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XLIII
Im Grunde widerte es Philipp an, sich bei Menschen anzubiedern, besonders wenn sie höhergestellt waren. Er tat es nur sehr ungern, wunderte sich aber jedes Mal über sein Geschick und seinen Erfolg in solchen Dingen. Nichts war leichter gewesen, als an den Herzog von Calenberg heranzukommen, denn auf nichts schaute der Landesherr mit mehr Stolz zurück als auf die nunmehr sechsundzwanzig Jahre zurückliegende, bei Regensburg stattgefundene Schlacht im Landshuter Krieg, in der er, der junge Erich von Calenberg, niemand anderem als dem großen Kaiser Maximilian das Leben gerettet hatte. Es war nicht schwierig gewesen herauszufinden, dass es sich bei dem Herzog um einen glühenden Verehrer des nunmehr verstorbenen und durch seinen Enkel Karl ersetzten Kaisers handelte, und für einen klugen Kopf wie Philipp war es erst recht ein Leichtes gewesen, sich eine daran anknüpfende Geschichte auszudenken, die ihn schnell in die Nähe Erichs brachte. Er gab sich als der Sohn eines Vertrauten des alten Kaisers aus, welcher damals bei Regensburg ebenfalls dabei gewesen sei, die Heldentat des mutigen Erich auf dem Schlachtfeld beobachtet und Maximilian danach dringend dazu geraten habe, diesen tüchtigen Jüngling zum Ritter zu schlagen.
Ob Erich die Lüge nun glaubte oder nicht, da war sich selbst Philipp nicht sicher gewesen. Gewiss war lediglich, dass der Herzog es sichtlich genoss, mit einem klugen und in politischen Dingen und historischen Ereignissen bewanderten Menschen reden zu können und deshalb die Anwesenheit des wohlerzogenen Fremdlings in seiner neuen Burg gerne duldete. Unter der Protektion des Herzogs war es Philipp schließlich auch gelungen, in Kontakt zu einem weiteren Gast auf dem Feste Erichs zu treten. Ein Gast, mit dem es wichtig war, einige vertrauliche Worte zu wechseln, um wichtige Informationen an ihn weiterzugeben. Und bei diesem Gast handelte es sich um niemand anderen als um den vom Landsherrn in der Stadt Hameln eingesetzten Vogt. War der Vogt auch wegen des mächtigen Hamelner Stadtrates kaum mehr zu eigenen Handlungen in der Lage, so verfügte er dennoch über das Recht, Verpfändungen und Enteignungen vorzunehmen. Und um die Ausübung ebendieses Rechtes ging es Philipp.
Jetzt aber war diese unangenehme, anbiederische Angelegenheit längst erledigt und Philipp äußerst erschöpft. Lange hatte er mit dem Stadtvogt auf dem rauschenden Feste gesprochen, schwierig war es gewesen, keinen falschen Verdacht zu erwecken, naiv hatte er sich stellen müssen, nahezu unwissend und lediglich empört über die Missstände, die er, Philipp, als Gast in einem bestimmten Hamelner Haus hatte mit ansehen und anhören müssen. Er hatte den Vogt auf den Gedanken bringen können, welche Schritte unter diesen Umständen gegen diese gewisse Hamelner Person unternommen werden müssten und auch zum persönlichen Vorteil des Vogtes unternommen werden könnten. Vorteile, die nur er, der Vogt, herausschlagen könnte, ohne in Rat und Kirche der Stadt unliebsame Konkurrenten an seiner Seite zu haben.
Ja, der Plan war gut. Er war furchtbar durchtrieben, aber gut, denn niemand würde dabei körperlich zu Schaden kommen, und niemand, der es nicht verdient hätte, würde davon profitieren. Nicht, dass der Vogt ein Mensch gewesen wäre, dem Philipp einen solchen Gewinn gegönnt hätte, aber immerhin war er in der ganzen Angelegenheit bislang unbeteiligt gewesen, und es hätte Philipp gefreut, wenn diese Marionette des Herzogs plötzlich als lachender Dritter dastünde. Denn er selbst, das hatte Philipp längst entschieden, wollte keinen Heller von dem blutigen Geld besitzen.
