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Hinter dem von Motten angenagten Vorhang kündigt eine milchige Helligkeit das Morgengrauen an. Mir tun die Fersen weh, mein Kopf dröhnt wie ein Amboß, und eine Art Taucheranzug schließt meinen ganzen Körper ein. Mein Zimmer tritt langsam aus dem Halbdunkel. Ich betrachte ausführlich die Fotos meiner Lieben, die Kinderzeichnungen und Poster, den kleinen Radfahrer aus Blech, den mir einFreund einen Tag vor dem Radrennen Paris-Roubaix geschickt hat, und den Galgen über dem Bett, in dem ich seit sechsMonaten eingekapselt liege wie ein Einsiedlerkrebs auf seinemFelsen.
Ich brauche nicht lange nachzudenken, um zu wissen, wo ich bin, und um mich zu erinnern, daß mein Leben am Freitag, den 8. Dezember 1995 aus den Fugen geraten ist.
Bis dahin hatte ich nie etwas vom Hirnstamm gehört. An jenem Tag habe ich mit voller Wucht dieses Hauptteil unseres Bordcomputers entdeckt, die wesentliche Verbindung zwischen dem Gehirn und den Nervenenden, als ein Herz-Kreislauf-Zusammenbruch den besagten Stamm abschaltete. Früher wurde das »Hirnschlag« genannt, und man starb ganz einfach daran. Der Fortschritt der Reanimationstechnik hat die Strafe verfeinert. Man übersteht es, aber in einem Zustand, den die angelsächsische Medizin so treffend locked-in syndromegetauft hat: Von Kopf bis Fuß gelähmt, ist der Patient mitintaktem Geist in sich selbst eingesperrt, und das Schlagen deslinken Augenlids ist sein einziges Kommunikationsmittel.
Natürlich erfährt der Hauptbetroffene als letzter von seinem Glück. Was mich betrifft, so hatte ich Anspruch auf zwanzig Tage Koma und einige Wochen Nebel, bevor ich das Ausmaß der Schäden wirklich erfaßte. Erst Ende Januar bin ich im Zimmer 119 des Hôpital maritime in Berck wiederaufgetaucht, in das jetzt die ersten Lichtstrahlen der Morgendämmerung dringen.
Es ist ein gewöhnlicher Morgen. Um sieben Uhr beginnt das Glockenspiel der Kapelle wieder jede Viertelstunde das Entschwinden der Zeit zu skandieren. Nach der nächtlichen Ruhepause fangen meine verschleimten Bronchien wieder an, laut zu rasseln. Meine verkrampft auf dem gelben Bettuch liegenden Hände tun mir weh, ohne daß ich entscheiden kann, ob sie heiß oder eiskalt sind. Um etwas gegen die Gelenksteife zu tun, löse ich eine Reflexbewegung aus, die Arme und Beineum einige Millimeter dehnt. Das reicht oft, um einschmerzendes Glied zu entlasten.
Der Taucheranzug wird weniger drückend, und der Geist kann wie ein Schmetterling umherflattern. Es gibt so viel zu tun. Man kann davonfliegen in den Raum oder in die Zeit, nach Feuerland oder an den Hof von König Midas.
Man kann die geliebte Frau besuchen, sich neben sie legen und ihr noch schlafendes Gesicht streicheln. Man kann Luftschlösser bauen, das Goldene Flies erkämpfen, Atlantis entdecken, seine Kinderträume und Erwachsenenphantasien verwirklichen.
Aber genug der Zerstreuung! Ich will ein Tagebuch meiner Reise auf der Stelle verfassen und muß mir den Anfang ausdenken, bevor die Abgesandte meines Verlegers kommt, um ihn sich Buchstabe für Buchstabe diktieren zu lassen. In meinem Kopf drehe und wende ich jeden Satz zehnmal, lasse ein Wort weg, füge ein Adjektiv hinzu und lerne meinen TextAbsatz für Absatz auswendig.
Sieben Uhr dreißig. Die diensthabende Krankenschwester unterbricht meinen Gedankengang. Nach einem eingespielten Ritual zieht sie den Vorhang auf, kontrolliert Luftröhrenschnitt und Tropf und stellt den Fernseher für die bevorstehenden Nachrichten an. Vorerst erzählt ein Zeichentrickfilm die Geschichte der schnellsten Kröte der westlichen Welt. Wie wär's, wenn ich ein Gelübde ablegte, damit ich in eine Kröte verwandelt werde?