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Wie schnell redet man abfällig über Menschen, die einfach nur anders sind als man selbst. Wie schnell vergisst man, dass jeder das Recht hat, auf seine Weise glücklich zu werden. Herr Rose hat mir da auf sehr berührende Weise gezeigt, dass anders auch schön ist.
Sandy kommt zu mir ins Büro, grinst etwas merkwürdig und meint, da draußen sei ein Kunde, der genau das Richtige für mich sei. Also gehe ich in die Halle und treffe dort auf eine Mischung zwischen Rudi Carrell und Charlys Tante.
Der große, grauhaarige Mann ist bunter angezogen, als man es sich vorstellen kann; besonders seine zweifarbig gestreiften Schuhe fesseln meinen Blick. An den Ohren trägt er wenigstens zehn Zentimeter lange Ohrringe aus Glitzerklunkern. In meinem dunklen Anzug komme ich mir fast deplaziert vor.
»Ach, endlich kommt da jemand«, begrüßt er mich, und dabei hält er mir seine Hand hin, die ich ergreife und schüttele. »Mein Name ist Rose, aber Sie können mich Röschen nennen, mich nennen alle so.«
Daniel Edmund Rose ist 62 Jahre alt und hat den Tod seines Lebenspartners zu beklagen. Der ist gestern im Krankenhaus mit 59 Jahren an den Folgen eines Diabetes verstorben.
»Sie werden mich für einen Paradiesvogel halten, und ich bin genau das, ein Paradiesvogel, und mein Kalli war das auch. Ich will die schönste, bunteste und schrillste Beerdigung der ganzen, weiten Welt.«
Na, machen wir doch!
Röschen bezeichnet sich selbst und seinen verstorbenen Partner als schwul, und als ich das Wort »homosexuell« verwende, sagt er: »Sie können ruhig schwul sagen! Wir haben das immer ausgelebt, und ich will nicht, dass man irgendwas verstecken muss.«
Die Überführung des Verstorbenen werden wir heute noch vornehmen. Morgen früh bringt Röschen die Kleidung, die der Verstorbene tragen soll, und wird mir dann auch sagen, wie der Blumenschmuck aussehen soll. Die Trauerfeier ist bei uns im Haus, und Röschen erwartet rund vierzig bis sechzig Trauergäste.
»Sie brauchen keine Angst zu haben, wir machen hier nicht ›Ein Käfig voller Narren‹, aber ich will, dass es absolut perfekt wird«, sagt Röschen, entscheidet sich für einen grünen Sarg und wählt ein Doppelgrab, damit sie später mal zusammenliegen können.
Der grüne Sarg ist fast mein Lieblingssarg. Von der Form her ist er nur ein kleines bisschen größer als ein ganz schlichter Sarg, hat aber sechs schwere chromfarbene Griffe. Er ist in einer Technik lackiert, die man auch von Autos kennt: bicolor. Das Grün ist dunkel, und je nach Blickwinkel kippt die Farbe in ein ganz dunkles Blau um, wie bei einem Wackelbild. Das sieht sehr edel aus und ist mal ganz was anderes als das ewige holzfarbene Allerlei.
Ich muss ehrlich sagen, dass mich Röschen beeindruckt hat. Ich habe schon viele Homosexuelle gesehen, die sich sehr tuntig gegeben haben, aber der war so was von authentisch und dabei würdevoll, dass man das nicht mal komisch finden konnte. Morgen früh erfahre ich mehr darüber, wie sich Röschen eine »absolut schrille Beerdigung« vorstellt.
Am Nachmittag dann trifft Kalli bei uns ein, und eigentlich will ich mich entspannt zurücklehnen und abwarten, wie sich dieser Fall morgen weiterentwickelt. Doch die Sache hat eine unangenehme Wendung bekommen: Vor wenigen Minuten hat sich der Vater des Verstorbenen gemeldet. Er habe erfahren, dass sein Sohn gestorben sei, und trotz seiner 83 Jahre wolle er die Sache nun in die Hand nehmen.
»Da war aber schon jemand da und hat so weit schon alles geregelt«, sage ich vorsichtig.
»Jaja, da kann ja jeder kommen! Es ist ja wohl selbstverständlich, dass ich mich selbst darum kümmere. Sie müssen wissen, mein Sohn ist krank gewesen.«
»Das weiß ich. Man sagte mir, er habe Diabetes gehabt …«
»Ach was, daran ist er bloß gestorben. Der hatte diese andere Krankheit … Sie wissen schon.«
Ich stelle mich dumm und sage: »Nein, ich weiß ich nicht.«
»Der hatte diese, diese … na eben diese Männerkrankheit, meine Güte.«
Soll ich dem alten Mann, der offensichtlich mit der Homosexualität seines Sohnes nicht zurechtkommt und auch nichts darüber weiß, jetzt sagen, dass er ein bornierter Blödmann ist? Das kann ich nicht. Wenn ich richtig verstanden habe, dann waren Röschen und Kalli »verpartnert«, sind also vor einem Standesbeamten eine der Ehe ähnliche und gesetzlich vollständig gültige Bindung eingegangen. Damit verbunden ist, dass Röschen nunmehr – so weit mein Kenntnisstand – auch der Bestattungspflichtige und -berechtigte ist.
