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Wenden wir uns den meistgestellten Fragen zu: Haben Sie schon einmal etwas Unheimliches erlebt? Gibt es Gespenster in den Leichenhallen? Ich kann den Leser beruhigen, es gibt keine Gespenster, zumindest nicht nach meiner Erkenntnis. Aber unheimliche Sachen passieren doch hin und wieder.
Letztes Jahr zu Halloween:
Es ist neblig, sehr neblig. Das hatte der Wettermann im Radio ja schon so angekündigt, aber bis zu uns in die Stadt kommt der Nebel ja sowieso nie. Der einzige Nebel, den ich dort in den letzten Jahren erlebt habe, sind die stinkenden Schwaden, die ab und zu aus der Kanalisation emporsteigen.
Wir sind ja Nachtwanderer, Bestatter müssen sehr oft nachts raus und fahren dann durch die Einsamkeit der Städte. Ich finde, nachts sieht alles ganz anders aus. Vor allem in der Innenstadt. Tagsüber pulsiert hier das Leben, eine Straßenbahn jagt die andere, die Händler haben vor ihren Läden allerhand Ständer und Schilder aufgestellt, und Tausende kaufwilliger Menschen schieben sich durch die Fußgängerzonen.
Wie anders sieht das mitten in der Nacht aus. Leergefegte Straßen, Tristesse allenthalben. Für uns ist das gut, so können wir ohne Hunderte von Gaffern direkt in der Fußgängerzone parken und unsere Arbeit erledigen.
Aber jetzt bin ich nicht in der Großstadt, sondern ein Anruf hat uns tief in die waldreiche Region weit vor den Toren der Stadt geführt. Schwester Klara ist verstorben, eine Ordensfrau. Ich weiß gar nicht, seit wann die Nonnen dieses Klosters ihre Toten durch unser Haus bestatten lassen, und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass das jemals anders war, vermutlich ist das schon seit Generationen so.
Verdienen können wir an so einem Auftrag nicht viel, aber diese Aufträge haben etwas Besonderes. Denn sie finden nach einem mittelalterlich anmutenden Bestattungsritus statt, der so gar nichts mit unserer normalen Arbeit zu tun hat. Hier ist noch der ganze Bestatter gefordert.
Bevor jedoch mein Mitarbeiter, Herr Flensen, und ich zur Tat schreiten können, müssen wir das vermaledeite Kloster finden. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe mitten im Wald, wenigstens fünf Kilometer entfernt von der nächsten Ortschaft. Selbst bei Tageslicht und guter Sicht hätte ich Mühe, das Kloster zu finden, aber jetzt ist es neblig.
Abzweigungen, die ich weit voneinander entfernt vermute, tauchen urplötzlich direkt nacheinander aus dem Nebel auf, andere die direkt beieinanderliegen müssen, sind jetzt weit voneinander entfernt. Im Nebel sieht alles anders aus.
Das Navigationssystem hat schon vor drei Kilometern jeglichen Versuch, diese Adresse zu finden, entnervt eingestellt, und nachdem die blöde Tussi 22-mal »Wenn möglich, bitte wenden!« gekräht hat, habe ich es abgeschaltet.
Langsam tasten sich die Nebelscheinwerfer wie zwei helle Finger durch das weiße Gewaber, und Flensen neben mir meint: »Sie sind vorbeigefahren, Sie sind ganz bestimmt vorbeigefahren, die Abzweigung da hinten hätten wir nehmen müssen.«
Ich brumme nur, vielleicht hat er ja recht, aber zugeben will ich das jetzt noch nicht. Zumindest ist noch nichts am Wegesrand aufgetaucht, was mir vollkommen fremd gewesen wäre, aber ehrlich gesagt sind da auch nur Bäume, und die stehen erschreckend nahe an der Straße, näher als sonst.
