38237.fb2
Eine alte Frau von über 80 Jahren, ein alter Mann von fast 90 … Das sind Sterbefälle, die wickelt man ab, gibt sich redlich Mühe, den Angehörigen alles recht zu machen, und hat dabei meistens leichtes Spiel. Sie nehmen das und wollen das, was alle nehmen und alle wollen. So wie man es kennt, bloß nichts Neues, nichts anderes. Solche Sterbefälle bleiben einem selten lange in Erinnerung. Die Hinterbliebenen haben meist auch nicht viel zu erzählen, der Mensch war alt, seine Zeit war gekommen. Ganz anders ist das immer, wenn jemand durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wird, und besonders schlimm ist das natürlich, wenn dieser Mensch auch noch jung war. Doch noch ganz anders ist es, wenn sich jemand selbst das Leben nimmt.
Manni kommt an meiner offenen Bürotür vorbei, ich sehe, dass er sich im Laufen seine Krawatte anzieht, und weiß, dass er sich jetzt im Büro die letzten Instruktionen für einen bevorstehenden Einsatz holt. Auch Sandy hat sich in Schale geschmissen, im Grunde trägt sie dasselbe wie Manni, nur statt der Krawatte hat sie ein schwarzes Bäffchen an.
Sie kommt zu mir ins Büro und sagt nur diese zwei Worte, die uns immer einen Schauer über den Rücken jagen: »Die Talbrücke.«
Bei der Brücke handelt es sich um eine Autobahnbrücke, die sich an der höchsten Stelle weit mehr als 50 Meter über den Grund spannt und die immer wieder Menschen anzieht, die sich das Leben nehmen wollen. Selbst eine Erhöhung des Geländers vor einigen Jahren hat nur wenig gebracht, etwa drei- bis fünfmal im Jahr muss irgendein Bestatter in die kleine Ortschaft unterhalb der Brücke, um einen Körper dort aufzulesen.
Es gibt sogar einen Bestatter in dieser Ortschaft, aber der weigert sich seit über vierzig Jahren, diese Opfer zu bergen, und so fällt diese traurige Arbeit neben den Rettungskräften immer dem Bestatter anheim, der gerade turnusmäßig Polizeidienst hat. Uns erwischt es etwa alle zwei Jahre, meistens haben wir Glück …
… heute aber nicht.
Ich will es dem geneigten Leser ersparen, näher darauf einzugehen, was unsere Leute an solchen Einsatzorten erwartet. Jedenfalls hat es mit der friedlich eingeschlafenen Großmutter, die mit einem Lächeln auf den Lippen ihrem Schöpfer gegenübertritt, nicht das Geringste zu tun.
Nach solchen Einsätzen kommt es immer mal wieder vor, dass selbst hartgesottene Bestattungshelfer einen freien Tag benötigen, und ich habe auch schon von Kollegen gehört, dass Männer wortlos ihre Sachen packten und nie wiederkamen.
Als Sandy und Manni gut zweieinhalb Stunden später zurückkommen, sind sie einsilbig und tun beide so, als wären sie ganze Kerle. Das gehört wohl dazu, man will wenigstens nach außen hin nicht schwächlich erscheinen, und manchmal retten sich die Bestattungshelfer auch in Scherze und ein Vokabular, das Angehörige besser nicht zu Ohren kommen sollte.
Ich will nicht sagen, dass meine Leute da ganz anders sind, aber zumindest habe ich so ein Verhalten in meinem Stall noch nicht beobachtet. Allerdings brauchen die Erlebnisse halt doch irgendwo ein Ventil …
Manni legt mir den Ausweis des Verstorbenen auf den Tisch, ich muss schlucken, es ist ein junger Mann, geboren 1990. Sandy tippt auf das Foto und sagt: »So sieht der aber nicht mehr aus.« Dann schauen sich Manni und Sandy an, ich mache die Schreibtischschublade auf, schiebe jedem einen Fünfziger über den Tisch, und wir wechseln kein weiteres Wort darüber.