Aus diesem Grund hatte er sein Gold, das zu einem großen Teil von Margarethe Gänslein stammte, längst vergraben und führte nun lediglich einige wenige Stücke mit sich, als er zurück nach Hameln ritt, um dort einen vorletzten Schritt zu unternehmen. So verschlagen und schlecht er sich bei seinem mit dem Vogt geschmiedeten Plan auch vorgekommen war, so wohl fühlte er sich nun bei dem Gedanken an das, was er für diesen Abend im Sinn trug. Auch wenn dies alles andere als unblutig und sauber vonstatten gehen würde.
Er war müde, aber dennoch zuversichtlich, dass, sobald alles ein Ende gefunden hatte, die Ruhe auf ihn wartete und das unerbittliche Verlangen nach ebendieser Ruhe ein Ende fand. Ja, dieses bohrende Verlangen, welches ihn zwang, sein altes Leben und dessen Folgen auszulöschen, um ganz rein und frei von vorn zu beginnen. Ein Verlangen, das ihm sogar verbot, das wenige Gute, was er in den letzten schrecklichen Jahren erfahren hatte, mitzunehmen. Ja, es war ein gnadenloses Streben nach Ruhe, doch diese Ruhe war so erhofft, so ersehnt, dass er meinte, alles für sie opfern zu müssen.
War das Wahnsinn?
Würde irgendein anderer Mensch verstehen, was ihn trieb?
Er wusste es nicht, denn er dachte im Traume nicht daran, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen. Er war sich selbst genug, und er hatte entschieden.
Auch wenn sein Entschluss, besonders hinsichtlich Johannas, schmerzhaft war.
Schmerzhaft war jedoch nicht, was er mit dem Halunken Peter Hasenstock zu tun beschlossen hatte. Sich an diesen Gedanken klammernd, versuchte Philipp alle anderen, sentimentalen Gemütsregungen zu ignorieren. Und je näher er der Stadt Hameln kam, desto besser schien ihm das zu gelingen.
Sie biss mit ihren krummen, gelben Zähnen auf das Goldstück und prüfte es dann lange und ausgiebig mit einem kritischen Blick. Vor wenigen Jahren noch musste sie eine Schönheit gewesen sein, doch das Leben, welches sie führte, hatte ihr übel mitgespielt. Es waren nicht das Brandzeichen auf ihrer Stirn und auch nicht die abgeschnittene und wieder geflickte Nasenspitze, die sie als eine solche ausweisen sollten, wie sie eindeutig eine war. Nein, vielmehr zeugten die eingefallenen Wangen und der von bitterer Erfahrung sprechende Zug um ihren Mund davon, dass es sich bei dieser Frau um eine Gefallene handelte. Eine Gefallene, die bereits so tief unten lag, dass es ihr niemals mehr möglich sein würde, aufzustehen.
Für sie war das, was Philipp zu erreichen sehnte, weiter entfernt als der Himmel für den Beelzebub, aber dennoch schien sie fröhlich zu sein. Zumindest war es ihr möglich, sich geschickt fröhlich zu geben.
»Und das zweite bekomme ich, wenn er bei mir war?«, fragte sie nun, ihm jenen Blick zuwerfend, der für ihr Gewerbe so eigentümlich war, welcher jedoch bei Philipp keinerlei Wirkung erzielte.
»So ist es«, bestätigte er.
»Du willst bloß unbemerkt zuschauen. Oder magst du auch mitmachen?« Nun strich sie ihm mit ihren schlanken Fingern übers Knie. Er zog sein Bein zurück.
»Nur zuschauen.«
»Es gibt nichts, was es nicht gibt«, erwiderte sie nun lapidar und zuckte mit den Schultern. »Leicht verdientes Geld ist es jedoch nicht für mich, denn dieser Mensch hat die Franzosen.«
»Nichts, womit du nicht auch schon längst Bekanntschaft geschlossen hättest, oder?«, antwortete Philipp bitter schmunzelnd und erhob sich. Er hatte nicht vor, länger als notwendig in diesem liederlichen Frauenhaus zu verweilen. Zudem galt es noch eine weitere Erledigung zu machen.
»Wenn du mir nicht so viel Geld geben würdest, hätte ich dir jetzt ins Gesicht gespuckt, du Kotzbrocken«, rief sie ihm nach. Ihre Stimme klang jedoch, lebenserfahren wie die schwarze Hedi nun einmal war, wenig empört. Sie hatte schon weitaus demütigendere Beleidigungen ertragen müssen.