»Der Weg wird immer enger«, sagt Flensen, »da kommen wir gleich nicht mehr weiter.«
Ich entgegne: »Wir sind schon richtig, da müsste jetzt irgendwo das kleine blaue Schild mit dem Pfeil kommen, und da müssen wir dann rechts ab.«
»Bei dem Nebel haben wir nicht die geringste Chance, diesen kleinen blauen Pfeil zu finden«, gibt Flensen zu bedenken, und ich weiß, dass er recht hat.
In diesem Moment holpert es, der Wagen wird durchgeschüttelt, und irgendetwas schlägt von unten gegen den Wagenboden. Ich bremse scharf, zu scharf. Das Auto rutscht mir nach links weg, wie auf weichem Pudding. Instinktiv schließe ich die Augen und sehe uns vor meinem geistigen Auge schon mit dem schweren langen Volvo einen Baum rammen. Aber wir rutschen nur einen halben, vielleicht einen ganzen Meter, was mir aber im nächtlichen Nebel viel länger vorkommt. Dann steht der Wagen, und wir steigen aus.
»Schöne Scheiße«, meint Flensen, und ich sehe, was er meint. Die Hinterräder stecken bis zur Hälfte im matschigen Untergrund fest. Ich muss über einen dicken Ast gefahren sein.
»Ich geh mal gucken, über was wir da …«, sagt Flensen, mehr verstehe ich nicht, denn dann ist er verschwunden, und seine Stimme wird vom Nebel verschluckt.
So stehe ich kurz vor Mitternacht völlig allein im Wald, neben mir der brummende Volvo, dessen Scheinwerfer den dichten Nebel grell beleuchten. Irgendwo in dieser Suppe liegt ein Kloster, in dem die Schwestern darauf warten, dass wir ihre Mitschwester Klara beerdigen, und ich stecke mit dem Auto mitten im Wald fest. Schöne Scheiße!
Es ist saukalt, und außerdem drängt die Zeit. Um das zu verstehen, muss ich kurz auf das besondere Ritual eingehen, das in diesem Kloster seit Jahrhunderten gepflegt wird. Zunächst einmal ist es so, dass wir immer einen weißen Sarg liefern müssen. Allerdings darf der keine Griffe und keine Schrauben haben. Mit diesem Sarg fahren wir dann zum Kloster. Üblicherweise ist das am frühen Abend, und es erwartet uns ein gutes Abendessen. Dann dürfen wir auf den gar nicht so kleinen Friedhof der Klosteranlage und müssen dort nach alter Manier mit Hacke und Schaufel ein Grab ausheben. Zwei Meter lang, achtzig Zentimeter breit und einsachtzig tief.
Das ist immer eine elende Plackerei, denn das Grabschaufeln gehört normalerweise nicht mehr zu den Arbeiten eines modernen Bestatters. Aber es ist auch klar, dass die allesamt schon sehr betagten Klosterfrauen das nicht selbst machen können. Diese Arbeit müssen wir abends machen, das ist wichtig, denn die Verstorbene muss, so will es die Regel, bis zum Anbruch des nächsten Tages unter der Erde sein. Während wir schaufeln, versorgen die Schwestern im Kloster die Verstorbene und wickeln sie in weiße Tücher. In ihrer Kapelle nehmen sie dann von ihr Abschied. Später können wir die eingewickelte Tote mit einem klapprigen Handwagen abholen und auf den Friedhof bringen.
Ganz wichtig ist das weitere Vorgehen, und ich habe schon mehrmals versucht herauszufinden, warum man das so haben will, aber die Schwestern sind sehr geschickt darin, einfach nur milde zu lächeln, »Vergelt’s Gott« zu sagen und sich ansonsten in freundliches Schweigen zu hüllen. Jedenfalls stellen wir das Unterteil des Sarges in das Grab, lassen die eingewickelte Verstorbene an zwei Stricken hinunter und legen dann den Deckel auf. Anschließend schaufeln wir das Grab zu. Das alles machen wir ganz alleine, von den Schwestern ist da nie jemand zu sehen. Überhaupt macht der ganze Friedhof, im Gegensatz zur übrigen Klosteranlage, nicht den Eindruck, als würde er besonders gepflegt.
