38227.fb2 Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 42

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XL

Mein werter Kollege und Freund,

nach zwei Tagen Abstinenz bin ich nun wohlbehalten in meine Heimatstadt zurückgekehrt. Die lange Reise nach Lübeck war zu meinem Glück nicht notwendig, sodass es mir nun eine Freude ist, Euch möglichst bald wiedersehen zu können. Erweist mir bitte die Ehre und seid am heutigen Abend Gast in meinem Hause. Im kleinsten Kreise, bestehend aus niemand anderem als Euch und meiner Wenigkeit, werde ich Euch einen wahrhaft köstlichen und unvergesslichen Empfang bereiten. In ungeduldiger Erwartung

Eure Margarethe Gänslein

»So etwas würde Margarethe niemals schreiben«, protestierte Mechthild erneut.

Und während der Stiftsherr Vestiarius, dem es gelungen war, die Handschrift seiner verehrten Freundin haargenau zu imitieren, nur betreten auf den Tisch starrte, riss die Begine Regine der schimpfenden Mechthild den Brief aus der Hand, um ihn zu falten und zu versiegeln.

»Gewiss würde sie so etwas niemals schreiben. Aber hier geht es nicht darum, was Margarethe tut oder unterlässt. Hier geht es allein darum, diesen Unhold zu uns zu locken. Und wie anders sollte das gelingen, als mit einem solch eindeutigen Angebot?«, erwiderte Regine entschieden.

»Wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, werte Damen, so möchte ich sagen, dass dieses von uns verfasste Angebot so eindeutig gar nicht ist«, fügte Vestiarius leise an.

»Hörst du es, Mechthild? Es geht noch deutlicher. Woher auch immer unser hochwürdiger Kanoniker Vestiarius so etwas weiß.«

»Ich möchte doch bitten«, beschwerte sich dieser bei der spitzzüngigen Begine, die im Übrigen nicht zu dem Kreise von Personen in der Stadt Hameln zählte, welche sich der Wertschätzung des Stiftsherrn erfreuten.

Nur durch Zufall war er in diese Angelegenheit hineingeraten, als er am Nachmittag der verehrten Margarethe seinen allwöchentlichen Besuch hatte abstatten wollen. Doch anstelle der schönen Witwe war er nur auf diese beiden aufgeschreckten Vogelscheuchen gestoßen – und, Gnade ihnen Gott, auf den Scharfrichter Carnifex, welcher sich jedoch, als er den ehrenwerten Gast eintreten sah, rasch empfahl. Sofort hatte Vestiarius die Tagebücher wiedererkannt, welche die beiden Frauen auf dem großen Tisch der Stube ausgebreitet hatten. Sie waren von gleicher Machart wie jenes, das ihn vor gar nicht langer Zeit in eine solch peinliche Lage der Witwe Gänslein gegenüber gebracht hatte. Er erinnerte sich nur sehr ungern und nicht, ohne erröten zu müssen, daran zurück. Nun hatten also die Base und die Begine ihre Schwierigkeiten mit der Entschlüsselung der Zeilen, und nachdem die vertrauensselige Mechthild ihn unter Protest der Laienschwester in die Verzwicktheit ihrer und auch Margarethes Lage eingeweiht hatte, war es ihm geradezu als eine Pflicht erschienen, den beiden zu helfen.

So hatte er also zunächst, dank seines Scharfsinns, die Geheimschrift erneut enträtselt, dann zu seinem eigenen und dem Entsetzen der beiden Frauen zwei Stunden lang aus den Büchern vorgelesen und danach rasch zusammen mit den beiden Weibern den Plan geschmiedet, dem Lüstling und Mörder Hasenstock ein Schnippchen zu schlagen. Dazu war es notwendig gewesen, eine fingierte Botschaft Margarethes an den Apotheker zu entwerfen, was Hubertus Vestiarius, der die Handschrift der verehrten Witwe im Schlafe imitieren konnte, ein Leichtes gewesen war.

Und nun wurde der faule Küchenjunge gerufen, um die Botschaft abzugeben.

»Na, hoffentlich wird dieser Widerling auch so kurzfristig Zeit finden, hierherzukommen«, sagte Regine schnaufend, während sie sich, ganz so, als habe sie einen schweren Arbeitstag auf dem Rübenacker hinter sich, in dem dick gepolsterten Stuhl zurücklehnte.

»Der kommt«, ergänzte Mechthild nur. Sie hingegen machte einen wenig gefassten, ja sehr nervösen Eindruck.

Vestiarius erging es nicht anders. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er sich nun klammheimlich hätte davonschleichen können. Es war ihm ganz und gar nicht angenehm, in eine solch pikante Sache hineingezogen zu werden. Aber immerhin ging es um die Ehre, sogar um das irdische Fortbestehen Margarethe Gänsleins, und es wäre ihm sehr peinlich gewesen, wenn diese im Nachhinein erfahren müsste, dass ihr treuer Freund Vestiarius in ihrer schwersten Stunde das Weite gesucht hätte. Also blieb er und hoffte innerlich, dass Peter Hasenstock nicht zu dem in Kürze anberaumten Stelldichein erscheinen würde, um Vestiarius hier anzutreffen.