Genau das muss ich dem alten Herrn nun klarmachen: »Bitte verstehen Sie, dass der Lebenspartner Ihres Sohnes bei mir war und uns bereits einen Auftrag erteilt hat. Wenn Sie möchten, kann ich mit Herrn Rose sprechen, ob Sie nicht morgen bei der Besprechung dabei sein können und wir …«
»Seien Sie ruhig! Sie glauben doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich mit diesem Sexverbrecher an einem Tisch sitzen werde! Dieser Mann hat meinen Sohn doch erst krank gemacht! Der hat ihm doch eingeredet, so zu sein. Ich habe schon das Beerdigungsinstitut Soundso beauftragt, die werden meinen Sohn bei Ihnen abholen, und dann regele ich alles Weitere.«
Damit legt er auf und lässt mich ziemlich überrascht zurück.
Als Nächstes rufe ich beim Kollegen Soundso an. Der ist nicht besonders kooperativ und sagt auch bloß sinngemäß »Auftrag ist Auftrag«. Ich erkläre ihm, dass ich aufgrund der Rechtslage die besseren Karten habe, und hörbar zähneknirschend willigt er ein, erst mal abzuwarten, bis die Lage sich geklärt hat.
Jetzt muss ich wohl noch ein bisschen in dieser Sache telefonieren.
Am nächsten Tag
Herr Rose ist da, und ich bin mal wieder baff. Heute erscheint er in einem dunklen Anzug, und man könnte auch »Herr Senator« zu ihm sagen. Nicht jedoch abgelegt hat er sein exaltiertes Bewegen und Sprechen, gepaart mit großer Trauer und jetzt auch Entrüstung über das Verhalten seines Schwiegervaters.
Viele Jahre habe der alte Mann sich nicht um seinen Sohn gekümmert, und Röschen empfindet es als Zumutung und Unverschämtheit, dass der sich jetzt einmischen will. Ich beruhige ihn und sage ihm, dass ich überhaupt keinen Grund sehe, dieses Mal anders zu verfahren als bei allen anderen Fällen, in denen sich Eltern in die vom Ehepartner des Verstorbenen beauftragte Bestattung einmischen. Das kommt ja häufiger vor, als man glaubt. Normalerweise arbeiten wir, wenn die Beteiligten da mitmachen, auf einen Kompromiss hin. Schließlich ist es für uns und die Familie einfacher, wenn hinterher jeder sagen kann, dass es gut und richtig war.
Der Vater des Verstorbenen hat heute Morgen schon sehr früh beim Kollegen Soundso angerufen und sich erkundigt, ob sein Sohn schon da sei und ob er den Sarg bestellen könne. Kollege Soundso scheint zwar den Auftrag gerne haben zu wollen, aber auch keine Lust darauf zu haben, den Alten bedienen zu müssen. Soundso rief mich nämlich an und meinte ziemlich unhöflich, ich solle jetzt mal die Kuh vom Eis holen oder den Toten hergeben.
Röschen lässt keinen Zweifel daran, dass er die Sache durchziehen will. Sogar das Geld für die Bestattungsrechnung hat er schon mitgebracht. »Wenn das alles schon bezahlt ist, gibt’s kein Vertun mehr!«
Geplant ist Folgendes: Morgen schon will Röschen von Kalli Abschied nehmen. Dazu möchte Röschen eine Stunde mit Kalli alleine in einem Aufbahrungsraum sein und ihm seine Lieblingsmusik vorspielen.
Das ist kein Problem, da gibt es einen CD-Spieler. Ob man denn den Verstorbenen anfassen dürfe? Natürlich darf man das, die sind nur kalt, aber nicht giftig. Wie das denn mit dem Schmuck sei? Er wolle Kalli noch eine Armbanduhr, eine Kette und einen Ring anlegen, ob er das auch dürfe? Ich nicke, das ist kein Problem.
Ich merke, wie Röschen herumdruckst, und ahne schon, was er fragen will. Um ihm die Sache zu erleichtern, sage ich wie beiläufig: »Sie können den Verstorbenen anfassen, ihn streicheln, und manche wollen ja auch noch einen Kuss geben. Nur für den Fall, dass Sie das möchten, sollten Sie wissen, dass das kein Problem ist.«
Röschen schließt die Augen, holt tief Luft und seufzt. Dann nickt er langsam und sagt: »Gut, dass Sie das sagen … nur ein Abschiedskuss, mehr nicht …«
Röschens Vorstellungen gefallen mir. Wir müssen nichts anderes tun, als ihn machen zu lassen, und werden einen zufriedenen Kunden haben.