Nun gut, ich stehe also im Wald, Flensen ist im Nebel verschwunden, und ich merke, wie mir die Kälte den Rücken hochkriecht.
Hoffentlich kommt der bald wieder, wir haben noch viel zu tun. Erst mal den Wagen flottkriegen, dann den Weg zum Kloster finden, und so ein Grab ist auch nicht in zehn Minuten geschaufelt.
Ich rufe: »Flensen! «, bekomme aber keine Antwort. Es ist so, als würde mein Rufen von einem dicken Kissen erstickt, so dicht ist der Nebel.
Da steh ich also bei Nacht im Nebel und rufe »Flensen«. Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl. Kalt ist es, dunkel ist es, der Nebel umwabert mich, und das einzige Licht sind die zwei Lichtfinger vom Volvo, die nach erschreckend kurzer Strecke vom Nebel verschluckt werden.
Es knackt hinter mir, und ich zucke zusammen. Vielleicht habe ich doch zu viel »LOST« geguckt, und kurzfristig denke ich darüber nach, ob es auch bei uns »die Anderen« geben mag oder irgendwelche schrecklichen Kreaturen, die einen in den Wald ziehen.
Morgen früh bei Tageslicht würden sie dann meine Leiche finden, blutüberströmt, mit Stricken in den Baumwipfeln aufgehängt …
Wieder knackt es, und ich zucke zusammen. Doch dann erkenne ich die Gestalt von Flensen, der aus dem Nebel herbeigestapft kommt, spärlich von den Rücklichtern angestrahlt.
»Ein Ast, Sie hatten recht, nur ein dicker Ast«, sagt er, macht hinten die Klappe vom Auto auf und wirft mir eine der beiden Schaufeln zu. Männer müssen in solchen Situationen nicht viel reden, und so scharren wir mehr als wir schaufeln den lehmigen Waldboden um die eingesunkenen Räder weg.
»Wenn wir da noch die Fußmatten drunterlegen und ich feste schiebe, kommen wir vielleicht raus«, meint Flensen.
Ich schaue mir Flensen an, und in Anbetracht seiner schmächtigen Figur sage ich: »Nee, ich schiebe, und Sie fahren.«
Er nickt, und ich weiß in diesem Moment, dass er später in der Firma stolz erzählen wird, dass der Chef die Karre in den Dreck gefahren hat und er sie dann wieder rausfahren musste. Aber das ist mir jetzt gerade egal, Hauptsache, wir kriegen die Karre wieder flott.
Flensen legt den Rückwärtsgang ein, gibt Gas, ich drücke vorne an der Haube, doch der schwere Wagen bewegt sich kaum, der Boden ist viel zu glatt und matschig, und Winterreifen haben wir noch nicht montiert. Das glatte Profil der normalen Reifen rutscht nur so durch.
»Mehr links drücken, rechts packt er, glaub ich!«, ruft mir Flensen zu, und ich drücke auf der linken Seite. Flensen gibt ordentlich Gas, und endlich greift auch das linke Vorderrad, mit einem Satz befreit sich der Wagen, nicht ohne mich von oben bis unten mit Lehm zu bespritzen.
Ich habe zwar Lehm zwischen den Zähnen und im Gesicht, aber ich bin glücklich, dass wir weiterfahren können. Flensen bleibt am Steuer, ich werfe die Schaufel wieder hinten auf die Decke neben dem weißen Sarg für Schwester Klara, schließe die Klappe, und wenig später sitze ich wieder vorne neben Flensen, und wir fahren langsam rückwärts durch den nebligen Wald.
An ein Wenden des langen Wagens ist gar nicht zu denken, und ich bewundere meinen Angestellten, wie er nur mit den beiden Außenspiegeln trotz der schlechten Sicht klarkommt.
Ich bin sicher kein schlechter Fahrer, aber die Jungs vom Fahrdienst haben das besser drauf.
Es kommt mir vor, als wären wir fast eine halbe Stunde langsam rückwärts gefahren, da hält Flensen an, deutet vor uns in den Nebel: »Da, da hängt das blaue Schild.« Doch sosehr ich mich bemühe, ich kann in der Nebelsuppe nichts erkennen.