Manni ist das Geld wichtiger als Sandy, er will seinem Sohn ein Fahrrad kaufen, Sandy schiebt mir das Geld wieder rüber, bedankt sich und meint, ich solle es bis Freitag aufheben, dann wolle sie mit Freunden nach Holland, Pilze kaufen. (Ich bin ja so doof. Man glaube mir bitte, dass ich ernsthaft annahm, das blöde Teufelsweib kaufe wirklich Champignons oder so was …)
»Wo ist der Verstorbene jetzt?«, will ich wissen, Manni sagt: »Unten bei Huber, die Freigabe können wir heute wohl noch holen, die [männlichen Kühe] sagen, der hätte einen Abschiedsbrief hinterlassen, und ein Brummifahrer hat gesehen, dass der ohne fremde Hilfe den Abgang gemacht hat.«
Als Manni sieht, wie ich ihn über meine Brille hinweg ansehe, verbessert er sich und sagt: »… wie der Mann in die Tiefe gesprungen ist.«
Jetzt können wir warten, ob sich jemand von den Angehörigen bei uns meldet oder ob die einen anderen Bestatter beauftragen, der dann den Verstorbenen bei uns wieder abholt. Ich jedenfalls rufe jetzt nicht bei den Angehörigen an, es kann nämlich durchaus sein, dass sich die Behörden, wie schon einmal, sehr üppig Zeit lassen und viele Stunden vergehen, bis da jemand bei der Familie vorbeigeht, um denen zu sagen, was passiert ist.
Ich erinnere mich da an einen Fall, bei dem ich nach fast vier Stunden wegen einer dringenden Frage bei einer Familie anrief und sofort merkte, dass die noch gar nicht Bescheid wussten. Glücklicherweise hatte ich mich nur mit meinem Nachnamen und nicht mit der Firmenbezeichnung gemeldet. Damals tat ich so, als hätte ich mich geirrt, und habe dann viel später nochmals angerufen.
Einer jungen, vielleicht auch etwas unerfahrenen Kollegin ist es aber passiert, dass sie im Auftrag der Polizei einen Verstorbenen abholen musste und man ihr sagte, dass man jetzt sogleich zu der Familie fahre und es wegen der Umstände am besten wäre, wenn sie kurz darauf direkt zu denen hinfahre. Das hat sie dann auch gemacht und stand dann da, mit ihrem Beratungskoffer bei der Mutter der Familie vor der Tür und stellte sich als Bestatterin vor, die wegen der Beerdigung ihres Mannes und Vaters der Familie hergekommen sei. Leider wusste die Frau noch gar nicht, dass sie Witwe war, und es ergab sich eine äußerst peinliche Situation.
Jetzt ist es natürlich nicht üblich oder die Regel, dass die Bestatter sich sofort mit den Angehörigen einer »Polizeileiche« in Verbindung setzen. Selbstverständlich wartet man normalerweise darauf, dass sich die Familie nach einigen Stunden von selbst meldet. Aber manchmal sind die Beamten, die die Todesnachricht überbringen, sagen wir es mal vorsichtig, etwas überfordert. Man darf nicht vergessen, dass sie oft kurz zuvor noch die teils dramatischen Bilder an der Unfallstelle sehen mussten und nun vor Menschen stehen, die mit nichts Bösem rechnen. Die Situation ist für alle nicht sehr einfach. Ja, und da kann es eben vorkommen, dass die einen falschen Bestatter nennen oder vergessen, den Bestatter zu nennen, oder sonst was schiefläuft. Wir haben dann einen Verstorbenen in der Kühlung, und die Angehörigen haben keinen blassen Schimmer, wo der ist.
Wenn sich also so überhaupt gar keiner bei uns meldet, dann müssen wir die Leute irgendwann mal anrufen und fragen, was denn jetzt sei.
In diesem Fall hier habe ich aber überhaupt keine Lust, bei den Leuten anzurufen. Ich hoffe einfach nur, dass die sich bei uns melden, das ist für mich wesentlich einfacher.
Jens heißt der junge Mann, der von der Brücke gesprungen ist, und seine Eltern heißen Dieter und Carola. Wir brauchten gar nicht bei ihnen anrufen, sie kommen gegen Abend von selbst vorbei, bringen eine Mappe voller Dokumente mit und sitzen einfach nur fassungslos da.
Muss ich sagen, dass Dieter und Carola unisono berichten, es gäbe auch nicht den geringsten Anlass für Jens’ Todessprung?
