38227.fb2 Geheimnis der Magd - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 47

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XLV

Margarethe! Margarethe …! Gretchen, hörst du mich gar nicht?«

Seitdem ihre Base wieder nach Hause zurückgekehrt war, gewann Mechthild zunehmend das Gefühl, eine ganz andere Margarethe vor sich zu haben. Ja, die Rollen der beiden Frauen schienen vertauscht. Während Mechthild sich nahezu ehrgeizig bemühte, bei den Handelsgeschäften des Hauses Gänslein behilflich zu sein, und sich mittlerweile in der Schreibstube ihrer Base besser auskannte als diese, erweckte Margarethe immer und immer wieder den Eindruck fast mystischer, geistiger Abstinenz. Mitunter stand sie lange Zeit regungslos da und starrte mit einem entrückten, seligen Blick ins Nichts. Oft fand Mechthild sie auch in ihrer Kammer am Fenster sitzend, wo Margarethe, den Blick fest auf den Marktplatz gerichtet, auf irgendetwas oder irgendjemanden zu warten schien. So war es auch an diesem Tag.

»Was ist nur los mit ihr? Ist ihr im Wald ein schwerer Ast auf den Kopf gefallen? Oder wurde sie bei einem Unwetter vom Blitz getroffen?«, fragte Mechthild – die noch immer keine Antwort von ihrer Base erhalten hatte – Johanna, welche soeben hinzukam, um das Bett ihrer Herrin aufzuschütteln.

Johanna lächelte und flüsterte im Vorübergehen: »Mit dem Blitz liegt Ihr gar nicht so falsch, gute Frau.«

»Ihr seid mir allesamt ein Rätsel.« Mechthild schüttelte den Kopf und ging dann schnurstracks auf ihre geistig abwesende Base zu. Krank sah Margarethe ganz und gar nicht aus. Im Gegenteil, rosig war sie, die Augen leuchteten, ihr Haar glänzte.

»Weißt du, Mechthild, was der Gelehrte Cusanus sagt?«, richtete Margarethe unmittelbar und ganz ohne Zusammenhang das Wort an ihre Base. »Er sagt, man müsse begreifen, dass man nicht alles verstehen, alles voraussehen, alles kontrollieren kann. Der Verstand, so meint er, sei wichtiger als die Vernunft. So kann die Vernunft dir sagen: ›Hüte dich, denn schon andere haben den gleichen Fehler vor dir gemacht und ihn bereut.‹ Aber wenn der Verstand dir dann die Frage stellt: ›Warum dich hüten? Was hast du zu verlieren? Geh und versuche es einfach‹, was will man dann machen? Mechthild, wie soll man sich entscheiden?«

»Man sollte bescheiden sein, sich nicht zu wichtig nehmen und stets Gott zu Rate ziehen. Das macht man, wenn einen derlei wirre Gedanken plagen, mein liebes Gretchen.«

Margarethe lachte bei diesen nüchternen Worten der Base kurz auf und fragte dann in einem weniger verklärten Ton: »Was gibt es zu tun, Mechthild?«

»Heute kommt ein Schiff aus Bremen an. Es soll Kümmel und Salz geladen haben. Bennheim schlug vor, wir sollten die Ware prüfen, sobald sie vor dem Hamelner Loch abladen müssen, und dem Kaufmann einen Handel vorschlagen.«

»Ja, das ist eine gute Idee. Das sollten wir machen.«

Nun war Margarethe erwacht. Ihr Gesicht erhielt mit einem Mal die alte Strenge und Entschlossenheit zurück. Jetzt war sie nicht mehr ganz so schön und liebreizend wie zuvor, aber dafür der Base umso vertrauter und damit angenehmer. Dennoch ahnte Mechthild, dass dieser seltsame Zustand gewiss bald wieder zurückkehren würde, immerhin hielt er schon seit vier Wochen an. Hoffentlich hatte nicht der junge, düstere Mensch damit zu tun, den Mechthild auf der Erichsburg gesehen hatte. Dieser verschlagene Tunichtgut, der gewiss noch ärgere Qualitäten als die eines Herzensbrechers besaß. Auch wenn Johanna und selbst Margarethe ihn in Schutz genommen hatten, als sie der Base die gesamte Geschichte erzählten, in der vor allem Peter Hasenstock als Übeltäter übrig blieb, so traute Mechthild dem wahnsinnigen Philipp dennoch mehr zu.