»Chef, Sie hätten Ihre Brille aufsetzen sollen!« Jetzt fängt der auch noch an! Reicht es nicht, dass meine Frau immer auf meiner angeblichen Kurzsichtigkeit herumreitet?
Er dreht das Steuerrad und biegt in den Seitenweg ein, und im letzten Moment sehe ich tatsächlich auch so etwas wie ein blaues Schild. Ich fluche insgeheim, weil ausgerechnet im Volvo keine Taschenlampe mehr liegt. Gekauft habe ich von den sündhaft teuren Handscheinwerfern erst zwei, und die wandern jetzt ständig von einem Auto zum anderen, was zur Folge hat, dass sie immer in den Wagen liegen, die im Keller stehen.
Aus dem Dunkel taucht ein weiterer Wegweiser auf, und jetzt können wir sicher sein, wirklich auf dem richtigen Weg zu sein. Die Fahrt, die bei Tag nur ein paar Minuten dauert, kommt mir vor, als wären wir Stunden unterwegs, alles sieht bei Dunkelheit und Nebel fremd und unbekannt aus. Vor allem kann man die Geräusche der Nacht noch weniger orten als sonst. Es fehlt einem jegliches Gefühl dafür, woher die Geräusche kommen.
Unvermittelt teilen sich Nebelschwaden, und direkt vor uns ragt das alte Gemäuer des Klosters auf. Es hat aber nicht diese friedliche Atmosphäre, die es tagsüber ausstrahlt, sondern irgendwie wirkt es heute beunruhigend auf mich.
Flensen schaut mich fragend an, ich sage: »Hupen Sie, das sollte reichen.« Er hupt, und selbst die Hupe des Wagens klingt quäkend und dumpf.
Nein, das Tor öffnet sich nicht knarrend, und es steht auch keine bucklige alte Nonne mit einer windschiefen Laterne da, die uns hereinwinkt, wir sind ja nicht in der »Rocky Horror Show«, sondern es öffnet sich fast lautlos, und wir werden kurz von einer hellen Lampe geblendet, dann weist der Lichtkegel den Weg. Langsam fahren wir über den knirschenden Kies in die Einfahrt, und als ich den Lichtfinger entlangschaue, sehe ich eine sehr junge Nonne, blass, mit großen Augen und, sofern man das über eine Klosterfrau sagen darf und trotz der Ordenstracht sehen kann, hübsch.
Sie winkt mit einem Handscheinwerfer, aber hier im Klosterhof ist es bei weitem nicht so neblig wie draußen auf den Waldwegen, wo der Nebel von den Feldern in den Wald ziehen kann. Den Rest des Weges kenne ich, etwa zweimal im Jahr müssen wir dorthin.
Ich zeige Flensen, wo er hinfahren muss, und wir steigen neben dem Wirtschaftshaus aus. Dort hat früher ein Gärtner mit seiner Frau gewohnt, und soviel ich weiß, hat der auch ganz früher die Gräber ausgehoben. Aber der ist schon lange nicht mehr da, und heute wohnen die etwa dreißig Nonnen sehr abgeschieden. Mich wundert es umso mehr, dass eine junge Frau in diesen Konvent eingetreten ist.
Die hat inzwischen das Tor geschlossen, ist zu uns gekommen und fragt: »Sie wissen, was zu tun ist?« Ich nicke, und sie lächelt zufrieden und sagt: »Auf dem Friedhof haben wir die Stelle mit etwas Mehl abgestreut, etwas anderes haben wir nicht.«
»Hoffentlich können wir was sehen, wir haben keine Lampe dabei«, sage ich zu ihr, und sie hält mir wortlos ihren Handscheinwerfer hin, den ich dankbar nehme. Ich könnte mich selbst in den A* beißen, dass ich nicht vorher kontrolliert habe, ob Lampen im Wagen liegen, es kommt ja mehrmals in der Woche vor, dass wir nachts rausmüssen.