»Wir sind doch eine ganz normale Familie, so was hat es bei uns noch nie gegeben«, sagt Vater Dieter, und Mutter Carola schüttelt nur immer wieder den Kopf, wischt sich ihre Tränen ab und beteuert: »Wir haben doch alles für ihn getan.«
Einmal mehr zeigt sich, dass man niemanden so wirklich kennt, niemanden, manchmal nicht mal sich selbst …
Dieter und Carola Eisner sind leer. Welche Eltern machen sich schon Gedanken darüber, was mal sein wird, wenn sie eines ihrer Kinder beerdigen müssen? Es gibt genügend ältere Menschen, die sich keine Gedanken über ihr Ableben machen, und sie hinterlassen oft Angehörige, die hilflos beim Bestatter sitzen und noch nicht einmal wissen, ob der Verstorbene verbrannt werden wollte oder nicht.
Bei Älteren denke ich dann manchmal, dass die sich ja nun wirklich schon mal mit dem Thema hätten beschäftigen können, schließlich sehen sie, das sich um sie herum der Bekannten- und Verwandtenkreis immer mehr ausdünnt.
Zunächst einmal kann ich den Eisners nur helfen, indem ich sie durch die Vorbereitungen der Trauerfeier leite und sie berate. Ich frage also nach der Bestattungsart, und Frau Eisner und Herr Eisner antworten gleichzeitig, sie sagt: »Jens soll verbrannt werden«, und er sagt: »Auf keinen Fall einäschern.«
Das Ehepaar schaut sich an, er fasst ihre Hand, sie zuckt mit den Achseln.
Ich versuche zu beraten, weise auf die Laufzeiten der Gräber und die Ruhezeiten hin, erkläre den Ablauf der Trauerfeier und zeige die Unterschiede zwischen einer Erd- und einer Feuerbestattung auf. Vielleicht ergibt sich daraus eine Entscheidungshilfe für die Eisners.
Sie sind immer noch unschlüssig, diskutieren miteinander, und jeder von ihnen erinnert sich daran, dass ihr Sohn bei irgendwelchen Gelegenheiten mal das eine, mal das andere gesagt haben soll.
»Was für ein Grab soll es denn sein?«, erkundige ich mich.
Herr Eisner sagt: »So ein großes, für die ganze Familie.«
Ich rechne ihnen vor, was so ein Familiengrab kostet, weise auf ihr junges Alter hin und zeige ihnen auf, dass sie dreißig Jahre oder länger ein großes Familiengrab bezahlen und pflegen müssten, obwohl da nur ein Verstorbener bestattet wäre.
»Das wäre ja auch Quatsch, oder was meinst du«, fragt Herr Eisner seine Frau, doch die zuckt wieder nur mit den Achseln und schüttelt den Kopf.
»Wer soll denn noch alles in das Grab?«, frage ich nochmals nach, und Herr Eisner sagt: »Na, der Opa, also der Vater meiner Frau. Die Oma ist ja schon vor zehn Jahren gestorben, und ihre Urne ist in so einem kleinen Minigrab, so was wollen wir auf keinen Fall.«
»Wenn das so ist, dann könnte man doch ein Familiengrab nehmen. Ich wusste ja nicht, dass es da noch Eltern gibt. Also würde man jetzt den Jens dort beisetzen, dann den Großvater, wenn man mal von der normalerweise zu erwartenden Reihenfolge ausgeht, und wenn Sie das so wollen, können wir in ein paar Jahren auch die Urne der Oma noch dort mit hineingeben.«
Frau Eisner fasst sich etwas, nickt heftig und sagt: »Das wäre schön, so habe ich mir das eigentlich immer gewünscht.«
»Ja, dann …«, sagt Herr Eisner, bricht ab und schaut seine Frau an, während er ihre Hände hält. Sie sagt mit fragendem Ton: »Kevin?«, und er nickt. Dann wendet er sich an mich: »Es ist nämlich so, dass wir vor dreiundzwanzig Jahren schon einmal ein Kind hatten. Kevin ist mit vier Monaten gestorben, das Grab ist auch noch da.«
»Hm, dreiundzwanzig Jahre ist aber an der Grenze, normalerweise sind Kindergräber da schon abgelaufen.«
»Das wissen wir. Das ganze Feld ist schon vor ein paar Jahren abgelaufen, aber es sind da noch ein paar Gräber am Rand, die laufen noch bis nächstes Jahr, und dann wird das ganze Feld plattgemacht. Offiziell sind die anderen Gräber schon abgelaufen, aber wir können das Grab noch pflegen, bis es dann so weit ist. Meine Frau würde das Grab am liebsten gar nicht hergeben, aber da die Ruhezeit für Kinder so kurz ist, sagen die von der Verwaltung, dass da jetzt alles vorbei ist.«
»Ich bezweifle auch, dass da noch wirklich viel in der Erde ist. Ob man da überhaupt an eine Umbettung denken sollte … Man müsste mal mit der Verwaltung sprechen. Was aber auf jeden Fall geht und machbar ist, wir können dann entweder auf den Grabstein am neuen Familiengrab Kevin mit aufführen oder noch einen kleineren Gedenkstein auf das Grab legen.«
Frau Eisner macht große Augen, tippt mit dem Finger auf meinen Notizblock und sagt: »Schreiben Sie das bitte so auf! Ich will nicht, dass da was ausgegraben wird, aber wenn wir schon ein Grab für die ganze Familie bekommen, dann soll der Kevin wenigstens mit auf dem Stein stehen.«
So diskutieren wir fast eine halbe Stunde über Gräber, Grablaufzeiten, Ruhefristen, und unten im Keller liegt ein junger Mann in der Kühlung, der von einer Brücke gesprungen ist. Über ihn verlieren die Eisners kaum ein Wort, sagen nur das Notwendigste. Offenbar hilft es ihnen momentan, sich mit dem anderen Drumherum zu beschäftigen, dann müssen sie nicht an diesen Fall denken.
