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Wenn man Tag und Nacht dienstbereit ist, dann erwartet man ja auch, dass jemand mit einem Auftrag zu einem kommt, wenn es spätabends noch klopft oder klingelt. Aber manchmal kommt es eben anders.
Heute habe ich einen dicken Kopf und rote Ränder um die Augen – aber ich schwöre: Ich habe gestern nichts getrunken! Wie es dazu gekommen ist?
Losgegangen ist es gestern Abend um kurz vor Mitternacht. Ich war ganz allein im Haus, meine Frau ist mit den Kindern verreist. Ursprünglich wollte ich mir ja eine Flasche Wein aufmachen und bei etwas lauterer Musik den Abend ausklingen lassen.
Ich mache das gerne in unserer Trauerhalle, da haben wir nämlich die beste Beschallungsanlage und die beste Akustik. Es war also so gegen 23.45 Uhr, ich ging mit einer Flasche Rotwein die Treppe hinunter und wollte gerade nach links abbiegen, als es gegen die Haustür hämmerte. Ich habe mir zwar nichts vorzuwerfen, aber es war so laut, dass ich unwillkürlich an Polizei, Steuerfahndung oder einen Gerichtsvollzieher im Kuckuckswahn gedacht habe. Also stellte ich die Weinflasche und das Glas unten neben der Treppe auf eine Holzsäule und ging zur großen Eingangstür. Die hat oben Buntglas, und ihr Hersteller war so freundlich, eines dieser Glasfelder aufklappbar zu machen, so dass man hinausschauen und -sprechen kann, ohne die ganze Tür öffnen zu müssen.
Der Riegel klemmte etwas – wir brauchen ihn nicht oft, denn vom Büro aus sehen wir auf einem Monitor, wer draußen steht. Als ich das Fensterchen endlich aufbekommen hatte, polterte es schon wieder vor der Tür.
»Was ist denn?«, fragte ich, wohl etwas unwirsch.
Draußen stand eine Frau von etwa 30 Jahren mit klitschnassen Haaren – obwohl es gar nicht regnete.
»Bitte lassen Sie mich doch herein, bitte!«, flehte sie mich an, und weil sie kein bisschen aussah wie ein ruppiger Finanzfahnder, öffnete ich die Tür und ließ sie herein. Sie ging mit zwei, drei großen Schritten an mir vorbei bis zur großen Palme und sagte: »Machen Sie schnell zu, machen Sie zu!«
Was denkt ein Bestatter, wenn um diese Zeit jemand kommt? Na klar, er macht sich Hoffnung auf einen Auftrag. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass irgendjemand kommt und einfach klopft oder klingelt, um einen Sterbefall anzumelden. Doch warum um alles in der Welt hat sie nasse Haare?
»Sind alle Türen zu?«, fragte sie mich mit weit aufgerissenen Augen, und ich nickte. »Sind wir hier sicher?« Ich nickte abermals: »Wie in Abrahams Schoß!«
»Kommen Sie«, sagte ich, knipste das Licht im rechten Gang an und deutete auf die Tür eines unserer Beratungszimmer – sie machte jedoch keine Anstalten, ihre Position bei der großen Palme zu verlassen.
»Was ist denn da hinter der Tür?«, wollte sie wissen.
»Ein gemütliches Zimmer, wo wir uns bequem hinsetzen können«, sagte ich und fügte noch hinzu: »Ganz sicher, da kommt keiner rein.« Mit zögernden Schritten folgte sie mir, und ich führte sie in unser Beratungszimmer. Wir haben mehrere solcher Räume, von denen jeder völlig anders eingerichtet ist.
Einer ist in nüchternem Office-Grau gehalten, ein anderes ist eher auf Chefbüro getrimmt, und dieses Zimmer ist mit Holz getäfelt, hat einen dicken Teppichboden und schweres dunkles Mobiliar sowie breite, sehr bequeme Ledersessel. Meine Leute sagen immer »das Herrenzimmer vom Chef« dazu, weil ich mir diese Möbel ausgesucht hatte.
Ich deutete auf einen der Sessel, und die junge Frau nahm Platz.