Jensen und ich holen die zwei Schaufeln und die Hacke aus dem Laderaum und gehen durch eine kleine, efeuumrankte Pforte auf den Friedhof des Klosters. Viele Gräber gibt es hier, ich schätze etwa achtzig oder neunzig. Alle neueren haben ein steinernes Kreuz, die älteren auch welche aus Schmiedeeisen. Gepflegt sind die Gräber schon, aber der gesamte Friedhof macht den Eindruck, als würde nur das Notwendigste gemacht, irgendwelchen Grabschmuck sieht man gar nicht, die Gräber sind sämtlich mit grobem Kies abgedeckt.
Weiter hinten sehe ich tatsächlich die angesprochene Markierung. So ungewöhnlich die Idee ist, so wirkungsvoll ist sie, mit einer Handvoll Mehl haben die Nonnen grob ein Rechteck auf den Boden gestreut, und so wissen wir, wo wir anfangen müssen.
»Das wird aber eine Schinderei«, mault Flensen. »Ich glaube, ich hole mir die Gummistiefel.«
»Meinetwegen«, brumme ich und probiere mit der Hacke, wie hart der Boden ist. Ich selbst vertraue lieber auf meine Arbeitsschuhe. Flensen stellt die Lampe auf ein benachbartes Kreuz und stapft zurück.
Der Boden ist nicht hart, nur pappig und klebrig. Das macht die Schaufelei schwer und mühsam, aber man muss Gott sei Dank nicht viel hacken.
Ich habe ja schon mal geschrieben, dass moderne Bestatter nichts mehr mit dem Grabbau zu tun haben. Normalerweise wenigstens. In manchen Regionen ist es aber auch heute noch so, dass ein Bestatter einen ganzen Friedhof bewirtschaftet und auch die Arbeit des Totengräbers mitmacht. Bei uns ist das aber nicht so, und deshalb war ich damals vor fast zwanzig Jahren sehr erstaunt, als mein Schwiegervater – damals noch mein Chef – mit mir zu diesem Kloster fuhr und ich von ihm lernte, wie man so etwas, nur mit Hacke und Schaufel, macht.
Das ging mir so durch den Kopf, als ich gemeinsam mit Flensen das Grab für Schwester Klara schaufelte. Was das bedeutet, das kann nur einer beurteilen, der so was schon mal gemacht hat. Kein Wunder, dass die Serienmörder im Fernsehen ihre Opfer immer nur so tief verbuddeln, dass jeder dahergelaufene Dackel schon am nächsten Morgen einen Fuß oder eine Hand der Leiche hervorscharren kann. Entweder ist nämlich der Boden oben ganz weich und wird dann steinig oder hart, oder man schafft sich erst quasi durch blanken Granit, und dann kommt leichter Sandboden. Egal wie, Plackerei hoch drei ist angesagt.
Zu zweit braucht man wenigstens zweieinhalb Stunden, und das bei Tageslicht. Jetzt aber ist es Nacht, saukalt, und man schwitzt sich trotzdem einen Affen. Die Hände tun mir weh, und ich merke an allen möglichen Stellen, dass ich Blasen bekomme. Meine Bürohände sind solche Arbeit nicht gewohnt, und ich bin froh, dass es Flensen nicht viel bessergeht, dann stehe ich nicht so als Chef-Weichei da, und außerdem bin ich froh, dass er dabei ist, denn der kleine Mann ist eine echte Hilfe, der schafft was weg.
Mir ist so was von heiß, die ungewohnte Arbeit treibt mir den Schweiß aus den Poren, aber immer, wenn ich mal eine Pause mache, ist es mir schlagartig eiskalt. Ich werde mir eine Erkältung holen, das ist sicher!
Trotzdem kommen wir besser voran, als ich gedacht habe. Immer wieder prüft Flensen mit einer Holzlatte, die wir mitgebracht haben, ob die Wände gerade werden, und ist zufrieden: »Der Boden steht gut, wir brauchen nicht auszuschalen, ich hätte jetzt keinen Bock, noch Bretter zu schleppen. « Recht hat er, es ist auch so Arbeit genug, und wieder muss ich an mein warmes Zuhause denken und wie schön es jetzt vor einem knisternden Kaminfeuer wäre.