Es führt aber kein Weg daran vorbei, auch für Jens müssen jetzt Entscheidungen getroffen werden.
Ich lege unser Formular wieder zuoberst auf meinen Stapel und fordere die beiden nochmals auf: »So, jetzt müssen wir aber entscheiden, ob Jens eingeäschert wird oder nicht.«
Herr Eisner ergreift das Wort: »Sie haben da vorhin so was gesagt, dass man auch eine Urnentrauerfeier machen kann. Wie war das noch mal ganz genau? Ich glaube, das wäre genau das Richtige für uns. Dann käme doch eine Feuerbestattung in Frage.«
»Nun, bei einer normalen Beerdigung steht ja der Sarg in der Trauerhalle, alle Trauergäste nehmen dort an der Trauerfeier teil, und anschließend begleiten sie den Sarg zum Grab, wo dann die Beerdigung stattfindet. Ein gemeinsamer Gang, ein Weg. Bei einer Feuerbestattung sieht das in den meisten Fällen anders aus. Da steht auch der Sarg in der Halle, es gibt ebenfalls eine Trauerfeier, aber dann ist alles ziemlich abgeschnitten. Die Trauerfeier endet, der Sarg bleibt stehen und wird später ins Krematorium gebracht. Eine oder zwei Wochen später ist dann erst die Beisetzung der Urne. Man muss wieder auf den Friedhof, geht zum Grab, hat also zwei schwere Gänge auf den Friedhof. Besser finde ich persönlich die Urnentrauerfeier. Wir würden Jens, wenn Sie sich dann für eine Feuerbestattung entscheiden würden, schon sehr bald ins Krematorium bringen und dafür sorgen, dass die Urne recht zügig zur Verfügung steht. In etwa acht bis zehn Tagen könnte dann auf dem Friedhof eine Trauerfeier stattfinden. Vorne steht dann statt des Sarges die Urne, alle Trauergäste nehmen an der Trauerfeier teil und begleiten dann die Urne zum Grab und nehmen an der Beisetzung teil. Das hat mehrere Vorteile: Zum einen braucht man für die Einäscherung keinen besonderen Sarg nehmen, das einfachste Modell genügt, denn den Sarg sieht ja niemand. Zum anderen hat man nur einen schweren Gang auf den Friedhof, weil alles zusammen passiert, diese einsame Urnenbeisetzung entfällt.«
»So machen wir das!«, sagt Frau Eisner, blickt ihren Mann an und sagt: »Dieter, ich will da vorne keinen Sarg stehen haben, ich könnte den Gedanken nicht ertragen, dass da Jens drinliegt. Bei einer Urne ist das irgendwie was anderes.«
Er nickt, und ich mache das Kreuz bei »Feuer«.
»Ich muss dann jetzt auch keinen Sarg raussuchen, oder?«, will Frau Eisner wissen, und ich schüttele den Kopf: »Nein, müssen Sie nicht. Vielleicht die Urne …«
»Jens liebte alles was silbern ist, haben sie so was?«, fragt Jens’ Vater, und ich schlage im Katalog die Seite mit der glänzenden Messingurne auf. Die beiden schauen sich an, nicken sich zu, und Herr Eisner sagt: »Exakt, genau die ist es.«
Ich finde die Messingurne auch sehr schön, aber leider wollen die wenigsten Kunden sie kaufen. Wegen ihrer glänzenden Oberfläche sagen die Leute im Ausstellungsraum immer, sie sähe aus wie ein Sportpokal. Und bevor die Eisners hinterher dann enttäuscht sind, gehe ich nach nebenan und hole die Urne, um sie ihnen zu zeigen.
