38237.fb2 Gestatten, Bestatter! - Bei Uns Liegen Sie Richtig - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 29

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Narhalla

Nicht nur zur fünften Jahreszeit sind auch bei uns hin und wieder die Narren los …

Gleich vier Männer kommen am Silvestertag zu mir ins Büro und wollen einen toten Freund beerdigen. Einen von denen kenne ich, er ist vorsitzender Richter oder leitender Präsident, oder wie immer das auch heißen mag, bei den örtlichen Karnevalsveranstaltungen. Jedenfalls sitzt er vorne in der Mitte, mit dem Gesicht zum Publikum, und alle machen, was er sagt.

Doch, doch, die anderen müsste ich doch auch kennen, die seien doch aus seinem Elferrat, meint Herr Pöschl, ebenjener vorsitzende Dompfaff der Karnevalsgesellschaft »Ranzige Ortsfassel«. Na ja, vielleicht würde ich sie kennen, wenn sie ihre dunklen Anzüge und diese Mützen mit den Fasanenfedern anhätten, haben sie aber nicht.

Das wär’ ja jetzt voll dumm gelaufen, dass der Hugo gestorben sei. Gott sei Dank bräuchte man den nicht für den Aufbau und die Bütt’, der wäre ja letztes Jahr schon ausgerechnet in der Kampagne im Krankenhaus gewesen.

»In der Champagne?«, frage ich verwundert. »Zahlt das denn die Kasse?«

»In der Kampagne, K, mit K!«

Da wollte ich auch mal lustig sein, sind doch schließlich Karnevalisten, und ausgerechnet die verstehen meinen geschliffenen Wortwitz nicht. Besonders traurig scheinen die über das Hinweggleiten der Seele ihres Fastnachtsbruders nicht zu sein und kommen relativ schnell zum Kern ihres Anliegens.

»Also wir würden vom Verein aus die ganze Beerdigung und alles bezahlen, wenn die Beerdigung erst nach Aschermittwoch ist«, sagt der Vorsitzende, und einer von seinen Kampfesbrüdern, der aussieht wie Hein Blöd, beeilt sich schnell zu sagen: »Sie müssten den Hugo vielleicht einfach einfrieren.«

»Warum sollen wir denn die Beerdigung nicht nächste Woche machen?«

Diese Frage trägt mir wieder einige unverständliche Blicke ein. Das ginge ja wohl gar nicht! Die ganze Session, also die Kampagne, gehe immer vom 11.11. bis zum Aschermittwoch. Und das Blöde an der Sache sei ja in jedem Jahr, dass direkt nach dem 11.11. die Adventszeit vollkommen überflüssigerweise und absolut störend dazwischenkomme und jede weitere ernsthafte karnevalistische Betätigung vorübergehend zum Erliegen bringe.

Der Gipfel sei ja, dass dann auch noch Weihnachten und Silvester in die Quere kommen, schließlich sei die Zeit ja kurz bemessen, denn unsinnigerweise stehe ja das Osterfest mit der vorangehenden Fastenzeit einer ganzjährigen Belustigung noch viel störender im Wege.

Außer der vereinsinternen Weihnachtsfeier im »Goldenen Schwan« könne man bis Neujahr so gar nichts machen und stehe quasi mit den Hufen scharrend in den Startlöchern, um dann im jeweils neuen Jahr mit Karracho und Tschingderassabum loslegen zu können.

»In diesem Jahr ist aber schon am 8. Februar Schluss, Ostern ist so früh, und je früher Ostern ist, umso früher sind auch Aschermittwoch, Rosenmontag und der Rest der närrischen Tage, die ja alle damit zusammenhängen«, erklärt mir einer der Elferräte.

Ich erkenne das Problem. Die Karnevalsgesellschaft hat in die kurze Session, die so richtig erst jetzt am 1. Januar ins Laufen kommt und nur gut einen Monat dauern kann, alle närrischen Termine gepackt, und der Trauerfall mit allen Vorbereitungen, Versammlung auf dem Friedhof und einer anstandshalber zu gewährenden Trauerzeit würde den Verein vor große Probleme stellen.

Da zahlen die lieber die ganze Beerdigung und erwarten, dass ich den Mann einen Monat lang einfriere. So doof und abwegig ist die Idee gar nicht. In Kanada wird das auch gemacht. Der Frost macht Erdbestattungen in den nördlichen Gebieten im Winter nahezu unmöglich, da hilft dann auch ein Auftauen des Bodens mit Gasbrennern nicht. Man lagert die Verstorbenen ein, und sobald es taut, gibt es eine Beerdigung nach der anderen.

Aber wir sind nicht in Kanada, haben keinen Frost, und nur die gestörte Terminlage eines Karnevalsvereins ist kein ausreichender Grund, dem werten Hugo ein anständiges und zeitnahes Begräbnis zu verweigern.

Das sage ich den Herren auch, und sie schmollen sichtlich. Sie hatten sich das so schön ausgetüftelt, und jetzt mache ich ihnen einen Strich durch die Rechnung.