Ich klettere noch mal in das Grab, um Flensen dabei zu helfen einen größeren Stein rauszuheben, als ich dumpfe Schritte höre. An der Tatsache, dass ich mit meinen 1 Meter 88 Körpergröße noch so gerade eben aus dem Grab herausgucken kann, merke ich, dass wir noch nicht wirklich 1 Meter 80 tief gegraben haben. Der Nebel hat etwas nachgelassen, aber auch der Handscheinwerfer zeigt langsam Schwäche, sein ehemals gleißend weißes Licht ist eher gelb geworden, wahrscheinlich geben die Akkus bald den Geist auf.
Ich blicke suchend in die Dunkelheit, und dann sehe ich, dass eine Nonne näher kommt. »Hallo, sind Sie schon fertig?«
»Jaja«, rufe ich, »nur noch ein paar Minuten.«
»Dann ist ja gut, Schwester Klara ist jetzt auch so weit.«
»Warten Sie«, sage ich, »ich komme mal raus«, und klettere die kleine schmale Leiter hoch, die wir mitgebracht hatten.
Ich klopfe mir den Schmutz von den Hosenbeinen, reibe meine Hände am Hosenboden sauber und reiche der Nonne meine Hand. Sie ergreift diese aber nicht, schaut mich voller Entsetzen an und sagt: »Meine Güte, wie sehen Sie denn aus? Sie sind ja total verschmutzt. Also, Sie kommen nachher erst mal rein, damit Sie sich waschen können. Und wenn Sie wollen, können Sie später noch Suppe essen, das wärmt.«
Die Nonne geht, und ich weiß jetzt nicht, ob sie erwartet, dass ich ihr folge, dann bleibt sie stehen und schaut mich erwartungsvoll an. Ich folge ihr also. »Kommen Sie, kommen Sie«, sagt die Nonne und rauscht für ihr Alter erstaunlich schnell davon. Ich schätze die Frau auf wenigstens siebzig Jahre und habe dennoch Mühe, ihr zu folgen. An einer Tür wartet sie auf mich, lässt mich zuerst eintreten, rauscht dann wieder an mir vorbei und biegt unvermittelt in einen Gang nach links ab. »Hier geht es in die Kapelle, da ruht Schwester Klara«, sagt sie, und ehe ich noch etwas sagen oder fragen kann, ist sie verschwunden.
Ich öffne die grob behauene Holztür und stehe in einer schönen gotischen Kapelle, vorne vor dem Altar liegt die Verstorbene, in weiße Tücher gewickelt auf einem Brett, das auf zwei Holzböcken ruht. Links und rechts stehen schmiedeeiserne Leuchter mit halb heruntergebrannten Kerzen.
An der Wand auf der gegenüberliegenden Seite lehnt schon der kleine Holzkarren für den Abtransport. Ich trete näher heran und will mir das weiße Bündel genauer anschauen, da legt sich eine eiskalte Hand auf meine Schulter, und mir zischt in Sekundenschnelle eine Gänsehaut über den ganzen Körper, ich glaube, ich habe sogar auf der Zunge Gänsehaut gehabt.
Ich fahre herum, und hinter mir steht Flensen und sagt: »Isse das? Fahr’n wir die jetzt raus?«
»So haben wir das immer gemacht«, sage ich, »wir nehmen sie jetzt mit, dann tun wir den Sarg ins Grab und lassen sie dann hinein. Deckel drauf und zuschaufeln.«
»Ach du heilige Scheiße, stimmt ja, zuschaufeln müssen wir ja auch noch!«, ruft Flensen, und ich werfe ihm einen strengen Blick zu. In einer Kapelle zu fluchen bringt bestimmt Unglück.