Da steht sie nun auf dem Sideboard, die Eisners betrachten sie und sind beide der Meinung, dass es genau die richtige Urne für ihren Sohn ist. Herr Eisner sagt: »Dass da ein ganzer Mensch reinpasst …«
Seine Frau weint und fügt hinzu: »… ein ganzes Leben.«
»Wir haben keine Ahnung, warum Jens das gemacht hat«, sagt er, und das ist alles, was er über Jens sagen will. Er wischt die Gedanken an ihn mit einem Ruck, der durch seinen Körper geht, einfach fort und fragt: »Was ist denn jetzt an Formalitäten zu erledigen?«
Ich erkläre ihnen alles, wir besprechen den Termin, das mit dem Pfarrer und den Blumenschmuck. Eine Anzeige wollen die Eisners auf gar keinen Fall in der Zeitung haben, da würde bestimmt ab morgen genug in der Zeitung stehen, und sie wollen keinen Wirbel. »Die paar Leute, die das was angeht, die ruf ich selber an«, bestimmt Herr Eisner.
Mein Formular ist noch halb leer, und ich frage die einzelnen Positionen ab.
Schließlich komme ich an die Stelle, an der ich eintrage, welchen Beruf der Verstorbene hatte, und das ist die entscheidende Stelle.
»Warum müssen Sie das denn wissen?«, fragt Dieter Eisner und klingt aufgebracht.
»Also, wir wollen auf keinen Fall, dass da von der Arbeit jemand kommt«, sagt seine Frau, und ich merke, dass es da etwas gibt, was die beiden sehr aufregt.
Ich versuche sie zu beruhigen und erkläre ihnen, dass ich diese Angabe für das Standesamt benötige und sie sich keine Gedanken zu machen brauchen.
»Jens war gerade dabei, sich auf die Verwaltungsprüfung vorzubereiten. Er wäre Verwaltungsfachangestellter bei der Stadtverwaltung geworden. Aber bitte, von der Arbeit soll einer kommen.« Herr Eisner macht eine abwehrende Handbewegung und pocht mit dem Finger dann auf den Tisch.
»Warum soll denn da keiner kommen?«
Frau Eisner sagt nur: »Weil er sich da nicht wohl gefühlt hat.«
Mehr nicht. Das ist alles.
Ich will sie auch nicht quälen oder ausfragen, stattdessen erkläre ich ihnen, wie es weitergeht, dass sie jetzt zum Friedhof gehen sollten, um ein passendes Grab herauszusuchen. Ein paar Sachen sind noch zu besprechen, das machen wir, und dann lasse ich mir noch die Unterlagen unterschreiben, und wir vereinbaren, dass die Eisners am nächsten Tag wiederkommen, um mir ein Foto von Jens zu bringen, das wir vergrößern und bei der Trauerfeier vor der Urne aufstellen können.
Herr Eisner zückt die Brieftasche und will alles gleich bezahlen, ich winke ab und weise ihn darauf hin, dass wir die Endsumme erst wissen, wenn das Grab ausgesucht wurde. Er besteht aber darauf, wenigstens schon mal tausend Euro dazulassen, und ich schreibe ihm eine Quittung. Dann gehen sie.
Zehn Tage später. Inzwischen hat die Beisetzung von Jens stattgefunden.
Am Tag der Urnentrauerfeier stand die Messingurne vorne in der Trauerhalle des Friedhofs auf einer blumengeschmückten Säule.
Im Laufe des Morgens waren noch etliche Blumenspenden eingetroffen, deutlich mehr, als das Ehepaar Eisner erwartet hatte. So deutete sich für uns schon an, dass da mehr Leute kommen würden als ursprünglich angenommen.
Etwa zehn Leute standen etwas abseits in einer Gruppe und hatten einen Kranz dabei. Die Kranzschleife wies sie als Arbeitskollegen von der Stadtverwaltung aus. Das waren also die Leute, die Herr Eisner auf keinen Fall bei der Trauerfeier dabeihaben wollte.