»Was sagt denn überhaupt die Witwe dazu, der Mann war doch verheiratet, oder?«, erkundige ich mich, und der Vorsitzende Pöschl beeilt sich zu sagen: »Ich bin bevollmächtigt, alles zu regeln, wir haben das alles mit der Hannelore schon geklärt.«

Und Hein Blöd fügt hinzu: »Die Hannelore ist die Frau vom Hugo!«

»Wann?«, frage ich.

»Na heute Morgen, wir waren vorhin bei ihr.«

»Dann rufe ich die Frau jetzt mal an, okay?«

»Das brauchen Sie nicht, wir haben alles besprochen, die ist bestimmt jetzt müde oder ganz in Trauer oder hat jetzt keine Zeit …«

»Ich ruf die jetzt an.«

Während ich den Hörer ans Ohr nehme, schmollen die Herren wieder. Ich muss zugeben, dass sie sehr freundlich und höflich sind, ich vermute mal, die haben sich gestern, als sie die Todesnachricht erhalten haben, zusammengesetzt und das mit dem Einfrieren gemeinsam ausgetüftelt. Dann haben sie es heute Morgen der Witwe beigebracht, und die arme Frau hat ob der männlich-karnevalistischen Übermacht kapituliert. Böse haben sie es nicht gemeint, doch durch meinen Anruf könnte ihr ganzer schöner Plan ins Wanken geraten. Wenn es schlecht läuft, ist die Beerdigung erst nächste Woche, und da hat man eigentlich schon so allerhand an Terminen.

Die Frau meldet sich, ich stelle mich vor, und sie will gleich wissen, wann die Beerdigung ist und wie das denn mit dem Sarg sei, den wolle sie doch selbst aussuchen, und den guten Anzug vom Hugo, den müsse sie doch auch vorbeibringen.

Na, das soll sie dann doch machen, schlage ich vor, und wenn es geht gleich. Ja, das macht sie doch.

Die vier Narhallesen bekommen Kaffee und nutzen die Zeit, mich den üblichen Blödsinn zu fragen, den alle Leute fragen, wenn sie mal in etwas entspannterer Stimmung bei uns sind.

Ob man denn mal probeliegen könne, ob wir Grüne und Müslis auch kompostieren, ob wir eventuell auch die noch lebende, böse Schwiegermutter holen und einäschern können, ob nicht manchmal auch einer wieder aufsteht, ob ich keine Angst im Keller habe, ob wir schon mal einen ganz dicken Mann dabeihatten, ob wir Särge auch zweimal nehmen …

Das Übliche eben.

Kaum eine Viertelstunde später ist die Frau da. Eine kleine, aber sehr resolute Frau, die keineswegs den Eindruck macht, als ließe sie sich von den närrischen Elferräten überrumpeln. Trotzdem bringe ich sie nach nebenan in ein anderes Beratungszimmer, schließe die Tür und will erst mal hören, was sie zu sagen hat.

»Na, hören Sie mal! Wir können den Hugo jetzt nicht beerdigen. Das macht die ganze Kampagne kaputt, das hätte der Hugo auch nicht gewollt.«

Damit hatte ich, ehrlich gesagt, nicht gerechnet.

Nein, sie selbst sei seit dreißig Jahren als Putzfrau »Frau Silberblick« auf der Bühne, und der Karneval sei für sie und ihren Mann immer das Größte gewesen.

Ich hatte erwartet, dass sie jetzt voller Trauer auf einer baldigen Beerdigung beharrt und die Karnevalisten sie eigentlich mehr oder weniger zu einer Verschiebung gedrängt hatten, ich muss aber erkennen, dass das nicht der Fall ist.

Was kann man tun? Einfrieren geht nicht, aber mir fällt eine andere Lösung ein.

»Wir könnten Ihren Mann abholen und ins Krematorium bringen, dort wird er dann eingeäschert, und wann wir die Urnenbeisetzung machen, das ist völlig egal, das kann auch erst in einem oder zwei Monaten sein.«

»So machen wir das! Genau so machen wir das!«

Sie ist offensichtlich sehr erleichtert, und ich denke, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sie mit den übrigen Karnevalisten zusammenzuführen. Auch die nehmen den Vorschlag mit der späteren Urnenbeisetzung begeistert auf. Der Rest geht zügig, Sarg und Wäsche sind schnell ausgesucht, eine schöne Überurne und damit sind wir auch schon durch. Ich nehme noch die üblichen Daten auf, die Rechnung, so beschließt man kurzerhand, wird zwischen der Frau und dem Verein aufgeteilt. Alles andere, die Terminabsprachen, das mit dem Pfarrer und die Anzeigen und Blumen, das machen wir erst in ein paar Wochen.

»Sie müssen wissen«, sagt der Vorsitzende, »Dutzende von Leuten arbeiten das ganze Jahr auf die paar Tage hin …«

Ich nicke nur, was soll ich auch sagen? Auf der einen Seite kann ich die Karnevalisten ja schon verstehen, auf der anderen Seite gehört das Sterben nun mal zum Leben dazu, und man muss sich damit auseinandersetzen.

Ich denke, wir haben einen guten Kompromiss gefunden.