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XLI
In Götz Gugelmanns Augen kam es schier einem Wunder gleich, dass dieser unglückselige Mann noch lebte. Seit nunmehr zwei Tagen versorgte er ihn unter dem misstrauischen Blick des kleingewachsenen Hamelner Apothekers, welcher sich durch das plötzliche Erscheinen des Wundarztes empfindlich in seinem Wirkungskreis gestört fühlte. Wie ein Kobold war er im Raume auf und ab gesprungen, als Gugelmann begonnen hatte, die zertrümmerten Knochen des Fiebernden zu schienen. Einen Metzgermeister hatte der kleine Mensch ihn geschimpft, worüber Gugelmann nur hatte lachen müssen, denn im Grunde hatte er längst bemerkt, dass Hans Vinsebeck trotz aller Proteste ein großes, jedoch verborgenes Interesse für die Arbeit des fahrenden Medicus hegte. Mit seinen kleinen, wieselähnlichen Augen beobachtete er jeden Handgriff des anderen. Ja, ab und zu war Gugelmann regelrecht zusammengefahren, denn der Zwerg verfolgte ihn auf Schritt und Tritt – er stand sogar hinter ihm im Wald, wenn Gugelmann einmal austreten musste. Lästig hätte dies sein können, gruselig gar. Doch Gugelmann machte es nichts aus, er fühlte sich zu wohl in der Nähe Margarethe Gänsleins, als dass ihn dieser Zwerg arg hätte stören können.
Als ein wenig unheimlich jedoch empfand der Wundarzt die Tatsache, dass er den Winzling so manches Mal dabei ertappen musste, wie dieser gar sehnsüchtig darauf zu warten schien, dass der Kranke vielleicht doch bald das Zeitliche segnete. Denn auch wenn Vinsebeck Gugelmann einen Metzgermeister schimpfte, so war es doch vielmehr er selbst, der den Eindruck erweckte, in dem bettlägerigen, jungen Mann nichts weiter als ein wertvolles Stück Fleisch zu sehen, das man nach dem Tode herrlich weiterverarbeiten konnte.
Selbst für einen weitgereisten Lebemann, wie Götz Gugelmann einer war, war die Situation, in der er sich seit einigen Tagen wiederfand, mehr als eigentümlich. Er hatte in den fünfundvierzig Jahren seines Lebens eine Menge merkwürdiger Dinge erfahren, war in die verwegensten Lagen geraten – doch zusammen mit einer reichen Witwe, einem verrückten Zwerg, einer geheimnisvollen Magd und einem sterbenden Henkersknecht in einem düsteren Walde gehaust, das hatte er noch nie. Aber dennoch gefiel es ihm, es gefiel ihm sogar ausgesprochen gut, besonders nachdem dieser mysteriöse junge Kerl namens Philipp urplötzlich und ohne Abschied verschwunden war. Dieser allein war Gugelmann ein Dorn im Auge gewesen. Seine weitere Anwesenheit hätte ihm tatsächlich Unbehagen bereitet. Und das nicht allein deshalb, weil der Medicus Philipp als Nebenbuhler um die Gunst der schönen Witwe hätte betrachten müssen, nein, auch deshalb, weil dieser Mensch etwas an sich hatte, was abergläubische Leute dämonisch schimpften, ein abgeklärter Geist wie Gugelmann jedoch eher als wahnsinnig und unberechenbar bezeichnet hätte. Ja, da war der übellaunige, lästige Zwerg besser zu ertragen als dieser düstere Philipp, auch wenn dessen Verschwinden der armen Johanna, ohne dass diese sich das anmerken ließ, schier das Herz gebrochen hatte. Doch zum Glück hatte sie in dem kleinen Alchemisten einen tröstenden Freund gefunden.
Eigentlich – und das musste Gugelmann sich eingestehen, als er erneut die Schienen an den Beinen des geschundenen Till prüfte –, eigentlich mochte er Vinsebeck sogar, denn bei all seinem wunderlichen Betragen schien der Wicht doch auch einen Sinn für die Empfindungen anderer zu haben. Er war im Grunde seines Herzens ein guter Mensch, der, aus welchem Grund auch immer, ihn, Götz Gugelmann, nicht ausstehen konnte. Aber da der Wundheiler weder nachtragend noch stolz war, machte es ihm nichts aus, dass seine Sympathie zu Vinsebeck einseitiger Natur war. Solange die Sympathie zu einem anderen Menschen nicht ebenfalls nur einseitig blieb, war Gugelmann alles recht. Dennoch war er froh, wenn das Apothekerlein einmal nicht in seiner unmittelbaren Nähe weilte und wieder das Gespräch mit der Magd Johanna suchte. Es schien Vinsebeck ein Anliegen zu sein, die junge Frau aufzumuntern und ihr zuzuhören.