»Ein Brechmittel?«
»Das stärkste, was es gibt. Eines, das alles aus dem Leib herausspült. Genauso musst du es ihm sagen: Alles soll aus dem Leibe herausgespült werden.«
»Und Ihr gebt mir tatsächlich einen ganzen Taler dafür, dass ich Euch dieses Zeug besorge?«
»So ist es.«
»Und wieso geht Ihr nicht selbst ins Apothekenhaus?«
»Wenn du noch weitere dumme Fragen stellst, Bursche, dann suche ich mir einen anderen.«
Philipp war gereizt. Der halbwüchsige Faulpelz, der vor der Marktkirche herumgelungert war und den er angesprochen hatte, erwies sich als Tölpel. Aber um in der Offizin des Peter Hasenstock die notwendige Arznei zu erstehen, würde der wenige Verstand dieses Jungen hoffentlich ausreichen. Liebend gern hätte Philipp diese Aufgabe selbst erledigt, doch leider war die Gefahr des Wiedererkennens zu groß, und ein solches Risiko wollte er nicht eingehen, nicht auf einer der letzten Stationen seiner Reise.
»Ich mach das schon«, stotterte der Bursche rasch und rannte sogleich davon.
Nach nur wenigen Augenblicken war er zurück – mit leeren Händen.
»Nur das Weib des Apothekers war zugegen, und es verstand nicht, was ich von ihm wollte. Hinausgeschickt hat es mich.« Er war sichtlich enttäuscht, denn nun glaubte er, des sicher geglaubten Talers doch nicht habhaft zu werden.
»Auch gut«, grinste Philipp. Und reichte dem dürren Kerlchen zu dessen Verwunderung den versprochenen, aber unverdienten Lohn, dann machte er sich selbst auf den Weg in die nahe Osterstraße.
Ein Glöckchen erschallte, als er den Verkaufsraum betrat. Niemand war zugegen, keine Kundschaft, und auch von der jungen Hasenstöckin fehlte jede Spur. Ein süßlicher Geruch verschiedenster Duftstoffe schlug Philipp entgegen, und auch wenn jeder dieser Düfte für sich genommen ein Labsal gewesen wäre, so war doch die überwältigende Mischung so enorm, dass man sie förmlich in die Kategorie des Gestanks einordnen musste. Philipp wurde regelrecht übel. Er wäre gern wieder hinaus an die frische Luft gegangen, doch da kam sie plötzlich aus einem Hinterzimmer herausstolziert.
Schön war sie und sich ihrer Schönheit bewusst, aber ebenso nichtssagend war ihr Gesicht. Ein dümmlicher Stolz verbarg sich hinter ihren perfekten Zügen und machte sie in Philipps Augen sogleich hässlich. Er verabscheute derartige Frauen, sie jedoch verabscheuten ihn nicht. Im Gegenteil, ausgerechnet auf diese herausgeputzten, dummen Hühner pflegte er den meisten Eindruck zu machen.
Er schenkte ihr ein falsches, aber gewinnendes Lächeln und beobachtete, wie sie in Verlegenheit geriet, es sich aber nicht nehmen ließ, ihn mit einem koketten Augenaufschlag zu belohnen.
»Welch unerwartet angenehme Erscheinung«, sagte er nun und verneigte sich ein wenig.
Sie kicherte leise.
»Ich bin gespannt, ob Ihr mir helfen könnt, schöne Frau«, fuhr er fort, während sie damit fortfuhr zu kichern und nicht den Anschein erweckte, ihm tatsächlich behilflich sein zu können.
»Es geht darum, dass ich einem lieben Freund von mir endgültige Abhilfe verschaffen möchte. Er leidet sehr und bedarf eines starken, eines sehr starken Brechmittels. Zudem ist sein Blut sehr dick. Es wäre ihm eine Wohltat, wenn es wieder leichter wäre und ihm den Leib nicht so schrecklich aufblähte.«
Philipp hatte keine Ahnung, was er da, ohne nachzudenken, zurechtlog, aber er wusste, dass sein Gegenüber noch ahnungsloser war. Und so, wie sie ihn anschaute, würde sie ihm alles geben – alles. Doch alles, was er wollte, waren ein Brechmittel und eine Arznei zur Verflüssigung des Blutes.
