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Über die mannigfachen Unannehmlichkeiten hinaus, die das Locked-in-Syndrom mit sich bringt, leide ich an einer schweren Störung meiner Lauscher. Das rechte Ohr ist völlig verstopft, und links verstärkt und verzerrt meine Eustachische Röhre alle Töne jenseits von zwei Meter fünfzig. Wenn ein Flugzeug über den Strand fliegt und das Werbeband des hiesigen Vergnügungsparks hinter sich herzieht, habe ich ein Gefühl, als hätte man mir eine Kaffeemühle auf das Trommelfell gepfropft. Aber das ist nur ein vorübergehendes Getöse. Viel ätzender ist der dauernde Krach aus dem Flur, wenn jemand trotz meiner Bemühungen, alle für das Problem meiner Ohren zu sensibilisieren, die Tür nicht zugemacht hat.
Absätze klappern auf dem Linoleum, Liegen stoßen gegeneinander, Gespräche überschneiden sich, das Personal kommuniziert lautstark wie Börsenmakler an einem Tag mit heftigen Kursbewegungen, Radios werden eingeschaltet, denen niemand zuhört, und alles übertönend, vermittelt eine Bohnermaschine einen akustischen Vorgeschmack auf die Hölle. Dann gibt es noch die schrecklichen Patienten. Ich kenne welche, deren einziges Vergnügen darin besteht, immer wieder dieselbe Kassette zu hören. Ich hatte einen sehr jungen Zimmernachbarn, dem man eine Plüschente mit einem raffinierten Alarmsystem geschenkt hatte. Sobald jemand das Zimmer betrat, das heißt achtzigmal am Tag, gab seine Ente eine schrille, durchdringende Melodie von sich. Zum Glück ist der kleine Patient entlassen worden, bevor ich meinen Plan zur Entenvernichtung verwirklichen konnte. Ich habe ihn trotzdem noch in petto, man weiß ja nie, welches Unheil untröstliche Familien noch hervorrufen können. Die Siegespalme für extravagante Nachbarschaft kommt jedoch einer Kranken zu, deren Sinne durch das Koma ganz durcheinandergeraten waren. Sie biß die Krankenschwester, packte die Pfleger beim männlichen Teil ihrer Anatomie und konnte kein Glas Wasser verlangen, ohne wie am Spieß zu schreien. Anfangs löste dieser falsche Alarm jedesmal ein regelrechtes Kampfgetöse aus, und als alle mit den Kräften am Ende waren, ging man dazu über, sie zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit sich die Kehle aus dem Hals schreien zu lassen. Diese Einlagen gaben der neurologischen Station einen recht aufregenden Anstrich von »Kuckucksnest«, und als man unsere Freundin verlegte, um sie anderswo ihr »Hilfe, ich werde ermordet!« brüllen zu lassen, hat es mir irgendwie leid getan.
Erlöst von solcherlei Radau, in der wiedereingetretenen Stille, kann ich die Schmetterlinge hören, die in meinem Kopf umherfliegen. Dazu ist viel Aufmerksamkeit und sogar Sammlung nötig, denn ihre Flügelschläge sind fast unhörbar.
Etwas lautes Atmen genügt, um sie zu übertönen. Es ist
übrigens erstaunlich - mein Hörvermögen bessert sich nicht, und doch höre ich sie immer deutlicher. Ich muß ein Ohr für Schmetterlinge haben.