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Wie lange hält heutzutage eine Ehe im Durchschnitt? Sind es vier Jahre? Ich kann das nicht verstehen, für mich persönlich ist eine Ehe etwas Bleibendes. Dass Beziehungen sich auch mal schlecht entwickeln und die Menschen auseinandergehen, das kommt vor, aber ich glaube, dass die Leute die Flinte zu früh ins Korn werfen und zu schnell aufgeben. Aber es gibt sie ja noch, die anderen Beispiele …
Gretel und Paul Schellinger waren über sechzig Jahre verheiratet, und sicher hatten auch sie schwere Zeiten, aber sie hatten nie aufgegeben und konnten daher im letzten Jahr zur diamantenen Hochzeit ein Gratulationsschreiben vom Landrat in Empfang nehmen, das der Ministerpräsident persönlich unterschrieben hatte.
»Sechzig Jahre, meine Güte, das ist eine verdammt lange Zeit. Und wissen Sie, mein Mann war manchmal schon etwas schwierig, wie Männer eben so sind. Aber er war ein guter Mann. Jeden Morgen hat er mich mit den Worten ›Ich liebe Dich‹ begrüßt und mir einen Handkuss gegeben. Jeden Morgen, sechzig Jahre lang.«
Leicht sei das alles nicht gewesen, und oft genug habe es Zeiten gegeben, da seien das Leben und die Ehe nur so dahingeplätschert, und man sei einfach nur aus Gewohnheit beieinander geblieben.
»Jüngere Leute«, sagt Frau Schellinger zu mir, »hätten da schon lange aufgegeben, aber wir hatten doch nur uns.«
Während sie das sagt, streichelt sie die Hände ihres Mannes, doch ob der davon noch etwas mitbekommt, weiß man nicht wirklich, jedenfalls kann er es uns nicht mehr sagen, denn Paul Schellinger ist tot.
Oma Gretel, so nennt sie sich selbst, sitzt neben dem Bett ihres Mannes, streichelt seine Hände, wischt mit einem Taschentuch über seine Stirn und erzählt mir: »Erst waren wir verliebt, da waren wir noch ganz jung, und Paul musste in den Krieg. Als er zurückkam, haben wir geheiratet und hatten dann einfach keine Zeit mehr, verliebt zu sein. Es gab nichts zu essen, wir waren ausgebombt, und ein kleines Kind hatte ich da auch noch durchzubringen.«
Arbeit, tägliche Besorgungen, der Kampf ums Überleben, das prägte die ersten Jahre der jungen Familie, und als es dann allen wieder ein bisschen besserging, da musste Paul Schicht arbeiten, und wieder war nur wenig Zeit für die Liebe.
»Und trotzdem, wir haben uns geliebt. Dieser Mann ist der Mann meines Lebens«, sagt Oma Gretel, schaut auf ihren toten Paul und verbessert mit zögerlicher Stimme: »War.«
Wieder streichelt sie ihren Mann, und dicke Tränen rollen über ihre Wangen. »Was soll ich denn jetzt ohne ihn machen? Ich hatte doch nur ihn.«
Einen Sohn haben die Schellingers gehabt, doch der ist selbst schon vor drei Jahren gestorben, war unverheiratet und kinderlos geblieben.
Ich sitze neben Oma Gretel, drehe sie etwas beiseite und mahne, dass wir jetzt weitermachen müssen. Schon eine halbe Stunde sind wir da und warten darauf, dass wir Herrn Schellinger mitnehmen können. Wir haben Oma Gretel vorgeschlagen, ihren Mann noch über Nacht bei ihr zu lassen, damit sie Abschied nehmen kann, aber das wollte sie nicht.
Meine beiden Bestattungshelfer treten verlegen von einem Bein auf das andere, doch Oma Gretel macht keine Anstalten, ihren Paul herzugeben. »Wir müssten dann jetzt«, sagt der eine, und Oma Gretel nickt, lässt aber die Hände ihres Mannes nicht los. Die beiden Männer schauen einander an, nicken sich zu und bringen die Leichentrage ins Zimmer. Einer der Männer nimmt Oma Gretel bei den Schultern und führt sie behutsam in den Gang.