Wir hatten keine entsprechenden Instruktionen, und deshalb bestand für uns keine Veranlassung, die Leute wegzuschicken. Ich blickte ein paarmal zu Herrn Eisner hinüber und bemerkte, dass er die Leute angeschaut und wahrgenommen hatte. Wenn er nichts unternahm, warum sollten wir uns einmischen?
Mich haben schon häufiger Leute gefragt, wie es sich denn der Bestatter anmaßen könne, über die Teilnahme an der Trauerfeier zu entscheiden.
Macht er ja gar nicht. Jeder Bestatter ist froh, wenn die Feierlichkeiten reibungslos und ohne größere Störung ablaufen. Schon deshalb wird es ihm immer fernliegen, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur Trauerfeier große Streitereien und Diskussionen auszulösen. Aber manchmal gibt es eben so Fälle, da möchte man bestimmte Leute nicht dabeihaben, weil von ihrer Teilnahme eben die Störung der Feierlichkeiten zu erwarten wäre.
In unserer eigenen Feierhalle habe ich sowieso das Hausrecht. In den Trauerhallen auf den Friedhöfen ist es so, dass wir notfalls stellvertretend für den Auftraggeber das Hausrecht wahrnehmen und erforderlichenfalls auch mit Polizeigewalt durchsetzen.
Anders als viele glauben, sind Trauerhallen keine öffentlichen Gebäude, sondern Zweckgebäude, die den Betroffenen gegen Bezahlung für einen bestimmten Zweck zur Verfügung gestellt werden. Und Trauerfeiern sind schon gar nicht öffentlich, als dass jeder das Recht hätte oder einen Anspruch darauf, da einfach teilzunehmen.
Normalerweise wird man aber selbst dann als Angehöriger kein Theater machen, wenn zur Trauerfeier auch unliebsame Gäste kommen. Das nimmt man hin, ärgert sich vielleicht darüber, dass »ausgerechnet der die Stirn hatte, da aufzutauchen«, macht aber weiter keinen Wirbel. Besser ist das so.
Am allerbesten ist es aber, wenn die Hinterbliebenen solche Erwartungen vorher ansprechen. Dann kann ein umsichtiger Bestatter schon viel tun, um die Konfliktparteien zu trennen, etwa durch geschickte Plazierung in der Trauerhalle oder das Reservieren von Sitzreihen.
Die Gäste hatten Platz genommen, und die Trauerfeier stand kurz vor dem Beginn, da stand einer der Männer aus dem Kreis der Arbeitskollegen von seinem Platz in der vordersten Reihe der linken Seite auf, knöpfte sich sein Jackett zu, zückte ein kleines weißes Zettelchen und ging zu Herrn Eisner. Dann stellte er sich steif vor diesem auf und sprach kurz mit ihm.
Aha, dachte ich, das wird wohl einer der Kollegen oder eventuell sogar einer der Vorgesetzten sein, der nun anfragt, ob er eine kurze Rede halten darf. Ich wusste ja, dass die Eisners ein gespanntes Verhältnis zur Arbeitsstätte ihres Sohnes hatten, und schaute neugierig hinüber. Was würde Herr Eisner tun?
Nun, ich hatte damit gerechnet, dass Eisner kurz und heftig den Kopf schüttelt, immerhin hatte er von der Stadtverwaltung überhaupt niemanden bei der Trauerfeier sehen wollen, und so konnte ich mir nicht vorstellen, dass er es gerne gesehen hätte, wenn einer von denen auch noch Teil der Trauerzeremonie geworden wäre. Was dann aber geschah, ja, damit hatte selbst ich nicht gerechnet. Herr Eisner stand ebenfalls auf, knöpfte sich in Seelenruhe einen Knopf seiner Anzugjacke zu, und dann, man konnte es kaum sehen, so schnell ging das, zuckte sein rechter Arm vor, und der Arbeitskollege des Verstorbenen bekam einen stumpfen Fausthieb auf die empfindliche Stelle zwischen Brust und Bauch und sackte innerhalb von Sekundenbruchteilen mit verdrehten Augen nach hinten, setzte sich auf den Hosenboden, kullerte dann fast wie in Zeitlupe auf die Seite und blieb kurz vor einem der Kränze regungslos liegen.