Und mein Bedarf an Unglücken ist für heute gedeckt, schließlich haben wir noch vor gut zwei Stunden im Waldboden festgesteckt.
Schwester Klara ist leicht, ich hätte sie alleine auf den Holzkarren heben können, aber zu zweit geht das doch besser. Während Flensen und ich die Karre mit der eingewickelten Leiche zum kleineren der beiden Klosterfriedhöfe schieben, denke ich über den Bestattungsritus dieses Ordens nach. Offenbar gibt man nicht viel auf die Totenfürsorge. Soviel ich weiß, wachen die anderen Schwestern eine Weile bei der Toten, danach ist der Leichnam nur noch leblose Hülle, und sie messen ihm keine besondere Bedeutung mehr bei. Der Friedhof und die Tatsache, dass keine der Schwestern bei der Grablegung dabei ist, sprechen dafür. Ob da noch ein Priester eine Aussegnung gemacht hat? Ich weiß es nicht.
Jedenfalls sind die Papiere da, Sterbeurkunde, klösterlicher Bestattungschein, alles perfekt.
Die Schwestern legen mir die Papiere immer zur Leiche, ich brauche sie aber nicht. Ich stelle mir vor, wie eine der Schwestern mit den Papieren, die der Dorfarzt dagelassen hat, zum Rathaus radelt und die Sterbeurkunde holt. Offenbar bekommen die auch regelmäßig schon aus Traditionsgründen eine Sondergenehmigung, die Bestattung so schnell vornehmen zu dürfen. Nicht alle Nonnen kommen ja auf den Klosterfriedhof. Die meisten werden wohl in ihrer Heimatgemeinde bestattet, ich muss irgendwann mal genau fragen. Jedenfalls hatte man mir schon einmal erzählt, dass in dieses Kloster vornehmlich die ganz alten Schwestern kommen, die lange irgendwo Dienst getan haben.
Vor hundert Jahren gab es gleich nebenan auch ein Männerkloster, das einen viel größeren Friedhof hat. Aber das Männerkloster steht schon so lange leer, und ich weiß gar nicht, wann wir die letzte Bestattung auf dem größeren Friedhof, wo es eine Männer- und eine Frauenabteilung gibt, gemacht haben.
Eigentlich sind das viele Fragen, die mir da so in den Sinn kommen, und ich beschließe, nachher bei der Suppe mal zu fragen.
Wir sind endlich mit der Karre am Grab angekommen, lassen sie stehen und gehen zum Auto zurück. Flensen wendet den Wagen und schaltet die Scheinwerfer ein, damit wir mehr Licht am Grab haben. Der Sarg, den wir zum Grab tragen, ist fast schwerer als Schwester Klara.
Flensen treibt zur Eile, und ich merke, dass er keine Lust mehr hat und jetzt allmählich wieder nach Hause will.
Mir geht es ebenso, und so beeilen wir uns, den Sargunterkasten in das Grab zu lassen. Jetzt noch Schwester Klara, dann der Deckel.
»Und wie geht das jetzt?«, will Flensen wissen. Ich sage: »Ein Tau um den Oberkörper, eins um die Beine, jeder von uns nimmt zwei Tauenden, Sie oben, ich unten und dann einfach runterlassen.«
»Dann geh ich aber an die Füße«, verlangt Flensen, und ich sehe ein, dass er recht hat, der Oberkörper ist immer schwerer, und ich bin kräftiger gebaut als er.
Ich zähle auf drei, und gleichzeitig heben wir Schwester Klara an den beiden Tauen an und heben sie über die Grube. »Jetzt langsam ablassen«, kommandiere ich, und so machen wir es auch.
Das geht aber gar nicht so einfach, wie wir uns das vorgestellt haben. Mal ist der Kopf zu tief, mal sind es die Beine, aber schließlich schaffen wir es doch.
Flensen zieht schon sein Tau hoch, doch meins lässt sich nicht hochziehen. Die Tücher, die um die Leiche geschlungen sind, haben sich an der Seite gelöst und irgendwie mit dem Tau verheddert.