»Selbst wenn er mit dem Tode unserer armen Immeke nichts zu tun hat, so glaube ich trotz allem, dass sein Teil der Geschichte noch nicht zu Ende gespielt ist«, hatte sie gegenüber Margarethe immer und immer wieder betont, worauf diese stets geantwortet hatte, dass Philipps Aufenthalt auf der Erichsburg in keinerlei Zusammenhang mit ihnen stehen könne. Es sei denn, er habe vorgehabt, die vom Gewürzhandel Gänslein gelieferten Waren zu vergiften, doch das schien ihm nicht gelungen zu sein, denn davon hätte man nach so langer Zeit sicherlich schon Kunde erhalten. Lediglich Johanna war traurig und still geworden, sobald sie auf Philipp auf der Erichsburg zu sprechen kamen. Meist hatte sie dann das Zimmer verlassen, und Margarethe hatte ihr einen mitleidigen Blick nachgeworfen.

Ja, die Liebe.

Wie froh war Mechthild, dass sie mit derlei Dingen längst nichts mehr zu tun hatte. Ein wahrer Segen war es, fest und gewappnet gegenüber solchen Gefühlen zu sein. Nicht, dass sie es ihrer Base nicht gönnte, aber die Kauffrau Margarethe, welche am Mittag zusammen mit Bennheim zur Weser ging, um den wegen des Hamelner Lochs zum Abladen seiner Waren gezwungenen Schiffer aus dem Norden aufzusuchen, gefiel ihr doch um einiges besser als diese verzauberte Margarethe mit dem sehnsüchtigen Blick.

Noch besser hätte ihr die Margarethe gefallen müssen, die es am Abend heftig und wortgewandt mit den Bütteln des Vogtes aufnahm, als nämlich diese zusammen mit einigen Mönchen urplötzlich das Haus Gänslein stürmten. Doch der Schreck über die nahezu brutale Hausdurchsuchung war so groß, dass Mechthild in dem Moment die Ruhe einer wartend aus dem Fenster starrenden Base vorgezogen hätte.

Was war geschehen?

Man schrieb bereits das Jahr 1530. Dreizehn Jahre waren seit dem Thesenanschlag des Mönches Luther vergangen. Die reformatorischen Lehren des Wittenbergers hatten sich längst im ganzen Reich, ja, in großen Teilen Europas verbreitet. Selbst der Kaiser vermochte nichts gegen diesen Mann und seine stets wachsende Anhängerschaft auszurichten. Die Ächtung des widerspenstigen Luther auf dem Reichstag zu Worms, das Verbot seiner Schriften und das Verschwinden des Totgeglaubten auf die Wartburg hatten lediglich bewirkt, dass die Begeisterung für den Reformator nur noch mehr wuchs. Selbst unter den Großen des Reiches kam es zu einer Spaltung in Altgläubige und Evangelische, und auch die blutige Niederschlagung des in Luthers Namen begonnenen, aber von diesem aufs Schärfste verurteilten Bauernkrieges tat der Beliebtheit der evangelischen Lehren keinen Abbruch. Im Jahre 1529 sprachen zahlreiche namhafte Vertreter der Reichsstände in Speyer ihre Protestation gegenüber der kaiserlichen Religionspolitik aus, und im folgenden Jahr war es den Evangelischen auf dem Reichstag in Augsburg sogar möglich gewesen, ihre eigenen Glaubensbekenntnisse vorzulegen.

Dennoch blieb ihnen weiterhin die offizielle Anerkennung versagt, und niemand hasste sie mehr als Kaiser Karl V., der jedoch ihrer wachsenden Masse und ihrer Inbrunst machtlos gegenüberstand. Er konnte nichts ausrichten gegen diejenigen unter den Landesfürsten, welche mit der Zustimmung zu Luthers Lehren nicht nur religiös, sondern auch politisch handelten, indem sie somit die Macht des Kaisers im Reich einzudämmen trachteten. Das Reich war also in mehrere Parteien gespalten – niemand war sich sicher, was er glauben sollte, glauben durfte, glauben wollte oder glauben musste. Von der breiten Masse bis hin in die obersten Spitzen herrschte demnach maßlose Verwirrung.

Keiner konnte mit Gewissheit sagen, wohin dieser Weg führen würde, was in nächster Zukunft geschehen könnte, und so war auch in der Stadt Hameln in Glaubensdingen Ungewissheit zu verspüren. Jeder hatte seine Meinung, viele sprachen sie auch aus, aber wirklich bekennen wollte oder getraute sich noch niemand. Man wartete.