Die Trauergäste waren aufgesprungen, kaum einer hatte richtig mitbekommen, was passiert war, und alle tuschelten. Von halblinks hörte ich, da sei einer ohnmächtig geworden, von rechts hieß es, ein Betrunkener sei umgefallen, und von hinten fragte eine ältere Dame: »Ist der jetzt auch tot?«
Ich eilte nach vorne, einer der Friedhofsangestellten kam ebenfalls dazu, und gemeinsam kümmerten wir uns um den »Gefallenen«, der nach ein par Sekunden der Orientierungslosigkeit wieder zu sich kam und stöhnend in die Runde blinzelte. Wir brachten den Mann raus in den Gang bei den Leichenzellen und setzten ihn dort auf einen Stuhl. Währenddessen drang tumultartiges Rufen und Schreien aus der Trauerhalle an mein Ohr, und mein Herz begann wie wild zu klopfen, Schweiß trat auf meine Stirn. Was, um alles in der Welt, war denn da los?
Als ich wieder in die Trauerhalle kam, sah ich folgendes Bild: Herr Eisner hatte sich eine der großen Wachskerzen, die unangezündet am Rand der Halle in Reserve standen, geschnappt und war dabei, diese wie einen Prügel drohend über seinem Haupt zu schwingen und damit die Kollegen und Kolleginnen des Verstorbenen aus der Trauerhalle zu vertreiben: »Verschwindet bloß, heimtückisches Pack, scheinheilige Bande, ihr habt meinen Sohn in den Tod getrieben, ihr Mobber, ihr Menschenverächter, Schweine, Banditen …!«
Frau Eisner weinte, die übrigen Trauergäste tuschelten, aber keiner griff ein, und so lang einem das Ganze im Nachhinein vorkommt, es hat nur ein paar wenige Sekunden gedauert, dann waren die Leute von der Stadtverwaltung aus der Trauerhalle verschwunden. Wortlos, ohne Widerworte, mit eingezogenem Kopf und hastig waren sie hinausgelaufen. Herr Eisner stellte die lange, dünne Kerze neben die Eingangstür, klopfte sich sinnbildlich den Staub von den Händen und nahm, seine schwarze Krawatte richtend, neben seiner Frau Platz und begann diese zu beruhigen.
»Es kann losgehen!«, gab ich dem hinter mir inzwischen aufgetauchten Friedhofsleiter das Kommando, und er drückte auf einen Schalter an der Wand, woraufhin vom Band das erste Lied abgespielt wurde, und Pfarrer Diepenholz, der von alledem vor lauter Vorbereitungsstress nichts mitbekommen hatte, zog in die Feierhalle ein.
Als sei nichts gewesen, ließen die Eisners die Trauerfeier vorübergehen, und anschließend soll weder von anderen noch von ihm das Thema angeschnitten worden sein. Und trotzdem wurde natürlich überall heftig getuschelt und diskutiert.
Tage vergingen, und mir war der Spott der städtischen Friedhofsangestellten sicher. Ob das Ernst-August von Hannover gewesen sei, wollte einer wissen, und ein anderer forderte im Scherz eine Gefahrenzulage, wenn wir wieder so gefährliche Leute mitbringen …
Doch es kam der Tag, an dem die Eisners zu uns kamen, um die letzten Angelegenheiten zu besprechen, und bei dieser Gelegenheit überreichte mir Herr Eisner eine Schachtel mit Pralinen (Antonia, wo sind die eigentlich?), um sich zu entschuldigen. Das sei sonst gar nicht seine Art, er habe noch nie jemanden geschlagen, und trotzdem tue ihm der Vorfall an sich kein bisschen leid, nur dass wir vielleicht Ärger deswegen hätten.