Und so saßen sie nun wieder einmal da, an der erloschenen Feuerstelle vor der Hütte: Johanna und das Apothekerlein, während Gugelmann ausnahmsweise allein mit dem Kranken in der Hütte weilte. Wenn er sich mit seiner Arbeit beeilte, würde er vielleicht noch Zeit finden, sich unbemerkt an dem ins Gespräch vertieften Vinsebeck vorbeizuschleichen, um nach Margarethe zu suchen und mit ihr allein zu sein, die, wie so oft in den letzten zwei Tagen, einen einsamen Spaziergang im Walde angetreten hatte.
»Du hast ihn liebgewonnen, nicht wahr, Johanna?«, fragte Hans Vinsebeck leise. Sein helles Stimmchen klang dabei so sanft wie irgend möglich.
Johanna, die einen Bund frisch gesammelten Bärlauchs in den Händen hielt, zuckte nur leicht mit den Schultern.
»Er hat die gleiche gewinnende Art wie seine Mutter. Aber er ist ein ebenso unruhiger Geist. Und zudem ein einsamer Wolf. Glaube mir, er tut gut daran, wenn er allein ist. Befindet er sich in Gesellschaft, so entwickelt er sich rasch zu einem unangenehmen Turbulentus. Darüber kannst auch du ein Liedchen singen. Ist es nicht so? Für ihn und uns alle ist es besser, wenn wir ihn ziehen lassen.«
»Ich dachte, er könnte sich ändern«, flüsterte Johanna. »Aber Ihr habt recht, Meister Vinsebeck. Und im Grunde hatte ich mir nie etwas anderes gewünscht, als dass er für immer und ewig von dannen zieht. Doch in letzter Zeit ist es anders geworden.«
»Ich weiß doch, mein Kind. Ich bin zwar verwachsen, aber blind bin ich nicht, und auch nicht taub.« Bei diesen Worten lachte er verschmitzt, und Johanna errötete tief.
»Frau Margarethe jedoch darf nichts davon wissen.«
»Dass du und Philipp einander nähergekommen seid? Glaube mir, Johanna, sie ist klug genug, um es längst erraten zu haben.«
»Meint Ihr wirklich?« Johanna schaute ihn mit entsetzten Augen an.
»Auch das ist mir nicht entgangen, dass die liebe Margarethe ebenfalls mehr als angetan von ihm war. Und dazu hat er auch gezielt das Seinige beigetragen. Doch es war nicht mehr als ein Strohfeuer. Ich weiß so etwas zu unterscheiden.«
»Glaubt Ihr das wirklich?«
»Nun ja, sie ist von der Sorte Weib, die einem Manne, dem sie wahrhaftig etwas entgegenbringen könnte, ebendas ganz und gar nicht zeigt. Vielmehr würde sie es vorziehen, in der Hölle zu schmoren. So etwas nennt man falschen Stolz, Johanna. Eine Krankheit, unter der deine Herrin bereits leidet, seitdem ich sie kenne.«
Johanna wurde endlich wieder ein wenig heiter.
»Ihr sprecht sehr weise, Meister Vinsebeck.«
»Ich spreche nicht nur so, ich bin es. Ja, ich bin weise genug, um zu wissen, dass der arme Teufel da drinnen das üble Los gezogen hat, eben diese Ignoranz der schönen Margarethe aufs Derbste zu spüren zu bekommen.«
»Ihr meint den Medicus Gugelmann?«
»Nenn ihn nicht Medicus. Einen solchen Titel sollten nur Bücherärzte tragen dürfen, und ob dieser dort jemals in einem Buche geblättert hat, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Und wenn, dann lediglich, um sich bunte Bildchen anzuschauen, denn des Lesens und Schreibens ist er beileibe nicht mächtig.«
»Aber er ist erfahren, und Ihr selber haltet die Erfahrung für das höchste Gut der Wissenschaft.«
Vinsebeck stutzte und starrte die neben ihm sitzende Johanna an, als sei sie soeben mit selbst gebauten Flügeln vom Monde herabgeflogen.
»Du bist klug«, stammelte er verblüfft.
