38237.fb2 Gestatten, Bestatter! - Bei Uns Liegen Sie Richtig - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 15

Gestatten, Bestatter! - Bei Uns Liegen Sie Richtig - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 15

Born to be wild

Ich kenne Motorradclubs oder Bikerclubs, wie das heute so schön heißt, noch unter der Bezeichnung Rockerbande und muss sagen, dass ich jedes Mal ein ganz klein wenig Angst bekomme, wenn mir auf der Landstraße so eine Kolonneschwerer Motorräder begegnet. Die Fahrer und Mitfahrer sehen ja auch wirklich zu martialisch aus mit ihren schwarzen Lederjacken und den Helmen. Wahrscheinlich wollen die mir gar nichts tun, aber ich glaube, die wirken gerne ein bisschen gefährlich und sehen es gar nicht ungern, wenn unsereins ein bisschen vor ihnen bibbert.

Egal, die zwei die gerade aus meinem Büro raus sind, waren jedenfalls echte Rocker. Wie zwei Messdiener standen sie brav und ehrfürchtig nebeneinander, ganz in Leder. Der eine mit verspiegelter Sonnenbrille, der andere mit einem Piratenkopftuch. »Den Pepi hat’s zerbröselt.«

Ich nehme mal an, dass soll bedeuten, dass ein Motorradfahrer namens Josef ums Leben gekommen ist, und so ist es auch. Heuler und Bobo nennen sich die zwei und erzählen mir, dass Pepi (ist das eigentlich ein besonders verbreiteter Name unter Motorradfahrern, oder bringe nur ich reihenweise Biker-Pepis unter die Erde?) von einem Autofahrer geschnitten worden und seine »Mühle« quasi über ihn drübergewalzt sei.

»Kohle hammer genuch«, sagt Heuler und legt zum Beweis ein ganzes Bündel auf den Tisch. »Wir hamm zusammengelecht!«

Bobo nickt zustimmend und zupft an seinem Piratentuch.

»Ne dicke Kiste« wollen sie, und die Beerdigung muss am Mittwoch sein, das hätte man so mit den anderen Clubs abgesprochen, die alle mit einer Abordnung kommen wollen. Wie viele Leute denn da kämen, will ich wissen.

»So an die dreihundert etwa und alle mit Mühlen«, sagt Heuler, und was macht Bobo? Genau! Der nickt und nestelt am Kopfschmuck.

Sie wollen den »Kennedy«, eine Klapptruhe aus Holz nach amerikanischem Muster. Blumenschmuck ohne Ende, und vorne am Sarg soll ein Emblem mit »Harley Davidson« angenagelt werden.

Die Trauerfeier soll in ihrem Clubhaus stattfinden. Das ist einerseits draußen vor den Toren der Stadt in einer ehemaligen Fabrik, und andererseits stellt uns das vor ein Problem. Trauerfeiern mit Sarg sind in Deutschland nur in der Friedhofskapelle oder in extra dafür zugelassenen Räumen, beispielsweise unserer Hauskapelle, erlaubt.

»Wir woll’n aber die Mühle vom Pepi aufbauen, seinen Sarch davor un dann alle einen auffen Pepi heben.«

Ich überlege hin und her und komme dann zu dem Ergebnis, dass ich bei dreihundert Leuten unmöglich unsere eigene Kapelle vorschlagen kann, die ist mit knapp zweihundert Sitzplätzen zu klein, selbst die Trauerhalle auf dem Friedhof, den die wollen, ist zu klein.

Da kommt mir die rettende Idee.

»Wir machen das so: Sie machen die Trauerfeier in Ihrem Clubhaus, mit Drehbühne und kaputtem Motorrad, genau so, wie Sie das geplant haben. Vor das Moped stellen wir ein großes Foto vom Pepi, und meinetwegen können Sie dort auch auf Ihren Kameraden anstoßen. Wir kommen mit dem Sarg da hin, machen am Bestattungswagen die Gardinen auf, damit der Sarg mit den Blumen sichtbar ist, und dann fahren wir im Konvoi vom Clubhaus zum Friedhof.«

»Jau«, sagt Heuler. Und Bobo? Genau, Bobo nickt und zupft. Nicht mal gegen das Wort Moped haben die etwas einzuwenden.

»Born to be wild« wollen sie auf dem Friedhof gespielt haben, wenn der Sarg abgelassen wird.

»Alter, das geht alles klar, oder?«

Ja, Heuler, das geht klar!

Die zwei gehen wieder, nachdem Bobo alles unterschrieben hat, der ist nämlich für den Schreibkram zuständig.

Wir müssen jetzt wirken, und zwar heftig! Der Verstorbene muss zweihundert Kilometer weit entfernt abgeholt werden. Und der Bestattungswagen muss umgebaut werden, denn anders als die Leute glauben, haben die keine Gardinen, sondern fest bespannte Tafeln, die zwar herausnehmbar sind, aber dennoch ist das ein Akt. Außerdem muss ich erst einmal mit dem Ordnungsamt und der Polizei telefonieren, wie das mit dem Konvoi aussieht, das dürfte aber klargehen, wahrscheinlich bekommen wir einen Streifenwagen zur Begleitung. Dann einen Pfarrer finden, der die Feier im Clubhaus macht, auch das wird gehen, denke ich, ich habe da schon einen im Auge, der lange in Amerika war. Das größte Problem wird wieder das Friedhofsamt sein. Ich muss einen Termin bekommen, der absolut frei ist, das heißt, dass vor- und hinterher keine anderen Beerdigungen sind.