Der Rat, bestehend zumeist aus selbstbewussten, reichen Patriziern und Kaufleuten, tendierte nahezu geschlossen zu den neuen Lehren, ohne jedoch einen eindeutigen Schritt in diese Richtung zu wagen. Der Probst, die übrigen Stiftsherren, Kanoniker und Mönche der Südstadt hingegen blieben natürlich der katholischen Sache treu, und der Stadtvogt, als dritte Macht in Hameln, saß zwischen den Stühlen. Er musste sich nach seinem Herrn richten, nach dem Herzog von Calenberg, und dieser schien kein Bedürfnis zu verspüren, sich in Glaubensdingen festzulegen. Er blieb katholisch, ließ aber allen evangelischen Bestrebungen und protestantischen Wanderpredigern in seinen Landen freie Hand, verfolgte niemanden und machte es somit vor allem denjenigen seiner Untertanen, die verantwortliche Positionen innehatten, nicht einfacher. So auch dem Hamelner Stadtvogt, der sich nach langem Hin und Her schließlich doch dazu durchgerungen hatte, in dem allgemeinen Glaubensdurcheinander einen Schritt zu wagen, der ihn entweder Kopf und Kragen kosten oder ihm zu einem netten Wohlstand verhelfen könnte. Der Vogt hoffte auf Letzteres, als er beschloss, dem Vorschlag des Fremden von der Erichsburg Folge zu leisten.

Stadtrat und Probst waren bald über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt worden. Während der Rat auf die wirtschaftlich ungünstigen Folgen hinwies, sich aber eines weiteren Kommentars enthielt, begrüßte die katholische Seite ein solches Exempel – und nachdem der Landesherr vollkommen gleichgültig reagiert hatte, fühlte der Stadtvogt sich nun abgesichert genug, um dem ihm von diesem gerissenen Burschen aufgezeigten Wink zu folgen.

Er rief also eines Tages seine Büttel zusammen und holte sich, da diese allesamt des Lesens nicht mächtig waren, geistliche Hilfe aus dem Süden der Stadt, um ohne Vorankündigung festzustellen, ob sich im Hause der Kauffrau Margarethe Gänslein tatsächlich verbotene lutherische, gar ketzerische Schriften befanden.

»Was untersteht ihr euch?« Margarethe war schon ganz heiser.

Als sie vom Weserufer zurückgekehrt war, waren sie bereits da und sogar in ihr Schlafgemach eingedrungen. Sie durchwühlten Truhen und Regale, rissen ihre Laken und Kissen auseinander, durchstöberten sogar ihre Wäsche.

Mechthild, Bennheim, Johanna und das übrige Gesinde hockten derweil in der Küche und wurden von einem der Büttel in Schach gehalten. Mechthild betete einen Rosenkranz nach dem anderen. Sie fürchtete, nun würden sie tatsächlich der Ketzerei beschuldigt. Johanna konnte sich all das nicht erklären, sie war sprachlos, und Bennheim schüttelte ebenfalls nur ungläubig den Kopf.

Von draußen war Margarethes Gekeife zu vernehmen.

»In jedem zweiten Haushalt würdet ihr diese Bücher finden. Warum sucht ihr ausgerechnet bei mir?«

»Das ist doch die Höhe, ihr Unholde. Das kann doch niemals rechtmäßig sein, was ihr hier treibt!«

»Sogar an die Bibliothek habe ich das eine oder andere Werk bereits verliehen. Niemals hat sich jemand daran gestoßen.«

»Vergesst nicht, in meinem Nachtschrank nachzuschauen! Dort werdet ihr ein Bild von Luther mit Heiligenschein finden.«

»Wer sagt euch, dass ich gutheiße, was in diesen Schriften steht? Wer sagt euch das? Vielleicht wollte ich lediglich meine Kenntnisse erweitern. Selbst der Kaiser hat sie schon gelesen.«

»In meinem Bücherschrank werdet ihr auch den Hexenhammer finden. Und dieses Schandwerk ist gewiss nicht nach meinem Geschmack. Dennoch besitze ich es. Doch was heißt das schon? Was heißt das schon?«

Ihre Stimme klang kläglich, verzweifelt. Aber von niemandem erhielt sie eine Antwort auf ihre Proteste. Man beachtete die bis dato ehrenhafte Bürgerin der Stadt Hameln gar nicht. Und lediglich Johanna war froh darüber. Sie fürchtete, Margarethe könne die Angelegenheit durch ihr Schimpfen und Fluchen nur noch schlimmer machen und die Büttel letztendlich dazu zwingen, sie den kurzen Weg bis zum Kerkerloch im Rathaus zu begleiten.