Die Trauerfeier soll am Donnerstag sein. Es kommt ein evangelischer Pfarrer, den ich gut kenne und der homosexuellen Paaren immer schon das Gefühl vermittelt hat, nicht ausgeschlossen zu sein. Der wird sich auch um die Musikauswahl kümmern. Es kommt nur ein einziger Musikwunsch von Röschen zum Einsatz: Ganz am Ende wird »Er gehört zu mir« von Marianne Rosenberg gespielt.
»Sie dürfen sich aber nicht wundern, wenn es etwas schrill wird«, sagt Röschen und guckt mich mit entschuldigendem Blick an.
Ich zucke nur mit den Achseln und meine: »Was stellen Sie sich denn vor?«
»Nee, wir kommen nicht im Fummel, keine Bange. Aber wir wollen Schampus trinken, und der Sarg soll in der Mitte stehen, damit wir alle im Kreis um Kalli herumsitzen können. Ich gehe heute noch ins Fotogeschäft und lasse mir ein paar Dias auf Papier ausdrucken, die würde ich gerne herumzeigen.«
»Wir haben eine Leinwand in der Trauerhalle«, sage ich, »Sie können also auch die Dias direkt zeigen.«
»Das wär ja oberprima«, jubelt Röschen und zappelt mit Armen und Beinen. Er will die wichtigsten Stationen des gemeinsamen Lebens abspielen und mit den gemeinsamen Freunden das Leben von Kalli feiern.
»Wir sind alle traurig, und ich bin fix und fertig, aber jetzt noch eine Trauerfeier, bei der alle nur traurig gucken – das könnte ich nicht verkraften. Man soll sich doch lieber an das Schöne erinnern, das man gemeinsam erlebt hat, oder?«
Marianne Rosenberg, Champagner und draußen ein kaltes Buffet – das ist doch alles kein Problem. Ich hatte es mir anders vorgestellt, irgendwie »tuntiger«, aber ich verstehe ja auch nichts davon. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, zu beurteilen, ob das, was die Trauergäste sich wünschen, schön ist. Ich kann nur mithelfen, dass es so wird, dass sie es schön finden. Aber so, wie Röschen das vorhat, so finde ich es auch schön.
Kalli soll dann eingeäschert und auf einer Wiese ausgestreut werden. Das geht aber hier auf dem Friedhof nicht, und Röschen schaut mich mit großen, enttäuschten Augen an. »Ich dachte, das sei ganz normal, dass die Asche auf der Wiese vom Friedhof verstreut wird.«
Das glauben viele Leute, aber es ist nicht so. Die Urnen werden zwar anonym, aber an doch bekannten Plätzen beigesetzt. Ich zähle Röschen die ganzen mir bekannten Möglichkeiten auf, angefangen von der Ausstreuung der Asche von einem Heißluftballon über dem Elsass bis hin zur Übergabe der Asche an einen rauschenden Bergbach in der Schweiz. Das gefällt ihm zwar alles, aber das sei ja alles so weit weg.
Ich bespreche mit Röschen eine weitere Variante, und wir kommen überein, dass die Asche später in die Niederlande überstellt wird. Bleibt das Problem, wie wir mit dem Vater des Verstorbenen umgehen. Zu der von Röschen geplanten Trauerfeier wird er wohl kaum kommen, und ich muss einen Weg finden, damit auch er Abschied nehmen kann.
Ich hadere mit mir, ob ich den Vater anrufen soll.
Am selben Tag, etwas später
Unser Anwalt hat meine Ansicht bestätigt. Röschen ist Kallis Erbe und steht in der Erbfolge vor dem Vater. Somit ist er in der Reihe der möglichen Bestattungspflichtigen ebenfalls vor dem Vater und damit auch berechtigt, die Bestattung zu bestellen. Wenn die beauftragte Bestattung nicht grob gegen den guten Geschmack verstößt, kann der Vater nichts dagegen unternehmen.
Mit dieser Auffassung werde ich bei der Stadtverwaltung vorstellig. Dort ist Röschen ja, vertreten durch uns, Auftraggeber für die Einäscherung. Man zieht dort zwar immer die Nase hoch, wenn wir »wie immer« mit so »komischen Sachen« kommen, aber letztlich ist man unserer Auffassung. Röschen kann durchstarten. Mit dieser Botschaft und der Rechtssicherheit im Nacken werde ich nun doch den Vater anrufen.
Am nächsten Tag
Im Verlaufe des heutigen Vormittags treffe ich Kallis Vater. Ursprünglich hat er darauf bestanden, dass wir uns in den Räumen des von ihm beauftragten Bestatters Soundso treffen sollen. Das wäre mir sehr unangenehm gewesen, und Herr Soundso wollte das auch nicht. So ist als Treffpunkt ein Café im Ortskern ausgemacht. Am Telefon hat der alte Herr zu mir noch gesagt: »Ich hoffe inständig, dass Sie normal kommen.«
So doof, wie ich bin, hatte ich das so interpretiert, dass er meint, ich solle nicht im schwarzen Anzug und nicht mit Zylinder kommen oder so. Aber Sandy hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass er auch meinen könnte, ich solle meinen Transenfummel zu Hause lassen.