Ich muss mit dem Landwirt sprechen, dem das Brachgelände am Friedhof gehört, ob die da mit ihren Motorrädern parken dürfen. Unsere Musikanlage muss gecheckt werden, damit wir »Born to be wild« spielen können.

Mal sehen, ob ich ein Grab finde, das nicht in dritter Reihe am engsten Weg liegt, damit auch alle bei der Grablegung etwas sehen.

Ich sehe schon, ich werde Bakschisch brauchen und viel telefonieren müssen.

Der Boden hat regelrecht vibriert, als die Motorräder sich dem Friedhof nähern.

Ein Landwirt hat einen Acker in der Nähe mit Stroh bestreut, und dort können die Mitglieder der diversen Motorradclubs ihre Maschinen abstellen. Schön weit voneinander getrennt die Anhänger der »3-Zimmer-Küche-Bad«-Goldwings und die Harley-Fahrer.

Insgesamt hat man eher den Eindruck, die Leute kommen zu einem Biker-Treffen als zu einer Beerdigung. Aber warum sollte das bei denen anders sein als bei normalen Familien auch, wo die Trauer des Anlasses oft durch die Wiedersehensfreude unter entfernt wohnenden Verwandten überdeckt wird.

Zur vorgesehenen Stunde gibt Sandy, die die Gesamtkoordination innehat, über das Funkgerät das Kommando, und während auf dem Friedhof die Totenglocke geläutet wird, startet unser Bestattungswagen etwa 300 Meter entfernt in einer Seitenstraße seine Fahrt. Die Sichtblenden haben wir entfernt, so dass man einen ungehinderten Blick auf den Sarg mit den Blumen werfen kann.

Langsam nähert sich das Fahrzeug, und als es sichtbar wird, verstummt auch jegliches Palaver. In einer stummen Prozession schließen sich nach und nach über 300 Biker und Bikerinnen dem Bestattungsauto an, angeführt vom Pfarrer, der Familie und den engsten Freunden des Verstorbenen. Einige Bikergruppen tragen Kränze, Blumengestecke in Herz- und Kreuzform, und eine der Abordnungen trägt eine etwas zerfetzte Jeansjacke wie eine Reliquie: die Kutte des Verstorbenen mit den Colors, wie man mir später erklärt, also dem Abzeichen und den Farben seines Clubs.

Während der Bestattungswagen eine Ehrenrunde um das große Rondell mit dem acht Meter großen Jesuskreuz dreht, bekommen die Trauergäste jeweils ein Blumensträußchen und einen Zettel mit Gebetstexten in die Hand gedrückt. Darum hat der Pfarrer gebeten, weil er sich nicht sicher ist, ob alle wohl die gängigen Gebete so genau kennen.

Inzwischen wird die Klappe des Bestattungswagens geöffnet und der Sarg von unseren Mitarbeitern auf einen Katafalk gestellt. Danach fährt der Bestattungswagen langsam weg. Eine Abordnung des Motorradclubs, sechs Mann, nimmt den Sarg auf die Schultern und marschiert über den breiten Mittelweg des Friedhofs zum südlichen Teil, zum Grab. Während des ganzen Weges läutet die Totenglocke und abgesehen vom eintönigen Bimm-Bimm der Glocke und dem Knirschen der Motorradstiefel auf dem Kies des Weges ist es totenstill.

Am Grab angekommen, übernimmt der Pfarrer mit kurzen Handzeichen das Kommando, wir sortieren die Gäste ein, so dass möglichst viele etwas sehen können. Ein bisschen komme ich mir wie ein Einweiser auf einem großen Parkplatz vor. Trotzdem dauert es deutliche zehn Minuten, bis alle ordentlich untergebracht sind.

Die Totenglocke ist inzwischen verstummt, und dann beginnt der Pfarrer seine kurze Ansprache. Vorne am Grab haben wir ein Standmikrofon aufgestellt; ich hasse es, wenn da vorne einer redet und man nichts hört.

Nach dem Pfarrer treten etliche Freunde, auch der Präsident und der »hangman« (was immer das auch ist) seines Clubs vor und sprechen ebenfalls ein paar Worte. Ich sage euch, auch Rocker können weinen!

Dann erst wird der Sarg in die Grube abgelassen, und der Pfarrer spricht die Aussegnungsworte. Dank der ausgeteilten Zettel können dann alle gemeinsam mit ihm beten.

Der nachfolgende Teil ist der ergreifendste. Einer nach dem anderen treten die Anwesenden vor und werfen ihre Blumensträußchen in das Grab. Dreimal muss »Born to be wild« gespielt werden, jeweils mit einer Pause dazwischen, bis alle durch sind.

Insgesamt dauert es deutlich über eine Stunde, bis die Biker den Friedhof wieder verlassen haben. Vor dem Tor warten zwei Polizeimotorräder und ein Streifenwagen. Die Geräuschkulisse, als die ganzen Maschinen anspringen und hinter den Polizeifahrzeugen herfahren, ist unbeschreiblich!

Noch Minuten später hing der typische Benzingeruch von Motorrädern in der Luft.

Ich glaube, es ist eine gute Sache, dass das Vereinsheim dieses Motorradclubs in einer ehemaligen Fabrik weit vor der Stadt liegt, denn das Fest zu Ehren des verstorbenen Bikers sollte bis in die frühen Morgenstunden gehen. Fast habe ich es ein bisschen bedauert, dass ich der Einladung, da teilzunehmen, nicht gefolgt bin. Ich habe zwar auch ein Motorrad, aber die Welt dieser Motorradclubs ist mir doch zu fremd.