»Da muss ich nachsehen«, piepste sie nun und verschwand, heftigst das wohlgeformte Hinterteil schwenkend, im Hinterraum.
Nach einer sehr, sehr langen Zeit kam sie zurück – ratlos, fast weinerlich dreinblickend.
Genau das war es, was Philipp sich erhofft hatte.
»Findet Ihr es nicht?«, fragte er mit sanfter Stimme, ganz so, als spräche er zu einem kleinen Kinde.
Sie schüttelte das schöne Köpfchen und schaute ihn unter ihren langen, bereits feuchten Wimpern traurig an. Offensichtlich war sie sich ihrer fehlenden Intelligenz bewusst, aber immerhin noch klug genug, diesen Mangel als Vorteil zu nutzen. Philipp konnte sich vorstellen, dass viele Männer auf genau diese Form der weiblichen Hilflosigkeit freudig ansprangen. Nicht so er. Dennoch spielte er um seines Vorteils wegen gerne mit.
»Wenn Ihr erlaubt, schöne Frau«, sagte er nun und ging mir nichts, dir nichts, sich eng an ihrem üppigen Leib vorbeidrückend, hinein in den weniger mit Arzneien, als vielmehr mit Spezereien gefüllten Hinterraum.
Lediglich ein Regal, das konnte er sofort ausmachen, war bestückt mit ausführlich beschriebenen Heilmitteln. Ausführlich beschrieben deshalb – da musste man nicht lange nachsinnen –, weil auch der Gemahl dieses tumben Schafes nicht mit dem für einen ordentlichen Apotheker notwendigen Wissen gesegnet war.
Philipp ging die vier Etagen des Holzregales durch, und es dauerte nicht lange, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.
»Da haben wir es«, sagte er, an die junge Frau gewandt, die nun wieder einnehmend zu lächeln versuchte.
»Brechmittel aus Bingelkraut und anderen Essenzen. In geringen Mengen zu verabreichen, da giftig. Gefahr des plötzlichen, enormen Ausscheidens von Schlacke aus Rachen und Hinterteil besteht«, las er laut von dem unbeholfen gekritzelten, anhängenden Zettelchen vor und flüsterte danach: »Wunderbar.«
Dann griff er zum nächsten Fläschchen.
»Noch besser«, rief er aus.
»Das ist aber sehr gefährlich«, hauchte die Apothekersfrau nun neben ihm.
»Tatsächlich?«
»Ja, dieses Zeichen da …«, und damit deutete sie auf ein dickes schwarzes Kreuz auf dem Behältnis, »… mit diesem Zeichen versieht mein Gemahl nur Arzneien, die besonders giftig sind.«
»Was Ihr nicht sagt. Einen Blutsturz kann dieses Mittel im schlimmsten Falle bewirken«, murmelte Philipp, nun eingehend das kleine Papier studierend, welches an dieser Arznei angebunden war. »Ich werde es meinem Freunde in angemessener Menge verabreichen.«
»Das darf ich Euch nicht verkaufen. Nicht ohne mit meinem Gemahl gesprochen zu haben«, protestierte sie nur wenig überzeugend und wich Philipp dabei keinen Deut von der Seite.
»Aber, aber«, sagte dieser, einen Arm um ihre runden Schultern legend. »Ihr habt es bei mir mit einem studierten Medicus zu tun. Mein Name ist Philippus medicus oculorum de Florencia. Verzeiht, dass ich mich noch nicht gebührend vorgestellt habe.« Und dabei neigte er sein Gesicht so nah zu dem ihren, dass sie fast glauben musste, er wolle sie küssen, doch das tat er zu ihrer Enttäuschung nicht.
»Verkauft mir beide Fläschchen, schöne Frau. Und, falls sie die von mir beabsichtigte Wirkung zeigen, so wird es mir eine Freude sein, Euch einen erneuten Besuch abzustatten, um von meinem Erfolg zu berichten. Glaubt mir, meine Schöne, Ihr werdet dadurch noch sehr glücklich werden.«
Darauf drückte er ihr eine ganze Dukate in die zarte linke, küsste ihre rechte Hand und verschwand, die junge Susanna Hasenstock klopfenden Herzens zurücklassend.