»Was war denn da überhaupt los?«, wollte ich wissen, und dann erzählten die Eisners abwechselnd folgende Geschichte:
»Unser Sohn Jens ist etwas zurückgeblieben gewesen, aber verstehen Sie uns bitte nicht falsch, der war nicht behindert oder eingeschränkt, um Himmels willen. Nein, der war als 18-Jähriger noch so ein 15-Jähriger, nicht von der Intelligenz her, sondern so von seinem kindlichen Wesen. Ein ganz Lieber, wissen Sie, das war der Jens.«
»Zurückgeblieben ist vielleicht auch nicht das richtige Wort, eher könnte man sagen, dass er dem ganzen Rummel, den junge Leute oft so machen, eher skeptisch gegenüberstand und sich lieber mit Büchern beschäftigte und viel mit seinem Fotoapparat in der Natur unterwegs war. Wenn die anderen sich samstags verabredeten, zog er lieber durch den Wald und knipste Spechte und Eichhörnchen. Manchmal haben wir uns sogar Sorgen gemacht und uns gefragt, ob mit ihm was nicht stimmt, aber im Grunde war uns das so lieber. Er hat ja keinem was getan und niemandem geschadet, und ihm hat es ja an und für sich auch nicht geschadet.«
»Auf der Arbeit bei der Stadtverwaltung war er damit aber ein Außenseiter, da heißt es ja jeden Tag ›hoch die Tassen‹ und es gibt ja immer was zu feiern. Mal hat einer Geburtstag, mal wird jemand Vater, und dann wird einer versetzt und am nächsten Tag muss ein Neuer seinen Einstand geben. Die saufen da wie die Löcher, das ist fürchterlich. Auch nach Feierabend gibt es für viele nichts anderes, als noch eben mit den Kollegen auf ein Bier in die Pinte zu gehen.«
»Ja, und da hat Jens nie mitgemacht. Gut, seinen Einstand hat er gegeben, und wenn für einen Geburtstag oder so gesammelt wurde, gab er auch immer was, aber diese Feierei, nee, das war nicht sein Ding. Und so kam es, dass es nicht lange dauerte, bis die anderen anfingen, ihn zu mobben. Was die mit Jens gemacht haben, das war unter aller Kanone! Die haben ihn bei jeder Gelegenheit aufgezogen, haben ihn lächerlich gemacht und ständig über ihn gewitzelt. Das mag sich nicht so schlimm anhören, aber wenn das den ganzen Tag so geht, dann kann einen das schon mürbe machen.«
»Dann haben die angefangen, ihn auch vor den Bürgern lächerlich zu machen. ›Dafür ist Kollege Nichtraucher zuständig‹ oder ›Gehen Sie mal zu Herrn Muttersohn‹ haben die gesagt und sich schimmelig gelacht. Dass die ihm die Luft aus den Autoreifen gelassen haben, das war nur der Auftakt für eine ganze Serie von üblen Streichen. An seinem Bürostuhl haben sie eine Rolle abgemacht, ihm Kaffee mit fauligem Blumenwasser gebracht, und einen Tag haben sie Jens in der Herrentoilette in einer der Kabinen eingesperrt. Drei Stunden war er da drin, und erst dann ist der Hausmeister gekommen und hat ihn befreit.«
»So ist das viele Monate gegangen, und Jens ist daran kaputtgegangen. Sie glauben nicht, wie gerne der zur Arbeit gegangen ist, am Anfang wenigstens, aber dann … Erst wurde er krank, richtig krank, Bauchschmerzen, Magenprobleme, Durchfälle, alles nur psychosomatisch wegen seiner Kollegen. Dann hat er mit dem Personalrat gesprochen, und ein Vorgesetzter hat ein Rundschreiben gemacht. Aber das hat die Sache nur verschlimmert. Schließlich musste Jens sogar zum Psychotherapeuten, so haben die den fertiggemacht. Und wir glauben, dass er uns die wirklich schlimmen Sachen noch gar nicht erzählt hat. Ganze Wochen lang soll die ganze Abteilung ihn vollkommen ignoriert haben, die haben einfach so getan, als sei er Luft. So was kann einen Menschen fertigmachen.«
»Unentwegt hat das Telefon in seinem Zimmer geklingelt, und immer wenn er dranging, wurde schnell aufgelegt. Immer wieder bekam er über das Intranet der Stadtverwaltung Mails, in denen ihm damit gedroht wurde, man würde sein ›Geheimnis‹ verraten. Wir haben keine Ahnung, was das für ein Geheimnis hätte sein sollen, auch Jens wusste das nicht. Aber man kommt ja dann doch ins Grübeln und fängt an zu überlegen, was da gewesen sein könnte, was die anderen da wissen könnten … Aber uns ist nichts eingefallen.«
»Tja, und dann war auf einmal wieder alles in Ordnung, die Kollegen taten so, als würden sie Jens voll integrieren, waren ein paar Tage freundlich und nett zu ihm, nur um ihn dann, als er wieder Vertrauen gefasst hatte, wieder auflaufen zu lassen. Bei einem Ausflug, an dem er extra teilnahm, um seinen guten Willen zu zeigen, ließen sie ihn einfach an einer Autobahnraststätte stehen und lachten sich kaputt. Wir mussten dann 150 Kilometer fahren, um ihn da abzuholen.«
Und noch an viele Beispiele mehr errinnerten sie sich. So ging das wohl die ganze Zeit, und Jens ist daran kaputtgegangen …