Der Rest geht schnell. Paul liegt wenig später auf der Trage, und als die Männer gerade den langen Reißverschluss zuziehen wollen, kommt Gretel noch mal herein, beugt sich über ihren Paul und flüstert ihm zu: »Ich liebe dich, Paul. Warte auf mich, ich komme auch bald!«
Am nächsten Morgen sitzt Oma Gretel Schellinger bei mir im Büro, und ihre erste Frage lautet: »Kann ich später zu meinem Paul ins Grab?«
Das kann sie, wenn sie ein Familien- oder Doppelgrab kauft, aber Oma Gretel zählt mir in bar das wenige Geld auf den Tisch, das sie für die Bestattung übrig hat, und ich sehe sofort, dass das auf keinen Fall für ein Doppelgrab reicht. Egal wie ich auch rechne und wie viel ich ihr auch entgegenkomme, ich schaffe es mit dem wenigen Geld nicht, ihr das gewünschte Familiengrab zu ermöglichen.
»Aber ich will doch zu meinem Paul ins Grab«, protestiert sie.
Ich habe Mitleid mit der Frau und trockne ihre Tränen mit einem Taschentuch, aber ich weiß auch keinen Ausweg. Zu groß ist der Preisunterschied zwischen einem Reihengrab und einem Doppelgrab.
»Und was ist, wenn ich gleich zwei Reihengräber nehme, eins für meinen Paul und eins später für mich, direkt daneben?«
»Das geht nicht. Die Stadtverwaltung vergibt die Reihengräber der Reihe nach, deshalb heißen sie so – der Nächste, der stirbt, bekommt auch das nächste Grab«, kläre ich sie auf.
Ein Reihengrab kostet 800 Euro, das günstigste Doppelgrab fängt bei 2500 Euro an. Außerdem müsste Oma Gretel nachweisen, wer nach ihrem Tod das Grab pflegen würde – man müsste also sogar noch einen Grabpflegevertrag abschließen. Für all das hat sie einfach nicht genug Geld. Ihr Mann war über 80, sie ist 78 und damit gerade noch nicht zu alt, um eine Sterbeversicherung abzuschließen. Dazu rate ich ihr, und wir sprechen lange über alles, denn wenn sie selbst mal stirbt, soll doch wenigstens für ihre eigene Beerdigung genügend Geld da sein, als das sie jetzt schon alles für ihren Paul ausgibt.
So besprechen wir einerseits die Beerdigung von Opa Paul und andererseits ihre eigene Bestattung, doch wie wir es auch drehen und wenden – ein Doppelgrab springt nicht dabei heraus.
Zähneknirschend und sich den Bestimmungen beugend, willigt Oma Gretel endlich ein, ihren Paul in einem Reihengrab bestatten zu lassen und selbst einmal später ein Reihengrab an einer ganz anderen Stelle des Friedhofes zu bekommen.
Bis zum Tag der Beerdigung kommt Oma Gretel jeden Tag, um ihren Paul zu besuchen. Sie sitzt oft eine Stunde lang bei ihm, eine Decke über dem Schoß, damit es ihr nicht zu kalt wird, spricht mit ihm und weint sehr viel.
Nach sechzig Jahren Abschied nehmen zu müssen, das ist schwer.
Die Beerdigung verläuft dann ohne weitere Zwischenfälle und kann von uns abgehakt und verbucht werden. Die Rechnung ist bezahlt, und Oma Schellinger bezahlt auch pünktlich ihre Prämien für die Sterbeversicherung. Ein Jahr lang wird sie die mindestens zahlen müssen, damit die Versicherung überhaupt die komplette Beerdigung bezahlt, sonst gibt es nur die eingezahlten Beiträge oder einen Teil der Summe.
Es sind etwa drei Monate vergangen, als Oma Gretel zu mir ins Büro kommt und mich sprechen will. Sie sitzt mir gegenüber, weint und erzählt mir, dass sie es nicht verkraften kann, nicht eines Tages neben ihrem Paul liegen zu können. Am liebsten würde sie ihn wieder ausgraben lassen und nun doch ein Doppelgrab nehmen.
Das Geld für diese Aktion und für das Doppelgrab hat sie allerdings nicht. Wunschdenken, das unerfüllt bleiben muss, so bitter das auch ist und so leid mir die Frau auch tut.
