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XLII

Mechthild war so aufgeregt, als würde sie in der Kutsche zu ihrer eigenen Hochzeit sitzen. Endlich war es vollbracht, endlich auch das letzte Pfefferkorn zusammengesucht, und nun musste nur noch abgeliefert werden.

Ja, in den letzten Tagen war sie schier über sich hinausgewachsen. Mit vereinten Kräften war es ihnen tatsächlich gelungen, den Wunschzettel des Herzogs von Calenberg zu erfüllen. Ohne den diskreten und emsigen Bennheim wäre es nicht zu schaffen gewesen, denn nur dieser verfügte über das notwendige Wissen in Handelsgeschäften, ohne die Begine Regine hätte es ebenso wenig gelingen können, sie war der Energiequell in der ganzen Angelegenheit, und ohne den Stiftsherrn Vestiarius hätte es ebenfalls Schwierigkeiten geben können, da er die nach außen hin notwendige, stellvertretende Autorität repräsentierte.

Doch Mittelpunkt des ganzen Vorhabens war die Witwe Mechthild gewesen, das musste sie sich selbst in all der ihr eigenen Bescheidenheit eingestehen. Sie war Anlaufstelle und Kopf des Unternehmens, von dem sie sich vorgenommen hatte, es unbedingt zu einem guten Gelingen zu führen. Das war sie Margarethe schuldig, und darum war sie nun neben der ganzen Aufregung auch unglaublich stolz und zufrieden, dass sie endlich mit einem großen, vollbeladenen Wagen und zwei angeheuerten, berittenen Männern zu ihrem Schutze auf der Landstraße in Richtung Erichsburg fuhren, um zum Feste des Landesherrn die erwünschten Gewürze und Spezereien pünktlich abzuliefern.

Vestiarius hatte zu dem Zwecke erneut ein sehr schönes, ergebenes, freundliches Schreiben verfasst, in dem er sich für Margarethe Gänslein ausgab, welche dem Herzog leider krankheitsbedingt nur handschriftlich ihre Aufwartung machen könne. An ihrer statt sende sie ihre treue Base Mechthild und ihren guten Secretarius Bennheim zum Herrscher aus, zwei Menschen, welche die Lieferung in einem gewiss tadellosen Zustand übergeben würden.

»Es ist ein großes Glück, dass der Apotheker Hasenstock uns seine gesamten in Lemgo erstandenen, dann auf dem Wege nach Hameln abhanden gekommenen und schließlich glücklich wieder aufgetauchten Waren kostenlos zur Verfügung gestellt hat«, bemerkte Bennheim in der ihm eigenen trockenen Manier. Sein Gesicht verriet, dass er hinter dieser Geschichte ein nicht ganz ehrenwertes Vorgehen vermutete, aber sein Anstand verbot es ihm, neugierige Fragen zu stellen, ja gar darüber nachzugrübeln, was zu dieser doch recht außergewöhnlichen Schenkung geführt haben mochte.

Mechthild war ihrerseits nicht gewillt, sich an die Erpressung des Peter Hasenstock zu erinnern, deshalb nickte sie dem Sekretär freundlich zu und sagte nur: »Ja, es war eine ungemeine Erleichterung. Ohne die Lemgoer Einkäufe hätten wir es wohl nicht vollbracht, die Liste Erich von Calenbergs zu erfüllen.«

Am späten Nachmittag war es, als sie die imposante, riesige, noch nicht ganz fertiggestellte Burg des stets in tiefen Schulden befindlichen Landesherrn erreichten. Man steckte gemeinhin in den Vorbereitungen zu dem großen Feste, bei dem sich der Herzog wieder einmal nicht lumpen lassen wollte, auch wenn ebendies in Anbetracht seiner leeren Geldtruhen ratsam gewesen wäre. So rechneten auch Mechthild und Bennheim nicht damit, umgehend bezahlt zu werden. Es war schon Ehre genug, überhaupt einen solchen Auftrag erhalten zu haben, um das Eintreiben des Geldes würde Margarethe sich nach ihrer Rückkehr kümmern müssen.