Am Ende des Tages verschwanden sie endlich, eine Spur der Verwüstung hinterlassend. Das, was sie in einer versiegelten Kiste mit sich nahmen, waren eine lutherische Übersetzung des Neuen Testaments, zudem Schriften mit dem Titel »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, »An den Adel christlicher Nation« sowie »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, außerdem vier Flugblätter, auf denen unter anderem Reden Thomas Müntzers und Karlstadts abgedruckt waren. Sogar sämtliche Werke des großen Erasmus von Rotterdam, der nun wahrlich kein Evangelischer war, hatten sie beschlagnahmt, und auch das Pamphlet eines Anonymus über das Treiben und Ansinnen der Medici-Päpste hatten sie gefunden und eingesteckt.

Zum Glück hatte Margarethe die Tagebücher Reinolds allesamt nach ihrer Rückkehr verbrannt. Aber dennoch hatten diese Burschen noch immer genügend Material gefunden, um ihr die Hölle heiß zu machen. Das wusste sie, aber dennoch konnte sie auch am späten Abend nicht fassen, was da geschehen war.

»Ich dachte, die Zeiten hätten sich geändert«, flüsterte sie vor sich hin, während sie, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den schweren Kopf in die Hände legend, starr auf ihr zum fünften Mal geleertes Weinglas blickte.

Nur noch Johanna war bei ihr, alle anderen versuchten, ein wenig Ruhe zu finden. Eine der Mägde war sogar ganz aus dem Haus geflohen, von dem anzunehmen war, dass dort in den nächsten Tagen noch einiges an Unangenehmem geschehen würde.

»Ist es nicht nahezu lächerlich, Johanna? Da fürchte ich mich die ganze Zeit vor der Konkurrenz und den Intrigen Hasenstocks. Jetzt ist er tot, alles müsste gut werden – und dann das!«

»Jemand muss Euch verraten haben, meine Herrin.«

»Das ist nicht nötig, Johanna. Jeder in dieser Stadt weiß doch, dass ich Luthers Schriften lese. Daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht, ich war lediglich kindisch genug zu glauben, dass es keine Gefahr darstellt. Nicht hier, in einer Stadt, in der so viele diesen Ideen anhängen. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.«

»Was wird nun geschehen?«

»Ich weiß es nicht, Johanna. Ich weiß es nicht.«

Alles ging rasch, sehr rasch vonstatten.

Bereits am folgenden Tage wurde Margarethe Gänslein kurzer Prozess gemacht. Sie wurde des Ungehorsams angeklagt und fiel somit in die Machtbefugnisse des Vogtes, der ihr zwölf Stunden einräumte, um die Stadt für fünf Jahre und fünf Tage zu verlassen. Ihr Haus und ihr Vermögen sollten dem Fiskus anheimfallen. Der Rat blieb stumm, man verbarrikadierte sich hinter den Mauern des Rathauses und wartete ab. Sicherlich spekulierte man auf eine Entschädigung für den Steuerausfall, den der Verlust einer solch betuchten, aber zugegebenermaßen unbequemen Bürgerin mit sich brachte. Dem Anschein nach war diese Maßnahme gegen die lutherische Kauffrau ein Sieg der katholischen Seite, der Stiftsherren, doch auch diese hielten sich zurück.

Keiner erhob einen Einwand, als schließlich der Vogt das große imposante Haus am Pferdemarkt für sich beanspruchte und es ihm schließlich auch überschrieben wurde.

Margarethe Gänslein war das Opfer eines Schwebezustands geworden, einer Zeit der Ungewissheit, einer Phase, in der es vor allem die lachenden Dritten waren, die ihre Vorteile aus dem Streit der beiden verfeindeten Lager zogen. Und der lachende Dritte war in diesem Falle der herzogliche Stadtvogt, welcher aus eigenen Stücken niemals auf diesen schwierigen Plan verfallen wäre, nun aber glücklich war, es gewagt zu haben.

Gern hätte er seinem Ideengeber, diesem Fremden, seinen Dank ausgesprochen, doch dieser war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.