Auch wenn er frech und neugierig war, wirkte dieser Mensch dennoch angenehm und durchaus ehrlich. Es war ihr nicht unwohl, mit ihm zu reden.
»Ich mag sie, Eure Herrin. Aber ich fürchte, es ist ihr gleich.«
Johanna räusperte sich und merkte dann etwas verlegen an: »Mit Verlaub, mein Herr, aber ich fürchte, sie ist anderen Standes als Ihr.«
»Das weiß ich doch«, lachte er. »Und darum frage ich auch nach ebendiesem da, mit dem sie sich unbedingt unterhalten wollte. Denn der ist auch nicht ihres Standes.«
»Ich verstehe nicht, was Ihr meint.«
»Es interessiert mich herauszufinden, ob sie … nun, wie soll ich mich ausdrücken? … ob ihr viel am Dünkel gelegen ist, oder ob sie auch gewillt sein könnte, womöglich einfach ihrem Herzen zu folgen.«
Johanna blickte ihn erstaunt an: »Das habt Ihr sehr schön gesagt.«
»Vielen Dank.« Nun schien er etwas verlegen. »Ich gehe davon aus, dass dieser junge Mann, mit dem sie soeben in den Wald verschwunden ist, bereits sein Herz anderweitig verschenkt hat.«
Johanna lief rot an: »Wer sagt Euch das?«
»Die Erfahrung. Allein die Erfahrung, mein Kind«, erwiderte er spitzbübisch.
»Lieber wäre mir, wenn ich Euch um Eure Erfahrung als Knochenbrecher bitten dürfte«, lenkte sie nun vom Thema ab. »Dort im Haus haben wir einen Verletzten. Er ist vor zwei Tagen von Pferdehufen niedergetrampelt und dann von einem Wagen überrollt worden. Vinsebeck ist mit seinem Apothekerlatein am Ende, aber vielleicht könnt Ihr uns behilflich sein, Meister Gugelmann.«
»Ich werde sehen, was ich machen kann«, antwortete er und folgte der Magd in die Hütte.
Bevor sie über die Schwelle traten, warfen sie jedoch noch beide einen Blick in die Richtung, in der Margarethe und Philipp verschwunden waren.
Sie wusste also alles.
Philipp war erstaunt. Es verblüffte ihn, dass der Mörder seines Vaters so aufrichtig gewesen war, seine gesamten Schandtaten offenbar unverblümt niedergeschrieben zu haben. Ohne Auslassungen und ohne sich selbst in ein besseres Licht rücken zu wollen. Denn ganz so klangen die Worte Margarethes, als sie ihm von dem berichtete, worüber auch sie bis vor wenigen Wochen noch unwissend gewesen war.
Sie entschuldigte sich nicht für ihren verstorbenen Gatten, nahm ihn nicht in Schutz. Sie blickte Philipp nur ruhig in die Augen und erzählte alles, was sie erfahren hatte. Und einiges davon, das musste er zugeben, hatte er selbst bislang nicht gewusst. Es tat ihm weh, bestätigt zu bekommen, was er schon immer geahnt hatte – dass seine Mutter eine läufige Hündin gewesen war, dass sie sich dem jungen Peter Hasenstock selbst angeboten und damit ihren Gatten, Philipps Vater, entehrt hatte. Es schmerzte ihn zudem zu vernehmen, wie es zu dem Totschlag gekommen war. Und vor allem schämte er sich dafür, dass seine Mutter so wenig Stolz hatte und nach dem gewaltsamen Ableben seines Vaters dessen Mördern regelrecht hinterhergeschlichen war. Und das nicht etwa, um sich zu rächen – nein, sondern vielmehr, um sich ihnen weiterhin anzubieten.
Vor Ekel und Scham hätte Philipp auf den Boden speien können, doch er nahm sich zusammen und lauschte mit zusammengekniffenem Mund den ruhig ausgesprochenen Worten dieser wahrlich bemerkenswerten Frau. Sie verschwieg nichts, nicht einmal die Tatsache, dass ihr späterer Gemahl bereits in Venedig straffällig geworden war, sie erzählte auch von dem Mord Hasenstocks an dessen eigenem Onkel und von dem Komplott, welches die beiden sündhaften Burschen daraufhin geschlossen hatten. Ein Komplott, in welches Philipps arme und bis dahin unbescholtene Familie allein wegen der Schönheit seiner Mutter hineingeraten war.
»Sie haben sich in einem Teufelskreis verfangen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab«, beendete Margarethe ihren Bericht. »Und während sie selbst es verstanden, sich innerhalb dieses Kreises einzurichten und gar ihren Vorteil aus den widrigen Umständen zu ziehen, mussten andere leiden. Allein Gott wird über Reinold Gänslein und Peter Hasenstock zu richten wissen.«
Nun lachte Philipp bitter auf.
»Damit hättet Ihr Euch fein aus der Angelegenheit herausgezogen, gute Frau.«
»Ich will mich nicht herausziehen, Philipp. Nennt mir eine Möglichkeit, das begangene Unrecht zu tilgen, und ich werde sie ergreifen«, bot sie ihm an.
»Es gibt nur eine Möglichkeit, und die wird schmerzhaft für Euch sein, Margarethe. Ich habe lange nachgedacht und meine Meinung Euch gegenüber geändert. Ihr habt es nicht verdient, betrogen zu werden. Aber dennoch kann ich nicht einfach so von dannen ziehen.«
Margarethes Mundwinkel zuckten nervös, sie glaubte die verklausulierten Worte des jungen Mannes zu verstehen. »Und darum werdet Ihr mich nicht weiter umgarnen, sondern seid damit zufrieden, wenn ich die Schuld meines Gatten mit Geld begleiche? Das werde ich gerne tun, Philipp.«
»Ihr denkt wohl, mit Eurem schmutzigen Geld könntet Ihr alles kaufen, nicht wahr?«, gab er zurück. »Aber niemand braucht es. Ich habe es versucht, von Eurem Gold zu leben, Margarethe. Bin mit Vinsebecks Lösegeld nach Köln gegangen, wollte dort feiern, schmausen, saufen und huren. Doch es ging nicht. Ich will dieses Geld nicht, ebensowenig, wie Ihr es wollt.«
Margarethe blieb eine Weile stumm. Er wollte kein Geld, und er wollte auch ganz offensichtlich nicht sie. Was wollte er dann?
»Philipp, sagt mir, wie es weitergehen soll«, fragte sie schließlich bedrückt.
»Es muss alles anders werden, nichts darf bleiben, wie es ist«, antwortete er leise. Dann nahm er ihre Hände, betrachtete sie eine Weile mit den Augen eines kleinen, traurigen Jungen und sprach: »Erschreckt nicht über das, was kommen wird. Seht es als einen brutalen Akt der Befreiung. Es muss sein, Margarethe. Es muss sein. Und ich bin sicher, dass Ihr es mir verzeihen werdet.«
Dann küsste er ihre Hände und verschwand.
Margarethe ließ sich schwer atmend auf einem Baumstumpf nieder.
Dieser Mann war wahnsinnig, von Gott verlassen und vom Teufel besessen, er war zum Fürchten. Aber dennoch fürchtete sie sich nicht vor ihm. Nicht vor ihm, und auch nicht vor dem, was er ihr angekündigt hatte.
Aber warum hatte sie keine Angst?
Margarethe kannte die Antwort auf diese Frage selber nicht.