Ich schloss die Tür, setzte mich ebenfalls und hatte das erste Mal Gelegenheit, mir die Frau näher anzuschauen. Sie sah nicht schlecht aus, fand ich. Ein bisschen wie Sandra Bullock, nur irgendwie ungepflegter. Doch noch während ich das dachte, ging mir durch den Kopf, dass »ungepflegt« nicht der richtige Ausdruck war, eher würde »mitgenommen« passen. Ränder unter den Augen, bebende Lippen, die Finger ständig nervös an den unteren Zipfeln ihrer Bluse nestelnd. Auffallend lange braune Haare und wunderschöne schlanke Hände mit ebenfalls auffallend langen Fingern. Keine Schminke, aber ein leichter Duft. Nein, nicht ungepflegt, sondern gehetzt und mitgenommen.
»Was kann ich denn für Sie tun?«
»Hier kann keiner rein, nicht wahr?«
»Nein, niemand. Was ist denn mit Ihnen?«
Jetzt müsste sie mir sagen, dass irgendjemand gestorben ist, dass sie vollkommen durch den Wind ist und dass wir uns um den Sterbefall kümmern sollen. Das hoffte ich zumindest insgeheim, aber eigentlich wusste ich schon die ganze Zeit, dass es nicht so kommen würde.
»Ich habe solche Angst«, begann sie stockend, »die sind hinter mir her!«
»Wer ist hinter Ihnen her?«
»Die Männchen aus dem Fernseher«, sagte sie, schaute mich mit großen Augen an und nickte bestätigend.
»Eine Verrückte«, schoss es mir durch den Kopf, und ich ertappte mich dabei, wie ich sie musterte, um festzustellen, ob sie vielleicht irgendwo ein langes Messer versteckt haben könnte.
Verrückten soll man ja möglichst nicht widersprechen, und deshalb sagte ich nur langsam nickend: »Ach die.«
»Sie kennen das?«, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang Erleichterung mit. Ich nickte und schaute sie auffordernd und ermunternd an. »Kaffee?«, fragte ich, und sie nickte heftig.
Es dauerte drei Minuten, bis der Kaffeeautomat auf Betriebstemperatur war. Wir schwiegen, und als die Maschine nach fünf Minuten endlich zwei Tassen mühselig und laut zischend mit Kaffee befüllt hatte, stellte ich eine davon vor sie auf das Tischchen und eine auf eine Ablage neben meinem Sessel. Aus der Brusttasche zog ich mein Päckchen Zigaretten und hielt es ihr hin. Während sie sich eine Zigarette herauszog, sagte sie: »Das geht heute schon den ganzen Tag so, das ist ein schlimmer Tag. Das hat schon heute Morgen mit der Zeitung angefangen.«
Ich gab ihr Feuer und steckte mir auch eine Zigarette an, während sie gierig an ihrer zog, und ich hatte den Eindruck, als ob sie etwas auftauen würde.
»Warum haben Sie denn nasse Haare? Wollen Sie ein Handtuch oder so etwas?«, fragte ich, doch sie schüttelte den Kopf und sagte: »Das ist kein Wasser, das ist Schutzgel.«
»Ach ja, natürlich«, sagte ich und überlegte insgeheim, ob ich mich für einen Augenblick nach nebenan begeben sollte, um die Männer mit den weißen Kitteln anzurufen. Aber eigentlich war sie ja ganz nett und machte nicht den Eindruck, als wolle sie mir die Kehle durchbeißen.