Er hatte noch nicht ganz das Haus verlassen, da kam ihm aus einer engen Gasse, die in den Hinterhof des Hasenstock-Hauses führte, die Hübschlerin Hedi entgegen, bei welcher er erst vor einer Stunde vorstellig geworden war.
Sie blieb nur für einen Moment vor ihm stehen und nickte ihm kurz zu. Es war ihr bewusst, dass eine Frau wie sie nicht einfach so bei helllichtem Tage einen Mann auf offener Straße ansprechen durfte. Philipp jedoch verstand ihr Nicken. Sie hatte die Botschaft überbracht.
Der Streich würde also gelingen.
Im Grunde war ihm nicht nach derlei Verlockungen. Nicht nach all dem, was er in den letzten Tagen an Niederlagen und Demütigungen hatte erdulden müssen. Doch andererseits könnte es eine heilsame Ablenkung sein, sich einmal wieder im Frauenhaus von der Zigeunerin Hedi verwöhnen zu lassen. Sie war ein hemmungsloses Weib und nunmehr die Einzige, die gewillt war, es mit ihm, dem kranken Hasenstock, aufzunehmen. Alles was sie heute für ihre Dienste verlangte, war ein wenig Lippenrot sowie Puder für die geschundene Nase, und das brachte er ihr gern.
Mühselig hatte er erst gegen Abend das Bett verlassen, nur wenig gegessen, kaum getrunken, und er ahnte, dass er elendig aussah. Doch auf seinen kleinen Meister Schaft, das wusste er, war immer Verlass. Immer, selbst in diesen Zeiten, wo das Übel, von welchem er befallen war, täglich unangenehmer und auffälliger zu werden schien. Doch Hedi machte sein Leiden nichts aus, so gab sie zumindest vor. Die Hauptsache war, die Bezahlung stimmte, und daran haperte es bei Peter Hasenstock niemals.
Heimlich verließ er durch den Hinterausgang das Haus und schlich über dunkle Höfe hin zu dem nahe dem Ostertore an der Stadtmauer gelegenen Gebäude, in dem niemand jemals ein und aus gegangen sein wollte, in dem aber dennoch die sieben hier lebenden und arbeitenden »freien Töchter« stets genügend zu tun hatten.
Hedi empfing ihn überschwänglich und in ein fast durchsichtiges, leichtes Gewand gehüllt. Sie beeilte sich, den Stammgast des Hauses möglichst rasch in ein stilles, privates Kämmerlein im oberen Stockwerk zu bringen. Ein Kämmerlein, in dem hinter dunkelroten Vorhängen an gegenüberliegenden Wänden zwei weiche Bettstätten untergebracht waren. Zu einem dieser Lager führte die Hübschlerin ihren Freier und war ihm gern dabei behilflich, sich seiner Kleider zu entledigen. Peter Hasenstock war kein Freund von ausgedehnten Spielereien, er kam schnell zum eigentlichen Geschehen, und so wurde der Vorhang zu dem Bett alsbald zugezogen.
Zeit für Philipp, seinerseits den Vorhang seines Lagers vorsichtig zur Seite zu schieben, um zu dem kleinen Tischchen im Raume zu gehen, auf welchem die unwissende Hure einen Krug Wein und zwei Becher vorbereitet hatte. In den ihren hatte sie bereits Wasser gefüllt. Das tat sie immer, um nicht vollkommen trunken zu sein, wenn sie mit einem jeden ihrer Freier trinken musste. Der noch leere Becher war für Hasenstock gedacht.
Philipp war nicht knauserig mit dem, was er da in den Wein schüttete. Nein, er ging ganz und gar nicht sparsam mit den beiden Arzneien um, die aus der Apotheke Peter Hasenstocks stammten und nun für ebendiesen bestimmt waren. Einige Löffel Honig dazu, umgerührt, und man würde hoffentlich keinen seltsamen Geschmack verspüren, wenn man von dem Wein kostete. Philipp war so sehr damit beschäftigt, seine Mischung anzurühren, dass er den finalen Schrei des Apothekers hinter dem Vorhang kaum wahrnahm. Gerade noch im rechten Moment war es ihm möglich, wieder in sein einsames Bett zu schlüpfen und sich dort zu verbergen. Wohlbedacht darauf, dass ein kleiner Sehschlitz zum Beobachten des nun Folgenden blieb.