Ob ich nicht wenigstens mit ihr auf den Friedhof gehen könne, sie sei sich wegen des Grabsteins noch nicht sicher, und ich soll ihr doch beim Aussuchen helfen. Klar, das ist das wenigste, was ich tun kann, und so begleite ich sie.
Das Wetter ist schön, und wir spazieren über den Friedhof. Meinen Arm, den ich ihr angeboten habe, hat Oma Gretel gerne genommen und sich bei mir eingehakt. Wir schauen uns zahlreiche Grabsteine an – bei dem einen gefällt ihr die Form, beim nächsten die Farbe und beim dritten die Schrift; ich notiere das und werde es dem Steinmetz so weiterleiten.
Am Ende unseres Rundgangs über den Friedhof stehen wir vor dem Grab, in dem ihr Paul liegt, und sie beginnt, die wenigen Blumen etwas zurechtzuzupfen. Die Reihen der Gräber in diesem Feld liegen nicht neben-, sondern untereinander. Das bedeutet, dass am Fußende von Pauls Grab ein schmaler Weg ist, dann folgt das nächste Grab und so weiter.
Pauls Reihe ist schon fast voll, bald werden die Friedhofswärter die nächste Reihe rechts daneben anlegen.
Der Friedhofswärter kommt, er will mal sehen, was ich da mache – ständig haben die städtischen Bediensteten Angst, wir Bestatter könnten ihnen irgendwie ins Handwerk pfuschen. Das sagt er natürlich nicht, sondern nur, dass das Grab jetzt genügend gesackt sei und er bald Erde nachfüllen wolle, Frau Schellinger solle also bitte jetzt keine neuen Blumen mehr pflanzen, sondern abwarten, bis das Grab aufgefüllt ist; dann könne man auch den Grabstein stellen und das Grab endgültig bepflanzen. Oma Schellinger nickt und sagt: »Wo Sie jetzt schon mal da sind – wie werden denn hier die Gräber in dieser Reihe vergeben?«
Sehr vornehm kratzt sich der Friedhofswärter am Allerwertesten, zieht die Nase hoch und sagt: »Das sind Reihengräber, die werden der Reihe nach vergeben. Der Nächste, der stirbt, bekommt das nächste freie Grab und so weiter. Sie sehen ja, dass die Gräber am Fußende von Ihrem Grab schon belegt sind. In dieser Reihe kommen noch sechs, dann fange ich eine neue Reihe mit sechzehn Gräbern an.«
»Wann ist denn das Grab direkt neben meinem Paul an der Reihe?«
»Das kann ich nicht genau sagen. Warten Sie mal, ich guck mal in der Reihe im Nachbarfeld.«
Der Friedhofswärter läuft die Reihe auf der anderen Seite des Weges ab, schaut auf die Sterbedaten auf den Grabsteinen und sagt dann, als er wieder bei uns steht: »Wenn ich das richtig sehe, dauert es ungefähr vierzehn Monate, bis das so weit ist. Aber so genau kann das keiner wissen. Manchmal mache ich zwei in der Woche auf. Mal sterben mehr, mal sterben weniger.« Er lacht meckernd, als hätte er etwas besonders Lustiges gesagt, und trollt sich wieder, nicht ohne sich zum Abschied noch mal am Allerwertesten zu kratzen.
Oma Gretel hält ihn auf, ruft ihn zurück und drückt ihm ein Trinkgeld in die Hand. Dann sagt sie: »Halten Sie mir das Grab neben meinem Paul frei, ja?«
»Das kann ich nicht.«
»Ich will aber neben meinem Paul liegen.«
Der Friedhofswärter will wieder lustig sein, lacht schon vorher sein meckerndes Lachen und sagt: »Dann müssen Sie eben in vierzehn Monaten sterben und genau an dem Tag beerdigt werden, an dem dieses Grab an der Reihe ist. Da müssten Sie aber schon Glück haben.«
Nun ja, beim Thema Sterben von Glück zu sprechen ist schon etwas weit hergeholt, aber ich sehe Oma Schellinger an, dass sie das genau richtig verstanden hat und es für sie tatsächlich ein großes Glück bedeuten würde, wenn sie in diesem Grab neben ihrem Paul zu liegen käme.
Allerdings macht die Dame keineswegs einen gebrechlichen Eindruck, und ich habe so meine Zweifel, dass ausgerechnet sie innerhalb der nächsten Monate sterben wird.