Fünf Minuten vor der Zeit, so wie es meine Art ist, komme ich in das Café, und weil außer einigen älteren Damen nur ein Mann anwesend ist, schaue ich diesen fragend an. Er winkt mich mit seinem Stock zu sich. »So, Sie sind das also, der hier so einen Zirkus veranstaltet«, sind die Worte, mit denen er mich begrüßt.
Es ist ein älterer Herr mit polierter Glatze, er trägt einen dreiteiligen dunklen Anzug und eine randlose Brille.
Insgesamt eine vornehme Erscheinung. Mit den Worten: »Nehmen Sie Platz!«, deutet er auf den freien Stuhl ihm gegenüber. Danach gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, dass er seine Anwälte beauftragt hat, um die Sache prüfen zu lassen und dass ich mit zivil- wie strafrechtlichen Folgen zu rechnen habe. »So, und jetzt kommen Sie«, sagt er dann, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust, wie ein Lateinlehrer, der einen aufgerufen hat und genau weiß, dass man nichts weiß.
Ich versuche, ihm klarzumachen, dass wir nur ein Dienstleister sind und einen ordnungsgemäßen Auftrag vorliegen haben, den wir – ganz nach Kundenwunsch – so gut wie möglich erfüllen. Außerdem sage ich: »Ich habe vollkommen Verständnis dafür, dass Sie auch auf Ihre Weise von Ihrem Sohn Abschied nehmen möchten, und wir würden gerne alles tun, damit das möglich wird.« Was dann folgt, will ich nur auszugsweise wiedergeben: »… hat es bei uns früher nicht gegeben …« – »… Männer müssen hart sein wie Krupp-Stahl …« – »…gehören alle kastriert …« – »…hätten ihn totschlagen sollen wie einen räudigen Hund …« und abschließend: »So was wie der darf ja sowieso nicht in geweihter Gotteserde bestattet werden. Meinetwegen können Sie ihn hinter der Friedhofsmauer verscharren, da wo die Kinderschänder und Selbstmörder hinkommen. Ich hätte ihn anonym verbrennen lassen, keine Anzeige, keine Feier, nichts!«
In diesem Moment wird mir erst klar, dass es dem Mann gar nicht darauf ankommt, seinen Sohn selbst zu bestatten, etwa um ihm eine besondere Bestattungsfeier zukommen zu lassen, sondern er will einfach den »Schandfleck« seines ganzen Lebens beseitigen und verscharren lassen. Da ist mir Röschens Variante lieber.
Ich wünschte, ich könnte meinen Lesern jetzt eine rührselige Geschichte erzählen, wie ich ihn dann doch noch dazu bringe, sich mit Röschen zu versöhnen und wie beide dann vielleicht gemeinsam Abschied nehmen …
Aber nein, dazu kommt es nicht. Er sitzt mir gegenüber, in seinen Mundwinkeln hat er weiße Flöckchen vom aufgeregten Sprechen, und er funkelt mich durch seine Brille an. Vielleicht sollte ich versuchen, ihn auf die altmodische Art zu kriegen, so nach dem Motto »Blut ist dicker als Wasser« oder mit der Geschichte vom verlorenen Sohn, aber während ich das noch denke, fragt er: »Ist da eine Zeitungsanzeige erschienen?«
Ich schüttele den Kopf, Röschen hat alle Freunde und Bekannten selbst eingeladen. Kallis Vater blickt mich mit zusammengekniffenen Augen prüfend an und sagt: »Besonders beeindruckt scheinen Sie nicht zu sein.«
»Weshalb sollte ich beeindruckt sein? Sie erstaunen mich zwar etwas, aber um mich zu beeindrucken, dazu gehört schon etwas mehr.«
»Wenn Sie mir versprechen, dass unser Name nicht in die Zeitung kommt und ich in dieser Sache nicht weiter belästigt werde, will ich davon absehen, Sie zu belangen. Sie machen ja auch nur Ihre Arbeit. Es würde zu weit führen, Ihnen alle Hintergründe zu erläutern, aber seien Sie versichert, ich habe meine Gründe.« Er steht auf, zieht eine Visitenkarte aus der Westentasche und sagt: »Die Rechnung geht hierhin!«
»Tut mir leid, aber der Auftraggeber …«
»Das interessiert mich nicht. Wenn Sie mir keine Rechnung schicken wollen, dann lasse ich Ihnen heute Nachmittag einen angemessenen Betrag zukommen. Sorgen Sie nur dafür, dass der Name meiner Familie nicht in die Zeitung kommt!«
Damit steht er auf, und im Weggehen dreht er sich nochmals um und sagt: »Ich möchte dann von dieser ganzen Sache nichts mehr hören, nichts mehr, haben Sie verstanden?«
Er wartet keine Antwort ab und überlässt es mir, die Rechnung im Café zu bezahlen.
