39571.fb2
Jeden Tag nach meiner Vertikalisierung bringt mich ein Krankenwärter aus dem Gymnastikraum zurück in mein Zimmer und stellt mich neben dem Bett ab, bis die Pfleger kommen und mich wieder hinlegen. Und jeden Tag ruft mir derselbe Krankenwärter, da es Mittag ist, mit wohlberechneter Jovialität ein »Mahlzeit« zu, womit er sich bis zum nächsten Tag verabschieden will. Das ist natürlich ungefähr so, wie wenn man am 15. August »Fröhliche Weihnachten« wünscht oder am hellichten Tag »Gute Nacht!« Seit acht Monaten habe ich alles in allem einige Tropfen Zitronenwasser und einen halben Löffel Joghurt zu mir genommen, die sich mit lautem GetöseindenAtemwegenverirrthaben.Der Ernährungsversuch, wie dieses Festessen hochtrabend genannt wurde, hat sich als untauglich erwiesen. Keine Sorge, deswegen bin ich trotzdem nicht verhungert. Mittels einer Sonde in den Magen sichern zwei oder drei Flaschen einer bräunlichen Substanz mein tägliches Kalorienquantum. Zu meinem Vergnügen greife ich auf die lebendige Erinnerung an Geschmäcker und Gerüche zurück, ein unerschöpfliches Reservoir an Empfindungen. Es gab einmal die Kunst, Reste zu verwerten.IchkultivieredieKunst,Erinnerungen aufzukochen. Man kann sich jederzeit zwanglos zu Tisch setzen. Wenn ich ins Restaurant gehe, brauche ich nicht zu reservieren. Wenn ich selbst koche, gelingt es immer. Das Bœuf bourguignon ist zart, das Rindfleisch in Gelee ist durchsichtig, und der Aprikosenkuchen hat die nötige säuerliche Note. Je nach Laune leiste ich mir ein Dutzend Schnecken, Sauerkraut mit Speck und Würstchen und eine Flasche Gewürztraminer, eine goldgelbe Spätlese, oder ich genieße ein einfaches weichgekochtes Ei, in das ich ein Stück Brot mit gesalzener Butter tunke. Wie köstlich! Das Eigelb läuft mir in langen, warmen Schlucken über den Gaumen in die Kehle. Und es gibt nie Verdauungsprobleme. Natürlich verwende ich die besten Produkte: die frischesten Gemüse, fangfrische Fische, das am besten abgehangene Fleisch. Alles mußvorschriftsmäßigzubereitetwerden.Umganz sicherzugehen, habe ich mir von einem Freund das Rezept für die echte Bratwurst aus Troyes schicken lassen, die aus dreierlei Fleischsorten, riemenartig miteinander verflochten, besteht. Auch beachte ich gewissenhaft die Jahreszeiten.
Augenblicklich erfrische ich meine Geschmacksnerven mit Melonenstücken und roten Früchten. Austern und Wild kommen im Herbst dran, wenn ich bis dahin noch Lust auf sie habe, denn ich werde vernünftig, geradezu asketisch. Zu Beginn meines langen Fastens trieb mich der Mangel ständig in meine imaginäre Speisekammer. Ich hatte Heißhunger. Heute könnte ich mich fast mit der Hausmacherwurst im Netz zufriedengeben, die noch immer in einem Winkel meines Kopfes hängt. Eine unregelmäßig geformte Lyoner Salami, sehr trocken und grob gehackt. Jede Scheibe schmilzt ein bißchen auf der Zunge, bevor man sie kaut, um ihr volles Aroma herauszuholen. Diese Wonne ist für mich beinah etwas Heiliges, ein Fetisch, dessen Geschichte fast vierzig Jahre zurückreicht. Ich war noch im Alter der Bonbons, aber ich zog ihnen schon Fleisch und Wurst vor, und der Pflegerin meines Großvaters mütterlicherseits war aufgefallen, daß ich bei jedem meiner Besuche in der finsteren Wohnung am Boulevard Raspail mit reizendem Lispeln Wurst von ihr verlangte. Da sie so geschickt darin war, der Naschhaftigkeit von Kindern und Greisen nachzugeben, hat diese tüchtige Gouvernante am Ende einen Doppelsieg davongetragen, indem sie mir eine Wurst schenkte und meinen Großvater kurz vor seinem Tod heiratete.
Meine Freude, ein solches Geschenk zu bekommen, war ebenso groß wie der Verdruß, den diese überraschende Heirat in der Familie verursachte. Vom Großvater habe ich nur ein ziemlich verschwommenes Bild in Erinnerung, eine im Halbdunkel liegende Gestalt mit dem strengen Gesicht von Victor Hugo auf den alten Fünfhundertfrancscheinen, die damals in Umlauf waren. Viel deutlicher sehe ich die Wurst vor mir, die zwischen meinen Spielsachen und meinen Bilderbüchern unpassend herumliegt. Ich fürchte, ich werde nie eine bessere essen.