Ein hektisches, aber durchaus organisiertes Treiben herrschte auf dem Hofe der Burg. Zusammen mit Mechthild und Bennheim waren noch ein Weinhändler aus Goslar und ein Kaufmann eingetroffen, der offenbar mit außergewöhnlichem Vieh handelte. Denn auf dessen Karren befanden sich Schwäne, Pfauen, ja selbst Biber, Dachse, Ottern und Eichhörnchen. Übermorgen, das ahnte Mechthild, würden diese Tiere dann, ihres Lebens beraubt, mit den von ihnen soeben herbeigeschafften exotischen Gewürzen gefüllt und gespickt, auf der langen Tafel des Herzogs zum Verzehr angeboten.

Endlich kam der Mundschenk des Herzogs auch zu ihnen. Er war nervös, aber dennoch freundlich. All die Bürde des Organisierens lastete auf seinen alten, knorrigen Schultern, er war in großer Eile und wollte das Geschäft so rasch wie möglich hinter sich bringen. In diesem Moment ahnte Mechthild, dass sie gewiss nicht zum Herzog persönlich vorgelassen würden und man es sicherlich begrüßte, wenn sie, sobald der Wagen entladen war, schnellstmöglich wieder von dannen zogen. Darüber war sie sehr erleichtert. Denn so gern die neugierige Frau sich in dem herrlichen Gebilde umgeschaut und vor allem die Gewänder der hohen Damen bestaunt hätte, solche Scheu verspürte sie auch, dem Landesherrn womöglich stotternd und errötend unter die Augen treten zu müssen. Sie überließ es dem erfahrenen Bennheim, die Lieferung zusammen mit dem Mundschenk auf Qualität und Menge zu prüfen, und vertrat sich stattdessen ein wenig die von der langen Kutschfahrt müden Beine, indem sie am Rande des Hofes auf und ab ging.

Sie versuchte niemandem im Wege zu sein, aber dennoch möglichst viel aufzuschnappen. Denn wann würde sie jemals wieder Gelegenheit haben, ihre Witwenkemenate zu verlassen? Gerade war sie an den Stallungen für Pferde und Jagdhunde vorübergegangen, als sie durch einen großen Torbogen zwei Männer kommen sah. Sie hatte Erich noch nie von Nahem gesehen. Nur bei seinem Empfang nach der Stiftsfehde, als er in Hameln seinen Siegeslandtag abhielt, da war es ihr möglich gewesen, ihn vom Fenster aus zu beobachten. Seither waren sechs Jahre vergangen. Noch immer trug er diesen dunklen, gepflegten Bart, und dank seiner traurigen, auffällig großen braunen Augen war es Mechthild ein Leichtes, ihn zu erkennen.

Aber nicht der Anblick des Landesherrn verblüffte sie und ließ sie unmittelbar neben einem dampfenden, übel riechenden Misthaufen stehen bleiben – nein, vielmehr wunderte sie sich über den Begleiter des Herzogs, über diesen groß gewachsenen, dunkel gelockten Mann, der ihr durchaus bekannt war.

Als die beiden Mechthild passierten, verneigte sie sich und schaute dabei tief zu Boden. Die Männer gingen, ohne sie zu beachten, vorüber. Er hätte sie ohnehin nicht erkannt, denn sie waren sich nicht begegnet, als er eine Zeitlang bei Margarethe ein und aus gegangen, ihr den Hof gemacht hatte und dann schließlich mit Johanna auf und davon gezogen war. Sie jedoch hatte ihn beobachtet, vom Fenster aus, durch Türspalten und Schlüssellöcher, und sie hegte keinen Zweifel, dass er es war.

Er, den sie erst kürzlich als Bauer gewandet in Hameln gesehen hatte.

Nun also trieb er sein Spiel auf der Erichsburg.

Wie nur in Gottes Namen hatte er sich dort einschleichen können?

Ein wahrer Spitzbube musste das sein.

Sie würde gleich am nächsten Tag die schlaue Regine zu Rate ziehen müssen.