»Arschloch«, denke ich und schaue auf die kleine Visitenkarte: »Richter am Landgericht a.D.« Na ja …
Am selben Tag, nachmittags
Um Punkt drei Uhr kommt Herr Rose in unser Haus. Zwar habe ich Anweisung gegeben, ihn gleich zu mir zu bringen, aber ich bin dann doch mal wieder am Telefon, und so wartet er auf dem Sofa in der Halle. Als ich dann nach knapp zehn Minuten zu ihm komme, sieht er nur kurz auf, grüßt nickend und blättert dann in einem kleinen Fotoalbum: »Schauen Sie mal hier, das ist er. Sind das nicht schöne Bilder?«
Ich setze mich neben ihn, betrachte das kleine Plastikalbum und sehe zwei Männer, die irgendwo, wo Palmen wachsen, in Urlaub sind.
Röschen blättert weiter um, hat zu jedem Foto etwas zu sagen, und dabei fallen mir seine gepflegten Hände auf. Sieht man selten bei Männern, entweder sind die Nägel mit irgendwas poliert oder klar lackiert. Übrigens riecht der Mann gut, und zwar keineswegs süßlich blumig, sondern ich würde auf »Fahrenheit« tippen.
Heute trägt Röschen übrigens eine weiße lange Lederhose, ein hellblaues Satinhemd und einen gelben Seidenschal mit einem unglaublichen Blumenmuster. Kaum 20 Meter entfernt, in der größeren Aufbahrungskabine, wartet sein Kalli auf ihn. Na klar, er hat Angst, will mit dem Blättern den Zeitpunkt des Abschieds noch etwas hinauszögern. Ich raffe mich auf, sage zu ihm: »Wollen wir dann?«
»Zwei Herzen wohnen mir inne!«, juchzt Röschen, und so einen Augenaufschlag bekommt nicht mal ein 16-jähriger Backfisch hin.
»Los jetzt«, sage ich zu Herrn Rose und gebe ihm einen kleinen Stoß. Er nickt, schluckt schwer, nimmt eine große orangefarbene Reisetasche, die bis jetzt neben dem Sofa gestanden hat, und folgt mir zum Aufbahrungsraum.
Das größere Aufbahrungszimmer ist fast doppelt so groß wie die anderen. Es ist zweigeteilt, der hintere Teil kann durch ein Rolltor von oben geschlossen und gekühlt werden, vorne gibt es Teppichboden, und man kann Stühle stellen oder was man sonst so für richtig hält. Da ich weiß, dass sich Herr Rose eine Weile dort aufhalten möchte, habe ich den Sarg selbst quergestellt und einen der dicken Sessel aus der Halle geholt. (Mann, was sind die Dinger schwer!) Außerdem habe ich ein Tischchen hineingestellt, die Öllampen an den Wänden angezündet, und eine Mitarbeiterin hat aus der Gärtnerei drei Rosen geholt, deren rote Blütenblätter ich über die Decke gestreut habe. Dann sieht es nicht so kalt aus.
Ich merke, wie seine Schritte langsamer werden, je näher wir dem Raum kommen. Schließlich bleibt er im Gang neben der Tür stehen. Ich trete zur Seite und mache eine einladende Handbewegung.
Röschen macht einen Giraffenhals und guckt einmal ganz vorsichtig um die Ecke in den Aufbahrungsraum. Dann tritt er einen Schritt vor, schlägt die Hände vor das Gesicht und schluchzt: »Ach Gott, ist das schön!« Im selben Moment tippelt er mit kleinen Schritten vor, schaut sich minutenlang seinen verstorbenen Partner an, dreht sich dann um, und ehe ich es mich versehe, habe ich links und rechts einen Kuss auf der Wange. »Er ist so so so wunderschön.«
Ich deute auf das Telefon an der Wand und sage: »Falls Sie irgendetwas brauchen, nehmen Sie einfach den Hörer ab, ja?«
Keine Ahnung, ob er mich verstanden hat, denn er fängt an, seine Tasche auszupacken, und ich gewähre ihm seine Privatsphäre und gehe.
Die Tür lehne ich an.
Nach einer halben Stunde gehe ich nachschauen – das heißt, ich will nachschauen gehen, aber als ich in den Gang komme, der zu den Aufbahrungsräumen führt, höre ich leise Musik und die Stimme von Röschen.
Er erzählt seinem Kalli irgendwas, ich kann nicht verstehen, was er sagt. Ich gehe wieder.