Nachdem sie ein paarmal am heißen Kaffee genippt hatte, lehnte sie sich zurück, und es schien, als entspannte sie sich noch mehr. Ich holte zwei Aschenbecher und setzte mich wieder. »Los, jetzt erzählen Sie doch mal der Reihe nach!«
»Also gut: Ich bin aufgestanden und habe die Sonntagszeitung reingeholt, und da habe ich es gesehen. Die haben wieder nur Sachen in die Zeitung geschrieben, um mich zu manipulieren. Seit fünfzehn Jahren sind die hinter mir her.«
»Wer ist hinter Ihnen her?«
»Der KGB und die CIA, alles Agenten, überall!«
»Und was machen die so?«
»Die haben die ganze Stadt ausgehöhlt, überall Tunnel gegraben, und bei Nacht kommen sie heraus und holen die Menschen. Die Straßen sind gerade wieder vollkommen leer, alle weggeholt. Morgen früh sind die alle wieder da – nach der Gehirnwäsche. Mit mir können sie das nicht machen, ich habe ja das Schutzgel.«
Ich erfuhr, dass die Frau älter war, als ich angenommen hatte: Sie war schon 38, und die ganze Geschichte hatte vor fünfzehn Jahren begonnen. Seitdem, so berichtete sie mir, werde sie verfolgt, ausspioniert und manipuliert. Über das Trinkwasser habe man Gift in ihre Wohnung eingeschleust, um sie willenlos zu machen, und in den Supermärkten tauschten die Geheimdienste alle Lebensmittel aus, um die Menschen mit Drogen unter Kontrolle zu bekommen. Das Ziel sei es, alle »Sehenden« blind zu machen für die Wahrheit. Die Welt würde nämlich von Außerirdischen regiert, und die Geheimdienste hätten die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das keiner merkt. Allerdings funktioniere der Plan der Geheimdienste nicht bei allen Menschen, und deshalb seien die Agenten hinter diesen »Sehenden« her.
Auweia, ist die aber heftig vom Bus gestreift, dachte ich und fragte vorsichtig: »Und weshalb sind Sie zu mir gekommen?«
»Bei Ihnen war noch Licht, und Ihr Haus hat dicke Mauern, da kommen die Strahlen nicht durch.«
Das leuchtete ein. Sie sprach weiter: Schon über 40-mal sei sie in die Psychiatrie eingeliefert worden und müsse eigentlich permanent schwere Medikamente nehmen, das tue sie aber nicht, weil dann die Stimmen in ihrem Kopf weggingen. Sie hört einundzwanzig verschiedene Stimmen, die ihr Befehle geben, und nur eine Stimme davon sagt ihr die Wahrheit und wie das wirkliche Leben ist. Wenn sie die Tabletten nimmt, verstumme auch diese Stimme, und sie sei »denen« ausgeliefert.
»Ist es Ihnen nicht schon mal komisch vorgekommen, dass wir jahrhundertelang nichts hatten, keine Technik, gar nichts, und wie lange wir gebraucht haben, um von der Erfindung des Rades über den Bau der ersten mechanischen Uhren bis hin zur ersten Dampfmaschine zu kommen? Und dann hatten wir auf einmal den Transistor, die Taschenrechner, die Raumfahrt, die Computer, alles, einfach alles.«
»Und das kommt alles von denen?«, fragte ich, und sie nickte heftig: »Genau, ich sehe, Sie verstehen mich!«
Ganz offensichtlich hatte ich es mit einer schwer psychisch gestörten Frau zu tun, die jemanden gesucht und gefunden hatte, um ihre Geschichte zu erzählen. Unsere Tante Hedwig hatte auch im festen Glauben gelebt, ihr Gartennachbar sei in Wirklichkeit Adolf Hitler, und nur sie merke das. Aber Tante Hedwig war im Krieg auch zu lange im Bunker gewesen, und jeder wusste, dass die einen Schatten hatte; vor allem ist sie nie nachts mit einem »Schutzgel« in den Haaren durch die Straßen gelaufen …
Was macht man in so einer Situation? Würde die Frau wieder gehen, oder würde ich jemanden anrufen müssen? Und wo ruft man da an? Die Polizei, die Feuerwehr? Die Frau tat mir nichts, und es brannte ja auch nicht …
Am besten würde es sein, sie dazu zu bewegen, einfach wieder nach Hause zu gehen.
»Wo wohnen Sie denn?«
»Dort hinten, Nummer 29 am Ende der Straße.«
»Wohnen Sie da allein?«
»Nein, wo denken Sie hin, da wohnt auch mein Mann.«
Aha, einen Mann hatte sie auch.
Das beruhigte mich ungemein, jetzt musste ich nämlich nur noch herausbekommen, wie sie heißt oder wie ihre Telefonnummer ist, und dann könnte ich den anrufen, damit er sie abholt.