Es vergeht ein ganzes Jahr, und ich denke gar nicht mehr an die Geschichte.
Da bekomme ich Besuch von einer Rechtsanwältin. Sie weist sich als Betreuerin von Oma Gretel aus und möchte einen Blick in die Vorsorgeunterlagen werfen. Ich erfahre, dass Oma Gretel vor einigen Monaten in ein Pflegeheim gekommen und mittlerweile schwer erkrankt ist. Die Betreuerin erzählt, dass der Arzt sagt, der Frau fehle eigentlich nichts, aber sie habe ihren Lebenswillen aufgegeben und rede nur davon, dass sie zu ihrem Paul will.
Kurz: Oma Gretel stirbt genau in der Woche, in der die Grabreihe neben ihrem Paul so weit vorgerückt ist. Als ich jedoch den Sterbefall beim Friedhofsamt anmelde, heißt es, das Grab mit der Nummer 76 sei schon vergeben, und Oma Schellinger bekomme sogar erst die Nummer 78 – zwei Reihen weiter unten als ihr Paul.
Das kann ich nicht zulassen, so viel ist klar. Also mache ich mich auf den Weg, fahre zum Friedhof und suche den Pokratzer, der mir bereitwillig Auskunft darüber gibt, welcher Bestatter für die Beerdigung in Grab 76, dem Grab direkt neben Paul, zuständig ist. Schon will ich mich auf den Weg machen und male mir aus, wie ich mit dem Kollegen um das Grab schachere, da fällt mir ein, dass dieser vermutlich überhaupt keine Ahnung hat, welches Grab für seinen Sarg vorgesehen ist. Reihengräber werden eben so vergeben, wie sie an der Reihe sind, da macht sich kaum jemand Gedanken, neben wem man da zu liegen kommt.
Ich kehre um, suche wieder nach dem Pokratzer und finde ihn beim großen Komposthaufen, wo er gerade dabei ist, die unverrottbaren Bestandteile verblühter Kränze abzureißen und in einen Müllcontainer zu werfen.
»Sagen Sie mal, kann man denn da gar nichts machen, dass die Frau Schellinger doch in das Grab Nummer 76 kommt?«
Umständlich steigt der Friedhofswärter vom Komposthaufen, zieht hörbar die Nase hoch und erklärt mir: »Das ist kompliziert und geht gar nicht einfach.«
»Was muss man denn machen?«, frage ich und ziehe einen 20-Euro-Schein aus der Jackentasche. Ganz beiläufig, wie selbstverständlich, nimmt der Mann den Schein und sagt: »Kommen Sie mal mit.«
Ich folge ihm in sein kleines Büro neben der Trauerhalle.
»Sehen Sie, hier ist die Wand mit der Tafel. Auf dieser Tafel sind alle Gräber und Namen eingezeichnet. Da müsste ich jetzt bei 76 den Meier ausradieren und die Frau Schellinger hinschreiben, und bei 78 muss ich die Frau Schellinger ausradieren und den Herrn Meier hinschreiben.«
»Ja, und würden Sie das tun?«
»Kein Problem«, das ist alles, was er sagt. Dann radiert und schmiert er, die Zunge zum Mundwinkel herausgestreckt, so anstrengend ist dieser hoheitliche Verwaltungsakt für ihn. Schon nach knapp zehn Minuten ist er fertig, tupft sich den Schweiß von der Stirn, kratzt sich – man weiß schon, wo – und sagt: »So!«
Ich bin erleichtert und will mich gerade bei ihm bedanken, da zieht er die Augenbrauen hoch und sagt: »Dann müsst ihr die alte Frau aber auch einen Tag früher beerdigen. Das geht ja der Reihe nach.«
Gut, das bekomme ich hin, es kommt ohnehin bloß ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft, die Betreuerin und der Pfarrer.
Zwei Tage später ist die Beerdigung von Oma Gretel. Auch ich bin gekommen – irgendwie ist sie mir doch ans Herz gewachsen, und ich bin der Einzige, der weiß, dass sie so im Sarg liegt, dass ihr Kopf ganz leicht nach links zeigt. So schaut sie wenigstens zu ihrem Paul, der jetzt genau neben ihr liegt, so wie sie es sich gewünscht hat.