Fast zwei Stunden hat Röschen bei Kalli zugebracht, dann kommt er mit seiner Reisetasche wieder in die Halle. »Ich habe ihm seinen Schmuck angezogen, und da hätte ich noch eine Bitte.«
»Ja?«
Er schaut sich um und sagt mit dem Unterton eines Verschwörers: »Nehmen Sie ihm den bitte wieder ab, bevor er eingeäschert wird, ja? Sonst kommen die guten Stücke noch um.« Ich weiß, was er meint, und nicke.
Dann frage ich: »War alles zu Ihrer Zufriedenheit?«
»Ja, ich habe Kalli seine Musik vorgespielt, seine Hände gestreichelt, er hatte so schöne Hände … Dann habe ich ihm so ein paar Sachen erzählt, die nur ihn und mich etwas angingen, die ich ihm aber nie gesagt habe. Dabei habe ich seine Hände gehalten. Die waren so kalt und so steif, aber wie ich sie so gehalten habe, wurden sie wärmer und weicher, das war sehr schön. Ich liebe diesen Mann …«
Dann setzt sich Röschen und erzählt mir von seinen Gefühlen. Ich habe schon viele Menschen weinen sehen, aber dass es jemanden so schütteln kann … Ich bin ja nun wirklich nicht weinerlich, aber wenn jemand so herzzerreißend heult, drückt es mir dann doch auch schon ein bisschen die Tränen in die Augen.
In meiner Tasche vibriert mein Handy. Ich entschuldige mich bei Röschen, mir kommt das jetzt ganz recht, sonst heule ich auch noch richtig.
Aus dem Büro wird gemeldet, dass ein Taxifahrer einen Briefumschlag abgegeben hat, in dem sich 2000 Euro befinden. Aha, der Herr Richter am Landgericht a.D. … Ich klappe das Handy zu und erzähle Röschen von dem Treffen mit Kallis Vater. Die unangenehmen Punkte lasse ich weg, weise aber auf das eingegangene Geld hin.
Er steht auf, geht auf und ab, bleibt nach fünf Metern jeweils stehen, wippt auf die Zehenspitzen, dreht sich wie eine Primaballerina, geht wieder fünf Meter … Dabei hat er die Hände hinter dem Kopf verschränkt, macht einen spitzen Mund und wiegt den Kopf hin und her.
Plötzlich bleibt er vor mir stehen und sagt: »Ich habe da mal was gehört. Man kann doch auch heute noch Totenmasken abnehmen oder?« Ich nicke. »Dann machen wir das! Schicken Sie dem Richter ruhig die Rechnung, dann kann ich mir das mit der Totenmaske leisten. Geht das?«
Er steht vor mir, hält meine Hände fest umklammert, und ich sehe, wie seine Nasenflügel beben. »Natürlich geht das«, sage ich, und insgeheim überlege ich, wie wir das zeitlich alles unter einen Hut bekommen.
Es dürfte aber gehen, wenn ich den entsprechenden Künstler sofort anrufe und wir die Maske noch heute Nacht abnehmen.
»Geht das auch mit Händen?« Ich überlege fieberhaft, das hat noch keiner gefragt, und deshalb sage ich: »Wir machen das so: Ich gehe jetzt mal kurz telefonieren, dann sage ich Ihnen Bescheid.«
Herr Rose nickt heftig, setzt sich ganz schnell hin und wippt mit den Knien. Der Mann ist richtig aufgeregt.
Der Spezialist ist nicht da, aber seine Frau geht ans Telefon. Die kennt sich auch aus und will mir ein kompliziertes Verfahren mit Wachs und heißem Wasser für die Hände erklären. Ich breche das ab, übergebe den Hörer an Sandy und mache mich wieder auf den Weg zu Herrn Rose.
»Und?«, fragt Röschen und ich unterrichte ihn über den Stand der Dinge. Er sagt: »Das wäre das Schönste auf der Welt für mich, wenn das klappen würde.« Eben noch hat Röschen geheult wie ein Schlosshund, jetzt tiriliert er wie eine Haubenlerche. »Ich kann heute Nacht nicht schlafen, Sie machen mich zum glücklichsten Röschen der Welt!«
Er geht, und ich habe den Eindruck, dass er wirklich ganz glücklich ist und sich über die Entwicklung freut. Und wir? Wir haben jetzt Arbeit, denn Sandy meint – und damit hat sie recht – wir müssten sofort an die Arbeit gehen.
Am nächsten Tag
Kurz nach 10 Uhr geht es los. Der VW-Bus einer Gärtnerei vom anderen Ende der Stadt fährt auf den Hof, und man fragt nach der Trauerfeier von Kalli. Noch während meine Frau den beiden Floristinnen den Weg zur Feierhalle zeigt, kommt auch der Kurier, der die Abgüsse für die Totenmaske und die Hände abholt. Das könne man unmöglich der Post anvertrauen, meint der Künstler aus Thüringen, als er heute Morgen anruft, um sich zu erkundigen, ob alles soweit geklappt hat oder ob er nicht doch besser kommen soll, um die Abgüsse selbst zu nehmen.