Sosehr ich auch ziehe, ich bekomme das Seil nicht los.
»Was’n los, Chef?«, will Flensen wissen, und ich ziehe nur noch mal hilflos am Tau.
»Es geht nicht, irgendwas klemmt da«, sage ich.
»Lassen Sie mich mal!«, sagt Flensen und kommt herum, zieht auch ein bisschen am Tau, und tatsächlich, es gibt etwas nach, und wir können es 20 oder 30 Zentimeter herausziehen.
Flensen beugt sich zur Seite, nimmt die Handlampe, die inzwischen nur noch spärlich Licht spendet, und leuchtet in das dunkle Grab.
Schon wieder flucht er: »Ach du Scheiße!«, und weicht einen Schritt zurück.
Da stehen zwei erwachsene Männer in der Halloween-Nacht neben einem frisch ausgehobenen Grab. Eine Szene wie im Mittelalter, nur dass die Lampe, mit der wir ins Grab leuchten, aus schlagfestem Kunststoff ist und kein brennender mit Pech getränkter Lappen an einem Holzprügel … Obwohl, viel mehr Licht als eine mittelalterliche Fackel spendet diese moderne Handlampe auch nicht mehr.
»Ich fasse es nicht!«, staunt Flensen und deutet in das Grab.
Im schwachen Schein der Lampe sehe ich, was passiert ist: das Tau hat das Tuch beiseitegeschoben oder gerissen und Schwester Klaras rechten Arm freigelegt. Mit knochigen, starren Fingern hält sie den Strick fest umklammert.
»Das ist nur ein Reflex«, beruhige ich meinen Mitarbeiter und überlege fieberhaft, ob das wirklich sein kann. Sicher, Tote zeigen oft noch Reflexe, wenn man sie bewegt, und wenn der Arm gebeugt wird, kann es durchaus sein, dass die Hand sich öffnet oder schließt.
»Und was, wenn die nicht tot ist?«, will Flensen wissen.
»Dann hätte sie bestimmt schon was gesagt, das ist nur ein Reflex!«
»Und jetzt?«
»Jetzt muss einer von uns beiden da runter und den Strick aus ihrer Hand lösen. Außerdem muss der Arm wieder in den Sarg, sonst bekommen wir den Deckel nicht drauf«, sage ich.
»Ja klar, und der eine, der da runtermuss, das bin ich oder?«
»Hmmm«, ist alles, was ich dazu sage, und »Scheiße« ist alles, was Flensen zu sagen hat.
Ein paar Minuten später steht Flensen breitbeinig über der Leiche von Schwester Klara, die Füße auf dem Rand des Sarges und versucht, die starren Finger der Toten zu lösen.
»Ziehen Sie mal am Strick!«
Ich ziehe, und siehe da, endlich geht es.
»Verfluchte Kacke«, tönt es aus dem Grab, und ich helfe Flensen heraus. »Chef, an manchen Tagen hasse ich meinen Job!« Ich weiß ganz genau, was er meint, ganz genau.
Den Deckel können wir gut von oben auflegen, und ich schiebe ihn noch mit der Latte genau in die Nut des Unterkastens, da fängt Flensen schon an, das Grab zuzuschaufeln.
Ich helfe ihm. Das geht wesentlich schneller als das Ausheben, viel schneller.
Kaum eine halbe Stunde später ist alles erledigt, und wir klopfen die Erde auf dem neuen Grabhügel noch etwas fest. Dann räumen wir unseren Krempel zusammen.
Gerade ist alles im Auto verstaut, da taucht die ältere Nonne wieder auf. »Ist Ihnen alles gut von der Hand gegangen?«, will sie wissen, und Flensen und ich schauen uns nur an. Ich nicke müde: »Ja, alles wunschgemäß erledigt.«
»Vergelt’s Gott!«, sagt die Klosterfrau und bittet uns, ihr zu folgen.
Ich darf mich etwas säubern, und dann gibt es endlich die langersehnte heiße Suppe.
Eine Kürbisrahmsuppe. Wie passend zu Halloween.