»Zumindest habe ich ein gutes Gedächtnis.«
Sie war froh, dass es diesem Männlein tatsächlich immer wieder gelang, auch in den trübsten Momenten für Aufmunterung zu sorgen.
»Schaut«, sagte sie plötzlich in verschwörerischem Ton. »Er schleicht sich in den Wald. Wahrscheinlich ist er es leid, dass Ihr ihm stets auf den Fersen seid.« Und dabei wies sie auf den auf leisen Sohlen ins üppige Grün tapsenden Gugelmann.
»Dieser Schwerenöter, ich sollte ihn zur Rede stellen. Gewiss ist er hinter meiner Verlobten her.« Wie ein mittelmäßiger Schauspieler sprang Vinsebeck nun auf, wedelte wild mit den Armen in der Luft herum und stampfte mit seinen kleinen Füßen auf den Boden. Es sollte verzweifelt, rasend, ja eifersüchtig aussehen, was er da tat. Doch das Gegenteil war der Fall. Johanna musste nun schallend lachen, und für einen kurzen Moment hatte sie das untrügliche, wunderbare Gefühl, dass sich alles zum Guten wenden könnte.
Ja, vielleicht war es tatsächlich besser für sie, dass Philipp sie so feig und heimlich verlassen hatte.
»Ihr habt tatsächlich Engelwurz gefunden.«
Margarethe erschrak, als sie die Stimme hinter sich vernahm.
»Gugelmann, Ihr habt mir einen Schreck eingejagt.«
»Verzeiht. Ich wollte nur nach Euch sehen und sichergehen, dass Euch niemand gestohlen hat.«
»Stehlen kann man nur das Eigentum eines anderen. Ich frage mich, wessen Eigentum ich sein soll«, entgegnete sie ein wenig zu schnippisch.
Ungeachtet ihrer Boshaftigkeit nahm er ihr die Pflanze aus der Hand, die in üppigen, weißen Dolden blühte.
»Sie liebt es warm und feucht«, begann er, die Engelwurz eingehend betrachtend. »Und sie ist zu vielerlei gutem Zwecke zu gebrauchen. Sie vertreibt Blähungen und löst Krämpfe im Magen, selbst gegen Lungenleiden ist sie wirksam. Ein Öl aus ihren Samen vertreibt die Gicht aus den Knochen. Und einst glaubte man gar, Engelwurz könne auch die Verbreitung von Seuchen verhindern.«
»Ihr seid kräuterkundig, Gugelmann«, sagte Margarethe anerkennend, aber nicht ohne süffisanten Unterton.
»Und Ihr seid gewürzkundig, verehrte Frau Gänslein«, lachte er, erneut ihre distanzierte Manier ignorierend.
»Welches der Euch bekannten exotischen, teuren Gewürze hat eine ähnliche Wirkung wie dieses liebreizende, heimatliche Gewächs?«, fragte er nun.
»Wollt Ihr mich etwa auf die Probe stellen?« Sie legte leicht ihren Kopf zur Seite und betrachtete ihn eingehend aus ihren haselnussbraunen Augen. Gugelmann fragte sich, ob diese Frau wusste, welchen Reiz sie trotz – oder auch gerade wegen – ihrer nicht mehr allzu jungen Jahre auf Männer ausübte.
»Reiner Wissensdrang, gute Frau, reiner Wissensdrang«, erwiderte er keck.
»Nun, wenn es Euch interessiert: Anis eignet sich wunderbar dazu, lästige Blähungen zu vertreiben, ebenso Koriander und Zimt, bei Übelkeit empfiehlt sich Muskatnuss, jedoch nur in geringen Mengen, da zu viel davon genossen das Gegenteil, nämlich Brechreiz, verursacht. Auch Ingwer eignet sich hervorragend, um Magendrücken zu lindern. Gewürznelken und auch Weihrauch heilen Seuchen nicht, verhindern jedoch, von ihnen befallen zu werden. Und für die Lunge sollte man wiederum auf Anis oder Weihrauch zurückgreifen.«
Gugelmann blickte Margarethe eine Weile erstaunt an, dann sagte er, eine einzige Braue hebend: »Bei allem Respekt, verehrte Dame, aber da ziehe ich doch die einfachen, kostenlosen Dinge einem solch verwirrenden Luxus vor«, wobei er mit seinen rauen, abgearbeiteten Händen sanft über den Blütenkopf des Engelwurz strich.