Ich regele die Formalitäten mit dem Kurierfahrer, dann gehe ich in die Trauerhalle, wo Kallis Sarg steht.
Das heißt, er steht nicht mehr an dem Platz, an dem er stand, sondern die beiden Floristinnen haben ihn an die Seite geschoben. Sie bauen drei große Bögen aus Drahtgestell auf und umwickeln sie mit weißen Blütengirlanden. Diese Bögen sollen hinter dem Sarg stehen, als Kulisse quasi. Auf dem Sarg selbst wird eine Holzlatte befestigt, auf der sich Steckmasse mit viel Grün befindet. Danach werden ungefähr hundert weiße Lilien gesteckt, so dass sie ringsherum nach unten über den Sargdeckel hängen. Ich finde das sieht in Kombination mit dem grün-blau schimmernden Sarg klasse aus.
Die jungen Frauen laden immer mehr Blumen aus und tragen sie in unser Haus. Ich habe schon viele Trauerfeiern ausgestattet und geleitet, und ich habe auch schon mal im Auftrag der Kunden 2000 Euro für Blumenschmuck ausgegeben, aber das hier schlägt alle Rekorde! Drei große Herzen in Rosa mit Schleifen mitsamt Ständer, zwei Kränze in Rot und acht Blumenständer mit großen Gestecken in Weiß und Rosa. Ich weiß nicht, wie die Königin von Saba bestattet worden ist, aber wenn ich die Königin von Saba bestatten würde, dann genau mit diesem Blumenschmuck. Herr Rose muss zum Aussuchen Stunden im Blumenladen zugebracht haben.
Eine Stunde später sieht unsere Trauerhalle aus wie die Dekoration zu einem Revuefilm aus den 30ern – gigantisch! Alle meine Mitarbeiter stehen buchstäblich sprachlos vor dieser Blumenkulisse. Gott sei Dank macht mich eine Mitarbeiterin darauf aufmerksam, dass wir mit den Gestellen für die Girlanden die Leinwand nicht herunterfahren können, und Röschen will doch Dias zeigen. Also dekorieren wir noch leicht um, dann passt’s. Was dann folgt, ist Routine. Soundcheck, staubsaugen, Licht einstellen, damit die Spots auch die Blumen erfassen und passend verdunkeln.
Manche werden sich fragen, was da verdunkelt werden muss. Unsere Trauerhalle hat hinten Buntglasfenster im gotischen Stil, allerdings ist dahinter nicht »draußen«, sondern ein Versorgungsgang, z.B. zum Transport der Särge. Und an dieser Stelle beschwindeln wir die Kunden, denn das Sonnenlicht, das immer so schön durch die bunten Fenster seine Strahlen auf den Sarg wirft, wird ganz profan von punktgenau hinter den Fenstern plazierten Halogen-Strahlern erzeugt. Damit man die Strahlen schön sieht, wird immer Räucherwerk abgebrannt, weil sich die Lichtstrahlen an dem feinen Rauch so schön brechen. Der Beruf des Bestatters ist der Beruf eines Showmasters, wir verkaufen Emotionen. Vieles nur Schau und Schein, wie man sieht, aber die Atmosphäre ist atemberaubend. Wenn aber nun vorne viel auszuleuchten ist, kommen die Fenster nicht mehr zur Geltung, deshalb muss man vorher eine regelrechte Lichtprobe machen und das eine oder andere Licht abschalten.
Die Tafel draußen im Gang mit Steckbuchstaben versehen, das Kondolenzbuch kommt auf sein Pult, Kaffee und Wasser bereitstellen, Toiletten kontrollieren – nichts vergessen? War da nicht noch was mit Schampus? Ich will gerade anfangen, nervös zu werden, da kommt Party-Pauli und bringt blaue Boxen mit Eis und Champagner.
Gläser haben wir ja, aber sind die gespült? Doch wieder zu früh überlegt, Party-Pauli bringt auch Gläser mit. Wir bauen auf.
Der Pfarrer kommt, zieht sich im Rednerzimmer um und hat noch Zeit für einen Plausch. Er findet Röschen so lieb, und ich merke, dass er richtig Lust auf diese Trauerfeier hat. Egal, was da passiert, er will es bis zum Ende mitmachen.
Nun ist es fast 14 Uhr, und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Röschen kommt – ganz in Weiß, gekleidet in Frack und Zylinder! Zwei Freunde folgen ihm, keine Fracks, aber auch in Weiß. An der Tür bleibt Röschen stehen und blickt von ganz hinten auf den Sarg, der inmitten eines Blütenmeeres steht. Er hebt die Hände vor den Mund, schließt die Augen, wankt den Bruchteil eines Augenblicks, schluckt, schaut noch einmal und schüttelt dann langsam den Kopf.