»Der ist aber gehirngewaschen! Mit dem gehe ich nicht mit, der bringt mich nur wieder weg.«
»Es wäre doch aber besser, wenn Sie jetzt wieder nach Hause gingen. Sie können doch nicht die ganze Nacht hierbleiben.«
»Nur ein bisschen noch, ja?«
»Und dann?«
»Nach eins ist die Gefahr vorbei.«
Ich sah auf die Uhr – und obwohl es mir vorkam, als seien Stunden vergangen, seit die Frau in mein Haus gekommen war, sah ich, dass sie in Wirklichkeit erst eine knappe Stunde hier war. Bis eins waren es noch mehr als 30 Minuten. »Und dann, nach eins, was machen wir dann?«
»Dann bringen Sie mich nach Hause und passen auf, dass die mich nicht in die Kanalisation ziehen, ja?«
»Das kann ich machen«, sagte ich und nickte.
Sie nahm sich noch eine Zigarette aus der Packung, ich gab ihr wieder Feuer, und sie paffte, nun wirklich sehr entspannt, vor sich hin. Einzig an den nervösen Bewegungen ihrer Hände sah man, dass etwas nicht stimmte mit dieser Frau.
»Das Schlimmste für mich ist, dass mir keiner glaubt. Was meinen Sie, wie viele Leute ich schon kontaktiert habe. Sie sind einer der wenigen, die mir glauben.«
Sie berichtete von ihren Erlebnissen mit der Psychiatrie. Wie sie mit Gurten gefesselt abgeführt und dann ruhiggespritzt worden war. Die Therapeuten gehörten ihrer Meinung nach zu »denen«, und ich dachte mir, dass ihr wohl niemand wirklich helfen könnte, solange sie das glaubte.
Noch eine Stunde lang erzählte sie, und ich hatte den Eindruck, dass ihr das guttat. Dann mahnte ich zum Aufbruch, und sie nickte nur. Ich wollte sie nicht alleine lassen, weshalb ich mir keine Jacke von oben holte, sondern eine unserer Dienstjacken von der Garderobe im Flur nahm. Sie war mir etwas zu groß, aber es war ja späte Nacht, kurz vor zwei.
Vor dem Haus hängte sich die Frau einfach bei mir ein, und ich hatte den Eindruck, dass sie fröhlich war; das Gehetzte war völlig von ihr gewichen. Ich sagte zu ihr: »Kommen Sie, wir gehen da drüben, da gibt es keine Kanaldeckel.« Sie strahlte mich an.
Bis zur Hausnummer 29 war es nicht besonders weit, etwa zehn Minuten. Es war ein Mietshaus mit vier Klingeln. »Wo muss ich da klingeln?«, fragte ich: »Oder haben Sie einen Schlüssel?«
Sie klingelte, und ich schaute auf den Namen an der Klingel. Den Namen kannte ich, wusste aber im Moment nicht, woher. Wenige Sekunden später ging das Licht im Treppenhaus an, und jemand kam herunter. Die Tür ging auf – und jetzt wusste ich auch, woher ich den Namen kannte: Der Mann war ein bekannter Stadtrat und ehemaliger Bürgermeisterkandidat. Mit einem Blick hatte er die Situation erfasst, nahm seine Frau und führte sie ins Haus. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er mir, ihnen zu folgen. In der Wohnung sagte er: »Gehen Sie doch bitte geradeaus durch und nehmen Sie Platz, ich komme gleich.«
Etwa fünfzehn Minuten dauerte es, bis er wiederkam: »Sie wird gleich einschlafen. Wenn sie ihre Mittel nimmt, dann geht es. Ich hoffe, sie hat Ihnen keine Umstände gemacht?«
Ich verneinte, und er setzte sich mir gegenüber. Bis um halb vier erzählte er mir von seiner Frau und ihrer Erkrankung – eine leidvolle Geschichte voller Kummer und Aufregung. Sie hatte einmal Medizin studiert, und kurz vor dem Examen war das losgegangen mit den Wahnvorstellungen, nicht schleichend, sondern Knall auf Fall in voller Stärke. Seitdem gebe es nur zwei Zustände, berichtete mir der Mann. Entweder dämmere sie unter Medikamenteneinfluss wie ein Zombie dahin, oder sie lasse die Medikamente weg, dann habe sie einige Tage, an denen sie völlig normal scheint, bis es wieder so ist wie heute Nacht.
»Aber was soll ich machen, ich liebe Katja eben«, sagte der Mann, und in diesem Moment hörte ich zum ersten Mal ihren Namen.
Er tat mir leid.