Margarethe beobachtete ihn dabei. Ihr wurde ein wenig mulmig zumute, ganz so wie damals, als er ihr als junge Frau ein Stück seines Traumgestalten hervorrufenden Tees, Tabaks, oder was immer es für ein Teufelszeug gewesen sein mochte, geschenkt hatte. Und genau dieses seltsame Zeug, von dem sie niemals probiert hatte, brachte sie nun auf einen gelungenen Einwand:
»Ihr selber, werter Gugelmann, erlaubt Euch doch den Luxus, Waren aus der Neuen Welt einzuführen. Ich erinnere mich noch zu gut an diese braunen Klumpen, die Ihr einst meinem Gemahl zum Handel angeboten habt.«
»Ach«, lachte er nun auf. »Ihr erinnert Euch nur allzu gut? Das ehrt mich.«
Margarethe räusperte sich. Sie musste zugeben, dass er sie langsam aus der Fassung brachte und dass ihr dies leider zu gefallen schien.
»Das war geflunkert. In Wahrheit handelte es sich um Schierling, Bilsenkraut, Eisenhut, Nachtschatten, Schlafmohn und derlei mehr. Nichts davon exotisch, nichts davon aus der Neuen Welt. Es war die Kräutermischung eines alten Einsiedlers, den ich gut kannte. Mittlerweile ist er verstorben und hat sein Wissen mit ins Grab genommen. Leider.«
»Worauf wollt Ihr mit Eurer Rede hinaus, Gugelmann?«
»Auf nichts weiter als auf die Frage, ob Ihr das alles wahrhaft nötig habt, Margarethe?«
»Was?«
»Na, diesen Tand, diesen Luxus, dieses viele Geld, diese Sorgen und … nun, ich will Euch nicht beleidigen – diese Einsamkeit.«
Margarethe schürzte die Lippen und verzog ihre Augen zu kleinen Schlitzen. Er machte sie wütend.
»Mich umgibt weder Tand, noch lege ich Wert auf übertriebenen Luxus, mein Geld geht Euch nichts an, meine Sorgen ebenso wenig, und mir zu unterstellen, ich sei einsam, halte ich für eine Unverfrorenheit.«
»Ich wollte Euch nicht beleidigen. Aber mir ist aufgefallen, dass es Euch hier in dieser Wildnis, fernab vom Treiben der Stadt, sehr gut zu gefallen scheint. Ist es nicht so? Wisst Ihr, Margarethe, wir fahrenden Leute, wir fügen uns nur schlecht ein in die Schöpfungsordnung des Herrn. Wo ist unser Platz? Was ist unser Stand? Wir können es nicht sagen. Aber dennoch sind wir glücklich, glücklich über die Möglichkeit der freien Wahl. Und ist diese freie Wahl nicht ein Geschenk Gottes? Auch Ihr solltet einmal darüber nachdenken, ob sie Euch gegeben ist, diese Möglichkeit der freien Wahl. Ich denke, eine Veränderung könnte gut für Euch sein und würde niemand anderem zum Schaden gereichen. Mir scheint, Euch haben die letzten Tage als Kostprobe eines anderen Lebens mehr als nur gutgetan.«
»Einen solchen Eindruck habt Ihr also.«
Bislang hatte sie nicht darüber nachgedacht, aber vielleicht hatte Gugelmann tatsächlich recht. Die Umstände waren widrig, die Lage verzwickt, aber dennoch empfand sie die letzten Tage tatsächlich als eine wunderbare, erholsame Atempause. Es mochte die Ruhe vor dem Sturme sein, aber es war eine herrliche Ruhe, auch wenn sie sich dessen bislang gar nicht bewusst gewesen war. Unwillkürlich lächelte sie ihn nun an und nickte danach zustimmend.
Wie ein junges, scheues Mädchen wirkte sie in diesem Moment. So verletzlich, so rein, so natürlich. Gugelmann hatte geahnt, dass dieser besondere, wunderbare Kern in Margarethe Gänslein schlummerte. Doch nun, da sie ihn für einen winzigen Augenblick offenbarte, war er mit einem Schlag wie verzaubert.
Er wusste selbst nicht, wie ihm geschah. Er nahm sie plötzlich in den Arm und drückte ihr einen dicken Kuss mitten auf den Mund. Die darauf folgende schallende Ohrfeige war für ihn wie eine Erfrischung, und auch die Tatsache, dass sie, empörte Worte murmelnd, davoneilte, störte ihn nicht. Er wusste nun, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis dieses Weib sich eingestand, was es wirklich vom Leben erwartete.