Doch diese Hoffnung war vergebens.

In seiner freudigen Erwartung konnte Peter Hasenstock gar nicht mehr damit aufhören, in die Hände zu klatschen.

»Jetzt hab ich dich so weit«, sagte er mit einem wie festgewachsenen Grinsen im Gesicht.

»Meinst du mich, mein Peterlein?«, fragte seine Gattin, die am anderen Ende des Raumes in einem kleinen Erker saß und mit einer Stickarbeit beschäftigt war.

Hasenstock beachtete sie gar nicht, und sie schien an diese Ignoranz so gewöhnt, dass sie ungerührt weiter ihrer Tätigkeit nachging und nur hin und wieder seufzend und sehnsüchtig einen Blick aus dem offenen Fensterladen hinaus auf die belebte Osterstraße warf, auf welcher das Leben an ihr vorbeizog.

»Das wird ein Fest«, sagte ihr Gemahl derweil wieder zu sich und ging, ohne sich von seiner jungen Frau zu verabschieden, aus dem Raum. Fein wollte er sich machen, ganz besonders herausputzen wollte er sich, nachdem sie ihn zuletzt in einem derart verwahrlosten Zustande gesehen hatte. Nun würde sie ihn von einer ganz anderen Seite kennenlernen, ja, das würde sie. Dumm nur, dass er ausgerechnet heute nicht besonders gut bei Kräften war. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden, dachte er und klatschte erneut in die bereits wunden Handflächen.

Nur eine halbe Stunde später stand er vor dem Hause Gänslein und zog an der großen Glocke – innerlich amüsiert, denn im Grunde müsste er gar nicht läuten, verfügte er doch längst über einen Schlüssel zu dieser imposanten Wohnstatt. Es dauerte nicht lang, und eine junge Magd öffnete die Türe. Sie schien darüber in Kenntnis zu sein, dass der Apotheker Hasenstock erwartet wurde, und bat ihn herein. Schüchtern wies sie mit ihrer zierlichen Hand die Treppe zur Galerie hinauf und sagte so leise, dass er es kaum verstehen konnte:

»Man erwartet Euch hinter der geöffneten Türe im ersten Stock.«

Wie ein junger Hirsch sprang Peter Hasenstock sodann, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf. Nur eine Türe auf der langen Galerie stand offen, und er ahnte, ja, er hoffte zu wissen, welcher Raum sich dahinter verbarg.

»Ja«, hauchte er und ging nun etwas bedächtiger auf ebendieses Zimmer zu. Vorsichtig lugte er um die Ecke – und tatsächlich: Was erblickte er dort? Es war ein Schlafgemach – ihr Schlafgemach. Die ganz private Kammer dieses verhassten und gleichzeitig begehrten Weibes. Flugs schlüpfte er in den – bereits für seinen Empfang erhellten – Raum und schloss die schwere Türe hinter sich. Sie war nicht dort, sie würde ihn sicherlich überraschen, wartete gewiss in dem Ankleidezimmer auf ihn. Nun, sie könnte eine gehörige Überraschung erleben.

Eilig riss er sich die Kleider vom Leibe und schritt nackt, wie er war, auf den großen Spiegel zu, in welchem er sich in all seiner bereits vergehenden Pracht betrachten konnte. Das, was er da sah, war mehr als ernüchternd, konnte jedoch einen Peter Hasenstock nicht aus der Fassung bringen. Gewandt sprang er zu dreien der brennenden Kerzenleuchter und pustete sie aus. Ein erneuter Blick in den Spiegel lieferte ein dementsprechend angenehmeres Resultat. Ein wenig Rosenwasser, an die Lenden gespritzt, rundete den Eindruck ab, sodass Hasenstock nun zufrieden und freudig erregt in das wunderbare Bett der noch zu erwartenden Frau schlüpfte.

Dort lag er, die Haltung eines griechischen Adonis nachahmend, eine ganze Weile. Es begann ihn bereits zu frieren, und der lästige Juckreiz setzte ebenfalls ein. Doch als er im Begriff war, sich mit einem der üppigen Kissen zu bedecken, öffnete sich endlich die Türe zu der Nebenkammer des Schlafgemachs.

Nun war sie also so weit.

Das Vergnügen konnte beginnen.

Neue Zeiten würden anbrechen.

Mechthild schrie entsetzt auf.

Die Begine Regine fing lauthals an zu lachen.

Und Hubertus Vestiarius wandte verstört den Blick ab.

Regine war die Erste, die ihre Fassung wiedererlangte und mit strengem Ton und lauter Stimme, an den noch immer tumb glotzenden, seine Blöße bedeckenden Hasenstock gewandt, sagte:

»Wir haben ein Wörtchen mit Euch zu sprechen, werter Herr. Es geht um Euren Onkel, es geht um den Tod der Köchin Immeke, und es geht um zahlreiche Einbrüche in ebendieses Haus. Ich nehme es vorweg: Am Ende unseres Gesprächs wird herauskommen, dass Ihr gut daran tut, für den Rest Eures kümmerlichen Daseins nichts weiter zu unternehmen, als Salben gegen Eure eigene Pestilenz anzurühren.«