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Die Bänke des Pariser Gymnasiums, auf denen ich meine ersten Jeans abwetzte, habe ich gemeinsam mit einem langen, rotgesichtigen Jungen gedrückt, der Olivier hieß und dessen galoppierende Mythomanie den Umgang sympathisch machte. Mit ihm brauchte man nicht ins Kino zu gehen. Man saß ständig auf dem besten Platz, und dem Film fehlte es nicht an Effekten. Montags überraschte er uns mit Erzählungen von seinem Wochenende, die Tausendundeiner Nacht würdig waren. Wenn er seinen Sonntag nicht mit Johnny Hallyday verbracht hatte, war er in London gewesen, um den nächsten James-Bond-Film zu sehen, es sei denn, jemand hatte ihm die neue Honda geliehen. Damals wurden gerade die japanischen Motorräder in Frankreich eingeführt und versetzten die Schulhöfe in Begeisterung. Von morgens bis abends wickelte uns unser Schulkamerad in kleine Lügen und große Prahlereien ein, ohne Bedenken, immer neue Geschichten zu erfinden, auch wenn sie den vorherigen widersprachen. Um zehn Uhr Waise, beim Mittagessen einziges Kind, konnte er nachmittags vierSchwesternfürsichentdecken,dereneine Eiskunstlaufmeisterin war. Und sein Vater, in Wirklichkeit ein biederer Beamter, wurde mal der Erfinder der Atombombe, mal der Impresario der Beatles oder der verheimlichte Sohn von General de Gaulle. Da Olivier es selbst aufgegeben hatte, Ordnung in sein Gerede zu bringen, dachten wir nicht daran, ihm dessen Haltlosigkeit vorzuwerfen. Wenn er uns eine allzu unverdauliche Fabel auftischte, äußerten wir schon einige Vorbehalte, aber er beteuerte seine Aufrichtigkeit mit einem so empörten »Ich schwör's dir!«, daß man schnell nachgeben mußte.
Nach dem letzten Stand der Dinge ist Olivier weder Jagdflieger noch Geheimagent, noch Berater eines Emirs, wie er es immer vorhatte. Ganz logischerweise arbeitet er in der Werbung und nutzt sein unerschöpfliches Talent als Pillenversüßer.
Es tut mir ein wenig leid, daß ich ihn von oben herab angesehen habe, denn heute beneide ich Olivier um seine Meisterschaft in der Kunst, sich Geschichten zu erzählen. Ich bin nicht sicher, ob ich je eine solche Leichtigkeit erreichen werde, auch wenn ich selbst schon angefangen habe, mir glorreiche Ersatzschicksale auszudenken. Wenn es mir gerade paßt, bin ich Formel-1-Fahrer. Sie haben mich sicher auf einer Rennstrecke in Monza oder in Silverstone gesehen. Der geheimnisvolle Rennwagen ohne Marke und ohne Nummer, das bin ich. In meinem Bett, ich meine, in meinem Cockpit liegend, nehme ich die Kurven in vollem Tempo, und mein vom Sturzhelm schwerer Kopf neigt sich schmerzhaft unter der Wirkung der Schwerkraft. Ich spiele auch den kleinen Soldaten in einer Fernsehserie über die großen Schlachten der Geschichte. Ich habe Alesia, Poitiers, Marignan, Austerlitz und den Chemin des Dames mitgemacht. Da ich bei der Landung in der Normandie verwundet wurde, weiß ich noch nicht, ob ich noch einen Sprung nach Dien Bien Phu machen werde. Unter den Händen der Heilgymnastin bin ich ein Außenseiter der Tour de France am Abend einer Etappe, die zur Legende werden wird. Sie beruhigt meine von der Anstrengung explodierten Muskeln. Ich flog nur so über den Paß von Tourmalet. Ich höre noch das Schreien der Menge an der Straße zum Gipfel und bei der Abfahrt das Zischen der Luft in den Speichen. Ich habe eine Viertelstunde Vorsprung vor der Spitzengruppe. »Ich schwör's dir!«