Ich frage: »Irgendwas nicht in Ordnung?« Röschen wendet den Kopf zu mir, schaut mich an und sagt dann nach endlos scheinenden zwei Sekunden: »Sooooo schöööön!«
Es kommen immer mehr Leute, Männerpaare, Frauenpaare, gemischte Paare, etliche kommen alleine, insgesamt sind es dreiundfünfzig Personen. Alle tragen etwas Weißes. Manche haben es geschafft, ganz in Weiß zu kommen, andere haben nur eine weiße Jacke oder nur eine weiße Hose.
Kennt jemand die Ouvertüre aus »Carmen«? Mit dem Schlag der Becken geht sie los, und genau dieser Schlag ist es, der mich zusammenfahren lässt. In voller Lautstärke spielt die Musik, und Röschen zieht unter diesen Klängen, gefolgt von allen Trauergästen, in die Halle ein, in der bis jetzt nur der Pfarrer vorne am seitlichen Pult steht. Ich kriege Gänsehaut.
Zwei, drei Minuten etwa lässt man die Musik spielen, dann wird es leise, alle sitzen. Der Pfarrer spricht, und es tut mir gut, dass er das Thema Liebe und Gemeinsamkeit in den Mittelpunkt stellt: »Darum lasst uns nicht nur traurig sein, dass wir Karl-Heinz verloren haben, lasst uns vor allem froh darüber sein, dass wir ihn gekannt haben. Lasst uns heute hier nicht seinen Abschied feiern, für die Trauer ist immer noch Zeit genug und Platz in unseren Herzen. Lasst uns heute mit Werner Rose zusammen feiern, das Leben von Kalli und Röschen feiern.«
Musik. Die Königin der Nacht …
Röschen steht auf, geht nach vorne, bleibt kurz vor dem Sarg stehen und weint. Er will wohl ans Rednerpult, bleibt aber vor dem Sarg stehen und weint laut schluchzend, während die Königin der Nacht durch unsere Trauerhalle klingt. Ich habe schon wieder Gänsehaut, und ich merke, wie ich – ganz Chef, ganz Mann – Tränen runterschlucke.
Jemand nimmt meinen Arm, ich merke, dass meine Frau neben mir steht, diese schöne, große Frau, und mir schießt durch den Kopf, wie es wäre, wenn sie da liegen und ich da stehen würde oder umgekehrt, und vorbei ist es mit dem Runterschlucken. Ich heule.
Röschen hustet, räuspert sich, und mit nassen Augen geht er ans Rednerpult … Ich spare seine Rede hier aus, aber ich habe noch NIE eine solche Liebeserklärung gehört. Knapp zehn Minuten spricht er, dann nickt er nach hinten, setzt sich wieder, und unsere Dia-Leinwand fährt herunter. Es tauchen Bilder von Kalli und Röschen auf, nur Bilder, auf denen beide sind, und dazu spielt Marianne Rosenbergs »Er gehört zu mir«. Jemand muss das Stück zusammengeschnitten haben, so scheint es mir: viele Instrumentalstellen, der Refrain häufiger als gewohnt, aber vielleicht gibt’s das ja so irgendwo auf CD.
Die Musik klingt aus. Der Pfarrer redet wieder, nach nur wenigen Sätzen spricht er ein Gebet, tritt an den Sarg, und dann ist er fertig und geht durch die seitliche Tür hinaus. Viel mehr an Emotionen kann man kaum ertragen, hinter mir zücken meine neugierigen Mitarbeiterinnen auch diverse Taschentücher, ich drehe mich nicht um, die sollen nicht sehen, dass ich geheult habe …
Stille. Man hört Leute, die sich räuspern. Röschen sitzt still ganz vorne, die beiden Herren ganz in Weiß neben ihm. Dann knackt es in den Lautsprechern und erst ganz leise und dann lauter werdend »Time To Say Goodbye«.
Röschen steht auf, macht in Richtung der Anwesenden eine einladende Handbewegung. Alle erheben sich, gehen nach vorne, bilden einen Halbkreis um den Sarg und wiegen sich im Takt der Musik. Dann kommt »Candle In The Wind« …
Taschentuch-Arie hinter mir … Kann man schöner Abschied nehmen?
Als die Musik verklungen ist, umarmen die Leute der Reihe nach Röschen, und dann ist die Trauerfeier vorbei. Man kommt heraus in die Halle, und meine Mitarbeiter verpieseln sich geschwind.
Hatte ich da nicht irgendwann mal was von »schrill« gehört? Freddy Mercury und Montserrat Caballé singen »Barcelona«, und es gibt Champagner. Und – ich kann es nicht anders beschreiben – es ist, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Die Leute lachen, sie trinken, feiern, und Röschen hat rote Wangen. Manche gehen mit ihrem Glas sogar noch einmal zurück zum Sarg.
Zwei Stunden lang hat der Champagner gereicht, dann war der ganze Zauber auf einmal sehr schnell vorbei. Wir hatten genug aufzuräumen, und es tat richtig gut, etwas anderes tun zu können.