»Es war großartig wie immer, mein Meister«, hauchte Hedi und ging nun zu dem kleinen Tischchen, wo sie dem schwer atmend und nassgeschwitzt in den Federn verbleibenden Hasenstock von dem Weine einschenkte.
»Gönn mir eine kurze Rast, und du wirst erneut ein Wunder erleben«, japste dieser, und während sein Blick lustvoll über den nackten Leib Hedis wanderte, zeugte das schrumpelige Gebilde zwischen seinen Beinen ganz und gar nicht von dem, was er da soeben vollmundig angekündigt hatte.
Langsam ging sie zurück und reichte ihm den Becher. In einem Zuge leerte er ihn und gab ihn ihr zurück. Zu Philipps Verwunderung und Belustigung hielt Hasenstock ihr das Gefäß erneut hin und befahl: »Mehr.«
»Unglaublich«, lachte Philipp leise hinter seinem Vorhang.
Hedi ging zurück zum Tisch und schenkte nach.
Wieder nahm Hasenstock mehrere kräftige Schlucke und sagte schließlich: »Bah, was für ein elender Fusel.« Dennoch trank er auch den zweiten Becher aus.
Das müsste reichen, dachte Philipp bei sich und wartete gespannt ab. Zunächst geschah nichts. Zu ihrer Qual musste die arme Hedi nun eine schrecklich lange Zeit mit dem Munde ihr Bestes versuchen. Philipp ersparte sich den Anblick und legte sich auf den Rücken, die morsche, modrige Holzdecke des Zimmers betrachtend. Dann endlich vernahm er ein gurgelndes Geräusch.
Es ging also los.
Die erstaunte, in diesen Teil der Geschichte nicht eingeweihte Hure beeilte sich, mit dem Gesicht möglichst schnell aus dem Zentrum des Geschehens zu verschwinden, denn Peter Hasenstock erleichterte sich zunächst stoßweise hintenherum ins Bett. Dann, fast gleichzeitig, wurde er von einem den ganzen Körper verkrampfenden und erschütternden Brechreiz geplagt. Wie ein Häufchen Elend saß er röchelnd, blass, mit zahllosen roten Pusteln und eitrigem Schorf übersät, auf der Bettkante.
Fast konnte er Philipp leidtun, fast war er versucht, aufzuspringen und ihm zu helfen. Aber dann erinnerte er sich wieder daran, dass dieser Mann in seinen Augen nichts anderes verdient hatte und von Glück sagen müsste, wenn er diese Nacht lebendig überstand.
»Ich hole Hilfe«, sagte nun, jedoch überraschend ruhig, die ratlose Hedi und blickte fragend zu dem anderen Bett hinüber, von dem sie wusste, dass sich hinter dessen Vorhang der andere Kunde verbarg. Der, der nur hatte zuschauen und zuhören wollen.
Philipp streckte kurz seinen schüttelnden Kopf heraus, und auch Peter Hasenstock röchelte, das aschfahle, fast grüne Gesicht zu Boden gerichtet, ein entschlossenes »Nein«. Längst war sein Leib von sämtlichen üblen Säften befreit, aber die Krämpfe hielten an. Es drückte und würgte noch immer, ein unsäglicher Gestank erfüllte den Raum.
Das Husten des Apothekers musste alle übrigen Freier und Huren längst aufgeschreckt haben, aber dennoch kam niemand ins Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Nicht in einem Hause, in dem Sehen und Gesehenwerden zu den Dingen zählten, die es tunlichst zu vermeiden galt.
Er hustete und würgte tatsächlich ununterbrochen, doch nicht einmal ein Tropfen Speichel wollte mehr aus seinem Munde fließen. Dann aber, und damit hatte Philipp nicht wirklich gerechnet, kam das Blut. Es kam in einem solchen Schwall, wie man es höchstens mit ansehen konnte, wenn einem an den Hinterläufen aufgehängten Schwein die Kehle durchtrennt wurde. Drei Stöße reichten aus, und Peter Hasenstock hatte sich durch den Mund einer solchen Menge Blutes entledigt, dass er wie ein Stein vornüber auf den Boden kippte und dort in einer Lache aus seinen eigenen schmierigen Säften liegenblieb.
»Er ist tot«, sagte die Hure nur und ging zu Philipps Lager.
»Scheint so«, war alles, was dieser antwortete. Er gab ihr die versprochene zweite Dukate und verschwand.